Liberalismus

Vor-, Früh-, Alt- und Neoliberalismus

Nur zu oft werden Demokratie und Liberalismus miteinander verwechselt, obwohl es sich bei dem Prinzip der Gleichheit und dem Prinzip der Freiheit um teleologisch entgegengesetzte Begriffe handelt, die sich in ihren Endeffekten gegenseitig ausschließen.

Was ist zunächst Demokratie? Die Demokratie antwortet auf die Frage, wer regieren solle: „Die Mehrheit aller politisch gleichgestellten Bürger – entweder direkt oder durch (gewählte) Vertreter“. Also beruht die Demokratie, richtig verstanden, auf zwei Forderungen: Politische Gleichheit und Mehrheitsentscheidung. Daher kann man auch behaupten, daß die Vereinigten Staaten, wie sie von den Gründervätern geschaffen wurden, zwar gewisse demokratische Aspekte hatten – wie auch Deutschland oder Österreich-Ungarn im Jahre 1900 – aber keine Demokratie im eigentlichen Sinne waren, und dies, obwohl der nicht immer glückliche Demokratisierungsprozeß seit Andrew Jackson (1828) zunehmend fortschreitet. In Zukunft soll auch der Präsident, nach einer jüngst vorgeschlagenen Verfassungsreform, direkt und nicht über ein Elektorenkollegium gewählt werden.

Demokratie hat also an und für sich keine Beziehung zur Freiheitlichkeit. Weder das Prinzip der Gleichheit, noch das der Mehrheitsherrschaft (einer doch sehr starken und absolutistischen Regierungsform) hat mit Freiheit etwas zu tun. Demokratie ist ein griechisches Wort: sie stammt aus Attika, und ihre „Erbsünde“, der Neid[1], ist ein charakteristischer Zug der athenischen Demokratie wie auch ihrer mehr egalitären Versionen.

So war auch des Scherbengericht ein echter Ausdruck neidgeschwollener Aristophobie. Der moralische Bankrott der Demokratie Athens kam jedoch mit dem Justizmord an Sokrates, dessen Hauptverbrechen darin bestand, daß er „die Jugend verdarb“. Wodurch? Er verhöhnte die Demokratie indem er Homer zitierte[2]. Freilich, das bekamen wir nicht im Gymnasium zu hören.

Der Haß Platos (seines Schülers) und auch Aristoteles’ gegen die Demokratie ist zu großem Teil auf den Tod des Sokrates zurückzuführen. Isokrates wünschte das Ende der Demokratie herbei, und dieses kam schließlich durch das Regime der Makedonier. Mit dem Schierlingbecher wurde die Demokratie moralisch zu Grabe getragen und mit der Französischen Revolution feierte sie ihre Wiedergeburt im Schatten des Schafotts.[3]

Da Gleichheit die erste Stufe auf dem Wege zur Nämlichkeit[4] darstellt, ging die Demokratie bald Verbindungen mit allerhand identitären Ismen ein oder forderte deren organisches Wachstum: Militarismus, Zentralismus, Nationalismus, Rassismus, Totalitarismus, Sozialismus. Politische Gleichberechtigung erregte das Verlangen nach wirtschaftlicher Gleichstellung and nationaler (ethnischer) oder rassischer (biologischer) Einheitlichkeit. Die allgemeine Wehrdienstpflicht, ein Geschenk der Französischen Revolution, ist natürlich erzdemokratisch, da sie auf dem Prinzip „gleiche Pflichten – gleiche Rechte“ beruht. Die große Tradition des europäischen Rechtswesens steht hingegen nicht im Zeichen der nihilistischen Gleichheit vor dem Gesetz, ihr Motto ist vielmehr Ulpians Suum cuique.[5]

Freiheit ist keine Forderung der Demokratie[6] als solcher, die liberal oder auch illiberal sein mag und schließlich nur einen Rahmen darstellt, in den alle möglichen Bilder eingefügt werden können. Was geschieht denn, wenn sechzig Prozent von einem Demagogen faszinierter Staatsbürger eine totalitäre Partei wählen? Schon Plato sagte: „Aus keiner anderen Regierungsform als aus der Demokratie entsteht die Tyrannis“[7], während Aristoteles sich weigerte, über den Konflikt zwischen Demokratie and Tyrannis zu diskutieren, weil dies ja nur ein „Familienzwist“ im Grunde verwandter Regierungsformen sei.[8]

Samuel Johnson erklärte mit Recht, daß ihm weder das Wahlrecht noch die Mehrheitsherrschaft wichtig wären, sondern lediglich der Habeas Corpus Akt, d. h. der Schutz der persönlichen Freiheit vor der Willkür des Staates.[9] Es ist doch nur ein Ammenmärchen, daß die Mehrheit immer für Freiheit einsteht. Vor die Wahl zwischen (angeblicher) „Sicherheit“ und Freiheit gestellt, sind die meisten geneigt, die „Sicherheit“ zu wählen – und somit die Sklaverei.

So geschah es in Deutschland 1932-1933.[10] Mehrheiten haben bekanntlich wenig übrig für Minderheiten, besonders nicht für die wenig beliebten. Diese Erkenntnis lag auch James Madisons Äußerung zugrunde, daß das Privateigentum nicht mehr sicher wäre, wenn die Vereinigten Staaten die Demokratie einführen würden.[11] In den Demokratien können die Majoritäten wohlhabende Minderheiten leicht enteignen – entweder direkt oder indirekt durch konfiskatorische Steuern – und sie tun es immer wieder.[12]

Die Freiheit hingegen ist das Grundanliegen des (richtig verstandenen) Liberalismus. Im politischen Sinn ist der Ausdruck spanischen Ursprungs and wurde zum erstenmal im Jahre 1812 für die Anhänger der Verfassung von Cadiz verwendet (deren Gegner los serviles genannt wurden): Southey war der erste englische Autor, der den Ausdruck (in der spanischen Form) gebrauchte, indem er von „our liberales“ sprach, Sir Walter Scott hingegen benutzte die französische Form libéraux.

Während also die Demokratie die Frage beantwortet, wer zu regieren habe, beschäftigt sich der Liberalismus mit dem Problem, wie regiert werden solle: der echte Liberalismus steht auf dem Standpunkt, daß unabhängig davon, wer regiert – ein Monarch, eine Oligarchie oder eine Mehrheit politisch gleichberechtigter Staatsbürger – die Rechte der individuellen Person gewahrt werden müssen. Die zentrale Forderung des Liberalismus ist und bleibt die persönliche Freiheit. Es ist somit klar, daß Demokratie und Liberalismus zwei gänzlich verschiedenen Kategorien angehören, wie z. B. „rund“ und „weiß“. Eine Billardkugel kann rund und weiß sein, genau wie eine Republik demokratisch und liberal sein kann. Aber die Demokratie kann auch ebensogut einen totalitären und diktatorischen Charakter haben, wahrend anderseits ein absoluter Monarch oder sogar ein Diktator liberal sein könnte. (Ein absoluter Monarch aber kann nicht „demokratisch“ sein, wohl aber demophil, ein Freund des Volkes, was freilich ganz etwas anderes ist).

Mit modernen Augen betrachtet erscheinen die absoluten Monarchen des 17. und 18. Jahrhunderts heute recht liberal. Ihr Aktionsradius war beschränkt, und da sie vom Volk kein Mandat erhalten hatten, handelten sie mit einer gewissen Vorsicht. Ein Mann wie Ludwig XIV. wagte es weder, den Franzosen ein jährliches Einkommensteuerbekenntnis vorzuschreiben (eine Generalbeichte wurde normalerweise nur im Beichtstuhl abgelegt), noch die allgemeine Wehrpflicht (die Armee war für „jüngere Sohne“ des Adels da und für dubiose Elemente, die sich als Söldner verdingten), und wenn er versucht hätte, die Getränke seiner Untertanen zu kontrollieren, hätte ihm das wahrscheinlich Krone und Reich, wenn nicht den Kopf gekostet.[13] (Die Guillotine wartet nur auf Monarchen und verhaßte Minderheiten, tyrannische Mehrheiten hingegen haben in dieser Hinsicht nichts zu befürchten. Ausrottungen sind immer „demokratisch“, die Wenigen werden durch die Vielen abgeschlachtet und nicht umgekehrt).

Im obgenannten Sinn ist also der Liberalismus genau des Gegenteil von dem, was heute in Amerika unter diesem Namen segelt, aber nun auch unser Vokabular beeinflußt. Unsere Liberalen am Festland sollten eigentlich einem patentierten amerikanischen Liberalen (der eben left of center ist) kaum die Hand geben, doch kann man dieser Diskriminierung dank des Entstehens eines ,Zigeunerliberalismus“[14] nicht mehr sicher sein. Auch dürfen wir nicht vergessen, daß der Liberalismus auf dem europäischen Festland, wiewohl die Freiheit immer sein Anliegen war, verschiedene historische Phasen durchmachte.

Zu Beginn war da der Präliberalismus, d.h. die Wirtschaftslehre von Adam Smith, der Manchesterliberalismus, wie er erst in der Retrospektive genannt wurde. Dieser hatte entschieden deistische Untertöne und maß der Wirtschaft eine zentrale Bedeutung bei. Außerhalb Großbritanniens und der Vereinigten Staaten war sein Einfluß zuerst wenig zu spüren.[15]

Die zweite Phase ist die des Frühliberalismus, der hauptsachlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts blühte. Es ist nicht ohne Bedeutung, daß unter seinen leitenden Köpfen viele Adelige zu finden waren. Die Frühliberalen standen der Demokratie, die sie totalitärer und tyrannischer Neigung verdächtigten, nicht gerade freundlich gegenüber und befürworteten meist gemischte Regierungsformen wie die „konstitutionelle Monarchie“. In England übernahmen die Frühliberalen die Tradition der Whigs.[16] Es ist auch von Bedeutung, daß sie entweder aufrechte Christen oder zumindest Mitläufer des Christentums waren und sogar einige Liberale des späten 19. Jahrhunderts gehören zu dieser Gruppe. Von ihnen sind besonders erwähnenswert: Chateaubriand, Alexis de Tocqueville,[17] Alexandre Vinet, Lacordaire, Comte Montalembert, Royer-Collard, Gladstone, Lord Acton, Jacob Burckhardt.

Die dritte Phase stellt der Altliberalismus („Paläoliberalismus“) der, den Carlton J. H. Hayes den sektiererischen Liberalismus nannte.[18] Er entwickelte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts und überlebte in einzelnen Fallen den Zweiten Weltkrieg, wie ja überhaupt jede geschichtliche Strömung zahlreiche chronologische Überlagerungen kennt. Jeglichem Dogma and Absoluten abhold, und sicher, daß unerschütterliche Überzeugungen automatisch Intoleranz hervorrufen, stand der Altliberalismus dem ,Klerikalismus“ (sprich: jeder religiösen Orthodoxie) feindlich gegenüber, während er die Demokratie mit einem gewissen Wohlwollen betrachtete. Indem er aber „intolerant gegen Intoleranz“ war, schuf er sich lediglich seine eigene Art von Intoleranz und war nicht abgeneigt, zur Zeit seiner Herrschaft die immer mächtiger werdende Staatsgewalt gegen „Reaktionäre“ einzusetzen. So kam es, daß der Altliberalismus recht paradox wiederholt die Staatsallmacht forderte und selbst den Zentralismus befürwortete – eine im Grunde illiberale Einstellung. Nur auf wirtschaftlichem Gebiet wurde die Kontinuität der liberalen Tradition selten gebrochen.

Im Rahmen der Demokratie erging es dem Altliberalismus nicht gut. Hier scheiterte er ebenso wie die Konservativen. Er trat überall auf dem Kontinent als eine Partei des gehobenen Mittelstandes auf, der Wohlhabenden und der Intellektuellen. Daher seine Schwierigkeit, nach Abschaffung des Klassenwahlrechts Wählerstimmen zu erhalten oder zu gewinnen. In England wurde er später zum Anwalt der unteren Klassen und der gemäßigten Linken, wandte sich also von den echt liberalen Prinzipien ab – besonders unter der Führung von David Lloyd George, der Asquith ablöste.[19] Kein Wunder also, daß die radikale Labour Party die Liberalen bald verdrängte.

Als eine zahlenmäßig geringe, rein intellektuelle und wirtschaftliche Richtung machte sich der Neuliberalismus bereits vor dem Zweiten Weltkrieg bemerkbar. Selbstverständlich verdankt sein Gedankengut den vorhergehenden Phasen sehr viel. Denker wie Ludwig von Mises, ein noch lebender, hochbetagter Altliberaler, auch Friedrich August v. Hayek, inspirierten die Neuliberalen, wie z. B. Wilhelm Röpke. Bekannt sind bei uns auch die Namen von Walter Eucken, Franz Böhm, Götz Briefs, Heddy Neumeister, Alfred Müller-Armack und vor allem der geniale Alexander Rüstow.

Auch die Franzosen Rougier and Villey, der Schweizer Werner Kägi, die Österreicher Georg von Kripp und Roland Nitsche, die Italiener Bruno Leoni und Italiens Präsident Luigi Einaudi gehörten oder gehören zu den Neoliberalen, sowie führende Finanzexperten wie Erhard, Kamitz, Rueff, Ullastres, Lopez Bravo und Lopez Rodó – mit einem Wort, die Schlüsselfiguren der wirtschaftlichen Rekonstruktion Europas, die dank ihres Wissens die kalte Sozialisierung und die dauernde Verarmung Westeuropas verhinderten.[20]

Die Neuliberalen reden und schreiben nicht nur. Von den Paläoliberalen unterscheiden sie sich in dreifacher Beziehung:

1.
Sie glauben an eine freie Marktwirtschaft, aber gerade weil sie den Wettbewerb als wesentlich dazugehörig betrachten, sind sie gegen den wirtschaftlichen Kolossalismus und die Trusts.[21] Der Konsument muß eine echte, freie Wahl haben. Im Interesse der Freiheit hat daher der Staat das Recht, Kartelle und Riesenkonzerne zu brechen.

2.
Sie unterscheiden genau zwischen Toleranz and Gleichgültigkeit. Der relativistische Agnostiker, der reale Werte leugnet, sollte indifferent, also gleichgültig sein. Echte Toleranz, die dem „Er-Tragen“, dem schmerzlichen Dulden einer Fremdmeinung gleichkommt, ist Sache des Absolutisten. Außerdem benötigen wir, wenn wir auf persönliche Freiheit bestehen, eine Philosophie (und/oder Theologie), die uns einen Standort für vernünftige Argumente gibt. Das bedeutet unter Umstanden ein Ja zu bestimmten Offenbarungsreligionen und eine Rückkehr zur religiös inspirierten Haltung das Frühliberalen.

3.
Der Neoliberalismus ist nicht eo ipso anti-demokratisch, aber er hegt ein stets wachsendes Mißtrauen gegen jede Mehrheitsherrschaft und vor allem gegen den Gleichheitswahn. Man darf nicht vergessen, daß die Liberalen aller Phasen eine im weitesten Sinn des Wortes aristokratische Bewegung waren.

Wer sich schwach fühlt, will Sicherheit und diese wird dann oft in einer Herde identischer Individuen gesucht. Männer und Frauen, die markante Persönlichkeiten sind und etwas zu sagen haben, die gewillt sind, auf eigenen Füßen zu stehen und original zu denken, neigen eher zu einem echten Liberalismus, zur Freiheit, als zu den egalitären Platitüden eines Demokratismus, der nur zu leicht zum Vorfeld der radikalen Linken wird.

Wir gebrauchen die Ausdrücke Individuen und Individualismus mit einer gewissen Zurückhaltung. Das Individuum ist lediglich der letzte unteilbare Teil eines Ganzen: Einmaligkeit betrachten wir eher als ein Attribut der Person. Obwohl die meisten von uns im Gespräch mehr oder weniger unüberlegt vom Individualismus im positiven Sinne reden, sollte man immer das Wort Personalismus gebrauchen und dies, obwohl es in Frankreich eine linksgerichtete, fast pro-marxistische, personalistische Bewegung unter Emmanuel Mounier gegeben hat.[22]

Der Leser wird inzwischen bemerkt haben, daß Neoliberalismus und das, was man Konservatismus nennt, sich zum großen Teile überschneiden. Die wahren Konservativen haben heute Nationalismus, Militarismus und Antisemitismus (die Kinderkrankheit mancher konservativer Bewegungen) aufgegeben, die Liberalen in ihrer neuen Form hingegen ihre antichristliche Einstellung, Anbetung der Demokratie und den alten, unbeugsamen Manchesterismus. Wer würde es heute wagen, die genaue Demarkationslinie zwischen beiden zu bestimmen? Der unvergeßliche Wilhelm Röpke war in beiden Lagern zuhause.

Erik Maria Ritter von Kuehnelt-Leddihn

__________
Fußnoten:

  1. Siehe darüber (Lord) Bertrand Russell: The Conquest of Happiness. Horace Liveright: New York 1930, S. 83-84. Ferner: Helmut Schoeck, ,,Des Problem das Neids in der Massendemokratie“, in „Masse und Demokratie“, hrsg. A. Hunold, Rentsch: Erlenbach 1957, S. 239-272.
  2. Eine gute Zusammenfassung das Gerichtsverfahrens gegen Sokrates finden wir in der laufenden „Encyclopedia Britannica“ aus der Feder von Henry Jackson. Siehe such Werner Jaeger: Paideia. W. de Gruyter: Berlin 1954, Bd. 2, S. 76, 124; A. E. Taylor: Socrates. Doubleday Anchor Books, Gerden City 1953, S. 111-115; Helmut Kuhn: Sokrates, Versuch über den Ursprung der Metaphysik. Kosel: München 1959, S. 212-213; U. v. Wilamowitz-Moellendorff: Platon. Weidmann: Berlin 1920, S. 155 ff. Die Verse aus der Ilias, deren Zitierung Sokrates zur Last gelegt worden waren, lauten in der Voss’schen Übersetzung: „Nicht wir alle zugleich sind Könige hier, wir Achäer! Niemals frommt Vielherrschaft im Volk; nur einer sei Herrscher, einer König allein, dem der Sohn des verborgenen Kronos Szepter gab und Gesetze, daß ihm die Obergewalt sei.“
  3. Salvador de Madariaga sagte einst, daß die westliche Kultur auf den Tod zweier Männer, eines Philosophen und eines Gottessohnes beruhe. Man muß hinzusetzen, daß beide das Opfer der vox populi, der Demokratie waren. Als philosophischem Relativisten („Ti esti aletheia? Was ist Wahrheit?“) blieb Pontius Pilatus eigentlich nichts anderes übrig, als seine Entscheidung auf einen materiell-sichtbaren Faktor zu stellen: die Mehrheit der anwesenden Juden, der tobende Pöbel.

    Im Mittelalter wurde bei Abstimmungen (wenn auch höchst „logisch“) die Einheit gefordert, die später in Polen durch das Liberum Veto ad absurdum geführt wurde. Der wachsende Materialismus f6rderte inzwischen das Majoritätsprinzip, das zwar weniger logisch, dafür aber viel „praktischer“ war. (Heute müssen allerdings amerikanische Geschworene immer noch einheitliche Sprüche fallen!) Die völlig gedankenlose Gleichsetzung das Mehrheitswillens mit dem Gesamtwillen ist eine irrationale Perversität, die uns aber langsam in Fleisch und Blut überzugehen droht, und zugleich unserem Hang zu Abstraktionen entgegenkommt. Daher die Wutausbrüche gegen „Minderheitsregierungen“ …

  4. Über den Gegensatz zwischen Nämlichkeit und Vielfalt, Identität und Diversität auf der psychologischen and politischen Ebene, siehe mein „Freiheit oder Gleichheit?“ (O. Müller: Salzburg 1953), S. 397 ff.
  5. In der „Folklore“ das Westens wird gerne Gleichheit mit Gerechtigkeit identifiziert. Zumindestens wird „Gleichheit vor dem Gesetz“ verlangt. Ob aber immer die gleiche Strafe für das gleiche Vergehen angesetzt werden soll, ist höchst fraglich. Wenn ein Armer in Verzweiflung einen Laib Brot stiehlt und ein Reicher dasselbe tut, so ist es eben nicht dasselbe. Si duo faciunt idem, non est idem.

    Auch Altersunterschiede, Intelligenz, Geschlecht etc. müssen berücksichtigt werden. Das deutsche Staatsgrundgesetz verurteilt die Diskriminierung zwischen den Geschlechtern, doch werden nur Männer zur Bundeswehr eingezogen und als im Jahre 1967 der topless bikini (oder monokini) auf deutschen Stranden auftauchte, konnten wir gleich auf seine „Legalität“ hinweisen. Wenn ein Mann in kurzer Badehose sich der Öffentlichkeit präsentieren kann, so darf es such wohl eine Frau. Aus solchen Fallen erkennt man die Weisheit Ulpians.

  6. Unsere Definition der Demokratie ist eine ganz allgemeine und keine persönliche. Nur Hans Kelsen würde ihr widersprechen, Auf unserer Seite stehen Röpke, Radbruch, Ortega, Dawson, Babbitt, Legaz y Lacambra, Schmitt, Ruggiero, Max Weber, Vedel, Stainow, Berdjajew und viele andere. (Diderot in seiner Encyclopédie allerdings nicht.)
  7. Plato: Der Staat. VIII.
  8. Aristoteles, Politik, V, viii, 18.
  9. Siehe F. C. Happold: Toward a New Aristocracy. Faber and London 1943, S. 20-21.
  10. Im Jahre 1932 wählten in freien Wahlen (Juli und November) rund 40 Prozent der Deutschen die NSDAP und 20 Prozent die KPD. Der Rest wählte größtenteils gemäßigte Marxisten, Monarchisten und Abgeordnete von konfessionell gebundenen Parteien – liberale Demokraten aber fast keine. [NSDAP maximal 38%; KPD maximal 17% der abgegebenen Wählerstimmen. MM]
  11. Siehe seine diesbezüglichen Bemerkungen in den Federalist Papers No. 10 und in einem Brief an Jared Sparks. Vide James Madison Works, Elliot Ausgabe, Bd. 1, S. 501.
  12. Es ist immer wieder mit Bleistift und Papier bewiesen worden, daß die allzu hohen Steuersätze „unwirtschaftlich“ sind, aber ihre Verringerung ist in den meisten Demokratien „politisch untragbar“ – und dies obwohl sie das demokratische Gleichheitsprinzip durchlöchern. (Warum soll der eine zwanzig, der andere aber neunzig Prozent seines Einkommens dem Staat überweisen?) Im extremen Fall hören die Reichen auf zu investieren und schaffen so keine neuen Arbeitsstellen oder auch wandern sie ins Ausland ab.
  13. Es kann nicht genug oft betont werden, daß die absolute Monarchie der frühen Neuzeit degenerative Züge hatte. Im Mittelalter, genauso wie im vorigen Jahrhundert, hatten wir das Konzept das Rex sub lege, des Königs unter dem Gesetz. Darüber: Fritz Kern: Gottesgnadentum und Widerstandsrecht im frühen Mittelalter. K. F. Koehler, Leipzig 1914 – ein ausgezeichnetes Werk. Über die Schwierigkeit, die Demokratie rechtsstaatlich zu erhalten vide den Beitrag Werner Kägis: Rechtsstaat und Demokratie. In: Demokratie und Rechtsstaat. Festgabe für Zaccaria Giacometti. Polygraph Verlag, Zürich 1953.
  14. So schrieb K. R. Hagenbach an Jeremias Gotthelf am 18. Oktober 1848: „Wir sind bald auf dem Culminationspunkt der Cannibalenhumanität und des Zigeuner-Liberalismus“. In J. Gotthelf und K. R. Hagenbach. Ihr Briefwechsel aus den Jahren 1841-1853. Hrsg. F. Vetter. C. F. Lehndorff, Basel 1910, S. 65. Dies sind Phänomene, denen wir heute im deutschen Raum wiederbegegnen.
  15. Siehe darüber Alexander Rüstow: Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus als religionsgeschichtliches Problem. Istanbuler Schriften, Istanbul, 1945.
  16. Die Whigs waren die Partei der unabhängigen gentry, des unabhängigen Adels und der Bourgeoisie. Die Tories, ihre Gegner, waren ursprünglich jakobinisch gesinnt, mit gewissen katholischen Sympathien, und hatten erst nach geraumer Zeit ihren Frieden mit dem Haus Hannover gemacht. Sie waren höfisch eingestellt und sind die Vorläufer der konservativen Partei Sir Robert Peels.
  17. Wir schrieben die Einleitung zur neuesten amerikanischen Ausgabe de Tocquevilles „De la démocratie en Amérique“. Vide A. de Tocqueville: Democracy in America, übers. v. Henry Reeves. Arlington House, New Rochelle k. D.), S. vi-xxii.
  18. Carlton J. H. Hayers, A Generation of Materialism. Harper, New York 1941, S. 49. [EKL schreibt einmal Hayes und einmal Hayers. Ich konnte bisher nicht feststellen, welche Schreibweise korrekt ist. MM]
  19. David Lloyd George war eher links von der Mitte denn [als] liberal und überdies ein ausgesprochener Apostel des Wohlfahrtsstaates. Am radikalen linken Flügel seiner Partei betätigte sich der junge Winston Churchill, der aus den Reihen der Konservativen gekommen war und später nach nochmaligem Frontwechsel zu ihnen wieder zurückkehrte. Über den jungen Churchill siehe: Peter de Mendelssohn: The age of Churchill 1874-1911. Thames and Hudson, London 1961. Hier enthüllt sich schon der frühe Zyniker and Deist, der, wie uns Robert Sencourt mitteilte, in Christus lediglich „einen blassen Sozi“ sah. Die weltweite Fehleinschätzung und Fehlbeurteilung Churchills kann sich nur mit jener Kennedys vergleichen.
  20. Nicht nur waren viele katholische Politiker Mittel- und Westeuropas von den monastizistischen Aspekten das Sozialismus fasziniert, in Spanien setzten sich auch die falangistischen, also linksdralligen Kreise um Franco für eine etatistisch sozialisierende Wirtschaft ein. Die Neuliberalen des Opus Dei retteten Spanien vor dem wirtschaftlichen Schicksal Osteuropas in letzter Minute, im Winter 1958-1959.
  21. Sowjetischer Ignoranz ist es zu verdanken, daß die großen Staatskombinate Trusts genannt werden. Wer beschreibt das Erstaunen meiner sowjetischen Freunde, als ich ihnen erzählte, daß in den USA die Trusts von der Staatsanwaltschaft verfolgt werden, während man sich in der UdSSR mit ihrer Existenz brüstet! Doch die Faszination der Sowjetführer durch das amerikanische Beispiel and amerikanische Vorlagen ist einzigartig. Diese Besessenheit kann man nicht nur in den Kunstrichtungen das Frühkommunismus (von R. Fülöp-Miller gut belegt) und in der spätsowjetischen Literatur, z. B. bei Dudintzew, sondern selbst bei A. Wosnessenski feststellen. Vide H. v. Sachno: Der Aufstand der Person. Argon, Berlin 1965, S. 264.
  22. Und doch hat Mounier viele Ideale der gemäßigten christlichen Linken gut durchschaut. So schrieb er in Esprit im Mai 1946, daß die christlich-demokratischen Parteien gegen das Bündnis von Thron und Altar (oder auch Bank und Altar) protestierten, doch dann an Stelle des Heiligen Reiches oder des Gottesgnadentums lediglich die heilige Demokratie setzten“ (S. 718). Hingegen zog ihm am Marxismus der Umstand an, daß er gegen die idealistische Verfremdung und die idealistische Blutlosigkeit des 19. Jahrhunderts die stärkste Reaktion darstellte. Siehe sein: Qu’est-ce que le personnalisme ? Seuil, Paris 1945, S. 56-58.

Eine Antwort zu Liberalismus

  1. Wendelin schreibt:

    Das ist eine sehr anschauliche und gut lesbare Beschreibung des Liberalismus. Vielen Dank dafür von mir.
    Warum ist dieser Text aber mit “ Auf verlorenen Posten“ überschrieben?

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