2. Brief

Zweiter Brief

Herr Graf!
Wenn man angenommen hatte, daß die Inquisition ein bloß geistliches Tribunal sei, und daß Priester einen Menschen zum Tode verurteilen könnten, dann fehlte zur Vollendung dieses Trugbilds böswilliger Dummheit weiter nichts, als auch noch vorauszusetzen, daß die Inquisition wegen bloßer Meinungen zum Tode verdammte und daß zum Beispiel ein Jude, ohne eines andern Verbrechens schuldig zu sein, bloß deswegen verbrannt wurde, weil er ein Jude war, und dieses hat man so oft gesagt, bis man es endlich glaubte.

Ich bedaure, daß ich in den Reihen der am wenigsten zu entschuldigenden Verleumder sogar Montesquieu antreffe, welcher in den angeblichen Vorhaltungen einer angeblichen Jüdin, wovon er in seinem Esprit des lois[1] ein Kapitel geschrieben hat, mit seltener Uner-schrockenheit die härtesten Worte gebraucht. Ein junges unschuldiges Mädchen, ohne anderes Verbrechen als den Glauben an seine Religion, in einer großen Hauptstadt Europas zu verbrennen, wäre ein so abscheulicher Nationalfrevel, daß er ein ganzes Volk und vielleicht ein ganzes Jahrhundert entehren würde. Zum Glück ist diese Unterstellung eine ungereimte Verleumdung, die niemand als den Verleumder entehret.

Seit wann ist es denn erlaubt, Nationen zu verleumden? Seit wann darf man die Autoritäten beschimpfen, die sie bei sich errichtet haben, und diesen Handlungen der grausamsten Tyrannei beilegen, die man nicht allein mit keinem Zeugnisse beweisen kann, sondern die auch die augenscheinlichste Erfahrung widerlegt?[2]

Man läßt in Spanien und in Portugal wie anderwärts jeden Menschen in Frieden, der sich stille hält; der Unbesonnene, welcher eine falsche Religionslehre ausbreitet, oder die öffentliche Ordnung störet, mag über sich selbst klagen. Sie werden keine einzige, ich will nicht sagen christliche, ich sage nicht katholische, sondern lediglich gesittete Nation antreffen, die auf grobe Beleidigung ihrer Religion nicht die Todesstrafe gesetzt hätte.

Was liegt am Namen des Tribunals, das die Schuldigen züchtigen soll! Diese werden überall bestraft und das müssen sie werden.[3] Rein Mensch hat das Recht, die Könige von Spanien zu befragen, warum sie diese oder jene Strafe für dies oder jenes Verbrechen verordnet haben; sie wissen, was sie in ihren Ländern zu tun haben, sie kennen ihre Feinde und wehren sie nach Gutdünken von sich ab; der Hauptpunkt, der einzige und unwidersprechliche, ist, daß rücksichtlich der Verbrechen, wovon ich spreche, niemand gestraft wird, als kraft des allgemein bekannten Gesetzes, nach unveränderlichen Formen, und von rechtmäßigen Richtern, die ihre Macht bloß vom Könige haben und wider ihn nichts vermögen. Dies vorausgesetzt muß alles Geschrei sich legen, und Niemand ist befugt zu klagen. Der Mensch hat einen gerechten Abscheu dawider, daß er von einem andern Menschen gerichtet werden solle, denn er kennt sich und weiß, wozu er fähig ist, wenn Leidenschaft ihn blendet oder hinreißt; aber dem Gesetze gegenüber muß er unterwürfig und ruhig sein, weil die menschliche Natur nichts Besseres zuläßt, als den allgemeinen aufgeklärten und uneigennützigen Willen des Gesetzgebers, der überall an die Stelle des besondern, unwissenden und leidenschaftlichen Willens des Menschen getreten ist.

Wenn also das spanische Gesetz, das für jedermann gegeben ist, gegen den erklärten und öffentlichen Feind eines spanischen Glaubenssatzes die Strafe der Verbannung, des Gefängnisses, selbst des Todes verordnet, so braucht niemand den Strafbaren zu beklagen, der diese Strafe verdient hat, und er selbst hat kein Recht sich zu beklagen, denn ihm stand ein ganz einfaches Mittel zu Gebot, ihr zu entgehen, nämlich zu schweigen.

Was die Juden insbesondere angeht, weiß jeder, oder sollte es doch wissen, daß die Inquisition wirklich nur den jüdisch gesinnten Christen, den rückfälligen Juden, das heißt den Juden, welcher nach feierlich angenommener christlicher Religion zum Judentum zurückkehrte, und den Prediger des Judentums verfolgte. Dem Christen oder dem bekehrten Juden, welche dem Judentum anhängen wollten, stand es frei, Spanien zu verlassen, und sie sowohl als der Jude, der es unternahm, einen Christen zu verführen, kannten die Gefahr, welcher sie sich aussetzten, wenn sie im Lande blieben. Wer kann sich über ein Gesetz beschweren, das für alle gegeben ist?

Man hat in Europa viel Lärm geschlagen wegen der beim Inquisitionsgericht gebrauchten Folter und der Feuerstrafe für die Religionsverbrecher; die laute Stimme französischer Schriftsteller hat sich ohne Unterlaß über einen Gegenstand hören lassen, der dem philosophischen Pathos so sehr angemessen ist; aber all diese hochtrabenden Worte verstummen augenblicklich vor der kalten Vernunft. Die Inquisitoren verordneten die Folter auf Grund der spanischen Gesetze, und weil sie von allen spanischen Gerichten angewandt wurde. Die griechischen und römischen Gesetze hatten dieselbe angenommen; Athen, das sich ein wenig auf Freiheit verstand, unterwarf ihr sogar den freien Menschen. Alle heutigen Nationen haben ehedem dies fürchterliche Mittel gebraucht, um die Wahrheit zu erforschen; und es ist hier der Ort nicht, zu untersuchen, ob alle, so davon sprechen, genau wissen, worum es geht, und ob man in altern Zeiten nicht eben so wichtige Gründe gehabt habe, sie zu gebrauchen, als man in unsern Tagen haben mag, sie abzuschaffen. Dem sei, wie ihm wolle, sobald die Folter dem Inquisitionstribunal nicht mehr als jedem andern angehört, hat niemand das Recht, ihm deshalb einen Vorwurf zu machen.

Mag sich der Grabstichel des Protestanten Bernard Picart noch so sehr bemühen, um uns das scheußliche Gemälde der von den Inquisitionsrichtern auferlegten wahren oder erträumten Foltern zu entwerfen, das alles heißt nichts, oder es geht den König von Spanien an.

Bemerken Sie hier beiläufig, mein Herr, daß gemäß dem Berichte des Ausschusses der Cortes nicht allein die Inquisitoren der Folterung beiwohnen mußten, sondern daß auch der Bischof selbst, obgleich er sich durch einen Abgeordneten vertreten ließ, dazu gerufen wurde; das zeigt bei dieser strengen Handlung schon viele Aufmerksamkeit und alle christliche Liebe, die den Richtern gestattet wird.

Und gleichwie jedes nur in etwas wichtige Dekret, selbst ein bloßer Verhaftungsbefehl ohne Bewilligung des höchsten Rates nicht vollstreckt werden kann, so ist gewiß, daß ein Spruch, der die Folter verordnete, der nämlichen Formalität unterworfen war. Man muß also gestehen, daß die Folter bei den Inquisitionsgerichten von aller Vorsicht begleitet war, die mit der Natur der Dinge vereinbar ist.

Findet der König von Spanien es für gut, in seinen Staaten die Folter aufzuheben, wie solches in England, in Frankreich, Piemont usw. geschehen ist, so wird er daran eben so wohl tun, als alle diese Mächte, und die Inquisitoren werden gewiß die ersten sein, die es billigen: es ist aber der höchste Grad von Ungerechtigkeit und Unsinn, ihnen wegen eines Verfahrens Vorwürfe zu machen, welches zu allen Zeiten und aller Orten bis zu unsern Tagen eingeführt war.

Die Feuerstrafe ist auch ein allgemeiner Gebrauch oder war es doch. Man braucht nicht auf die römischen Gesetze zurückzugehen, welche diese Strafe verhängten; alle Nationen haben sie auf große Verbrechen gesetzt, wodurch die heiligsten Gesetze verletzt wurden. In ganz Europa hat man den Kirchenräuber, den Vatermörder und vorzüglich den Majestätsschänder verbrannt, und da letztgedachtes Verbrechen, nach den Grundsätzen der peinlichen Rechtsgelehrsamkeit, in göttliche und menschliche Majestätsverletzung geteilt wurde, so sah man ein jedes, zum wenigsten jedes wider die Religion verübte grobe Vergehen für ein Verbrechen der göttlichen Majestätsbeleidigung an, welches folglich nicht gelinder bestraft werden konnte, als jenes. Daher entstand der allgemeine Gebrauch, Ketzereistifter und verstockte Ketzer zu verbrennen. In jedem Jahrhundert herrschen gewisse allgemeine Ideen, so die Menschen mit sich fortreißen, und die nie in Frage gestellt werden. Man muß sie dem ganzen menschlichen Geschlechte oder niemandem zum Vorwurf machen.

Aus Besorgnis, von meinem Gegenstand abzuweichen, will ich mich auf die wichtige Frage von Verbrechen und Strafen nicht einlassen. Ich will nicht untersuchen, ob die Todesstrafe gerecht und heilsam ist; ob es dienlich ist, die Strafen nach der Größe der Verbrechen zu verschärfen, und wo dieses schreckliche Recht seine Grenzen hat. Alle diese Fragen gehören nicht zu meiner Untersuchung. Es genügt zur Beseitigung allen Tadels, daß die Inquisition eben so wie andere Tribunale richtet, daß sie nur die größten Verbrecher zum Tode verurteilt, und niemals etwas Anderes ist, als das Werkzeug des gesetzgebenden und geschriebenen Willens des Souveräns.

Ich glaube indessen hier noch zusetzen zu müssen, daß ein Ketzereistifter, ein verstockter Ketzer und ein Ketzereiverbreiter in die Reihe der größten Verbrecher gehören. Was uns in diesem Punkte irre führt, ist, daß wir uns nicht enthalten können, anders als nach Verhältnis der Gleichgültigkeit unseres Jahrhunderts in Religionssachen zu urteilen, da wir doch den Maßstab nach dem uralten Eifer nehmen müßten, den manFanatismus nennen mag, nachdem der Name nichts zur Sache tut. Wenig kümmert es den heutigen Sophisten, der in seiner Studierstube gelehrte Abhandlungen schreibt, daß Luthers Argumente den Dreißigjährigen Krieg herbeigeführt haben; die alten Gesetzgeber hingegen, wohl wissend, wie theuer diese unglücklichen Lehren den Menschen zu stehen kämen, bestraften ein Verbrechen, das die Gesellschaft in ihrer Grundfeste zu erschüttern und im Blute schwimmen zu lassen vermochte, sehr gerecht mit dem Tode.

Der Augenblick ist ohne Zweifel gekommen, wo sie weniger beunruhigt sein dürfen; bedenkt man aber, daß das Inquisitionstribunal die Französische Revolution zuverlässig würde verhütet haben, dann zweifelt man, ob der Souverän, welcher sich dieses Werkzeugs unbedingt begäbe, der Menschheit nicht einen tödlichen Streich versetzen würde.

Der Abbe de Vayrac ist, glaube ich, der erste Franzose, der über die spanische Inquisition in seinem Werke: Voyage d’Espagne et dltalie[4] vernünftig gesprochen hat;allein schon im Jahre 1731 gab er die Hoffnung auf, daß seine Stimme unter dem Geschrei des Vorurteils hörbar werden möchte. „Ich gestehe“, sagt er, „daß wenn diejenigen, welche ihren Grimm gegen das Inquisitionstribunal auslassen, seine Glieder in Betracht zögen, sie ganz anders reden würden… Es ist aber sehr zu bedauern, daß die vorgefaßte Meinung ein solches Übergewicht hat, daß ich fast den Mut verliere, meine Landsleute zu dem Zugeständnis zu bringen, Bedachtsamkeit, Weisheit, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit seien die Tugenden, welche die Inquisitoren wesentlich zieren… Man muß sehr böse oder ein gefährlicher Mensch sein, um von diesem Tribunal gestraft zu werden.“

Was man eben gelesen hat, kann jeder Vernünftige selbst erraten, wenn er nur einen Augenblick über die Eigenschaften der Richter nachdenken will. Fürs erste sind die großen spanischen Gerichtshöfe äußerst gerecht, mit den gelehrtesten Männern besetzt und ganz unbestechlich. Setzt man diesem allgemeinen Charakter noch den des katholischen Priestertums hinzu, so wird man ohne vorherige Erfahrung sich überzeugen, daß in der Welt nichts ruhigeres, nichts vorsichtigeres, nichts seiner Natur nach menschlicheres sein könne, als das Inquisitionstribunal.

In diesem Tribunal, welches zum Schrecken der Einbildungskraft errichtet ist und notwendigerweise mit geheimnisvollen und strengen Formen umgeben sein mußte, um die Wirkung hervorzubringen, die der Gesetzgeber sich davon versprach, behält das religiöse Prinzip nichtsdestoweniger seinen unauslöschlichen Charakter. Mitten unter Strafmaßnahmen ist es sanft und barmherzig, und weil das Priestertum mit zum Tribunal gehört, kann dieses keinem andern ähnlich sein. In der Tat, es hat auf seinem Panier den Wahlspruch, der allen Tribunalen in der Welt fremd sein muß: Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Anderwärts gilt allenthalben nur Gerechtigkeit für die Tribunale, und bloß die Souveräne geht die Barmherzigkeit an. Richter würden Rebellen sein, wenn sie begnadigen wollten, sie würden sich Souveränitätsrechte anmaßen; sobald aber das Priestertum berufen wird, um mit unter den Richtern zu sitzen, wird es sich weigern Platz zu nehmen, wofern ihm der Souverän nicht sein großes Vorrecht zugestände. Barmherzigkeit also sitzt mit der Gerechtigkeit zu Gericht, und geht dieser noch vor. Dem Angeklagten, der diesem Gerichte vorgeführt wird, steht es frei, seine Schuld zu bekennen, um Vergebung zu bitten und sich der religiösen Sühne zu unterwerfen.

Von diesem Augenblicke an verwandelt sich das Verbrechen in Sünde und die Strafe in Buße. Der Schuldige fastet, betet, und kasteiet sich. Statt zum Richtplatz zu gehen, singt er Psalmen, beichtet seine Sünden, hört die heilige Messe; man läßt ihn geistliche Übungen halten, spricht ihn los, gibt ihn der Gesellschaft und seiner Familie wieder. Ist das Verbrechen ungeheuer, der Strafbare halsstarrig, muß Blut vergossen werden, so zieht sich der Priester zurück, und erscheint nicht wieder, als um den armen Sünder auf dem Blutgerüste zu trösten. Es ist bemerkenswert, daß dieser unterscheidende Charakter der Inquisition von einem Minister der französischen Republik[5] auf die feierlichste Weise ist anerkannt worden, und interessant zu sehen, wie in dem nämlichen Journal, woraus ich oben die ausgezeichnete Stelle angeführt habe, von diesem Werke ist berichtet worden. Hier führt, wie Sie sehen werden, ein besonnener Mann die Feder.

„Wo ist jedoch“, sagt der schätzbare Journalist, „außer der Inquisition ein Tribunal in Europa, das den Strafbaren freispricht, wenn er Reue hat, und seine Reue bekennt? Welcher Mensch, der lästerliche Reden führt, sich gottlos beträgt und zu Grundsätzen bekennt, welche den zur Handhabung der gesellschaftlichen Ordnung von den Gesetzen festgestellten widerstreben, ist von den Beisitzern dieses Tribunals nicht zweimal gewarnt worden? Fällt er in den vorigen Fehler zurück, beharrt er trotz der gegebenen Ermahnung in seinem Betragen, so wird er in Arrest gesetzt, und falls er Reue äußert, frei gegeben. Herr Bourgoing, dessen religiöse Meinungen zur Zeit, wo er das Gemälde des heutigen Spaniens entwarf, nicht verdächtig sein konnten, sagt von der Inquisition: Ich gestehe, um der Wahrheit zu huldigen, daß die Inquisition in unseren Tagen als ein Muster von Rechtlichkeit angeßihrt werden könnte. Welch ein Bekenntnis! Und wie würde man es aufnehmen, wenn wir dasselbe gesagt hätten? Indessen hat Herr Bourgoing an dem Inquisitionstribunal nur das gefunden, was es wirklich ist, ein Mittel der Staatssicherheit.“

Was die strengen oder schrecklichen Maßnahmen betrifft, die man dem Inquisitionsgericht so sehr verwiesen hat, so kann ich leider nicht recht daran glauben, und ich möchte zum wenigsten an Ort und Stelle sein, um richtig darüber zu urteilen. Dem sei wie ihm wolle, erlaubt die in Sitten und Meinungen erfolgte Änderung, in diesem Punkte etwas gelinder zu sein, so ist der König vollkommen Herr, es anzuordnen, und die Inquisitoren werden sich mit Vergnügen darnach richten. Nichts Menschliches kann vollkommen sein und jede Einrichtung zieht einige Mißbräuche nach sich.

Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu glauben, daß kein Mensch weiter davon entfernt ist, unnütze Strenge zu billigen, als ich; ich will nur bemerken, daß die religiöse Inquisition von Spanien der politischen Inquisition von Venedig wohl gleichen möchte, die durch einen gewissen Schrecken die Einbildungskraft beherrschte, welcher aus phantastischen Elementen zusammengesetzt war, die keine andere Wirkung hatten, als die Ordnung aufrecht zu halten und Blutvergießen zu vermeiden.

Es ist übrigens nicht wahr, selbst nicht in Portugal, daß die geringste Anzeige hinreiche, um den Beschuldigten einkerkern zu lassen, daß man ihn die Hauptpunkte der Anklage und die Ankläger nicht wissen lasse, daß man ihm Verteidiger verweigere, und daß die Angeber immer ungestraft blieben, wenn sie ihn fälschlich beschuldigt hätten. Das Tribunal spricht nie ein Urteil über weltliche Strafen: es erklärt bloß, der Strafbare sei schuldig und überführt; und diesemnach fällt der weltliche Richter das Urteil, gerade so, wie wir es in Spanien gesehen haben. Einziehung der Güter geschieht ausschließlich zum Nutzen des Königs, und die Diözesanbischöfe haben das Recht, gemeinschaftlich mit den Inquisitoren über das Verbrechen zu erkennen.[6]

Bezüglich der mehr oder minder strengen Formen muß ich ferner noch bemerken, daß keine aufgeklärte Macht in der Welt anzutreffen ist, welche aus wichtigen und gerechten Beweggründen von Zeit zu Zeit nicht gewisse außerordentliche Tribunale errichtet hätte, die fast gänzlich der gewöhnlichen Formen überhoben waren. Ich führe deshalb die alten Marechausseege-richte der Franzosen an. Die Könige von Frankreich hatten eine besondere Vorliebe für die Sicherheit ihrer Landstraßen. Jeder Reisende stand unter ihrem besonderen Schutze, und der geringste Frevel gegen seine Sicherheit war eine Art von Majestätsverbrechen, welches mit Blitzesschnelligkeit von dem Gesetze schrecklich bestraft wurde. Der Bösewicht, welcher auf der Landstraße einen Taler erpreßt hatte, ward von der Marechaussee aufgegriffen, dem Oberrichter und zweien Beisitzern desselben überliefert und innerhalb von vierundzwanzig Stunden lebendig gerädert. Und das geschah unter den Augen des Parlaments, welches sich gar nicht darum bekümmerte.

Das war ohne Zweifel kein zartes Rechtsverfahren; aber es stand auch jedem Franzosen kundbar frei, auf der Landstraße nicht zu stehlen, und des Königs Willen war, daß man sie gefahrlos durchwandern, ja sogar ohne Nachteil darauf einschlafen könnte. Jeder hat seine Ansichten.
Sie sehen, Herr Graf, wie viel Irrtümer die heutigen Sophisten auf Rechnung der Inquisition gesammelt haben.

Sie haben uns dieselbe als ein rein geistliches Gericht dargestellt, und ich habe Ihnen durch die unbestreitbarsten Zeugnisse gezeigt, was daran ist. Sie wollten uns glauben machen, daß Priester lediglich wegen Meinungen zum Tode verurteilten, ich habe Ihnen die Wahrheit gezeigt.

Sie ließen uns die Inquisition als eine Erfindung der Päpste ansehen, doch diese haben sie nur auf dringendes Ansuchen der Souveräne, oft mit Widerwillen, wenigstens in Hinsicht auf gewisse Maßnahmen, die ihnen zu streng schienen, gestattet. Es fehlte nun weiter nichts, als daß man die Inquisition auch von sehen der Kirchenzucht angegriffen und behauptet hätte, sie schwäche die bischöfliche Gerichtsbarkeit. Zum Unglück der heutigen Reformatoren hatten sie aber alle Bischöfe Spaniens, eine der ehrwürdigsten Körperschaften der katholischen Welt, gegen sich, die ausdrücklich erklärten, daß sie an der Inquisition zu jeder Zeit eine getreue Freundin gefunden hätten, die immer bereit gewesen sei, sie in Erhaltung des Glaubens zu unterstützen; allein Sie wissen, daß der Parteigeist sich nicht irre machen läßt und nie zurückweicht. Der Ausschuß der Cortes hat eine gewisse wahre oder falsche Geschichte von einem gewissen Großinquisitor entdeckt, der im Jahr 1622, man weiß nicht wie, noch warum, einen gewissen Bischof von Carthagena verfolgte und wegen dieser großen Übeltat in einer gewissen Sitzung des Rats von Castilien getadelt wurde. Über dieses lichtvolle Zeugnis, das so entscheidend und vor allem noch so frischen Andenkens ist, läßt sich der Ausschuß bedeutsam vernehmen:

„Wie mögen es die-semnach die ehrwürdigen Bischöfe wagen, gegen das Zeugnis ihrer Mitbrüder und dasAnsehen des ersten Tribunals der Nation Ew. Majestät (das heißt: den Cortes) vorzustellen, daß die Inquisitoren in bezug auf die Erhaltung des Glaubens ihnen in den bischöflichen Amtsverrichtungen behilflich seien?“

Eine einzige Begebenheit, die mehr als zweifelhaft und ohne alle Einzelheiten erzählt ist, eine Begebenheit vom Jahre 1622, der feierlichen Erklärung aller Bischöfe entgegenzustellen, das ist eines jener Wunder an Unvernunft, wodurch sich alle Volksversammlungen mehr oder weniger auszeichnen.

Mit gleichem Glücke tadelt der Ausschuß an der Inquisition, daß sie einen finstern Einfluß auf den menschlichen Geist habe. „Ist es möglich, sagt er, daß eine Nation berühmt werde, wenn die Gemüter darin einer so rohen Sklaverei unterworfen sind? Die Schriftsteller verschwanden in dem Augenblick, wo die Inquisition erschien.“

Der Ausschuß scherzt ohne Zweifel: denn wer weiß es nicht, daß das glänzende Jahrhundert der spanischen Literatur gerade das von Philipp II. gewesen ist, und daß alle Schriftsteller, die Spanien berühmt gemacht haben, ohne Erlaubnis der Inquisition keines ihrer Bücher haben drucken lassen? Die Mathematik, die Sternkunde, die Chemie, die gesamten Naturwissenschaften, Philologie, Geschichte, Altertumswissenschaft usw. bieten dem menschlichen Geiste ein weites Feld an, das er in jedem Betracht nach Belieben durchwandern kann, ohne daß der Inquisitor sich im geringsten damit befaßt. Man mag es noch so oft wiederholen, das Genie werde gefesselt, wenn ihm verboten ist, die Nationalglaubenslehre anzugreifen; durch wiederholen wird nie ein Irrtum beglaubigt.

Moskau, den 20. Juni (2. Juli) 1815.

___
Fußnoten:

[1] XXV. Buch, Kap. VIII.
[2] Sehr merkwürdig ist an diesem tadelhaften Bruchstücke das Geständnis, welches die Macht der Wahrheit dem Montesquieu entrissen hat, wo er, ohne es im mindesten zu ahnen, seiner kleinen Jüdin die Worte in den Mund legt: „Sollen wir ihnen offenherzig sagen, was wir denken? Sie halten uns vielmehr für ihre Feinde, als für Feinde ihrer Religion.“ Das ist die Losung, nun sprechen Sie mir weiter nicht von Religion, und halten Sie sich an die weltliche Obrigkeit.
[3] In Europa hat man nie vermutet, daß in China ein Inquisitionstribunal wäre, um die Lehre, den Glauben und die Sitten des Reichs in ihrer Reinheit zu erhalten; dennoch ist dieses schon sehr alt, auch sehr streng, und hat mehr Blut fließen lassen, als alle europäischen zusammen. Viele Leute, die China als Beispiel für Toleranz anführen, würden dort nicht lange gelebt haben oder hätten geschwiegen. (Mem. sur les Chinois, Bd. I, S. 476. Anm. XXVII.) Alle Nationen sind in diesem Punkt einig.
[4] Amsterdam 1731. Zitiert im Journal historique et litteraire, Februar 1777, S. 197.
[5] Nouveau voyage en Espagne, par M. Bourgoing; Journal de l’Empire, 17. September 1805.
[6] Les Anecdotes du ministere du Marquis de Pombai, Varsovie 1784 (Liv. VIII, note LXXXVII.)

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