Katholischer Glaube

Katholischer Glaube – rechts oder links?

Diese angedeutete Thematik würden wir gerne auf das gesamte Christentum ausweiten, hier aber können wir nur den Schwerpunkt auf jenen Glauben legen, der in aller Wahrscheinlichkeit von einer ziffernmäßigen Mehrheit der Christen als der ihre bezeichnet wird. Auf die übrigen großen christlichen Bekenntnisse ausgedehnt – auf das Luthertum, den Kalvinismus, den Anglikanismus, die Ostkirche, ja selbst auf die wichtigsten „Freikirchen“ – würde unsere Untersuchung aber auch kein wesentlich anderes Bild, keine grundsätzlich anderen Resultate ergeben. Kleine Sekten, besonders jene, die den christlichen Rahmen gesprengt haben, werden allerdings bewußt übergangen; die Mormonen, die Zeugen Jehovas, ja selbst die Quäker werden geflissentlich ausgeklammert. Diese Beschränkung ist nicht durch den kirchlichen Standpunkt des Autors, sondern einfach durch die Knappheit des verfügbaren Raumes gegeben.

Zuerst einmal müssen wir jedoch eine semantische Klärung unternehmen. Was ist „rechts“ and was ist „links“? (Und dann: ist „konservativ“ gleich „rechts“ zu setzen?) Die Verwirrung in diesen Domänen ist außerordentlich groß; sie ist auch so weit gediehen und innerlich so widersprüchlich, daß man nicht umhin kann, mit einer gewissen klärenden Willkür vorzugehen, wie ich es bereits in meinem Luftschlösser, Lügen und Legenden (Wien 1972) tun mußte. Kennen wir nicht alle die so beliebte Feststellung: „Ich bin gegen die Tyrannis von rechts oder von links. Übrigens aber sind Kommunisten und Nazis sich äußerst ähnlich. Kein Wunder, denn Extreme berühren sich ja stets.“ Diese Feststellung ist im ersten Teil ein semantischer Unsinn, denn es gibt keine Tyrannis von rechts; der zweite Teil stimmt, der dritte stellt eine fausse idée claire dar, denn wie so viele beliebte Gemeinplätze (selbst solche uralter Prägung), drückt auch er eine Unwahrheit aus. Extreme berühren sich nie: extrem groß und extrem klein, extrem kalt and extrem heiß, extrem schwer und extrem leicht sind und bleiben Gegensatze. Auch wird niemand behaupten können, daß der Buddhismus mit dem radikal entgegengesetzten Judaismus wesensverwandt sei, oder daß der Kanton Glarus mit dem Frankreich des Sonnenkönigs politische Affinitäten aufweise. Sowjetischer Kommunismus und Nationalsozialismus haben sehr viele Züge gemeinsam und sind sich tatsächlich ähnlich. Aber warum? Weil beide zur extremen Linken gehören.

Was ist nun rechts, was links in einer brauchbaren Formulierung? In den meisten Sprachen (nicht nur der indogermanischen Völker) ist „das Rechte“ gleich dem Positiven, dem Guten, das Linke hingegen dem Negativen, dem Bösen, dem Verderben. Auch gilt diese Formulierung mit dem Recht, mit gerecht, richtig, redlich, rechtmäßig, mit recht im Gegensatz zu schlechtverwandt. Im Russischen haben wir die ganze Wortfamilie prawda, prawo //, selbst im antiken Heidentum. Im Deutschen ist „rechts“ // pravdivy, prawedny, prawy (wobei auch die Wahrheit figuriert). Bei uns steht „links“ in Beziehung mit linkisch (gauche im Französischen), im Italienischen bedeutet sinistro sowohl links als auch dunkel und Unglück. Man erspare uns die Aufzahlung von Beispielen aus anderen Sprachen. Der biblische Usus ist derselbe. Am Jüngsten Tag sitzt Christus „zur Rechten des Vaters“, die Verdammten befinden sich links. Debout, les damnés de la terre!- so die ,Internationale“. Hier liegt ein stolzer Satanismus vor.

Projizieren wir nun Rechts und Links auf die Ideologien der letzten zwei Jahrhunderte. Wir erhalten dann ein ungefähres, ziemlich zusammenhängendes Bild für die geschichtlich viel profiliertere Linke, die sich gegen den status quo nicht nur physisch, sondern auch philosophisch aufbäumt and außerdem besser organisiert ist. Diesem Bild stellen wir die „rechten“ Begriffe zum Vergleich gegenüber. Oft gehören letztere zu den organisch gewachsenen Prinzipien der christlichen Kultur and Zivilisation, in selteneren Fallen aber sind sie ,Antworten“ (Reaktionen) auf die Standpunkte der dynamischen Linken, wobei die später ebenfalls organisierte Rechte manchmal linke Postulate mit negativem Vorzeichen übernahm – ein gefährlicher, ja selbstmörderischer Vorgang.
Nun, wie wurde der Unterschied zwischen Links und Rechts schematisch dargestellt aussehen? Die nun folgende Tabelle darf man nicht historisch and auch nicht parteipolitisch betrachten, denn – und das muß man sich stets vor Augen halten – der Mensch hat zwar die Tendenz ,ganzheitlich“ zu sein, ist es aber in der Praxis nicht immer. In ausgesprochene Linksbewegungen haben sich oft „rechte“ Ideen eingeschlichen (und erst recht in die Neulinke!) und umgekehrt. Die Wirklichkeit ist nie weiß-schwarz, sondern dunkel, grau und hell. So haben „Rechtsbewegungen“ der Vergangenheit den monarchischen Absolutismus befürwortet, der aber (nach Ludwig von Gerlach) „die Revolution von oben“ ist. Die allgemeine Wehrpflicht ist ein zweifelhaftes Geschenk der Französischen Revolution, wird aber heute auch von vielen Konservativen akklamiert (statt als ein allerdings sehr notwendiges Übel angesehen zu werden). Dem Internationalismus der Marxisten glauben „rechte“ Leute den Nationalismus entgegensetzen zu müssen, der aber von der Heiligen Allianz als gefährlicher und linker Populismus bitter bekämpft wurde. (Der Turnvater Jahn wurde als angehender Revoluzzer hinter Schloß und Riegel gesetzt).

Eine Tabellierung dieser Tendenzen wurde also ungefähr so aussehen:

Links: Ratio Rechts: Geist
Materialismus Spiritualität
Immanenz (Anthropozentrik) Transzendenz (Theozentrik)
Determinismus Freier Wille
Nämlichkeit (Uniformismus) Verschiedenheit (Pluralismus)
Gleichheit Privilegien (Sonderrechte)
Quantität Qualität
Mensch als Ziffer Mensch als einmaliges Wesen
Kolossalismus Detaillismus
Nackte Macht (Furcht and Angst) Autorität (Treue, Respekt, Liebe)
Individualismus Familismus
Kollektivismus Personalismus
Zentralismus Föderalismus
Klassen Stände
Planung and Utopismus Organisches Wachstum
Fraternität (Big Brother) Patriarchalismus (Vaterbild)
Massenheere („Soldaten“) Berufsheere („Krieger“)
Nationalismus und Internationalismus Patriotismus (Liebe zum Vaterland in seiner Vielheit)
Sozialismus (Staatskapitalismus) Freie Wirtschaft
Horizontalismus Vertikalismus
Unfreiheit (in moralischer Ungebundenheit) Freiheit (in moralischer Gebundenheit)

Der Leser wird vielleicht angesichts so vieler Schlagworte die Stirne runzeln (so z. B. über die linke Zwillingsstellung von Individualismus and Kollektivismus, doch Sandkorn und Sandhaufen gehören zusammen). Er wird auch darauf hinweisen können, daß die Republikaner in Spanien föderalistisch gesinnt waren und das Franco-Regime lokale Privilegien (fueros) tilgte, aber die Antwort ist sehr einfach: im Anarchismus stecken karikaturale „rechte“ Elemente, der Franquismus hat eine faschistoide Vergangenheit, und die für Franco kämpfenden Karlisten (eine echte Rechtsbewegung) waren natürlich föderalistisch eingestellt, konnten aber ihre Tradition nicht durchdrücken.

Nun erhebt sich die allerdings unlösbare Frage, was eigentlich der Konservatismus darstellt. Ist er eine „Ismus“ oder nur eine Haltung, ein Standpunkt? Zweifellos hat er nicht unter allen Umständen das Konservieren allein zum Ziel. Er kann auf das Restaurieren ausgerichtet sein, mag aber, wenn er sich im Gegensatz zum Status quo befindet, auch eine revolutionäre Haltung einnehmen. Verstehen wir aber unter „konservativ“ (wie ich es einmal in „Das Neue Abendland“ vorschlug) eine politisch-kulturelle Haltung, die „Christlich-freiheitsliebend
-traditionsanknüpfend“ ist, dann steht der Konservatismus ganz einfach rechts. Dann wird er fast zu einem Synonym der Rechten.

Freilich steckt im Problem einer Definition des Konservatismus immer die von Armin Mohler so bezeichnete Gretchenfrage, was man denn konservieren wolle – und was nicht. Das „rechte“ Denken (and auch der Konservatismus, so wie ich ihn gerne sehen mochte) haben eine weitgehend konkrete und zusammenhängende Vision, die ganz and gar nicht auf die Formel des Einfrierens, des Konservierens einer bestimmten Situation gebracht werden kann. Nicht nur die Kirche ist semper reformanda, sondern auch die Welt. Der Unterschied zwischen rechts and links ist keineswegs einer zwischen Statik und Dynamik. Gerade weil die „Rechte Vision“ im Grundprinzip unveränderlich ist (denn sie unterscheidet stets zwischen wahr und unwahr, richtig und falsch), muß sie sich mit dem Panta Rhei dieser Welt „grund-sätzlich“ auseinandersetzen, zu den Dingen um uns ja oder nein sagen. Es gibt allerdings zwischen Rechts and Links noch etwas Drittes: einen agnostischen, nihilistischen Relativismus, der sich mit allem and jeglichem akkomodiert.

Nun aber kommen wir endlich zu unserer Frage: Ist der „rechte“ Standpunkt, ist der Konservatismus, eine dem Christentum entgegengesetzte Weltschau, oder ist er mit dem Christentum nicht nur vereinbar, sondern möglicher Weise sogar von einer christlichen (spezifischer gesagt: katholischen) oder zumindest theistischen Position her logisch (nicht nur emotionell) zwingend, moralisch verpflichtend?

Bis zum Anfang dieses Jahrhunderts kam man sehr allgemein zu einer bejahenden Antwort des zweiten Teils der Frage, was aber heute weniger der Fall sein durfte. Wir wissen von einer Reihe von Denkern, die zur Rechten gezahlt werden, aber dennoch keinen theistischen, geschweige denn einen rechtgläubig christlichen Standpunkt einnehmen. Es genügt vielleicht Charles Maurras zu nennen, der allerdings vor seinem Tod in den Schoß der Kirche zurückkehrte.

Wir kennen den Standpunkt Armin Mohlers, der in seinem Buch Die Konservative Revolution erklärt, daß das Christentum linear angelegt sei, der Konservatismus aber durch einen Kreis symbolisiert werden müsse: ewige Wiederkehr, Äquidistanz aller Punkte vom Zentrum. (Merkwürdigerweise ist das eine theologische Symbolik Gottes). Doch muß die Frage aufgeworfen werden, warum heute eine steigende Anzahl von Politologen die Unabhängigkeit der konservativen (rechts ausgerichteten) Weltanschauung von der christlichen (katholischen) proklamieren, beziehungsweise manchmal sogar einen Gegensatz zwischen beiden feststellen.

Das hat mehrere Gründe: Unkenntnis der äußerst komplexen katholischen Positionen, Nicht-Unterscheiden zwischen theologischer, selbst päpstlicher Meinung und katholischer Lehre („Dogma“), ein (sehr berechtigtes) Kopfschütteln über Ideen, Ansichten, Parteipolitiken, literarische Produkte, Pamphlete, Aufsätze, Vorträge, Bewegungen und sonstige Äußerungen, die unter der goldsilbernen Flagge segeln und heute zum großen Teil Einbrüche fremden, weltlichen Denkens darstellen. (So glaubt der gute Jacques Monod, daß Teilhard de Chardin, eine rein marginale Modefigur, ein typischer Repräsentant christlich-katholisch „animistischen“ Denkens ist).

Noch gefährlicher ist es, gewisse zünftige Theologen, Bischofe (à la Dom Hélder Câmara), oder einfache Geistliche, nur weil sie noch die Soutane tragen, als echte Repräsentanten der großen katholischen (bzw. christlichen) Tradition zu betrachten und daraus konkrete Schlüsse zu ziehen. Selbst bei päpstlichen Enzykliken muß man unabhängig von der Signatur ergründen, welche Köche daran beteiligt waren (sie sind fast immer bekannt) und sie im Lichte dieses Wissens naher betrachten. Heute mehr denn je gibt es (um ein Wort Spenglers in Jahre der Entscheidung zu gebrauchen) einen wahren Priesterpöbel, der ganz unwahrscheinlich linksdrallige Thesen proklamiert.

Nun aber muß an dieser Stelle auch gleich gesagt werden, daß diese guten Leute – Hierarchen, Kleriker and Laien – wiederum sehr oft nicht nur die Mahnung nolite conformari huic saeculo gewollt ignorieren, sondern als echte Opfer gewisser Klischeebilder angesehen werden müssen, die gar nicht neu sind, sondern schon seit langem die Geister verwirrt haben und bei Außenstehenden den Eindruck erwecken, daß das Christentum „eigentlich“ zur Linken eine größere innere Verwandtschaft besitzt als zur Rechten. Das Endresultat dieser Haltung ist der große Stoßseufzer, der sich so manchen frommen Lippen in Bezug auf den Kommunismus entringt: ,Warum müssen diese Leute Atheisten sein? Ein christlicher Kommunismus – wäre das nicht herrlich?“ Nein, natürlich nicht. Das wäre die ärgste Perversion, die man sich vorstellen könnte: eine rote Inquisition mit Weihwasserwedel!

Diese schiefen Vorstellungen – die sowohl den naiven Christen als auch den konservativen Kritiker des Christentums gleichermaßen, wenn auch mit anderem Effekt verwirren – beginnen schon mit der Exegese in Bezug auf den sozialen Hintergrund Christi: der Sohn eines armen Zimmermanns, der sich mit simplen Worten an einfache Fischer wandte. Ob nun Joseph wirklich arm war – tekton kann auch Baumeister heißen – bleibe dahingestellt. Auf jeden Fall besaß er in Bethlehem Grund und Boden, was ihn zwang, zur Volkszählung hinzureisen. Als die Weisen aus dem Morgenland ankamen, hatte er bereits ein Haus. (Also gab es keine Epiphanie im Stall, wie sie in der darstellenden Kunst so beliebt ist).

Sowohl Joseph als auch Jesus wurden mit „Sohn Davids“ angeredet; und auch Maria war aller Wahrscheinlichkeit nach davidischen Ursprungs und, als Verwandte Elisabeths (mütterlicherseits?) stammte sie von Aaron ab. Christus war also in den Augen der Juden (nach unseren Begriffen) ein Prinz und Thronanwärter. Die Frage des Pilatus, ob Er ein König sei, bejahte Er. (Gerade wegen seiner, von den Evangelisten eigens angeführten Deszendenz hatte er die größten Schwierigkeiten, die Juden davon zu überzeugen, daß sein Reich nicht von dieser Welt sei!) Er war aber weder ein Sozialreformer noch ein politischer Revolutionär. („Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!“) Zwar warnte Er vor dem Mammonismus (und würde heute sicher vor dem Massenmammonismus, d. h. dem Sozialismus warnen), doch wußte Er, daß die Armen immer unter uns sein werden. Er verkehrte viel mit den Reichen und war dem Wohlleben (das Nardenöl!) keineswegs abhold. Er wurde auch luxuriös begraben. Keineswegs gab Er sich lediglich mit einfachen Fischern ab (was Er zu ihnen sagte, bereitet auch heute noch so manches theologische Kopfzerbrechen), sondern zog im Leben und im Tod auch Intellektuelle hoher Qualität an sich. Man denke nur an Johannes oder Paulus.

Auch die Version des Frühchristentums als einer Gesellschaft von Armen, Ausgestoßenen, Außenseitern der Gesellschaft, Sklaven, Schmierenkomödianten und Prostituierten (von Engels so anschaulich geschildert und von der Großen Sowjetenzyklopädie getreulich übernommen) ist reines Märchen. Das römische Martyriologium lehrt uns, daß der christliche Glaube bis in die höchsten Kreise drang, bis in die kaiserliche Familie, die Ränge der Generäle und Senatoren. Kirchenväter vor und nach Konstantin, die sich mit den führenden Philosophen ihrer Zeit auseinandersetzten, zeugten von der geistigen Kraft des neuen Glaubens.

Freilich, mit den Mönchen und später mit den Bettelorden wird ein fatales Mißverständnis großgezogen. Um diese Zeit verschwindet, sicher nicht zufällig, die künstlerische Darstellung Christi als König; Er wird primär zum Schmerzensmann. Die Evangelischen Räte – Armut, Keuschheit und Gehorsam – gelten allerdings nur für eine kleine, spirituelle Elite – sie sind Räte, nicht Gebote, aber sie werden im marxistischen Zeitalter generalisiert. So ist die UdSSR ein gigantisches Zwangskloster, dessen Insassen zum Großteil innerhalb seiner dicken Mauern (und „Eisernen Vorhänge“) geboren werden und tatsächlich ein Leben in Armut, Gehorsam und puritanischer Un-Sinnlichkeit führen müssen, ob sie es wollen oder nicht. Während des Mittelalters (und auch etwas später) haben Sektierer nur zu oft Neigungen in diese Richtung gezeigt, indem sie, unter Verkennung der menschlichen Natur, die Opfer hoher Berufungen oft mit Gewalt auf die Massen ausdehnen wollten. Dieser Monastizismus in- und außerhalb des Orbis Catholicus hat nicht wenig zur christlichen Linkslegende beigetragen.

Nun aber, wenn wir die Tabellen betrachten und die konservativ-agnostische Kritik am Christentum erneut ins Auge fassen, muß man freilich zugeben, daß es linear ist, der Hinduismus aber, um nur ein Beispiel zu nennen, zirkular. Doch wer die Ewigkeitswerte der abendländischen Kultur bejaht, und das tut schließlich der Großteil unserer Konservativen, wird für den Hinduismus (oder auch den Buddhismus) wenig Enthusiasmus aufbringen. Schon im fünften Jahrhundert sprach der heilige Vinzenz von Lerin vom profectus ecclesiae, dem Fortschritt in der Kirche, und in der Tat haben die Jahrhunderte neue Erkenntnisse, neue Einsichten, neue Schlußfolgerungen dem Depositum fidei hinzugefügt, manchmal freilich auch Verirrungen und häretische Vorstellungen, die – ohne zu Spaltungen zu führen – nur mit großer Mühe und oft unter Tränen ausgemerzt wurden. Man denke an die Tragödie des Jansenismus.

Einen hohen – vorläufigen – Grad der Selbstverwirklichung erreichte die katholische Kirche mit der Renaissance und dem Barock, und diese Phasen haben ihren Charakter vielleicht einschneidender bestimmt als das Mittelalter. Man vergesse nicht, daß die Reformation nicht ein modernistischer Ansatz, sondern eine bewußte Reaktion auf den Geist der Renaissance, auf die humanistisch-klassische Synthese war.

Hier muß in Erinnerung gebracht werden, daß ein organisches, überwachtes und überlegtes Wachstum auch ein konservierendes Element in sich trägt, denn es gibt in einem wachsenden Gebäude keinen vierten Stock ohne einen ersten, zweiten and dritten. Die linke Revolution möchte immer gerne am Nullpunkt anlangen – „du passé faisons table rase“ heißt es so anmutig in der Internationale, aber auf diese Art gibt es keine organische Entwicklung, keinen profectus, kein Fortschreiten. Auch Rousseau, der Großvater der modernen Linken, idealisiert den „edlen Wilden“, mit seinem „retournons à la nature“, was nicht weniger ,menschenwidrig“ ist als die Feindschaft gegen alles Wachstum und allen Wechsel.

Dieses Prinzip des Wandels steckt natürlich im Christentum, denn auch Christus ist ein Erneuerer, er schließt mit der Menschheit den Neuen Gottesbund, er verkündet das „Neue Testament“, die Kirche tritt an die Stelle des Tempels, bzw. der Synagoge, sie ist das „Neue Jerusalem“, die Christen sind das „neue erwählte Volk“. Die Vergangenheit wird jedoch nicht abgeschafft: auf ihr wird das Neue aufgebaut – wie Christus und seine Apostel immer wieder betonen.

Die Vaterschaft Gottes hingegen wird gerade durch Christus sichtbar. Sie gibt dem katholischen Christentum das patriarchale Gepräge: Gott-Vater im Himmel, der Heilige Vater in Rom, der König als Vater des Volkes, der Vater als König in der Familie. Die Begriffe Vaterschaft, Monarchie, Autorität (darin steckt: Schöpfung, Herrschaft, Liebe) scheinen hier deutlich auf. Franz von Baader sagte schon, daß das Dienen nur in der Liebe schmerzlos sei. Die Alternative ist Herrschaft durch Furcht im Zwang. In ihr sind dann nicht väterliche, sondern quasi brüderliche, nicht vertikale, sondern horizontale Strukturen maßgeblich: der Totalitarismus als Monolith. Wo der einmalige Mensch zum dreieinigen Gott, und Gott zum Menschen spricht, ist dies aber undenkbar.

Wenn wir nun wieder unsere Tabellierung vornehmen, dann finden wir zwar (vom Kritiker sicherlich beanstandete) Elemente, die dem Theismus schon wesenhaft und unzertrennlich angehören, aber auch Faktoren, die ein System wechselseitig bezogener Koordination darstellen, die essentiell christlich (und katholisch) und direkt oder indirekt in der Schrift verankert sind. Von der Freiheit (eleutheria) wird in der Heiligen Schrift sehr wohl gesprochen, nicht aber von der Gleichheit, Brüderlichkeit ist nie per se, sondern immer nur durch den gemeinsamen Vater gegeben, das Kollektive spielt keine Rolle, sondern nur das Personale; das Reich Gottes (beziehungsweise der vorläufige U-Topos) wird nicht durch soziale oder politische Maßregeln und Planungen, sondern nur als durch innere Entscheidungen, durch Heiligung erreichbar bezeichnet. Selbst dem heidnischen Römischen Reich gegenüber wurde Loyalität geboten, wenn diesem Gehorsam auch bestimmte Grenzen gesetzt waren. Für die totale polis oder super-polis der Antike konnte das Christentum allerdings nichts übrig haben. Auch war Rom damals keineswegs eine patriarchale Monarchie in unserem Sinn, sondern wie schon Metternich klar erkannte reiner Bonapartismus mit linker Wurzel.

Zurückkommen müssen wir jedoch auf den Begriff der Gleichheit. Wie oft geschieht es, daß in Gesprächen, selbst zwischen Theologen, zwar die offensichtlichen Ungleichheiten unter den Menschen anerkannt, aber die „Gleichheit der Menschen vor Gott“ gedankenlos bestätigt wird. Diese Aussage wird dann, wenn sie angezweifelt wird, aufgrund einer „adverbielien“ Gleichheit verteidigt. Alle Menschen haben doch gleichermaßen (aequaliter) Seelen, sie sind gleichermaßen zum Heil berufen, und so weiter. Aber Personen die gleichermaßen Sparkonten besitzen, haben noch lange keine gleichen Sparkonten, jene die gleichermaßen zu Prüfungen zugelassen werden, bekommen nicht notwendigerweise die gleichen Zensuren.

Wenn Judas Ischarioth dem Heiligen Johannes „gleich“ ist, können wir, in einer solchen nihilistischen Haltung befangen, das Christentum moralisch abschreiben (was die Umweltsdeterministen gerne tun wollen). Katholische Lehre ist es, daß wir nicht alle die gleichen Gnaden empfangen, ja, daß wir auch nicht in gleichem Maß von Gott geliebt werden. (Christus liebte sicherlich Johannes mehr als Petrus, aber der sündige Kephas bekam trotzdem die Schlüsselgewalt). Sehr ähnlich denkt die Orthodoxie der Reformationskirchen, wobei allerdings die Prädestinationslehre von Calvin und auch von Luther (die aber dank Melanchthon nicht in die Augustana aufgenommen wurde) eine starke Abweichung von der katholischen Lehre aufweist, die im Gegensatz zur emphatischen Gnadenlehre der Evangelischen Christen die Verantwortlichkeit des Einzelnen stark unterstreicht.

Eine „linke“ Botschaft rein humanistischer oder sozialistischer Art läßt sich aus dem Evangelium nicht herauslesen, außer man betreibt den Perfektionismus gewisser Sekten, die in der Vergangenheit so oft linke politische Bewegungen begünstigt haben and es heute noch tun. Es muß also einmal darauf hingewiesen werden, daß die Essenz des Christentums nicht links, sondern rechts steht. Das trifft allerdings auf Abweichungen, die auf Fehldeutungen beruhen, nicht zu. Die korrekte Deduktion von einer Fehlbehauptung ist auf den Urinhalt bezogen also ebenfalls unrichtig. Minus mit Plus multipliziert ergibt Minus.

Doch schon der heilige Paulus hat gesagt: „Opportet et haereses esse“ – „Es ist in Ordnung, es ist unvermeidlich, daß es Spaltungen gibt, die einzelne Glaubenswahrheiten (willkürlich) zum Nachteil anderer herausstellen. Dies ist im Lauf der Geschichte innerhalb and außerhalb der christlichen Orthodoxie und, enger gesehen, auch innerhalb and außerhalb der katholischen Kirche immer wieder geschehen. In den Annalen der Franzosischen Revolution stößt man wiederholt auf formell oder weniger formell abgefallene Priester und Mönche, die wacker „mitgetan“ haben. Ex-Seminaristen spielten in der russischen Revolution eine verhängnisvolle Rolle, Pastoren beteiligten sich eifrig an der Deutschen Revolution, d. h. an der Nationalsozialistischen Bewegung.

Auch die gegenwärtige mondäne christliche Theologie hat sich zum Teil in eine theologische demimonde verwandelt. Diese ist weltlich – man denke an Luthers Definition von der Welt als „des Teufels Wirtshaus“, sie ist nicht mehr theozentrisch, sondern „mitmenschlich“, sie steht nicht im Schatten des Kreuzes, sie ist ganz einfach nicht fromm. Man steht da vor unsinnigen Degenerationserscheinungen wie eine Gott-ist-tot-Theologie, eine Theologie der Gewalttätigkeit, ja bald gibt es vielleicht eine Theologie der Heißen Höschen. Die trojanischen Esel haben sich heute in der Stadt Gottes häuslich eingerichtet.

Hingegen haben in der Vergangenheit große christliche, und auch gläubige jüdische Denker Außerordentliches für das rechte Denken, für den Konservatismus geleistet. Diese Reihe beginnt mit Joseph de Maistre und Chateaubriand und führt über Stahl, Groen van Prinsterer, Dostojewski, Leontjew, Donoso Cortés bis zu Vázquez de Mella, Ramiro de Maeztu, Russell Kirk, Berdjajew und Bernanos. Auch große Konservative jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens hat es stets gegeben. Der nicht religiös motivierte Mann der Rechten oder Konservative ist jedoch ein außerordentliches und relativ neues Phänomen.

Vielleicht war allerdings schon Rivarol ein rechter Ungläubiger und der geniale Metternich, in jungen Jahren als Produkt der Aufklärung ein Agnostiker, wurde mit zunehmendem Alter stets gläubiger. Hier finden wir eine gewisse Analogie zu Maurras, der aber als Nationalist nicht eindeutig der Rechten zuzurechnen ist. Der Großteil der konservativen Denker Englands und der Vereinigten Staaten ist christlich orientiert, mit einem auffallend großen Prozentsatz an Katholiken. Dasselbe trifft auf Spanien zu. Bezeichnend ist es aber, daß die der französischen Rechten zugehörigen, geistig aktiven Kollaborateure im Zweiten Weltkrieg (welch kurzsichtige Verblendung!) nur zu geringstem Teil gläubige katholische Christen waren. Auf die deutsche Situation will ich hier absichtlich nicht eingehen.

Ich hege jedoch den Verdacht, daß die politisch-kulturelle Haltung des Ungläubigen der Rechten weniger einer positiven Begeisterung als einer skeptischen Ablehnung des Unsinns der Linken zuzuschreiben ist. Das rechte, konservative Denken ist nun einmal außerordentlich realistisch. Es nimmt die gefallene Natur des Menschen so wie sie ist und nicht so wie sie utopisch sein sollte. Nicht purer Intellekt, sondern Geist – ratio plus Weisheit plus Erfahrung plus Einfühlungsvermögen – lotet die Wahrheit am besten aus. Auch ohne religiösen Urgrund wird der Skeptiker mit common sense nach rechts abgedrängt.

Nun könnte man den Einwand erheben, daß die „rechten“ Grundsatze auch auf rein philosophischem Wege, auch ohne frommen Glauben gewonnen werden können. Doch gerade das bezweifle ich. Ethische Grundprinzipien können keineswegs aus einer Naturbeobachtung oder aufgrund eines natürlichen Sittengesetzes verpflichtend herausdestilliert werden. Darin irrt ein guter Teil der katholischen, nicht aber der evangelischen Theologie. Angeborene Qualitäten allein genügen nicht. Wahrhaft große Männer, also nicht notwendigerweise dieselben, die im Geschichtsunterricht als solche figurieren, brauchen auch Tugenden, die endogene Kräfte sind, und aus der Glaubensentscheidung hervorwachsen, also nicht bloß von Tradition, Konformität, oder edler Laune bedingt werden.

Ohne Offenbarungsglauben bewegt sich der disziplinierte Denker auf die Nihilität zu – außer er entdeckt pragmatisch oder intuitiv das Böse, das nun einmal in der Linken steckt, und bezieht aus dieser skeptischen Kenntnis heraus seine Gegeneinstellung – mag diese systematisch ideologisiert sein oder rein aus dem Herzen kommen. Diese Stellung ist dann unausweichlich rechts. Wie weit ein echter, bejahender Enthusiasmus damit verbunden ist, kann schwer beurteilt werden. Das Wort Enthusiasmus kommt von en theo einai, das heißt in Gott sein. Wer aber setzt mit Überzeugung sein Leben ein, wenn es nicht um die Letzten Dinge geht? Man stirbt für ein Rufzeichen – das Kreuz – und nicht für ein Fragezeichen.

Erik Ritter von Kuehnelt-Leddihn

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