Die Großen Denker

Die Großen Denker

Erik v. Kuehnelt-Leddihn.
Aus Criticón 127 (1991)

In der heute doch wenig originellen konservativen Szene Amerikas erregte vor einigen Jahren das Buch von Allan Bloom: The Closing of the American Mind großes Aufsehen und erreichte sogar eine enorme Auflage – man redete von einer viertel Million verkauften (ob auch gelesenen?) Exemplaren. Der Angriff des Autors richtete sich hauptsächlich gegen die höheren Schulen Amerikas. Er empfahl als wirksame Hälfte gegen die allgemeine Verflachung und Verdummung die Lektüre der Klassiker der Antike. Der kritische Anfangsteil des Buches schien vielversprechend, doch bald wurde klar, daß man es mit einem kreißenden Berg zu tun hatte, der eine Maus gebar. Amerikanische Konservative haben in ihrer Mehrheit noch nicht begriffen, daß ein „Konservativer“ heute revolutionär sein und endlich eine radikale Alternative bieten muß. Doch ein Satz in diesem Buch sollte den amerikanischen Leser (und auch den europäischen Bildungsspießbürger) aufhorchen lassen: Wir lesen, daß die großen Denker Europas allesamt Männer der Rechten waren.

Und das stimmt, ganz besonders in Bezug auf den Kontinent. Es beginnt mit Homer und Hesiod, geht über Sokrates, Plato, Aristoteles, Plutarch, Vergil zu Thomas von Aquin, Dante, Shakespeare, Pascal zu Kant, Schiller, Goethe, Burke, Grillparzer, Kierkegaard, Tocqueville, Schopenhauer, Nietzsche, Burckhardt, Solowjew und Leontjew. Die zahlreichen brillanten Geister unseres Jahrhunderts kann ich hier gar nicht aufzählen. Es gibt aber auch angeblich Linksdrallige, wie z. B. Freud, der die Massen fürchtete, sie elitärem Zwang unterwerfen wollte und dem Christentum für seine asketischen Ideale dankte,[1] oder den Zionisten Theodor Herzl, der in der Demokratie die größte Bedrohung für seinen projektierten „Judenstaat“ sah. Doch sowohl Bloom als auch die Amerikaner kann man trösten, indem man sie darauf aufmerksam macht, daß es sich in ihrer Heimat auch nicht anders verhält. Die großen Amerikaner waren ebenfalls alle Männer der Rechten. Melville sprach von den „dark ages of democracy“, und von den Gründervätern stellt Charles Beard fest, daß sie die Demokratie mehr haßten als die Erbsünde.

Was aber kennzeichnet – „umgekehrt“ – die Linke? Es ist der Drang zu Gleichheit und Identität. Der Wunschtraum der Linken ist ein Staat mit einer Gesellschaft und einer Wirtschaft, nicht von Freiheit, sondern von Gleichheit und Nämlichkeit, von „Identität“ geprägt und beherrscht, ein Land (nicht ein Reich!) mit nur einer Sprache, einer Rasse, einer Sitte, einer Partei, einer Klasse, einem Lebensstandard, einem Schultyp, einem Zentrum, einer Denkungsart. Ein materiell gesicherter Versorgungsstaat also, in dem keine Gefahr besteht, daß sich irgend jemand besser dünkt, daß Unvorhergesehenes geschehen oder ein Notstand ausbrechen könnte, und so weiter.

Daß die Erreichung und Bewahrung dieses Zieles nur mit totalitären Maßnahmen möglich ist, stört die linken Träumer nicht. Angefangen hat dies mit der Französischen Revolution, in der man schwangere Frauen von Royalisten in Weinpressen ausquetschte und Mütter mit ihren Kindern in Backöfen zu Tode röstete, und es fand sein wahrscheinlich nur vorläufiges Ende mit den Kazetts, Kontslagery, Gaskammern und Genickschüssen unserer Zeit. Die panische Angst, daß sich all das wiederholen könnte, ist nur allzu berechtigt.

Was aber liegt am Grunde der linken Mentalität? Es ist eine eher grausige Mischung von Phantasielosigkeit und schlampigem Denken, verbunden mit Kleinkariertheit und Lebensfeigheit. Freiheit? Nur vom Gürtel abwärts. Anstelle der großen Liebe gibt es jetzt Sexshops. Die wirkliche Freiheit, darf man nicht vergessen, ist „natürlich“, aber die Natur kennt, außer in der Kristallographie, nur Ungleichheiten. Wer seine Hecke gleichmäßig gestalten will, muß sie dauernd mit der Gartenschere bearbeiten, wer geistige Gleichheit will, muß gegen Eliteschulen ankämpfen, wer gegen Standesunterschiede ist, muß sich für Volksarmeen, Volksgerichte, Volksempfänger. Volkspolizeien, Volksdemokratien und womöglich für das „gesunde Volksempfinden“ einsetzen. Wie aber sagte Kopernikus: „ Was ich weiß, versteht das Volk nicht, und was das Volk weiß, ignoriere ich.“

Große Denker der Linken? Marx? Seine Ideologie fußt auf wirtschaftlichem Denken, aber gerade von der Wirtschaft verstand er bekanntlich nichts und darum war seine Ideologie lange Zeit so außerordentlich erfolgreich, denn je einfältiger eine Weltanschauung, desto „populärer“, also erfolgreicher ist sie. Seit der Ersten Aufklärung sind, was Alexis de Tocqueville die fausses idées claires, die falschen, aber einleuchtenden Ideen nannte, oft blitzschnell „erfolgreich“ (d. h. von den Mehrheiten akzeptiert) geworden.

Nun mag ein naiver Zeitgenosse, der gar nicht links stehen möchte, behaupten, daß es gerade „Intellektuelle“ (und abwegige „Künstler“) sind, die für den Linksdrall Verantwortung tragen. „Konservative“ in Amerika sind sehr oft „antiintellektuell“ in der Überzeugung, daß im „Volk“ viel mehr Weisheit steckt als in gelehrten Köpfen – und damit haben sie auch nicht völlig unrecht. Der restlos Ungebildete hat oft gesunde Instinkte und überraschend kluge Intuitionen. Was wir aber in der westlichen Welt vorfinden, ist ganz einfach die Magistratur der Halbgebildeten über die Ungebildeten durch Schule und Massenmedien. In unserem „System“, vor allem im demo-parlamentarischen Rahmen, haben die Hochgebildeten und vor allem die originellen Denker keine Chance. Sie sprechen nicht die Sprache des kleinen Mannes. Ihre Ideen sind zu komplex, um vom Mann auf der Straße (oder vom Mann aus der Doppelreihe)[2] verstanden zu werden. Sie wollen andererseits aber auch nicht ihm schmeicheln. Das Geheimrezept der „Demokratien“ ist es, in geheimen Wahlen der Stimme einer neunzehnjährigen Geheimprostituierten das gleiche Gewicht zuzugestehen wie der eines betagten Geheimrats. Da kommt ein wahrer Denker nicht mit. Da stößt er ziffernmäßig auf keinen Widerhall. Welcher Verleger könnte heute mit einem kommerziellen Erfolg rechnen, wenn er die großen Klassiker und Denker der Vergangenheit (ohne ihr bereits vorhandenes Prestige) „neu“ herausbringen würde?

Die linken Visionen von Gleichheit und Nämlichkeit, stark versüßt durch paradiesische Fortschrittsträume von immer größerer Sicherheit, Bequemlichkeit und Annehmlichkeit, wurden und werden von den großen Denkern immer belächelt, wenn nicht verachtet. Ein wahrhaft denkender Mensch von hoher Bildung ist bei bestem Willen nicht imstande, die Mehrheitsentscheidungen von Unwissenden ernst zu nehmen.

Ist die Rechte also „hoffnungslos“? Von den Massen hat sie allerdings nichts zu erwarten. Sie hat aber die Aufgabe, erstens das Erbe zu bewahren, dann aber mit großen Würfen hervorzutreten und nach dem Zusammenbruch der kollektivistischen Moderne – „alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!“ – wieder die Führung zu übernehmen. Der letzte Weltkrieg war ein Bruderkrieg zwischen den drei Erben der Französischen Revolution; er brachte 1945 das Ende des einen Epigonen und wir sehen jetzt das Ende des zweiten. Auch der dritte wird einmal an die Reihe kommen – wie Amen im Gebet – und zwar einfach deswegen, weil die Linke den Todeskeim in sich trägt und die hippokratischen Züge auf ihrem Antlitz dem aufmerksamen Beobachter schon heute immer deutlicher werden.

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Fussnoten:

  1. aber auch den Bolschewismus dem christlichen Staat vorzog … MM.
  2. hier meint KL wohl eine Marschkolonne. MM.

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