1. Brief

Erster Brief

Herr Graf!
Ich hatte das Vergnügen, Ihre Theilnahme zu erwek-ken, ja sogar Sie in Erstaunen zu setzen, als ich mit Ihnen von der Inquisition sprach. Diese berühmte öffentliche Anstalt war unter uns der Gegenstand mehrerer Unterhaltungen, und Sie wünschten, daß die verschiedenen Betrachtungen, welche ich Ihnen darüber mitteilte, zu Ihrem Gebrauche in schicklicher Ordnung schriftlich aufgezeichnet würden. Ich eile, Ihrem Wunsche zu entsprechen, und ergreife diese Gelegenheit, um Ihnen die Sammlung einiger glaubwürdiger Zeugnisse vorzulegen, die bei bloßer Unterhaltung nicht angeführt werden könnten. Ohne weitere Vorrede beginne ich mit der Geschichte dieses Gerichts.
Ich erinnere mich, Ihnen im allgemeinen gesagt zu haben, daß das ehrenvollste Denkmal der Inquisition gerade in jenem amtlichen Berichte ist aufgestellt worden, kraft dessen dieses Gericht im Jahre 1812 durch jene Cortes, philosophischen Andenkens, aufgehoben wurde, die bei vorüberrauschender Ausübung ihrer Allgewalt niemanden als sich selbst befriedigen konnten.

Betrachten Sie den Geist dieser Versammlung, besonders den des Ausschusses, welcher das Wort führte, und Sie werden eingestehen, daß jedes von dieser Behörde zu Gunsten der Inquisition herrührende Geständnis keine vernünftige Einwendung erlaube.

Einige Ungläubige neuerer Art, die den Protestanten alles nachbeten, wollen behaupten, der heilige Dominikus sei der Urheber der Inquisition gewesen, und sie haben es sich angelegen sein lassen, wütend auf ihn zu schmähen; die Wahrheit aber ist, daß der heilige Domi-
nikus nie eine Inquisitionshandlung vorgenommen hat, und daß die Inquisition, deren Ursprung bis zur Kirchenversammlung von Verona, gehalten im Jahre 1184, hinaufgeht, den Dominikanern erst im Jahr 1253, das ist zwölf Jahre nach dem Tode des hl. Dominikus, ist anvertraut worden.

Als die in unsern Tagen unter dem Namen der Albi-genser mehr bekannte Ketzerei der Manichäer im zwölften Jahrhundert die Kirche sowohl als den Staat bedrohte, sandte man geistliche Komissarien aus, um die Strafbaren aufzusuchen; daher der Name der Inquisitoren.

Innocenz III. genehmigte diese Anordnung im Jahre 1204. Gleich anfangs handelten die Dominikaner als Abgeordnete des Papstes und seiner Legaten. Für sie war die Inquisition dem Predigen nur beigegeben, von jener hauptsächlichen Amtsverrichtung aber erhielten sie den Namen Prediger, den sie auch behalten haben. Sowie alle Anstalten, die bestimmt sind, große Wirkungen hervorzubringen, war auch die Inquisition anfangs das nicht, was sie geworden ist. Alle solchen Einrichtungen kommen in Gang, man weiß nicht wie.

Durch Umstände herbeigeführt, werden sie anfänglich von der öffentlichen Meinung gutgeheißen, dann von der Regierung, die wohl merkt, welchen Vorteil sie daraus ziehen kann, bestätiget und gemodelt. Darum ist es nicht leicht, eine bestimmende Epoche von der Inquisition anzugeben, die, schwach beginnend, in der Folge stufenweise wie alles, was dauern soll, zur gehörigen Ausdehnung fortschritt; man kann aber mit völliger Gewißheit bekräftigen, daß die Inquisition im eigentlichen Verstände, ihr Charakter und ihre Vorrechte nicht eher als durch die von Gregor IX. am 24. April des besagten Jahrs 1233 an den Provinzial von Toulouse gerichtete Bulle: lue humani generis, gesetzlich ist angeordnet worden. Übrigens ist es vollkommen erwiesen, daß die ersten Inquisitoren, besonders der hl. Dominikus, die Ketzerei nie anders bekämpften als durch das Gebet, durch Geduld und Unterweisung.

Bemerken Sie hier gefallig, mein Herr, im Vorbeigehen, daß man den Charakter, und wenn ich mich so
ausdrücken darf, den ursprünglichen Geist einer jedweden Einrichtung mit den Änderungen nicht verwechseln soll, die sie in spätem Zeiten durch das Bedürfnis der Menschen oder durch deren Leidenschaften erlitten hat.
Von Natur ist die Inquisition gut, sanft und erhaltend: das ist der allgemeine, unvertilgbare Charakter aller kirchlichen Einrichtungen; das sehen Sie zu Rom, und Sie werden es überall, wo die Kirche zu befehlen hat, finden; wenn aber die weltliche Macht eine Einrichtung aufnimmt und um ihrer eigenen Sicherheit willen es angemessen findet, selbe strenger zu machen, dann bürgt die Kirche nicht weiter dafür.

Zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts hatte das Judentum in Spanien so tief gewurzelt, daß es die Nationalpflanze fast gänzlich erstickte. Die Jüdischgesinnten waren durch ihren Reichtum, Einfluß und durch ihre Verbindungen mit den vornehmsten Familien der Monarchie höchst fruchtbar; es war in der Tat eine Nation in der andern.

Der Mahometismus vergrößerte die Gefahr über die Maßen; der Baum in Spanien war umgeworfen, seine Wurzeln aber hatten noch Leben. Es handelte sich darum zu wissen, ob es noch eine spanische Nation geben würde, wenn diese reichen Provinzen zwischen dem Judentum und dem Islamismus geteilt würden; ob Aberglaube, Despotismus und Barbarei noch einmal den schrecklichen Sieg über das menschliche Geschlecht erringen würden. Beinahe waren die Juden Herren und Meister von Spanien, der gegenseitige Haß ohne Grenzen; die Cortes begehrten, man möge gegen selbe streng verfahren. Im Jahre 1391 empörten sie sich, viele von ihnen wurden niedergemetzelt, doch stieg die Gefahr mit jedem Tage, und Ferdinand der Katholische wußte zur Rettung Spaniens nichts Besseres zu ersinnen als die Inquisition. Isabella war anfangs dagegen, doch zuletzt setzte ihr Gemahl sich durch, und Sixtus IV ließ im Jahre 1478 die Errichtungsbulle ausfertigen. Ehe ich weiter gehe, erlauben Sie mir eine wichtige Bemerkung. Großen politischen Drangsalen, überhaupt gewaltsamen Angriffen gegen den Staatskörper, kann man nicht zuvorkommen noch sie abwehren, als durch ebenmäßig gewaltsame Mittel. Das ist ein unwidersprechlicher Grundsatz in der Politik. In allen erdenklichen Gefahren läuft alles auf die römische Formel hinaus: Videant consules, ne respublica detrimentum capiat. Was die Mittel betrifft, ist (das Verbrechen ausgenommen) dasjenige, so gelingt, das beste.

Stellen Sie sich das strenge Benehmen von Torque-mada vor, ohne zu bedenken, was dadurch verhütet ward, dann urteilen Sie nicht mehr vernünftig.

Erinnern wir uns also immerhin dieser Grundwahrheit, daß die Inquisition bei ihrem Entstehen eine Anstalt war, die in schwierigen, außerordentlichen Umständen von den Königen von Spanien verlangt und errichtet worden ist. Der Ausschuß der Cortes gesteht es ausdrücklich; er beschränkt sich nur zu sagen, daß bei veränderten Umständen die Inquisition unnütz geworden sei. Man erstaunt, wenn man sieht, wie die Inquisitoren den Angeklagten mit Fragen überhäufen, um zu erfahren, ob in seiner Abstammung irgend noch ein Tropfen jüdischen oder mahometanischen Blutes sei. Was liegt daran? werden Unbedachtsame sagen, was liegt daran zu wissen, wer der Großvater oder Urgroßvater eines Angeklagten gewesen ist? – Zu jener Zeit war viel daran gelegen, denn diese beiden geächteten Stämme hatten durch Verwandtschaft noch eine Menge Verbindungen im Staate, weshalb sie notwendigerweise zittern mußten, oder zittern machten.

Man war also genötigt, die Einbildungskraft in Furcht und Schrecken zu setzen, indem man immerdar den Bann vorhielt, der dem bloßen Verdachte von Judentum oder Mahometismus schon anklebte. Wer da glaubt, es sei hinreichend, einen mächtigen Feind aufzuhalten, um sich seiner zu entledigen, der irret sehr; es ist noch nichts geschehen, wenn man ihn nicht zwingt, zurückzutreten.

Eine sehr geringe Anzahl unterrichteter Männer ausgenommen, werden Sie selten in dem Falle sein, von der Inquisition zu sprechen, wo Sie nicht bei jedem Kopfe drei hauptsächliche Irrtümer anträfen, die dem Verstände eingepflanzt und gleichsam so vernietet sind, daß auch den augenscheinlichsten Beweisen kaum nachgegeben wird.

Man glaubt, die Inquisition sei ein bloß geistliches Gericht; das ist unwahr. Man glaubt, die Geistlichen, welche in diesem Gerichte sitzen, verurteilten gewisse Angeklagte zum Tode; das ist auch nicht wahr. Man glaubt, das Gericht verurteile sie um bloßer Meinungen willen; das ist abermals nicht wahr.

Das Inquisitionsgericht ist bloß ein königliches. Der König ernennet den General-Inquisitor, und dieser hinwieder mit Bewilligung des Königs die besonderen Inquisitoren. Die Gerichtsordnung ist im Jahre 1484 mit Genehmigung des Königs von dem Kardinal Tor-quemada verkündiget worden.

Die Unterinquisitoren konnten ohne Gutheißung des Großinquisitors nicht tun, noch auch dieser ohne Mitwirkung des höchsten Rates. Dieser Rat ist nicht durch eine päpstliche Bulle gegründet worden, dergestalt, daß wenn die Stelle des General-Inquisitors erlediget ward, die Glieder des Gerichts allein verfuhren, nicht als geistliche, sondern als königliche Richter.

Der Inquisitor in Kraft der päpstlichen Bullen und der König vermöge seiner königlichen Vorrechte setzen die Behörde ein, wovon die Inquisitionsgerichte regelmäßig geordnet werden, und stets sind geordnet worden; Gerichte, die zugleich geistliche sind und königliche, und zwar in der Art, daß, wofern eine oder die andere dieser Gewalten sich zurückzöge, der Gang des Gerichtshofes unvermeidlich gehemmt würde.

Der Ausschuß will uns diese beiden Gewalten der Inquisitionsgerichte im Gleichgewichte darstellen; Sie sehen aber wohl ein, mein Herr, daß dies vorgebliche Gleichgewicht niemanden irreführen kann; die Inquisition ist lediglich ein königliches Werkzeug, es ist durchaus in den Händen des Königs, und kann nie schaden, als durch ein Versehen des königlichen Beamten. Ist das Verfahren unregelmäßig, sind die Beweise nicht klar, dann sind die Räte des Königs, so oft von Todesstrafe die Rede ist, befugt, die Prozedur mit einem Worte zu vernichten. Religion und Priester ha-
ben nichts mit der Sache zu schaffen. Wollte das Unglück, daß ein Unschuldiger angeklagt und bestraft würde, so hätte es der König von Spanien, dessen Gesetze diese Strafe ungerechter Weise verordnen, oder seine Oberbeamten zu verantworten, welche die Strafe rechtswidrig auferlegt hätten. Das werden Sie bald erkennen.

Bemerken Sie, daß unter den unzähligen Schmähschriften, die man im vorigen Jahrhundert wider die Inquisition ausgestreut hat, kein Wort über den entschiedenen Charakter dieses Gerichtes zu finden ist, der doch wohl verdiente, ausgehoben zu werden. Voltaire hat es uns in vielen Stellen seiner Werke vorgemalt:

… ce sanglant Thibunal,
ce monument affreux du pouvoir monacal,
que VEspagne a requ, mais qu’elle-meme abhorre,
qui venge les autels, mais qui les deshonore,
qui tout couvert de sang, de flammes entoure
egorge les mortels avec un fer sacre.[1]
… dies blutfge Tribunal,

Von starrer Mönchsgewalt ein gräßlich Ehrenmal, das Spanien empfing, es selbst jedoch verflucht, das den Altar entbehrt, den es zu rächen sucht, von Feu’r und Flamm umringt, von Strömen Bluts umnachtet,
und mit geweihtem Schwert die Menschenkinder schlachtet.

Dennoch ist das mit solchen Farben geschilderte Tribunal ein Gericht, welches einer sehr klugen, edlen Nation angehört, ein ausschließlich königliches Gericht, aus den Gelehrtesten und vorzüglich Ausgezeichneten der Clerisey bestehend, das über wirkliche Verbrechen nach früher vorhandenen öffentlichen Gesetzen Urteile fallt, und mit einer Weisheit entscheidet, die vielleicht einzig in ihrer Art ist, doch nie zum Tode verdammt. Wie soll man nun den unverschämten Dichter nennen, der es sich herausnahm, sein Gemälde so schändlich zu entstellen? Doch der Verfasser der Jeanne d’Arc hatte seine Gründe, um eine Autorität zu verabscheuen, die den Rasenden wohl würde gehindert haben, Spanien zu verführen oder zu Grunde zu richten, wenn er dort wäre geboren worden. Solche strafbare Albernheiten erregen bei gescheiten Leuten das unauslöschliche Lachen des Homers, aber der große Haufen läßt sich davon einnehmen, und sieht allmählich die Inquisition für einen Club dumm-wilder Mönche an, die zu ihrem Vergnügen die Menschen braten lassen. Sogar verständige Menschen, und Werke, die überhaupt der Verteidigung guter Grundsätze gewidmet sind, beschleicht dieser Irrtum in dem Maße, daß wir vor kurzem in dem Journal de VEmpire (19. April 1809) die sonderbare Stelle lesen konnten: „Es ist wahr, was immer auch darüber mag gesagt worden sein, daß die Inquisitoren bis zum Jahre 1785 die etwas strenge Gewohnheit beibehielten, Leute, die nur an Gott glaubten, feierlich zu verbrennen: das war nun einmal ihre Weise, jedoch, diesen Punkt ausgenommen, waren sie sehr anständig.“

Wahrlich, der Verfasser dieses Artikels hat wenig überdacht, was er schrieb. Wo in aller Welt gibts denn einen Gerichtshof, der nie zum Tode verurteilt hat, und was kann man dem weltlichen Gerichte zu Last legen, wenn es gegen einen Angeklagten nach dem Willen des Staatsgesetzes, welches diese Strafe bestimmt, die Todesstrafe eines Verbrechens halber ausspricht, dessen der Angeklagte überwiesen ist? Endlich in welchem spanischen Gesetze hat man gelesen, daß Deisten am Leben gestraft werden? Es würde schwerfallen, die Leichtgläubigkeit eines unachtsamen Lesers ärger zu betrügen.

Unter den unzähligen Irrtümern, die das achtzehnte Jahrhundert mit traurigem Erfolge verbreitet und den Gemütern eingepfropft hat, ist keiner, ich gestehe es, mir auffallender gewesen, als derjenige, welcher als wahr angenommen behauptet, und die unwissende Menge hat glauben machen, daß Priester einen Menschen zum Tode verurteilen durften. Daß man die Religion des Fo, des Buddha, des Somonocondom nicht kenne, ist verzeihlich; aber welcher Europäer hat das Recht, mit dem allgemeinen Christentum unbekannt zu sein? Welches Auge hat nicht jenes unermeßliche Licht betrachtet, das seit mehr denn achtzehnhundert Jahren zwischen Himmel und Erde geschwebt hat? Welchem Ohr ist der ewige Grundsatz dieser Religion: „die Kirche scheut das Blut“, nie hörbar geworden? Wem ist unbewußt, daß es dem Priester untersagt ist, ein Wundarzt zu sein, damit seine geweihte Hand kein Menschenblut vergieße, auch nicht um ihn zu heilen? Wer weiß es nicht, daß in den sogenannten Obedienz-ländern der Priester bei Prozeduren auf Lebensstrafe des Zeugnisses überhoben ist, und daß in den Ländern, wo man diese Willfährigkeit verweigern zu müssen glaubte, ihm wenigstens eine gerichtliche Bescheinigung seiner eingelegten Verwahrung: nicht anders zu zeugen, als um der Justiz zu gehorchen und nichts zu fordern, als Barmherzigkeit, erteilt wird.

Nie hat der Priester ein Blutgerüst errichtet, er besteigt es nur als Märtyrer oder Tröster; er predigt nur Barmherzigkeit und Milde; und in allen Winkeln des Erdballs hat er kein anderes Blut vergossen, als das seinige.
„Die Kirche, diese keusche Braut des Sohnes Gottes, die nach dem Beispiele ihres Bräutigams wohl ihr Blut für Andere, nicht aber fremdes für ihren Vorteil vergießet, hat einen eigenen, und der von Gott ihr verliehenen Erleuchtung angemessenen Abscheu gegen den Mord. Sie betrachtet die Menschen nicht bloß als Menschen, sondern als Ebenbilder des Gottes, den sie anbetet. Jedem von ihnen widmet sie eine heilige Hochachtung, wodurch sie Alle ihr ehrwürdig werden, als unendlich theuer Erlöste, um Tempel des lebendigen Gottes zu werden; und so glaubt sie, daß das Absterben eines Menschen, den man ohne Gottes Befehl tötet, nicht allein ein Totschlag, sondern auch ein Kirchenraub ist, der ihr ein Glied entzieht; denn sei er gläubig oder ungläubig, sie betrachtet ihn immerhin entweder als ein wirkliches Rind, oder doch als solchen, der es noch werden kann. Bekanntlich ist keiner Privatperson je erlaubt, den Tod einer anderen zu verlangen. Daher mußte man öffentliche Personen anstellen, die solches auf Befehl des Königs, oder vielmehr in Gottes Namen begehren; und das ist die Ursache, warum die Obrigkeiten, um so zu handeln, wie es ihnen als treuen Ausspendern der göttlichen Gewalt, Menschen das Leben zu nehmen, ziemet, nur nach den Aussagen der Zeugen urteilen dürfen, denen zufolge sie in ihrem Gewissen bloß nach Vorschriften der Gesetze richten, jedoch niemanden zum Tode verurteilen können, als nur diejenigen, so von den Gesetzen dazu verdammt werden. Heißt sie dann Gottes Befehl den Körper dieser Unglücklichen der Strafe hinzugeben, so verpflichtet er sie ebenmäßig, für ihre sündhaften Seelen zu sorgen. Alles das ist lauter und sehr unschuldig, demungeach-tet scheuet die Kirche das Blut so sehr, daß sie diejenigen, welche einem Todesurteil beiwohnten, sogar des Kirchendienstes unfähig erachtet, wäre es auch mit all diesen religiösen Umständen begleitet gewesen.“[2]

Das ist, wie mir dünkt, Herr Graf, eine sehr schöne Theorie; wollen Sie aber auch aus Erfahrung den wahren Priesterdienst in diesem wesentlichen Punkte kennen lernen, so forschen Sie ihm nach in den Ländern, wo der Priester das Zepter führte, oder noch wirklich führet. In Deutschland waren durch außerordentliche Umstände eine Menge geistlicher Landesherren entstanden. Will man diese in Rücksicht auf Gerechtigkeit und Sanftmut beurteilen, so braucht man sich nur des altdeutschen Sprichworts zu erinnern: unterm Krummstabe ist gut wohnen. Sprichwörter, die Früchte der Volkserfahrung, trügen nie. Ich berufe mich also auf dieses Zeugnis, das ohnehin durch jenes aller Menschen, die Gedächtnis- und Beurteilungskraft besitzen, unterstützet wird. In diesen friedlichen Gebieten gab es nie Verfolgungen oder Todesurteile gegen die geistlichen Feinde der herrschenden Macht. Was werden wir aber von Rom sagen? Wahrlich an der Regierung der Päpste muß sich der echte Geist des Priestertums auf die unzweideutigste Weise offenbaren; nun aber ist es allgemein erkannte Wahrheit, daß man an dieser Regierung nie etwas tadelte, als die Gelindigkeit. Nirgend mag eine so väterliche Staatsverwaltung, nirgend eine gleichmäßiger verteilte Justiz, nirgend ein Auflagensystem, das mehr Einsicht und Menschlichkeit in sich vereinigt, nirgend eine so vollkommene Toleranz gefunden werden. Rom ist vielleicht der einzige Ort in Europa, wo die Juden nicht mißhandelt, noch gedemütigt werden. Zum wenigsten ist Rom sicherlich der Ort, wo sie am glücklichsten sind, denn die sprichwörtliche Redensart nannte von jeher Rom das Paradies der Juden.
Schlagen Sie die Geschichte auf. Welche Macht hat gegen Religionsverbrechen aller Art weniger streng verfahren, als das heutige Rom? Selbst in den Zeiten, die wir Zeiten der Unwissenheit und des Fanatismus nennen, hat sich dieser Geist nicht verleugnet. Gestatten Sie mir bloß, Clemens IV anzuführen, der den König von Frankreich (der doch der hl. Ludwig war) wegen der nach dem Urteile des Papstes zu scharfen Gesetze tadelte, die jener große Fürst wider die Gotteslästerer erlassen hatte, indem er ihn in der Bulle vom 12. Julius 1268 inständig bat, diese Gesetze zu mildern, und der in einer Bulle vom nämlichen Tage dem König von Navarra sagte: Es ist durchaus unschicklich, unseren in Christus geliebten Sohn, den erlauchten König der Franzosen, in Betreff der allzustrengen Gesetze, die er gegen dergleichen Laster verkündiget hat, nachzuahmen.

Voltaire hat in Augenblicken, wo Religionshaß seinen trefflichen Verstand nicht umnebelte, von den Regierungen der Päpste mehr denn ein ehrenvolles Zeugnis abgelegt. Ich will Ihnen ein sehr merkwürdiges anführen, welches aus dem Gedicht De la loi naturelle genommen ist, worin man es nicht vermuten würde.

Marc-Aurele et Tajan melaient au champ de Mars
Le bonnet du Pontife au bandeau des Cesars.
Uunivers reposant sous leur heureux genie,
Des guerres de Vecole ignorait la manie;
Ces grands legislateurs, d’un saint zele animes,
Ne combattirent point pour leurs poulets sacres.
Rome, encore aujourd’hui, conservant ces maximes,
Joint le tröne ä Vautel par des noeuds legitimes.
Ses citoyens, en paix, sagement gouvernes,
Ne sont plus conquerants et sont plus fortunes.[3]

Marcus Aurelius sowie Trajanus vereinten im Marsfeld Mit der Mütze des obern Priesters der Kaiser Binde. Ihrem Genie verdankte der Erdball freudige Ruhe, Und war von der närrischen Wut des Schulkrieges befreit;

Diese Gesetzgeber, von heiligem Eifer beseelt,
Haben auf dem Schlachtfeld nie für geweihte Hühnchen gekämpfet.
Rom ist in heutigen Tagen dem ältren Verhalten getreu,
Fügt den Altar mit dem Throne durch rechtliche Bande zusammen.
Weise beherrschet genießen die Römer die Früchte des Friedens;
Nicht mehr Eroberer sind sie, von größerem Glücke begünstigt.

Nun aber frage ich Sie, mein Herr, wie wäre es möglich, daß ein so augenscheinlicher allgemeiner Charakter sich auf einem einzigen Punkte der Erde verleugnen sollte? Er ist in der ganzen Welt sanft, duldsam, liebreich und tröstend, durch welche Zauberei möchte er in Spanien grausam sein, im Schöße einer höchst edlen und großmütigen Nation? Dies ist von äußerster Wichtigkeit. Bei der Untersuchung einer jedweden Frage ist nichts so wesentlich, als sich vor der Verwirrung der Begriffe zu hüten. Laßt uns daher, wenn wir von der Inquisition sprechen, den Anteil, welchen die Regierung daran hat, von jenem der Kirche trennen, und genau unterscheiden. Alles Strenge und Schreckliche, was dieses Tribunal sehen läßt, vor allen Dingen die Todesstrafe, gehört der Regierung an, das ist ihre Sache, und nur von ihr kann man darüber Rechenschaft verlangen; dahingegen ist alle Güte, die bei dem Inquisitionsgericht eine sehr bedeutende Rolle spielt, die Aufgabe der Kirche, die sich mit Strafen nicht anders befasset, als um dieselben aufzuheben, oder zu lindern. Dieser unauslöschliche Charakter hat sich niemals verändert. Heutzutage ist es kein Irrtum mehr, es ist Sünde zu behaupten, ja nur zu denken, daß Priester ein Todesurteil fällen können.

In der Geschichte von Frankreich findet man eine wichtige Tatsache, die nicht genugsam bemerkt wird. Es ist jene der Tempelherren. Diese Unglücklichen, seien sie nun strafbar oder schuldlos gewesen (darauf kommt es hier nicht an), verlangten ausdrücklich, von dem Inquisitionstribunal gerichtet zu werden; denn sie wußten wohl, sagen die Geschichtschreiber, daß, wenn sie solche Richter erhielten, sie nicht zum Tode verurteilt werden könnten.
Allein der König von Frankreich, der bereits seinen Entschluß gefaßt hatte, und die unvermeidlichen Folgen einsah, welche der Recurs der Tempelherren erzeugen würde, schloß sich mit seinem Staatsrath ein, und verurteilte sie rasch zum Tode. Das ist, wie mir dünkt, nicht allgemein genug bekannt.

Nicht einmal wenn es not tat, mit äußerster Strenge zu Werk zu gehen, legten die Inquisitoren in Spanien eine schärfere Strafe auf, als Einziehung der Güter, und selbst diese Strafe ward jedem Strafbaren erlassen, der binnen der sogenannten Frist der Gnade seinem Irrtum eidlich entsagte.

Aus dem angeführten Berichte geht nicht genau hervor, in welcher Epoche das Inquisitionstribunal angefangen habe, die Todesstrafe zu verhängen, es ist aber wenig daran gelegen; es genügt uns zu wissen, was unstreitig ist, daß das Tribunal dieses Recht nicht eher erlangen konnte, als bis zur Zeit, wo es ein königliches Gericht ward, und daß jedes Todesurteil seiner Natur nach dem Priestertum fremd blieb.

Dermalen ist man über diesen Punkt im Reinen. Man weiß, daß bei jedem wichtigen Urteile, und sogar bei einfachen Verhaftungen nichts ohne den höchsten Rat geschieht, was schon alle mögliche Klugheit und Umsicht voraussetzt; ist endlich aber der Angeklagte als Ketzer erklärt, dann schickt ihn das Tribunal nach ausgesprochener Einziehung der Güter zur Anwendung der gesetzlichen Strafe an die weltliche Obrigkeit, das heißt, an den Rat von Castilien, den man nur zu nennen braucht; denn die Welt hat nichts vernünftigeres, nichts gelehrteres und weniger parteiisches als ihn.
Sind die Beweise nicht augenfällig oder die Strafbaren nicht hartnäckig, so hält man sie lediglich zum Abschwören an, welches unter vorgeschriebenen Zeremonien in der Kirche geschieht. Daraus entsteht freilich eine Art von Schande für die Familie, und Unfahigkeit von Seiten der Strafbaren, ein Amt zu versehen; ich bin aber sicher, daß diese letzten Verfügungen nichts als ein Umweg sind, dessen man sich aus Güte bedienet, um die Schuldigsten zu retten. Gewisse Tatsachen, die mir bekannt geworden sind, und vorzüglich der Charakter des Tribunals lassen mir daran keinen Zweifel übrig.

Das Inquisitionstribunal besteht aus einem Oberpräsidenten, Großinquisitor genannt, der allemal ein Erz-bischof oder Bischof ist, und aus acht geistlichen Räten, deren sechs immer Weltgeistliche sind, sodann zwei Ordensgeistliche. Unter diesen ist stets ein Dominikaner, kraft des von König Philipp III. ihnen verliehenen Privilegiums; der andere hingegen nach der Verordnung Carls III. abwechselnd ein anderer Ordensgeistlicher. Der jüngste unter den geistlichen Räten versieht die Stelle des Fiskals, und in gewissen Fällen, wovon ich nicht genau unterrichtet bin, beruft man zwei Mitglieder des Rates von Castilien dazu. Ich vermute gleichwohl, daß dieses geschehe, so oft von Todesstrafen die Rede ist.[4]

Diese einfache Darstellung verscheucht, wie Sie sehen, die beiden Hirngespinste des Voltaire und vieler Anderer: die Mönchsgewalt und das blutige Tribunal. Zwei Ordensgeistliche unter elf oder dreizehn Richtern sind von gar keinem Belang, und mit den armen Dominikanern, welchen durch unsere Vorurteile alles Has-senswerte der Inquisition ist aufgebürdet worden, müssen wir uns wohl wieder aussöhnen.

Betrachtet man das Ganze des Tribunals, so möchte man schwerlich eines erdenken können, dessen Zusammensetzung mehr geeignet wäre, auch nur den mindesten Verdacht von Grausamkeit, ja sogar, ich behaupte es, von bloßer Strenge zu entfernen. Jedermann, der den Geist des katholischen Priestertums kennet, wird vor aller Untersuchung überzeugt sein, daß an solch einem Gerichte die Barmherzigkeit das Zepter führet.
Uberhaupt muß ich Ihnen bemerken, Herr Graf, daß das Tribunal, abgesehen von dem günstigen Vorurteile, das schon aus seiner Zusammensetzung allein hervorgeht, noch zudem sehr viele ungemein sanfte Maßregeln voraussetzt, die man nur durch die Verfahrungsart kennen lernt, und die insgesamt zum Vorteile des Angeklagten ausschlagen.

Ohne längeres Verweilen bei diesem Gegenstand will ich Ihnen ein Inquisitionsurteil von der strengsten Gattung vor Augen legen, ein solches nämlich, das zwar die Todesstrafe nicht verordnet (denn das ist unmöglich), wohl aber dieselbe nach sich ziehet, falls es sich um ein Verbrechen handelt, wofür das Gesetz eine solche Strafe bestimmt.
„Wir haben erklärt, und erklären hiemit, daß der Angeklagte N. N. überwiesen ist, ein abtrünniger Ketzer,[5] Heger und Hehler von Ketzern, ein betrüglicher und verstellter Büßer und unbußfertig Rückfälliger[6] ist, durch welche Verbrechen er der Strafe des größern Kirchenbanns und der Einziehung seiner Güter zum Vorteil der königlichen Kammern und des Fiskus Seiner Majestät verfallen ist.[7] Wir erklären ferner, daß der Angeklagte, wie wir es hiemit tun, der Justiz und der weltlichen Obrigkeit übergeben werden müsse, die wir liebreich und auf die beste und kräftigste Weise bitten und beauftragen, den Straffälligen mit Güte und Mitleiden zu behandeln.“

Es ist wahr, daß der spanische Verfasser der Entlarvten Inquisition, der mir diese besonderen Umstände an die Hand gibt, behaupten will, diese Clausel von Barmherzigkeit sei eine leere Formalität ohne alle Wirkung, und er beruft sich auf van Espen, nach dessen Meinung die von dem Tribunal eingelegte Verwahrung nichts als eine Art von äußerlicher Formel ist, die die Kirche jedoch hat beibehalten wissen wollen.[8]

Dieser Einwurf mag unsern allgemeinen Satz, daß die Inquisition nie zum Tode verurteilt, und daß sich der Name eines katholischen Priesters unter solchem Ausspruch nie findet, nicht erschüttern.

Verordnet das spanische Gesetz auf dies oder jenes Verbrechen die Todesstrafe, so kann die weltliche Justiz dem Gesetz nicht widerstreben; und wenn die Inquisition, wie das allzeit der Fall ist, nicht anders als nach offenbaren Beweisen verurteilt, so werden ihre Aussprüche, im Fall daß Jemand soll hingerichtet werden, den Tod immer zur Folge haben, jedoch ohne daß sie etwas dazu beitrüge, und es bleibt immer wahr, daß selbe nicht zum Tode verurteilt, daß die weltliche Obrigkeit vollkommene Freiheit hat, nach ihrer Einsicht zu handeln, und daß die königlichen Richter, wenn sie Kraft der von der Kirche beibehaltenen Clausel einen Unschuldigen zur Richtstätte beförderten, vor allen strafbar sein würden.

In dem Ausdruck also, den man so oft wiederholt hat, das Blutgericht, ist kein Menschenverstand. Es gibt kein Gericht, es kann keines in der Welt geben, das nicht in den unglücklichen Fall geriete, die Todesstrafe zu erkennen; und in dieser Hinsicht nicht untadelhaft wäre, sobald es nach klaren Beweisen das Gesetz vollstreckt, und selbst strafbar, wenn es dies unterließe.

Überdies verurteilt das Inquisitionsgericht nicht einmal zu der vom Gesetze bestimmten Todesstrafe; das ist, entgegen dem Schein, wesentlich und einzig ein weltliches Geschäft.
Was will man also sagen?

Der Ausschuß der Cortes ist über diesen Punkt vollkommen einig mit dem eben angeführten Verfasser der Entlarvten Inquisition. „Philipp IL, sagt er, der absoluteste aller Fürsten, war der eigentliche Stifter der Inquisition, und durch seine feine Politik ward sie zu ihrer Höhe gebracht. Die Könige haben jederzeit die Ratschläge und den Verdacht, so ihnen gegen dieses Tribunal eingegeben wurden, verworfen, weil sie die Inquisitoren in allen Fällen nach Belieben ernennen, suspendieren, oder fortschicken können, auch von der Inquisition nichts zu befürchten haben, die nur für ihre Untertanen schrecklich ist.“

Ich nehme dieses ausdrückliche Geständnis des Ausschusses als erwiesen an, um zu zeigen, daß das Prie-stertum gar nicht zur Sache gehört; und wenn auch dem besagten Geständnis noch irgend etwas abginge, so könnten Sie in dem nämlichen Berichte noch eine bemerkenswerte Stelle lesen, in welcher.der Referent des Ausschusses bemerkt, man werde in keiner päpstlichen Bulle finden, daß der oberste Rat befugt sei, in Abwesenheit des Großinquisitors Verhandlungen durchzuführen, was doch ohne Bedenken geschieht, woher denn der Berichtsteller sehr richtig schließet, daß die Räte in diesem Falle nicht als geistliche Richter, sondern als königliche handeln.

Was liegt übrigens daran, sobald man über diesen Punkt einig ist, daß heutzutage, wie ehedem, ohne vorherige Bewilligung des Königs keine Inquisitionsverordnung, volltreckt, ja nicht einmal verkündigt werden darf.
Hierin liegt die Ursache, warum die Könige zu allen Zeiten sehr stark auf die Inquisition hielten, und unter anderen Carl V, als er von den Ständen von Aragonienund Castilien gebeten ward, das Verfahren der Inquisition in etwas zu mildern, dieser Fürst, der das Regieren verstand, in zweideutigen Ausdrücken antwortete, die alles zu bewilligen schienen, und im Grund nichts zugaben. Der unverdächtigste Geschichtschreiber in Materien dieser Art hat also Recht gehabt, gutwillig zu gestehen, daß die religiöse Inquisition im Grunde nur eine politische gewesen sei.

Es ist sehr merkwürdig, daß die Aragonier im Jahre 1519 von dem Papste Leo X. alles, was sie über diesen Punkt verlangten, erhalten hatten, was denn den allgemeinen Geist der Kirche und den Charakter der Päpste wohl wahrnehmen läßt; allein Carl V widersetzte sich der Vollstreckung dieser Bullen, und der Papst, welcher dem König kein Mißvergnügen machen wollte, gab die Bulle vom Jahre 1520 heraus, wodurch er alles genehmigte, was Carl V getan hatte.
Hiernach mag es dem Berichtsteller frei stehen, uns zu sagen, daß die Errichtung der spanischen Inquisition ungültig sei, weil ihr die Genehmigung der Cortes abgeht und überhaupt, weil dieses Tribunal mit der Souveränität der Nation unverträglich sei. Ich überlasse den wackern Spaniern die Sorge, die Frage von der Volkssouveränität mit ihrem von Gottes Gnaden König Ferdinand VII. reiflich abzuhandeln. Mögen sie ihm mit dem Berichtsteller des Ausschusses ja sagen: In welcher Weise übt die Nation ihre Souveränität aus bei den Urteilen der Inquisition? In gar keiner. Diese köstliche Offenherzigkeit wird gewiß auf den Geist des Monarchen einen starken Eindruck machen.

Was soll ich von jener prächtigen Stelle sagen, die allerdings in Versen beschrieben zu sein verdiente, und worin der beredte Referent uns ein Gemälde entwirft von dem schrecklichen Tribunal, das im Schöße der Finsternis den Gatten aus den Armen der Gattin reißet, usw. Gewiß niemand ist weniger aufgelegt dazu als ich, den Weibern, besonders zur Nachtzeit, Furcht einzujagen, indessen gestehe ich, in den zahlreichen Werken über Politik und Rechtsgelehrsamkeit, die ich in meinem Leben durchblättert habe, meines Erinnerns nicht gelesen zu haben, daß ein Bösewicht, um seine
Frau Gemahlin nicht zu erschrecken, nur bei hellem Tage könne gefangen genommen werden, und daß die Justiz vor dessen Ergreifen sich sorgfältig erkundigen müsse, ob er verheiratet, oder ledigen Standes sei; ob ein emsiger oder nachlässiger Ehemann.

Wie ärmlich ist diese Rhetorik im Gegensatze zu der Wirklichkeit! Nach dieser Erzählung revolutionärer Gedanken nehme ich mir die Freiheit, eine Zeitung abzuschreiben. (Gazetta de Madrid, April 1815)

„Den 14. April jüngsthin gefiel es dem König, unserem Herrn (den Gott erhalten wolle), gegen 9 Uhr des Morgens den Palast des Hof-Inquisitionsgerichts mit höchster Gegenwart zu beehren. Seine Majestät besuchten alle Kanzleien, ja selbst die Gefangnisse, erkundigten sich über alles, auch die geringsten Kleinigkeiten, und geruheten dem aufgeklärten Eifer, womit die Beamten dieses Tribunals den beiden Majestäten dienen, auf die schmeichelhafteste Weise Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Während dieses fast dreistündigen Besuchs war der König immer von Seiner Exzellenz dem Herrn Generalinquisitor begleitet, der herbeigeeilt war, um Seiner Majestät zu folgen, und alle Fragen zu beantworten. Als nun Höchstdieselben sich zu entfernen gedachten, hielt dieser Oberrichter folgende Anrede:

„Euer Majestät! Gott, der nach seinen gerechten und unbegreiflichen Ratschlüssen gewollt hat, daß das Tribunal des Glaubens den Kelch der Bitterkeit bis zur Neige trinken sollte, hat Eure Majestät der Gefangenschaft entrissen, und wieder auf den Thron Höchstdero Vorfahren eingesetzet, damit Sie der Wiederhersteller, der Tröster und Beschützer der Inquisition sein mögen. Nachdem Eure Majestät den höchsten Rat besucht haben, ist auch das Hoftribunal mit Höchstdero Gegenwart beehret worden, und Sie haben alles dazu Gehörige untersucht. Wohlan, allergnädigster Herr, haben Eure Majestät die unterirdischen Gefangnisse, die scheußlichen Kerker, die Foltergerätschaften gesehen, wovon die Feinde des Thrones und des Altars in ihrem Wahnsinn so viel Lärmen geschlagen haben? Haben Sie die Diener von dem Gott des Friedens in Nerone und Diokletiane verwandelt gefunden, die Scheiterhaufen anzünden, und sich alles erlauben, was Grausamkeit und Barbarei nur Ungeheures erfinden mag? Eure Majestät haben gesehen, daß die Gefangnisse anständig, ja sogar bequem sind, und daß die Inquisitionsbeamten Gerechtigkeit mit Milde und Barmherzigkeit zu verbinden wissen.

Wollte Gott, daß der Besuch Eurer Majestät dazu dienen möge, jene Menschen, die von dem Wege der Wahrheit abgewichen sind, eines Besseren zu belehren! … Das Hofgericht, von Erkenntlichkeit gegen Eure Majestät durchdrungen, wird nie aufhören, zu dem Vater allen Lichtes zu beten, damit Er in so harten Zeiten Eurer Majestät eine glückliche Erkenntnis aller zweckdienlichen Maßregeln, und den Trost, über katholische und des Namens Spanier würdige Untertanen allein zu regieren, verleihen möge.“

Ich zweifle, ob ein Präsident der Sternkammer[9] je eine Rede von solchem Gepräge an seinen erlauchten Herrn gehalten habe; allein diese Rede selbst, und alle übrigen Beweise sind nur für diejenigen nötig, die über die Natur der Dinge nicht genug nachgedacht haben, welche keiner Beweise bedarf, und allen zuvoreilet.

Man kann sich nicht oft genug auf diese Eigenschaften der Inquisition berufen, nachdem so unzählige Verleumdungen, ohne alle Sachkenntnis, wider sie gesammelt worden sind; und wenn Sie alles, was Vorurteil und Parteigeist auch über die klügsten und aufgeklärtesten Menschen (denn ich will niemanden beleidigen) vermag, wissen wollen, so bitte ich Sie, diese neue Beschuldigung des Ausschusses zu hören:

„Philipp IL, sagt er, untersagte die Berufung gegen Urteile dieses Gerichts als mißbräuchlich, dergestalt, daß es von jeder andern weltlichen Macht unabhängig, und der Großinquisitor ein Souverän in der Mitte der souveränen Nation, oder neben dem Souverän ist. Er verurteilt die Spanier in Zivilsachen, ohne daß die weltliche Obrigkeit einigen Theil daran nähme.“

Und soeben hat man uns gesagt: „daß die Inquisition eine königliche Autorität sei, daß der Inquisitor ein königliches Werkzeug sei, daß alle seine Verfügungen ohne königliche Zustimmung ungültig sind; daß die königliche Macht alle Mitglieder des nämlichen Gerichts nach Belieben ernenne, suspendiere und absetze, und daß in dem Augenblick, wo die königliche Gewalt sich zurückzöge, das Tribunal mit ihr verschwinden würde.“
Was sollen wir endlich von Philipp IL, dem einfältigen Mann, wie alle Welt weiß, sagen; von dem Manne, der das Regieren so wenig verstand, daß er zur Erleichterung seines Gewissens noch einen zweiten Souverän sich zur Seite setzte?

Sie mögen wohl Lust haben zu sagen, man müsse ganz von Sinnen sein, um solche Dinge schreiben zu können. Ach nein! mein Herr, man braucht nur, auch bei großem Verstände, in einer beratenden Versammlung zu sitzen, wo ein Augenblick der Erregung eintritt.

Laßt uns also solche Verirrungen immer gern verzeihen, hüten wir uns aber, selbst irre geführt zu werden. Nachsicht ist nur bis zu dem Augenblick erlaubt, wo sie in Mitschuld ausartet.

Moskau den 1./13. Juni 1815.

___
Fußnoten:

[1] Von Moliere (Tartuffe) übernommen. Unter Schauspielern ist alles gemeinschaftlich.
[2] Pascal, XIV6 lettre provinciale – Erat quod tollere velles.
[3] Man sehe das Gedicht: De la religion naturelle, IV Th. – Es ist übrigens sehr sonderbar zu sehen, wie Voltaire über alles, was er hier von der Regierung des heutigen Roms sagt, vernünftig urteilend, in den vorhergehenden Versen den Verstand gänzlich verloren hatte. Wie denn und mit wem hätten sich die Römer um ihre geweihten Hühner schlagen sollen? Kam irgend eine Nation mit gewaffheter Hand, um diese Hühner zu nehmen, oder zu töten? Wenn in Rom ein neuer Gott erschien, so zog er mit Erlaubnis des Senats in die Stadt, wie ein neu heilig Gesprochener (man halte mir die Verglei-chung zu gut) in unsere Kirchen hineingeht. Das kann man nicht Toleranz nennen; allein wie man würde behandelt worden sein, wenn man sich hätte einfallen lassen, die Grundpfeiler der Nationalreligion anzugreifen,‘ das hätte Voltaire in der Geschichte der Bacchanalien lesen können, die Titus Livius (XXIX, 9 und folg.) so schön erzählt hat. Gleich bei Erscheinung des Christentums haben es die großen Gesetzgeber mit unerhörter Grausamkeit verfolgt. Ja man hat sehr treffend bemerkt, daß die Ungeheuer Tiberius, Caligula, Commodus und andere die neue Religion nicht beunruhiget haben: während die Philosophen Trajan, Antonin, Marc-Aurel und Julian sie alle verfolgten. (Feller, Dictionnaire histori-que.) Es ist also gewiß, daß die christlichen Päpste nie Verfolger waren; aber Voltaire tut sehr Unrecht daran, diese mit den heidnischen Oberpriestern Marc Aurel und Trajan zu vergleichen (denn beide waren Verfolger). Die unermüdlichen Lobredner der römischen Toleranz sollten sich wenigstens einer Stelle des eben angeführten Titus Livius erinnern: Die Aedilen sollen Acht haben, daß keiner der Götter in Rom aufgenommen werde, der kein Römer ist, und nicht auf römische Art verehrt wird. (IX 30.)
[4] La inquisicion sin mascara, o disertacion en que se prueba hasta la evidencia los vicios de este Tribunal y la necessitad de que se suprima. Pro Natanael Jomtob (wahrscheinlich ein Anagramm). Cadiz 1811. Insofern ich es vermag, führe ich nur solche Werke an, die gegen die Inquisition sind, um über das, was sie zugunsten des Tribunals blicken lassen, keinem Irrtum zu erliegen.
[5] Es ist also nicht die Rede von einem einfachen, sondern von einem abtrünnigen Ketzer, das ist: von einem spanischen Untertanen, der der Abtrünnigkeit überwiesen ist, und davon äußerliche Beweise gegeben hat, ohne welche kein gerichtliches Verfahren statt haben würde.
[6] Das geht den Rückfälligen an, und darin sieht man, daß der Strafbare, der sein Verbrechen eingesteht, der da sagt: ich habe gesündiget, ich bereue es, von dem Inquisitionsgericht allemal freigesprochen wird (was in keinem anderen Tribunal der ganzen Welt geschieht). Fällt er nach erhaltener Vergebung in die nämlichen Fehler zurück, dann wird er für einen betrüglichen und verstellten Büßer und unbußfertig Rückfälligen erklärt.
[7] Dies Tribunal ist also, des geistlichen Anstrichs ungeachtet, ein nur königliches, und alle Redensarten über die Priestergier sind hinfällig.
[8] Van Espen, Jus ecclesiast. Univ. Pari. II. Tit. X, Cap. IX N. 22.
[9] Ein englischer Gerichtshof, der über T\imultuanten erkennt. (A. d. Ü.)

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