Monarchie

Es beginnt das Buch Monarchia des Dante Alagherius aus Florenz.

DAS ERSTE BUCH

ERSTES KAPITEL

Für alle Menschen, denen die höhere Natur Liebe zur Wahrheit aufgeprägt hat, scheint dies am wichtigsten zu sein, daß sie in der gleichen Art, wie sie von der Arbeit der Alten reich geworden sind, nun selbst den Späteren vorarbeiten, auf daß die Nachwelt etwas von ihnen habe, wodurch sie reich werde. Weit bleibt darum der von seiner Pflicht entfernt – er zweifle nicht – der eingeweiht in staatliche Lehren nicht daran denkt, für das Staatswesen etwas beizutragen. Der ist nicht ein Baum, der an den Wasserbächen Frucht bringt zu seiner Zeit, sondern eher ein verderblicher Strudel, der stets verschlingt und nie das Verschlungene zurückströmt. Dies nun durchdenke ich häufig bei mir, und damit ich nicht einst der Schuld des vergrabenen Pfundes geziehen werde, begehre ich für den staatlichen Nutzen nicht nur zu schwellen, vielmehr auch Frucht zu bringen und Wahrheiten zu zeigen, an die niemand gerührt hat. Denn welche Frucht trüge der, der eine Behauptung Euklids abermals bewiese? der die von Aristoteles gezeigte Glückseligkeit wiederzuzeigen unternähme? der das Greisenalter, das Cicero verteidigt, zu verteidigen wieder aufgriffe? Keine fürwahr: sondern eher brächte Langeweile ein so widerwärtiger Überfluß. Und da unter den vielen geheimen und nützlichen Wahrheiten die Kenntnis der zeitlichen Monarchie am nützlichsten ist und am meisten verborgen, und weil sie nicht unmittelbar zur Ausbeutung bereit liegt, da noch niemand an sie gerührt hat, besteht der Vorsatz, diese aus ihren Verstecken herauszuschälen: zunächst, damit ich nützliche Wache halte in der Welt, dann auch, damit ich die Palme dieses großen Wettkampfes als erster zu meinem Ruhm verdiene. Ein steiles Werk freilich, eins über Menschenkräfte greife ich an, nicht sowohl auf die eigne Tüchtigkeit vertrauend wie auf das Licht jenes Spenders, „der da allen reichlich gibt und es keinem vorrückt“.

ZWEITES KAPITEL

Zuerst also gilt es zu sehen, was das ist, was zeitliche Monarchie genannt wird, daß ich es im Umriß bezeichne und dem Denkbild gemäß. Es ist also die zeitliche Monarchie, die man Kaisertum nennt, die Einherrschaft, und zwar über alle in der Zeit oder in und über dem, was von Zeit sein Maß empfängt. Am meisten aber zweifelt man ihrethalben über drei Fragen: zuerst nämlich zweifelt und fragt man, ob sie für das Wohlsein der Welt notwendig sei; zu zweit, ob das römische Volk sich nach Recht das Amt des Monarchen beigelegt habe; und zu dritt, ob die Geltung des Monarchen von Gott unmittelbar abhänge oder von einem Diener oder Statthalter Gottes.

Jedoch weil jede Wahrheit, die nicht Anfang und Oberstes, nicht Prinzip ist, aus der Wahrheit eines Prinzips offenbar wird, ist es nötig, bei jeder Untersuchung Kenntnis von dem Prinzip zu besitzen, auf das man zerlegend zurückgehe, um der Sicherheit aller Hauptsätze willen, die man weiter unten annimmt. Und weil die vorliegende Schrift eine Art Untersuchung ist, erscheint es richtig, vor allem nach dem Prinzip zu schürfen, auf dessen Macht das Niedere beruhen soll.

Man muß also wissen, daß es Dinge gibt, die wir, als unserm Vermögen gar nicht unterliegend, lediglich betrachten können, bewirken aber nicht, etwa die mathematischen, physischen und göttlichen; doch auch Dinge gibt, die wir, als unserm Vermögen unterliegend, nicht bloß betrachten, sondern auch bewirken können: und bei diesen wählt man nicht die Wirkung um der Betrachtung willen, sondern diese um jener willen, weil ja hier Wirkung das Ziel ist. Da also der vorliegende Gegenstand staatsbildnerisch, ja Quell und Prinzip der richtigen Staatsbildungen ist, und alles Staatliche unserm Vermögen unterliegt, so ist offenbar, daß sich dieser Gegenstand ursprünglich nicht auf Betrachtung, sondern auf Wirkung richtet. Wiederum, da im Bereiche des Wirkens Anfang und Ursache aller Dinge in der Vollendung, im letzten Ziele liegt: denn dies gibt dem handelnden die erste Bewegung – so muß folgen, daß jedes Nachdenken über Dinge, die für ein Ziel da sind, vom Ziele selbst auszugehen hat; denn anders denkt man nach, wie man das Holz verschneide, wenn man ein Haus, anders, wenn man ein Schiff baut. Drum wenn es so etwas gibt: ein Ziel für die umspannende Gemeinschaft des Menschengeschlechts, so wird es hier der Anfang sein; und alles, was weiter unten zu beweisen ist, wird sich dadurch zur Genüge offenbaren. Daß es aber ein Ziel gebe für diese und jene Gemeinschaft, doch nicht für alle gemeinsam Ein Ziel gebe, das zu wähnen ist töricht.

DRITTES KAPITEL

Jetzt gilt es denn zu sehen, was Zweck und Ziel der ganzen menschlichen Gemeinschaft sei; ist das gesehen, so wird mehr als die Hälfte der Arbeit vollbracht sein, nach einem Worte des Philosophen an Nikomachus. Und es werde zur Erhellung der Frage bedacht, daß in gleicher Weise, wie es ein Ziel gibt, wofür die Natur den Daumen, und ein von ihm verschiedenes, wofür sie die ganze Hand, und wieder ein von beiden verschiedenes, wofür sie den Arm, und ein von allen verschiedenes, wofür sie den ganzen Menschen erschafft – daß es ebenso ein Ziel gibt, wofür sie den einzelnen Menschen, ein andres, wofür sie die Hausgemeinde bestimmt, ein andres, wofür der Nachbarschaft, ein andres auch, wofür der Stadt, und ein andres, wofür dem Reiche, und schließlich ein bestes Ziel gibt, wofür dem Menschengeschlecht überhaupt der ewige Gott durch seine Kunst – das ist die Natur – Dasein schafft. Und nach diesem wird hier gefragt, als nach dem Prinzip der Untersuchung, welches die Richte gibt. Deswegen muß man zuerst wissen, daß Gott und Natur nichts Müßiges tun: sondern was ins Dasein eingeht, ist für irgend eine Tätigkeit da. Nicht ist nämlich letztes Ziel im Sinne des Schöpfers, soweit er Schöpfer ist, irgend ein geschaffenes Wesen, sondern die dem Wesen eigentümliche Tätigkeit: daher denn nicht diese eigentümliche Tätigkeit des Wesens wegen, sondern das Wesen der Tätigkeit wegen sein Dasein besitzt. Es gibt also eine eigentümliche Tätigkeit der menschlichen All-gemeinde, und ihr ist diese Allgemeinde der Menschen in ihrer großen Zahl zugeordnet – eine Tätigkeit fürwahr, an die weder Ein Mensch, noch Ein Haus, noch Eine Nachbarschaft, noch Eine Stadt, noch ein teilhaftes Reich herankommen kann. Deren Wesen aber wird offenbar werden, wenn das Äußerste, was der ganzen Menschheit zu verwirklichen möglich ist, ans Licht tritt.

Ich behaupte also, keine Kraft, an der mehrere von Art verschiedene Wesen Teil haben, stelle das Äußerste dar, was deren einem zu verwirklichen möglich ist: denn da ein so beschaffenes Äußerstes das Artbestimmende ist, so würde folgen, daß Eine Wesenheit zu mehreren Arten abgeartet wäre, was unmöglich ist. Nicht ist also die äußerste Kraft im Menschen das Sein selbst, schlechthin aufgefaßt, weil daran, wenn man es so auffaßt, auch die Elemente teilhaben; noch das zusammengesetzte Sein, weil das auch in den Mineralien – noch das beseelte Sein, weil das auch in den Pflanzen zu finden ist; noch das wahrnehmende Sein, weil daran auch die Tiere teilhaben: sondern das durch den möglichen Geist wahrnehmende Sein -dies Sein kommt keinem außer dem Menschen zu, weder über noch unter ihm. Denn wenn es auch andere Wesen gibt, die am Geiste teilhaben, so ist doch ihr Geist kein möglicher wie beim Menschen, weil solche Wesen rein geistige Arten sind und nichts andres; und ihr Sein ist nichts als ein geistiges Verstehen des Seins, das sie sind, und das ohne Unterbrechung: sonst wären sie nicht allewig. Es erhellt also, daß das Äußerste, was dieser Menschheit zu verwirklichen möglich ist, die geistige Möglichkeit oder Kraft ist.

Und weil diese Möglichkeit nicht vollständig durch Einen Menschen oder durch irgend eine der oben unterschiedenen Teilgemeinden auf einmal in die Wirklichkeit übergeführt werden kann, so ist nötig, daß eine Vielheit sei im Menschengeschlecht, durch welche sich denn diese ganze Möglichkeit verwirkliche: wie eine Vielheit der erzeugbaren Dinge nötig ist, damit die ganze Möglichkeit des ersten Stoffes beständig in der Verwirklichung sei; sonst müßte man eine für sich bestehende Möglichkeit zugeben, was unmöglich ist. Und mit dieser Meinung stimmt Averroes überein im Kommentar der Bücher über die Seele. Auch ist die geistige Möglichkeit, von der ich rede, nicht bloß für die allumfassenden Urformen oder die Arten da, sondern durch eine gewisse Ausdehnung auch für die teilhaften: daher man zu sagen pflegt, der schauende Geist werde durch Ausdehnung zum tätigen. Dessen Ziel aber ist handeln und schaffen: diese scheide ich, weil die Dinge des Handelns durch die staatsbildende Klugheit, und weil die Dinge des Schaffens durch die Kunst ihr Maß erhalten, während sie doch alle der Schau frönen als dem besten, wozu die erste Güte das menschliche Geschlecht ins Dasein rief. Schon hieraus wird das Wort der Politik verständlich, „die an Geist starken stünden naturgemäß den andern vor“.

VIERTES KAPITEL

Genügend ist also ausgelegt, es sei das eigentümliche Werk des als Ganzheit begriffenen Menschengeschlechtes, daß es stets die ganze Möglichkeit des möglichen Geistes verwirkliche, vorerst um zu schauen, und in zweiter Linie, durch seine Ausdehnung, um hierfür zu wirken. Und weil es so wie im Teile auch im ganzen ist, und es im teilhaften Menschen geschieht, daß er im Sitzen und Ruhen an Klugheit und Weisheit vollendet wird, so ist deutlich, daß das Menschengeschlecht in der Ruhe und Stille des Friedens für sein eigentümliches Werk – welches fast göttlich ist nach dem Wort: „gemindert hast du ihn kaum minder denn die Engel“ – sich am freiesten und leichtesten befindet. Und damit ist offenbar, daß der Allfriede das beste unter den Dingen ist, die sich auf unsre Seligkeit richten. Daher das Wort, das den Hirten von droben erklang: nicht Schätze, nicht Lüste, nicht Ehre, nicht Länge des Lebens, nicht Gesundheit, nicht Stärke, nicht Schönheit, sondern Friede. Es spricht nämlich die himmlische Ritterschaft: „Ruhm in der Höhe dem Gott und Friede auf Erden den Menschen guten Willens.“ Daher auch grüßte „Friede mit euch“ das Heil der Menschen: es ziemte ja dem höchsten Heiland, den höchsten Heilgruß zu bieten. Und diese Sitte wollten seine Jünger und Paulus in ihren Begrüßungen wahren; wie es allen kund sein kann.

Aus diesem also, was ausgelegt ist, geht hervor, wodurch besser, ja wodurch am besten das Menschengeschlecht zu seinem eigentümlichen Werke gelangt; auch ist somit das nächstliegende Mittel ersehen worden, wodurch man in das eingeht, worauf als auf das letzte Ziel all unsre Werke sich richten, das ist der Allfriede: er werde als Prinzip der nun folgenden Gedanken zu Grunde gelegt. Ein solches war notwendig, wie gesagt ward, gleich einem vorgesteckten Banner, und auf dies soll alles, was zu beweisen ist, ausgehen als auf die offenkundigste Wahrheit.

FÜNFTES KAPITEL

Mit Wiederaufnahme dessen nun, was im Anbeginn gesagt wurde, sind am meisten drei Dinge zweifelhaft, drei Zweifel fragbar über die zeitliche Monarchie, die mit dem gewöhnlicheren Ausdruck Kaisertum genannt wird: und es besteht, wie angekündigt, der Vorsatz, unter dem bezeichneten Prinzip die Untersuchung hierüber zu führen, der schon berührten Ordnung gemäß.

Demnach sei die erste Frage, ob die zeitliche Monarchie für das Wohlsein der Welt notwendig sei. Dies nun vermag man, ohne daß eine Kraft der Vernunft oder der Lehre entgegenstände, durch die vorzüglichsten und ersichtlichsten Beweisgänge zu zeigen. Deren erster werde aus der Lehre des Philosophen genommen, aus seiner Politik. Es erklärt nämlich dort seine ehrwürdige Lehrmeisterschaft, so oft mehrere Dinge sich auf Eines richten, müsse deren Eins Maß geben oder regieren, die andern dagegen Maß empfangen oder regiert werden: welches denn nicht nur der ruhmvolle Name des Lehrers glaublich macht, auch die induktive Vernunft. Wenn wir nämlich einen Menschen beobachten, so werden wir das an ihm zutreffen sehen; denn während sich seine Kräfte alle auf das Glück richten, ist die eine geistige Kraft Maßgeberin und Regentin aller andern: sonst kann er zum Glücke nicht gelangen. Wenn wir ein Haus betrachten, dessen Bestimmung und Ziel ist, die Hausbewohner zum Gutleben vorzubereiten, so muß Einer sein, der maßgebe und regiere, den man Familienvater heißt, oder dessen Stellvertreter, nach dem Satze des Philosophen: „jedes Haus wird vom Ältesten regiert“; und dem, wie Homer sagt, kommt es zu, allen das Maß zu geben und den andern Gesetze aufzulegen, weshalb sprichwörtlich jener Fluch gesprochen wird: „deinesgleichen mögst du im Hause haben“. Wenn wir eine Nachbarschaft betrachten, deren Bestimmung das bequeme Sichaushelfen mit Sachen und Personen ist, so muß Einer für die andern maßgebend sein, der entweder von einem andern gegeben ist oder mit Beistimmung der andern unter ihnen hervorragt: sonst gelangt man nicht zu der gemeinschaftlichen Selbstgenüge, und sogar wird bisweilen, wenn mehrere hervorragen wollen, die ganze Gruppe zerstört. Wenn wir eine Stadt ansehen, deren Bestimmung das gute und selbstgenügsame Leben ist, so muß das Regiment Eines sein, und das nicht bloß in einer aufrechten Verfassung, sondern auch in einer gebeugten: macht man es anders, so geht nicht nur die Bestimmung des städtischen Lebens verloren, sondern es hört auch die Stadt auf, zu sein was sie war. Wenn wir endlich ein teilhaftes Reich ansehen, dessen Bestimmung die der Stadt ist, nur ist sein ruhiger Bestand zuverlässiger – so muß Einer König sein, der regiere und lenke: sonst verfehlen nicht bloß, die im Reiche leben, ihre Bestimmung, sondern es gleitet auch das Reich ins Verderben nach dem Spruche der untrüglichen Wahrheit: „jedes Reich, in sich selber uneins, wird wüst.“ Verhält es sich demnach so in diesen und in allen einzelnen Dingen, die sich auf ein Eines richten, dann ist wahr, was oben angenommen wird. Nun steht fest, daß das ganze Menschengeschlecht sich auf Eines richtet, wie schon vorweg gezeigt war: also muß Eines maßgebend oder regierend sein: und dies muß Monarch oder Kaiser geheißen werden. Und so erhellt, es ist für das Wohlsein der Welt nötig, daß eine Monarchie da sei oder ein Kaisertum.

SECHSTES KAPITEL

Und wie sich der Teil zum Ganzen verhält, so die teilhafte Ordnung zur gesamten. Der Teil verhält sich zum Ganzen wie zum Ziel und zur Vollendung: also auch die Ordnung im Teil zur Ordnung im Ganzen wie zum Ziel und zur Vollendung; woraus sich ergibt, daß die Güte der Teilordnung nicht über die Güte der Gesamtordnung hinausgeht, vielmehr umgekehrt. Da sich also eine zwiefache Ordnung in den Dingen findet, die Ordnung nämlich der Teile untereinander und die Ordnung der Teile auf ein Eines hin, das nicht Teil ist – wie die Ordnung der Teile eines Heers untereinander und ihre Ordnung auf den Führer hin – so ist die Ordnung der Teile auf das Eine hin als das Ziel der andern die bessere: denn ihretwegen besteht die andre, nicht umgekehrt. Darum, wenn die Form dieser Ordnung sich in den Teilen der menschlichen Vielzahl findet, muß sie sich vielmehr noch in der Vielzahl oder Gesamtheit selbst finden, kraft des voraufgeschickten Schlusses, weil sie die bessere Ordnung oder Form der Ordnung ist. Nun findet sie sich in allen Teilen der menschlichen Vielzahl, wie es durch das, was im vorigen Kapitel gesagt wurde, genügend deutlich ist: also muß sie sich auch in der Gesamtheit selber finden. Und so müssen alle die aufgeführten Teile unterhalb der Reiche und die Reiche selbst sich auf Einen Herrscher oder Eine Herrschaft hinordnen, das ist auf den Monarchen oder die Monarchie.

SIEBENTES KAPITEL

Weiter: die menschliche Allheit ist ein Ganzes für bestimmte Teile und ist ein Teil für ein bestimmtes Ganze. Sie ist nämlich ein Ganzes für die Teilreiche und für die Völker, wie das Bisherige zeigt; und ist ein Teil für das ganze All, und das ist an sich greifbar. Wie also die geringeren Glieder der menschlichen Allheit dieser selbst gut entsprechen, so muß auch sie ihrem Ganzen gut entsprechen. Ihre Teile entsprechen ihr selbst gut allein durch Ein herrschendes Prinzip, wie man aus dem Bisherigen leicht entnehmen kann; also entspricht auch sie dem All oder dessen Herrscher, welcher Gott ist und Monarch, schlechthin gut allein durch Ein herrschendes Prinzip, nämlich den Einherrscher: woraus folgt, es sei die Monarchie notwendig für die Welt, damit ihr wohl sei.

ACHTES KAPITEL

Dann: ein jegliches befindet sich gut und am besten, das sich gemäß der Absicht des ersten Erregers befindet, der Gott ist; und dies ist an sich bekannt, außer wenn einer leugnet, die göttliche Güte reiche an das Höchste der Vollkommenheit. In Gottes Absicht ist es, daß jedes Bewirkte das göttliche Gleichnis darstelle, soweit seine besondere Natur es aufzunehmen vermag: daher gesagt ist: „lasset uns den Menschen machen nach unserm Bilde und Gleichnis“. Wiewohl hier „nach dem Bilde“ von den Dingen unterhalb des Menschen nicht gesagt werden kann, „nach dem Gleichnis“ kann doch von jeglichem gesagt werden, da das ganze All nichts andres ist als eine Fußspur der göttlichen Güte. Also befindet das Menschengeschlecht sich gut und am besten, wenn es sich gemäß seinem Können Gott angleicht. Doch gleicht sich das menschliche Geschlecht am meisten Gott an, wenn es am meisten eines ist; denn der wahre Begriff des Einen ist allein in Ihm, daher geschrieben steht: „Höre, Israel, der Herr dein Gott ist Einer.“ Doch dann ist das menschliche Geschlecht am meisten eines, wenn es sich ganz in Einem vereint, und das kann nicht sein, außer wenn es Einem Herrscher ganz und gar untertan ist, wie sich von selbst ergibt. Also gleicht sich das Menschengeschlecht, Einem Herrscher untertan, am meisten Gott an; und folglich ist es so am meisten der göttlichen Absicht gemäß, welches bedeutet, daß es sich gut und am besten befinde, wie im Anfang dieses Kapitels bewiesen ist.

NEUNTES KAPITEL

Ingleichen: gut und am besten befindet sich jeder Sohn, wenn er die Spuren eines vollkommenen Vaters, soweit seine besondere Natur es erlaubt, aufnimmt. Das Menschengeschlecht ist Sohn des Himmels, und der ist das vollkommenste in jedem seiner Werke; es zeugt nämlich den Menschen der Mensch und die Sonne, nach dem zweiten Buche der Naturlehre. Also befindet sich am besten das Menschengeschlecht, wenn es die Spuren des Himmels, soweit seine besondere Natur es erlaubt, aufnimmt. Und da der ganze Himmel durch eine einzige Bewegung, die des Urbeweglichen, und durch einen einzigen Beweger, das ist Gott, das Maß empfängt für alle seine Teile, Bewegungen und Beweger – wie das die menschliche Vernunft durch Philosophieren auf das deutlichste begreift: so befindet sich, falls recht gefolgert wurde, das Menschengeschlecht dann am besten, wenn es von einem einzigen Herrscher, gleichsam dem einzigen Beweger, und durch ein einziges Gesetz, gleichsam die einzige Bewegung, für seine Beweger und Bewegungen das Maß erhält. Deswegen erscheint notwendig für das Wohlsein der Welt die Monarchie oder Einherrschaft, die Kaisertum genannt wird. Diese Erkenntnis seufzte Boethius in dem Wort:

O glückselig Menschengeschlecht,

Wenn in euren Herzen regiert Liebe,

die den Himmel regiert.

ZEHNTES KAPITEL

Dann: wo immer eine Streitigkeit sein kann, dort muß ein Richtertum sein; sonst bestände ein Unvollkommenes ohne eignen Weg zur Vollkommenheit: welches unmöglich ist, da Gott und Schöpfung im Notwendigen nicht versagen. Zwischen jeder Zwei von Herrschern, deren keiner dem andern irgend unterworfen ist, kann eine Streitigkeit sein, entweder durch ihre eigne Schuld oder die der Untertanen; das ist aus sich selber klar. Also ist zwischen solchen ein Richtertum not; und da keiner über den andern erkennen kann, weil ja keiner dem andern untergeben ist – denn es hat Gleicher über Gleichen keine Obergewalt – ist ein dritter not von weiter greifender Gerichtsbarkeit, der durch den Umfang seines Bannkreises beide beherrsche. Und dieser wird entweder der Monarch sein oder nicht: wenn ja, schließt sich der Beweis; wenn nicht, bekommt er abermals einen Ebenbürtigen jenseits des Umkreises seiner Gerichtsbarkeit: dann ist abermals ein andrer, dritter notwendig. Und so wird es entweder ein Prozeß ins Unendliche, was nicht sein kann, oder man wird bei dem ersten und höchsten Richter anlangen müssen, durch dessen Richtertum sämtliche Streitigkeiten beseitigt werden, sei es mittelbar, sei es unmittelbar: und dies wird der Monarch oder Kaiser sein. Es ist also die Monarchie notwendig für die Welt; und diese Erkenntnis sah der Philosoph, als er sagte: „Die Dinge wollen nicht übel verwaltet werden; ein Übel aber die Vielheit der Herrschaften, Einer also herrsche.“

ELFTES KAPITEL

Fernerhin: die Welt ist am besten ausgebildet, wenn die Gerechtigkeit in ihr am stärksten ist; daher Virgil in dem Wunsch, jenes Menschenalter zu preisen, das in seiner Zeit aufzusteigen schien, in seinen Hirtengedichten sang: “ Schon naht wieder die Jungfrau, es nahn die saturnischen Reiche“. Jungfrau nämlich nannte man die Gerechtigkeit, die sie auch Asträa nannten; saturnische Reiche hießen die besten Zeiten, die man auch als die goldnen bezeichnete. – Die Gerechtigkeit ist am stärksten allein unter dem Monarchen: also wird für die beste Ausbildung der Welt erfordert, daß die Monarchie oder das Kaisertum bestehe.

Zur Erhellung des Untersatzes muß man merken: die Gerechtigkeit, von sich aus und in ihrer eignen Natur betrachtet, ist eine Gradheit oder ein Maßstab, der das Verbogene überall ausschließt; und so gesehen gilt von ihr kein Mehr und Minder, in derselben Art wie auch von der Weiße, in ihrer Unbedingtheit betrachtet. Es sind nämlich von dieser Art gewisse Urformen: der Zusammensetzung fähig, dabei selbst bestehend in einfacher und unveränderlicher Wesenheit; wie es der Meister der sechs Prinzipien richtig sagt. Doch empfangen die Ureigenschaften dieser Art ein Mehr und Minder durch ihre Träger, an denen sie Erscheinung werden, je nachdem sich ein Mehr und Minder von Gegensätzlichem in den Trägern beimischt. Wo sich also das Wenigste von Gegensätzlichem der Gerechtigkeit beimischt, sowohl was ihre Artung wie was ihre Ausübung angeht, dort ist die Gerechtigkeit am stärksten. Und dann kann man wahrlich von ihr sagen, wie der Philosoph spricht, „weder Abendstern noch Morgenstern ist also wunderbar“. Sie ist ja dann der Phoebe ähnlich, die auf den Bruder quer über den Raum hin aus dem Purpur morgendlicher Heiterkeit schaut.

Was also ihre Artung angeht, so hat die Gerechtigkeit ihren Gegensatz zuweilen im Wollen. Denn wo der Wille nicht lauter ist von jeder Gier, da mag wohl Gerechtigkeit dabei sein -nimmer ist sie doch darin im Schimmer ihrer Reinheit. Sie hat dann einen Träger, der, wenn auch noch so wenig, doch irgendwie ihr widersteht: daher man mit Fug die fortjagt, die den Richter in Leidenschaft zu bringen suchen. Was dagegen ihre Ausübung angeht, so hat die Gerechtigkeit ihren Gegensatz im Können: denn da Gerechtigkeit eine Tugend auf den Nächsten hin ist, wie wird da einer sie ausüben ohne die Macht, jedem zu erteilen, was sein ist? Woraus hervorgeht, daß, je mächtiger der Gerechte, desto weiter sich die Gerechtigkeit in ihrer Ausübung erstrecken wird.

Von dieser Auslegung her folgere man nun so: Die Gerechtigkeit ist am stärksten in der Welt, wenn sie dem wollendsten und könnendsten Träger einwohnt; von dieser Art ist allein der Monarch: also ist die dem Monarchen allein innewohnende Gerechtigkeit in der Welt die stärkste. Dieser Schluß erfolgt der zweiten Figur nach mit verhüllter Teilverneinung, und gleicht diesem: jedes B ist A; allein C ist A: also allein C ist B. Und dies bedeutet: jedes B ist A; nichts außer C ist A: also nichts außer C ist B. Und zwar ist der vordere Satz durch die vorangehende Auslegung deutlich; der andre erweist sich so – und zwar zuerst, was das Wollen, dann, was das Können angeht:

Man beachte zuerst, daß der Gerechtigkeit am meisten die Gier entgegengesetzt ist, wie es Aristoteles andeutet im fünften Buch an Nikomachus. Nimmt man die Gier hinweg, so bleibt überhaupt nichts der Gerechtigkeit Feindliches; daher der Spruch des Philosophen, was durch Gesetz bestimmt werden kann, solle keinesfalls dem Richter überlassen werden. Und so muß es aus Furcht vor der Gier geschehen, die leicht den Geist der Menschen verdreht. Wo also nichts ist, was man wünschen könnte, unmöglich kann dort Gier bestehen: denn sind ihre Gegenstände zerstört, so können Leidenschaften nicht sein. Nun hat der Monarch nichts, was er wünschen könnte, denn seine Gerichtsbarkeit hat nur das Weltmeer zur Grenze: das trifft nicht bei den andern Fürsten zu, deren Fürstentümer an andre grenzen, zum Beispiel das des Königs von Kastilien an das des Königs von Aragon. Hieraus folgt, am lautersten unter Sterblichen könne der Monarch Träger der Gerechtigkeit sein.

Außerdem: wenn die Gier das gerechte Verhalten irgendwie, sei sie auch noch so gering, überwölkt, die rechte Liebe schärft und erleuchtet es im selben Maße. Wem also rechte Liebe am meisten einzuwohnen vermag, in dem vermag Gerechtigkeit den stärksten Platz zu besitzen: von solcher Art ist der Monarch, also ist durch dessen Dasein die Gerechtigkeit am stärksten oder kann es sein. Daß aber die rechte Liebe das Behauptete vollbringe, mag man hieraus entnehmen: die Gier, menschlicher Selbstgenüge Verächterin, sucht nach anderem; die Liebe indessen, Verächterin alles anderen, sucht Gott und den Menschen und damit das dem Menschen Gute. Und da unter allen Gütern des Menschen das stärkste ist, in Frieden zu leben, wie oben gesagt wurde, und die Gerechtigkeit dies am meisten und stärksten bewirkt, so wird die Liebe am meisten die Gerechtigkeit stärken, und die mächtigste am mächtigsten. – Und daß dem Monarchen am meisten unter den Menschen die rechte Liebe einwohnen müsse, erhellt so. Jedes Liebenswerte wird um so mehr geliebt, je näher es dem Liebenden steht; nun stehen die Menschen dem Monarchen näher als den andern Herrschern: also werden sie von ihm am meisten geliebt, oder sollen es werden. Das erste Glied ist offenbar, wenn man die Natur des Leidens und Handelns beobachtet. Das zweite wird daraus deutlich, daß den andern Herrschern die Menschen nur teilweise sich nähern, dem Monarchen jedoch in ihrer Gesamtheit; und wiederum nähern sie sich den andern Herrschern durch den Monarchen und nicht umgekehrt. So wohnt, dem Ursprung nach und unmittelbar, dem Monarchen die Sorge für alle inne, den andern Fürsten aber durch den Monarchen, deshalb, weil ihre Sorge von jener höchsten Sorge herniedersteigt. – Außerdem: je allumfassender eine Ursache ist, desto mehr besitzt sie den Sinn der Ursache; denn die tiefere ist Ursache nur durch die höhere, wie es klar ist aus der Schrift von den Ursachen. Und je mehr eine Ursache Ursache ist, desto mehr liebt sie die Wirkung, da diese Liebe am Begriff der Ursache haftet. Da nun der Monarch die allumfassendste Ursache unter den Sterblichen ist, daß die Menschen gut leben – denn die andern Herrscher sind es durch ihn, wie gesagt wurde – so ist die Folge, daß das Wohl der Menschen von ihm am meisten geliebt werde.

Daß aber für das Werk der Gerechtigkeit der Monarch am stärksten fähig sei, wer bezweifelt das: es sei denn, daß einer dies Wort nicht versteht, denn wenn er Monarch ist, kann er Feinde nicht haben. Genug ist nun die große Unterannahme erläutert, denn die Folgerung ist gewiß: nämlich, daß es für die beste Ausbildung der Welt nötig ist, es gebe die Monarchie.

ZWÖLFTES KAPITEL

Dann: das Menschengeschlecht befindet sich bei möglichster Freiheit am besten. Dies wird offenbar sein, wenn das Prinzip der Freiheit klar ist. Hierfür ist zu wissen, das erste Prinzip unserer Freiheit sei die Freiheit der Entscheidung, die viele im Munde haben, im Geiste jedoch wenige. Sie gelangen nämlich bis dahin, daß sie sagen, die freie Entscheidung sei ein freies, vom Willen herrührendes Urteil: und die Wahrheit sagen sie, nur ist das durch die Worte hineingelegte ferne von ihnen, in gleicher Weise, wie es jeden Tag unsere Logiker mit einigen Sätzen machen, die man als Beispiel in den logischen Vorlesungen einstreut, etwa mit diesem: das Dreieck hat drei Winkel gleich zwei Rechten. Und deshalb behaupte ich, das Urteil sei die Mitte zwischen Wahrnehmung und Begehrung: denn zuerst wird ein Ding wahrgenommen, dann daraufhin als gut oder schlecht beurteilt, und zuletzt erstrebt oder flieht es der Urteilende. Wenn also das Urteil durchaus die Begehrung erregt und in keiner Weise von ihr überholt wird, ist es frei; wenn aber von der Begehrung – wie sie es auch überhole – das Urteil erregt wird, kann es nicht frei sein, weil es nicht von sich, sondern einem andern wie ein Beutestück bestimmt wird. Und von hier stammt es, daß die Tiere freies Urteil nicht haben können, weil ihre Urteile immer von der Begehrung überholt werden. Und von hier kann auch erhellen, warum die geistigen Substanzen, deren Wille unwandelbar ist, sowie die abgeschiedenen Seelen, wenn sie gut von hier hingehen, die Freiheit der Entscheidung durch die Unwandelbarkeit des Willens nicht verlieren, sondern auf das vollkommenste und stärkste behalten. Ist dies ersehen, so kann weiterhin offenbar sein, warum diese Freiheit, oder dieses Prinzip all unsrer Freiheit, das größte Geschenk ist, das der Menschennatur von Gott dargebracht ward, wie ich es im Paradies der Komödie schon gesagt habe: denn durch dies werden wir hier beseligt als Menschen, durch eben dies anderwärts beseligt als Götter. Wenn das nun so ist, wer wird dann leugnen, es befinde sich am besten das Menschengeschlecht, wenn es möglichst dieses Prinzips genießen darf ?

Nun ist das Menschengeschlecht unter dem Monarchen in möglichster Freiheit. Hierfür gilt es zu wissen, jenes sei frei, das um seiner selbst und nicht um eines andern willen da ist, nach dem Entscheide des Philosophen in der Schrift über das schlechthin Seiende. Denn das, was um eines andern willen da ist, leidet Nötigung von dem, um dessentwillen es da ist, wie der Weg Nötigung leidet vom Ziel. Das menschliche Geschlecht ist nur unter dem Befehl des Monarchen um seiner und nicht um eines andern Willen da; denn einzig dann werden die gebeugten Verfassungen aufgerichtet, das sind die Demokratien, Oligarchien und Tyranneien, die das menschliche Geschlecht in Knechtschaft zwingen, wie es klar ist, wenn man sie alle überdenkt; und die Verfassung tragen dann Könige, Aristokraten, die man Optimaten nennt, und Völker als Eifrer um die Freiheit: weil der Monarch, er, der die Menschen am meisten liebt, wie schon berührt wurde, will, daß alle Menschen gut werden – was nicht sein kann, wo man in gebeugter Verfassung lebt. Drum sagt der Philosoph in seiner Politik, daß in der gebeugten Verfassung der gute Mensch ein schlechter Bürger ist, in der aufrechten aber der gute Mensch und gute Bürger sich begegnen. Und derartige aufrechte Verfassungen gehen auf die Freiheit aus, das heißt darauf, daß die Menschen für sich selbst da sind. Nicht nämlich sind die Bürger für die Ratsherrn noch der Adel für den König, sondern umgekehrt die Ratsherrn für die Bürger und der König für den Adel da: denn wie nicht die Verfassung nach den Gesetzen, vielmehr die Gesetze nach der Verfassung gegeben werden, ebenso richtet sich auch nicht nach dem Gesetzgeber wer gemäß dem Gesetze lebt, sondern eher jener nach ihm: wie gleichfalls der Philosoph erachtet in dem, was uns über den vorliegenden Gegenstand von ihm überkommen ist. Hieraus geht auch hervor, daß, so sehr der Ratsherr oder König im Hinblick auf den Weg Herren sind über die andern, sie doch im Hinblick auf das Ziel Diener der andern sind, und am meisten der Monarch, den man ohne Zweifel für den Diener aller halten muß. Hieraus kann auch bereits kenntlich werden, daß der Monarch von dem ihm vorgesteckten Ziele Nötigung leidet, will er Gesetze errichten. Also, das Menschengeschlecht befindet sich unter dem Monarchen am besten, woraus folgt, daß zum Wohlsein der Welt das Dasein der Monarchie nötig ist.

DREIZEHNTE S KAPITEL

Weiter: Wer am besten zum Regieren ausgebildet sein kann, kann am besten andre ausbilden. Denn in jeder Handlung geht der Handelnde ursprünglich darauf aus – mag er nach Naturnotwendigkeit, mag er willentlich handeln – sein eignes Gleichnis zu entfalten: daher es geschieht, daß jedes Handelnde als solches beglückt wird, denn wenn alles, was ist, das eigne Sein begehrt, und sich im Handeln das Sein des Handelnden gewissermaßen ausbreitet, dann folgt mit Notwendigkeit eine Beglückung, weil Beglückung immer an das Ersehnte geknüpft ist. Es handelt also nur das, was selbst schon derart ist, wie das zu Bewirkende werden soll: weshalb der Philosoph in der Schrift über das schlechthin Seiende spricht: „Alles, was aus der Möglichkeit in die Wirklichkeit übergeführt wird, wird durch das übergeführt, was selbst in der Wirklichkeit schon derart ist.“ Wenn eines aber anders zu handeln unternimmt, ist dies Unternehmen eitel. Und von hier aus vermag der Irrtum derer zerstört zu werden, die mit gut Reden und schlecht Handeln andre in Leben und Sitten zu bilden denken, ohne zu bemerken, daß Jakobs Hände mehr Glauben fanden als seine Worte, ob auch diese das Falsche, jene das Wahre glauben machten. Darum meint denn der Philosoph an Nikomachus: „Über die Dinge im Bereich von Leiden und Handeln sind Reden minder glaubhaft als Werke.“ So ward auch vom Himmel zum Sünder David gesprochen: „was verkündigest du meine Rechte?“ – als ob es spräche: eitel redest du, da du anders bist als das, was du redest. Aus all dem entnimmt man, daß am besten ausgebildet sein muß, wer am besten andre ausbilden will.

Nun ist der Monarch allein der, der am besten zum Regieren ausgebildet sein kann. Das legt sich so dar: Ein jegliches Ding wird um so leichter und vollkommener zu seiner Artung und seiner Ausübung ausgebildet, je weniger der Gegensatz zu solcher Ausbildung in ihm liegt; darum gelangen leichter und vollkommener zum Besitz der philosophischen Wahrheit, die nie etwas gehört haben, als die gelegentlich etwas gehört haben und mit falschen Meinungen getränkt sind; und deswegen sagt gut Galenus, solche bedürften doppelter Zeit, die Wissenschaft zu erwerben. Da also der Monarch zur Gier keinen Anlaß haben kann, oder doch den geringsten unter den Sterblichen, wie weiter oben gezeigt ist – was bei den übrigen Herrschern nicht eintrifft – und da die Gier ganz allein Verderberin des Urteils und Behinderin der Gerechtigkeit ist: so muß folgen, daß er durchaus oder doch am meisten wohlausgebildet zum Regieren sein kann, weil er von Allen Urteil und Gerechtigkeit am stärksten besitzen kann. Und diese beiden kommen zu alleroberst dem Gesetzgeber und Gesetzesvollstrecker zu, nach dem Zeugnis jenes heiligsten Königs, welcher einst, was dem Könige und Sohne des Königs zukommt, von Gott heischte mit dem Wort: „Gott, gib dein Urteil dem Könige, und deine Gerechtigkeit dem Sohne des Königs.“ Gut ist also im Untersatz das Wort gesagt, daß der Monarch allein der ist, der am besten zum Regieren ausgebildet sein kann. Also kann der Monarch allein am besten andere ausbilden: woraus folgt, daß für die beste Ausbildung der Welt die Monarchie notwendig sei.

VIERZEHNTES KAPITEL

Dann: Was durch Eines geschehen kann, geschieht besser durch Eines als durch Mehrere. Das wird so ausgelegt: sei das Eine, wodurch etwas geschehen kann, A, und seien die Mehreren, wodurch es ebenfalls geschehen kann, A und B. Wenn also jenes selbe, das durch A und B geschieht, bloß durch A geschehen kann, so wird B dabei vergebens hinzugenommen, weil aus seiner Hinzunahme nichts folgt, wenn vorher jenes selbe durch A allein geschah. Und da jede solche Hinzunahme müßig oder überflüssig ist; und alles Überflüssige Gott und der Natur mißfällt, und alles, was Gott und der Natur mißfällt, schlecht ist, wie sich von selbst versteht: so folgt nicht allein, es geschehe besser durch Eines, wenn es so geschehen kann, als durch Mehrere, sondern auch, daß das Geschehen durch Eines gut ist, das durch Mehrere gradezu schlecht. – Außerdem nennt man eine Sache „besser“ wegen ihres Näherseins am Besten, und das Endziel enthält den Begriff des Besten: nun ist das Geschehen durch Eines näher am Ziel, also ist es besser. Und daß es näher sei, erhellt so: Sei das Ziel C, das Geschehen durch Eines A, durch Mehrere A und B. Offenbar ist, daß länger der Weg von A über B nach C ist als von A nur nach C.

Nun kann das Menschengeschlecht von einem höchsten Herrscher gelenkt werden, das ist der Monarch. Hierfür ist freilich zu bemerken, daß, wenn es heißt, „das Menschengeschlecht kann von einem höchsten Herrscher gelenkt werden“, dies nicht so zu verstehen sei, daß die kleinsten Urteile in jedem beliebigen Städtchen von jenem Einen unmittelbar ausgehen könnten, selbst wenn die städtischen Gesetze bisweilen mangelhaft sind und eine Richte nötig haben, wofür der Philosoph, im fünften Buch an Nikomachus dies erläuternd, die Epieikeia, die Schicklichkeit, empfiehlt. Es haben ja Völker, Reiche und Städte trennende Eigentümlichkeiten, denen durch unterschiedene Gesetze ihr Maß zu geben gebührt: das Gesetz nämlich ist das Richtmaß des Lebens. Anderes Maß gewiß müssen die Skythen erhalten, die jenseits des siebenten Klimas lebend und große Ungleichheit der Tage und Nächte leidend, bedrückt werden von fast unerträglicher Frostesstarre, und anderes die Garamanten, die, unter der Nachtgleiche wohnend und stets das Tageslicht gleich lang wie die nächtlichen Finsternisse ertragend, wegen dem Allzuviel an Glutlüften sich nicht mit Kleidern bedecken können. Sondern so ist es zu verstehen, daß das Menschengeschlecht gemäß seinen Gemeinsamkeiten, die allen entsprechen, von ihm gelenkt und durch gemeinsames Maß zum Frieden gesteuert werde. Und zwar müssen dies Maß oder Gesetz die Teilfürsten von ihm empfangen, so wie der praktische Geist für den Schluß, der zur Tat führe, den Obersatz vom schauenden Geiste empfängt, dann darunter den Teilsatz, der ihn eigentlich angeht, hinzunimmt und zuletzt an seinem Teil für die Tat den Schluß zieht. Und dies ist nicht bloß für Einen möglich, sondern notwendig muß es von Einem ausgehen, damit alle Verwirrung über die Prinzipien der Welt verschwinde. Dies ist auch vollbracht worden, und zwar durch Moses, wie er selbst im Gesetze schreibt: er, die Obersten von den Stämmen der Söhne Israel heranziehend, überließ ihnen die geringeren Urteile, doch die höheren und allgemeineren wahrte er sich allein; und diese allgemeineren wandten die Obersten bei den Stämmen in der Art an, die jeglichem Stamme entsprach.

Also ist es besser, das Menschengeschlecht werde von Einem gelenkt, denn von Mehreren, und so vom Monarchen, welcher der Einherrscher ist: und wenn besser, so auch Gott gefälliger, da Gott immer will was besser ist. Und weil, wo nur zwei sind, besser und bestes dasselbe heißt, so folgt, dies sei Gott nicht nur gefälliger, wo nur dies Eine und diese Mehreren sind, sondern das gefälligste. Und es folgt, das Menschengeschlecht befinde sich am besten, wenn es von Einem gelenkt wird, und so ist für das Wohlsein der Welt nötig, daß die Monarchie da sei.

FÜNFZEHNTES KAPITEL

Ebenfalls behaupte ich, daß das Seiende, das Eine und das Gute sich stufenweis verhalten nach der fünften Wortbedeutung des Eher. Das Seiende nämlich geht von Natur dem Einen, das Eine dem Guten voran – denn das am meisten Seiende ist am meisten Eines, und das am meisten Eine ist am meisten gut; und je mehr sich etwas von dem am meisten Seienden entfernt, um so mehr auch vom Eins-sein, und folglich vom Gut-sein. Deswegen ist in jeder Gattung der Dinge jenes das beste, welches am meisten Eines ist, nach dem Entscheide des Philosophen im Werk vom schlechthin Seienden. Und daher kommt es, daß Eins-sein die Wurzel dessen zu sein scheint, was Gut-sein ist, und Vieles-sein dessen, was Schlecht-sein ist: weshalb Pythagoras in seinen Verhältnisreihen auf seiten des Guten das Eine setzte, jedoch auf seiten des Bösen das Vielfache, wie es im ersten Buche vom schlechthin Seienden steht. Von hier aus kann man sehen, daß sündigen nichts andres ist als vom verschmähten Einen zum Vielen vorschreiten: welches denn der Psalmist sah, da er sprach: „Aus der Frucht des Getreides, Weines und Öls sind sie viele geworden.“

Fest steht also, daß alles, was gut ist, dadurch ein Gutes ist, daß es auf dem Einen beruht. Und da die Eintracht als solche ein Gut ist, so ist offenbar, daß sie auf einer Einheit gleich wie auf ihrer besonderen Wurzel beruht: welche Wurzel denn sichtbar wird, wenn man die Natur oder den Begriff der Eintracht erfaßt. Es ist nämlich Eintracht die Bewegung mehrerer Willen in Einer Form: und in diesem Begriffe wird sichtbar, daß die Einheit der Willen, welche durch die einförmige Bewegung erkennbar wird, Wurzel der Eintracht oder die Eintracht selber ist. Denn wie wir mehrere Erdschollen einträchtig nennen würden, weil sie alle zumal zur Mitte hinabsteigen, und mehrere Flammen, weil sie alle zumal zum Umkreis aufsteigen, wenn sie das willentlich täten: so nennen wir mehrere Menschen einträchtig, weil sie sich zugleich, dem Wollen gemäß, auf das Eine hinbewegen, das der Form nach in ihren Willen ist, so wie Eine Eigenschaft der Form nach in den Schollen: die Schwere – und Eine in den Flammen ist: die Leichte. Denn die Kraft des Wollens ist eine Möglichkeit, aber das Denkbild des erkannten Guten ist ihre Form. Und diese Form wird, wie auch andere, als in sich Eine vervielfacht, entsprechend der Vielfältigkeit des aufnehmenden Stoffes: so auch die Seele, die Zahl und die andern Formen, die zur Zusammensetzung gelangen.

Dies zur Erklärung des anzunehmenden Vordersatzes vorweggenommen, werde nun auf den Hauptsatz zu so gefolgert. Alle Eintracht hängt von der Einheit ab, die in den Willen da ist; das menschliche Geschlecht ist in seiner besten Lage eine Art Eintracht – denn wie Ein Mensch in seiner besten Lage, sowohl was Seele wie was Leib angeht, eine Art Eintracht ist, und gleichfalls das Haus, die Stadt und das Reich, so das ganze menschliche Geschlecht -: also hängt das menschliche Geschlecht in seiner besten Lage von der Einheit ab, die in den Willen da ist. Aber das kann nicht sein, außer wenn Ein Wille Herr und Maßgeber aller andern auf das Eine hin ist, da die Willen der Sterblichen wegen der spielerischen Vergnügungen der Jugend der Richte bedürfen, wie im letzten an Nikomachus der Philosoph es lehrt. Auch dieser Eine Wille kann nicht sein, außer wenn Einer über allen Fürst ist, dessen Wille dann Herr und Maßgeber der andern alle sein könne. Wenn nun alle obigen Folgerungen wahr sind – sie sind es – so ist es für die beste Lage des Menschengeschlechts nötig, es gebe in der Welt den Monarchen und folglich die Monarchie für das Wohlsein der Welt.

SECHZEHNTES KAPITEL

All den aufgestellten Vernunftgründen stimmt der denkwürdige Erfahrungsgrund bei: jener Zustand nämlich der Sterblichen, welchen Gottes Sohn, um zum Heile der Menschen Menschentum anzunehmen, entweder erwartet oder, als er wollte, selbst verfügt hat. Denn wenn wir seit dem Falle der ersten Eltern, welcher die Abzweigung all unsrer Abwegigkeit gewesen ist, die Ordnungen der Menschen und die Zeiten durchgehen, finden wir allein unter dem göttlichen Monarchen Augustus, als die Monarchie vollendet da war, daß die Welt überall still gewesen wäre. Und daß damals das Menschengeschlecht in der Ruhe des Allfriedens glücklich war, davon geben alle Geschichtschreiber, davon die erlauchten Dichter Zeugnis – davon hat auch der Darsteller der Sanftmut Christi Zeugnis zu geben geruht, und schließlich hat Paulus als „Fülle der Zeit“ jenen glücklichsten Zustand bezeichnet. Wahrlich, die Zeit und jedes Zeitliche war erfüllt, weil kein Dienst an unserm Glücke seines Dieners bloß war. Wie aber die Welt sich befunden hat, seit dieser ungenähte Rock von der Klaue der Gier einmal den Riß erlitten hat, das können wir lesen, und könnten wirs doch nicht sehen! O Menschengeschlecht, in wieviel Stürmen und Schlägen und wieviel Schiffbrüchen ist dir not gerüttelt zu werden, da du, zum Ungetüm mit vielen Häuptern geworden, auf das Zerstreute hin strebst. An beiderlei Einsicht krankst du und zugleich am Gemüt. Mit unwiderleglichen Vernunftgründen pflegst du nicht die höhere, noch mit dem Antlitz der Erfahrung die niedere Einsicht, doch auch dein Gemüt nicht mit der Süßigkeit göttlichen Zuspruchs, während es durch die Posaune des heiligen Geistes dir zubläst: „Siehe wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder wohnen im Einen “

Es schließt das Erste Buch.

DAS ZWEITE BUCH

ERSTES KAPITEL

„Warum tobten die Völker, und die Leute redeten so vergeblich? Die Könige im Lande lehnten sich auf, und die Fürsten ratschlagten mit einander wider den Herrn und seinen Gesalbten. Lasset uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihr Joch.“ –

Wie wir eine neue Wirkung, wenn wir zum Anblick ihrer Ursache nicht vordringen, gemeinhin anstaunen, so verachten wir, da wir sie erkennen, mit leichtem Spotte die, welche beim Staunen stehen bleiben. Gestaunt habe denn ich lange Zeit, daß das römische Volk ohne jeden Widerstand über den Erdenkreis gesetzt war, indem ich nur oberflächlich hinschauend vermeinte, ohne jedes Recht und bloß mit Gewalt der Waffen hätte es sich behauptet. Aber seit ich die Augen des Geistes bis ins Mark gebohrt und durch die mächtigsten Zeichen erkannt hatte, die göttliche Vorsehung habe das gemacht, wich das Erstaunen und es kam eine leicht spöttische Verachtung über mich, wenn ich nun merkte, wie die Völker gegen den Vorrang des römischen Volkes tobten, wenn ich nun die Leute so Eitles reden höre, wie ich selber pflegte, wenn ich mich gar betrüben muß, wie dieser Frevel Könige und Fürsten vereint, daß sie ihrem Herrn zuwider sind, ihrem einzigen römischen Fürsten. Deswegen kann ich spottend, doch nicht ohne Schmerz, mit Ihm für das ruhmreiche Volk, für den Cäsar ausrufen, der für den Fürsten des Himmels rief: „Warum tobten die Völker, und die Leute redeten so vergeblich? Die Könige im Lande lehnten sich auf, und die Fürsten ratschlagten miteinander wider den Herrn und seinen Gesalbten.“ –

Jedoch, weil eingeborene Liebe langes Spotten nicht verträgt, sondern – so wie die aufgehende Sommersonne die Morgennebel löst und nun mildleuchtend erstrahlt – vom Spotte läßt und vorzieht, das Licht der Zurechtweisung zu ergießen: darum will ich, um die Bande der Unwissenheit solcher Könige und Fürsten zu zerreißen, um das Menschengeschlecht von ihrem Joche frei zu erweisen, mit dem hochheiligen Propheten mich selbst folgsam aufmuntern und das folgende hinzufügen, dies: „Lasset uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihr Joch.“

Dies beides nun wird zur Genüge geschehen, wenn ich dem zweiten Teil meines Hauptsatzes nachgehe und in der eintretenden Streitfrage die Wahrheit aufzeige. Denn dadurch, daß erwiesen wird, das römische Kaisertum habe nach Recht bestanden, wird nicht allein von den Augen der Könige und Fürsten, die sich die Staatsruder nur anmaßen und dabei dieselbe Tat dem römischen Volke unterstellen, der Nebel der Unwissenheit abgewischt werden, sondern alle Sterblichen werden neu erkennen, daß sie von dem Joch der so Vermessnen frei sind. Die Wahrheit in der Streitfrage vermag sich aber zu klären, nicht allein durch das Licht menschlicher Vernunft, sondern auch durch den Strahl göttlicher Lehre: und wenn diese beiden zugleich in eines münden, so stimmen Himmel und Erde zugleich mit Notwendigkeit bei. Demnach schreite ich, gestützt auf dies Zutrauen und gefestigt durch die Zeugenschaft von Vernunft und Lehre, die zweite Streitfrage zu erledigen vor.

ZWEITES KAPITEL

Nachdem zur Genüge, entsprechend dem, was der Gegenstand sich gefallen läßt, der Wahrheit des ersten Zweifels nachgeforscht ward, ist jetzt der Wahrheit des zweiten nachzuforschen, nämlich ob das römische Volk sich nach Recht die Würde des Kaisertums beigelegt habe. Der Anfang, das Prinzip einer solchen Erforschung ist, zu sehen, welche Wahrheit das denn sei, auf die im gegenwärtigen Falle die Gedanken als auf ihr eigentümliches Prinzip zurückzuführen sind.

Zu wissen gilt es also, daß in der gleichen Art, wie man die Kunst auf dreierlei Stufen anfindet: im Geiste nämlich des Meisters, im Werkzeug und in dem von der Kunst geformten Stoffe – wir auch die Schöpfung, die Natur auf dreierlei Stufen anschauen können. Es besteht nämlich die Natur im Geiste des ersten Bewegers, das ist Gott, dann im Himmel, gleichsam dem Werkzeuge, und mittels dessen entbreitet sich das Gleichnis der ewigen Güte über den schwanken Stoff. Und wie unter einem vollkommnen Meister und bei bestem Zustande des Werkzeugs nur dem Stoff die Schuld zu geben ist, wenn in der Form der Kunst ein Fehler begegnet, ebenso – da Gott an das letzte der Vollkommenheit rührt und sein Werkmittel, das ist der Himmel, an der erforderlichen Vollkommenheit keinen Mangel duldet, wie aus dem klar ist, was wir über den Himmel philosophieren – ebenso bleibt nur übrig, daß alles, was in den niederen Dingen gefehlt ist, von seiten des zugrunde liegenden Stoffes gefehlt sei, wider den Sinn sowohl des schöpferischen Gottes wie des Himmels, und daß alles, was gut ist in den niederen Dingen – weil es vom Stoffe selbst nicht stammen kann, der nur in der Möglichkeit Dasein hat – vorerst vom Meister Gott und in zweiter Linie vom Himmel sei, dem Werkzeuge der göttlichen Kunst, die man gemeinhin Natur heißt.

Hieraus geht bereits hervor, daß das Recht, da es ein Gut ist, vorerst im Geiste Gottes ist; und da jegliches im Geiste Gottes Gott ist, nach dem Wort: was gemacht ist, war Leben in Ihm – und Gott am stärksten sich selbst will, so folgt, daß das Recht von Gott, so wie es in ihm ist, gewollt ist. Und da gewollt und Wille in Gott dasselbe ist, so folgt weiterhin: der göttliche Wille ist das Recht selbst, und wieder folgt hieraus: das Recht in den Dingen ist nichts andres als das Gleichnis des göttlichen Willens. Daher kommt es, daß alles, was mit dem göttlichen Willen nicht einklingt, an sich kein Recht sein kann, und was mit dem göttlichen Willen in Einklang ist, das Recht an sich ist. Deswegen wird mit der Frage, ob etwas nach Recht getan sei – mögen die Worte auch andere sein – doch nichts andres gefragt als, ob es dem gemäß getan sei, was Gott will. Sei also dies angenommen, daß das, was Gott in der Gesellschaft der Menschen will, für wahres und lauteres Recht gehalten werden muß.

Außerdem muß man sich erinnern, daß, wie der Philosoph im ersten Buch an Nikomachus lehrt, nicht in jedem Stoffe gleichmäßig die Gewißheit gesucht werden darf, sondern entsprechend dem, was die Natur des Gegenstandes verträgt. Deswegen werden sich unter dem gefundenen Prinzip die Beweise hinreichend entwickeln, wenn aus offenkundigen Zeichen und aus Sätzen der Weisen das Recht jenes ruhmvollen Volkes gesucht wird. Der Wille Gottes ist an sich wohl unsichtbar: aber Gottes Unsichtbarkeiten werden an den Werken geistig erschaut. Denn bleibt der Siegelring verborgen – das geprägte Wachs gibt von ihm, so verborgen er sei, offenbare Kenntnis: und nicht ist es wunderbar, wenn der göttliche Wille an Zeichen zu suchen ist, da man auch den menschlichen außerhalb seines Trägers nicht anders als an Zeichen bemerkt.

DRITTES KAPITEL

Ich behaupte also auf die Streitfrage dies, daß das römische Volk sich nach Recht, nicht angemaßt, das Monarchenamt, das man Kaisertum nennt, über alle Sterblichen beigelegt hat. Und das erweist sich zuerst so. Dem adligsten Volke gebührt vor allen andern der Vorzug; das römische Volk war das adligste: also gebührte ihm vor allen andern der Vorzug. Der Obersatz erweist sich aus der Vernunft: da nämlich Ehre ein Lohn der Tugend ist, und jeder Vorzug Ehre ist, so ist jeder Vorzug ein Tugendlohn. Nun ist bekannt, daß die Menschen dank ihrer Tugend Adel empfangen, ihrer Tugend: das heißt der eignen oder der der Vorfahren. Es ist nämlich Adel Tugend und alt überkommener Reichtum, nach dem Philosophen in der Politik; und nach Juvenal „ist der Adel des Geistes allein und einzige Tugend“: zwei Sprüche, die für zwei Adligkeiten gelten, die eigne und die der Vorfahren. Also gebührt den Adligen auf Grund der Ursache ihr Vorzug als Lohn. Und da Belohnungen nach den Verdiensten zu bemessen sind, gemäß dem Evangelienwort: nach welcherlei Maß ihr messet, soll auch euch gemessen werden – gebührt es dem Höchstadligen, am höchsten voranzustehn.

Den Untersatz aber festigen Zeugnisse der Alten. Denn unser göttlicher Dichter Virgil bezeugt in der ganzen Aeneis zum ewigen Angedenken, es sei der glorreiche König Aeneas Vater des römischen Volkes gewesen, womit Titus Livius, der römischen Taten glänzender Darsteller, übereinstimmt im ersten Teil seines Buches, das vom Falle Trojas den Ausgang nimmt. Und wie hohen Adels dieser unbesiegbare und frömmste Vater gewesen, nicht nur nach dem Maße seiner eignen Tugend, sondern auch der seiner Ahnen und Gemahlinnen – denn von beiden mündete in ihm nach Erbrecht der Adel ein – das wäre ich zu erklären nicht fähig, aber folgen will ich den höchsten Spuren der Geschichte.

Für seinen eignen Adel also ist unser Dichter anzuhören, der im ersten Gesang den flehenden Ilionens so einführt:
König war uns Aeneas, und nie war einer gerechter,
Keiner frömmeren Sinns noch größer im Krieg und in Waffen.

Auch ist er anzuhören im sechsten Gesang: da er von dem toten Misenus spricht, der Hektors Diener im Kampfe gewesen war und sich nach Hektors Tode dem Aeneas als Diener ergeben hatte, nennt er diesen Misenus „der keinem geringeren folgte“, und zieht damit einen Vergleich von Aeneas zu Hektor; den aber verherrlicht Homer vor allen, wie der Philosoph in den Sätzen an Nikomachus über die zu meidenden Sitten berichtet.

Für seinen Erbadel aber findet sich, es habe ein jeglicher Teil des dreigeteilten Erdrunds in seinen Vätern wie in seinen Gattinnen den Aeneas geadelt. Und zwar Asien in den näheren Vorvätern, wie im Assaracus und anderen, die über Phrygien herrschten, einen Bezirk Asiens, daher unser Dichter im dritten Gesang:

Seit die Ordnungen Asiens zu stürzen und Priamus‘ Sippe,
Die schuldlose, den Göttern gefiel.

Europa jedoch im ältesten Vorvater, das ist dem Dardanus; Afrika auch in der hochbejahrten Urmutter, der Elektra nämlich, geboren dem großnamigen Könige Atlas: wie von beidem Zeugnis unser Dichter gibt im achten Gesang, wo Aeneas zu Evander also spricht:

Dardanus, erster Vater der ilischen Stadt und Begründer,
Der atlantischen – künden die Griechen – Elektra entsprossen,
Fährt den Teukriern zu. Elektren zeugte der Riese
Atlas, der mit der Schulter stützt die ätherischen Welten.
Daß aber Atlas von Europa seinen Stamm herleitete, singt unser Seher im dritten Buch, da er sagt:
So ist der Ort: Hesperia nennen ihn Griechen bei Namen,
Altes Land, gewaltig in Waffen und strotzender Scholle.
Das bebauten Oenotrer; jetzt raunt man, daß erst die Spätern
Nach dem Namen des Führers das Land Italien hießen.
Dies ist unsere Heimat, von hier ist Dardanus kommen.

Daß jedoch Atlas aus Afrika gewesen, des ist Zeuge der Berg dort, mit seinem Namen benannt, von welchem Orosius in seiner Weltbeschreibung sagt, er liege in Afrika, also: „doch die äußerste Grenze davon ist der Berg Atlas, und die Inseln die man die glücklichen nennt“; „davon“ – das heißt Afrikas, denn von diesem war die Rede.

Ähnlich finde ich ihn auch durch Heirat geadelt. Denn seine erste Gemahlin Kreusa, des Königs Priamus Tochter, war aus Asien, wie weiter oben ersehen werden kann aus dem, was schon gesagt ist. Und daß sie seine Gemahlin war, davon legt Zeugnis unser Dichter ab, im dritten Gesang, wo Andromache wegen seines Sohnes Askanius Aeneas den Erzeuger also befragt:

Und der Knabe Askanius? lebt und gedeiht er im Tage ?
Den dir im rauchenden Troja einst Kreusa geboren.

Die zweite war Dido, Königin und Mutter der Karthager in Mrika; und daß sie seine Gemahlin war, das verkündigt eben unser Dichter im vierten Gesang. Er sagt nämlich von Dido:

Aber schon sinnt Dido nicht mehr verstohlene Liebe:
Ehe nennt – mit diesem Namen verbrämt sie die Fehle.

Die dritte war Lavinia, der Albaner und Römer Mutter, des Königs Latinus Tochter zugleich und Erbin, wenn das Zeugnis unsres Dichters im letzten Gesang wahr ist, wo er den besiegten Turnus einführt mit der flehentlichen Bitte an Aeneas:

– – Du hast gesiegt, und es sahn den Besiegten die Hände

Die Ausonier strecken: dein ist die Gattin Lavina.
Diese letzte Gattin war aus Italien, Europas adligster Landschaft.

Da denn dies zur Erhellung des Untersatzes angeführt ist, wem ist es da nicht glaublich genug geworden, es sei der Vater des römischen Volks und somit das Volk selbst am adligsten gewesen unter dem Himmel ? oder wem bleibt bei jenem doppelten Einstrom des Blutes aus jeglichem Weltteil in den Einen Mann die göttliche Vorbestimmung verborgen?

VIERTES KAPITEL

Ferner: was, um sich selbst zu vollenden, durch Beihilfe von Wundern unterstützt wird, ist von Gott gewollt, und somit geschieht es nach Recht. Und daß solches wahr sei, ist offenbar; denn, wie Thomas in seinem dritten Buche gegen die Heiden sagt, ein Wunder ist, was außerhalb der gemeinhin in die Dinge gelegten Ordnung von Gott her geschieht – daher er selbst beweist, allein Gott stehe es zu, Wunder zu wirken. Und dies wird durch Mosis Schriftwort bekräftigt, wonach, als es zur Plage der Läuse kam, die Zauberer Pharaos, die sich der natürlichen Prinzipien kunstvoll bedienten und hier versagten, sprachen: „Gottes Finger ist das“. Wenn also das Wunder eine unmittelbare Wirkung des Ersten ist, ohne Mitwirkung von Zwischenkräften, wie gleichfalls Thomas in dem eben angezognen Buche genügend beweist, so ist es verrucht, wo zu jemandes Gunsten ein Zeichen geschieht, zu sagen, es sei dem, der so begünstigt wird, nicht von Gott als ein Ihm wohlgefälliges zugeteilt. Deshalb ist es heilig, den Gegensatz anzuerkennen: das römische Kaisertum ward, um sich zu vollenden, durch Beihilfe von Wundern unterstützt: also von Gott gewollt: und somit war es und ist es nach Recht.

Daß aber Gott für Vollendung des römischen Reiches Wunder vollbracht hat, bestätigt sich aus den Zeugnissen erlauchter Autoren. Denn daß unter Numa Pompilius, dem zweiten Römerkönig, wie er nach heidnischem Brauche opferte, der heilige Schild vom Himmel auf die gotterwählte Stadt herabgefallen sei, bezeugt Livius im ersten Teil: welchen Wunders Lukan im neunten Gesang der Pharsalia gedenkt, dort wo er die unglaubliche Macht des Südwinds beschreibt, die Libyen duldet. Er sagt nämlich:

Gewiß fielen jene
So auf den opfernden Numa, die nun die erlesene Jugend
Schwingt auf patrizischen Nacken; geplündert hatte der Südwind
Oder der Nord die Völker, die unsre Weihschilde trugen.

Und als die Gallier nach Einnahme der übrigen Stadt im Vertrauen auf die Finsternisse der Nacht das Kapitol unvermerkt beschlichen, welches allein noch fehlte am letzten Untergang des römischen Namens – daß da eine Gans, die man vordem hier nicht gesehen hatte, geschnattert habe, die Gallier seien da, und die Wächter zur Verteidigung des Kapitols geweckt habe: das bezeugen Livius und viele andre glanzvolle Schriftsteller einmütig. Auch war dieses Ereignisses unser Dichter gedenk, als er den Schild des Aeneas beschrieb, im achten Gesang; er singt nämlich so:

Manlius stand zuhöchst, der tarpejischen Feste Behüter,
Vor dem Tempel und hielt die kapitolinische Schroffe,
Und es starrte neu im Palast des Romulus Strohdach.
Hier nun tönte die silberne Gans, durchflatternd die goldnen
Säulengänge, es stünden die Gallier da auf der Schwelle.

Dann, als der römische Adel unter Hannibals Drängen so hinsank, daß zur endgültigen Zerstörung des römischen Wesens nichts fehlte als der punische Ansturm auf die Stadt: wie da in der Verwirrung eines plötzlichen und unerträglichen Hagels die Sieger den Sieg nicht verfolgen konnten, das schildert unter andern Geschehnissen Livius im Punischen Krieg. Und war nicht wunderbar der Übergang Clölias? wo eine Frau, und sie eine Gefangene, bei der Belagerung des Porsenna nach Sprengung ihrer Fesseln von Gottes wunderbarer Hilfe gestärkt den Tiber durchschwamm, wie es beinah alle Schriftsteller des römischen Staates zu ihrem Ruhme erwähnen ? So ziemte es freilich dem zu wirken, der alles unter der Schönheit seiner Ordnung von Ewigkeit her gefügt hat: so daß er, der einstmals, ein sichtbarer, Wunder um des Unsichtbaren willen zeigen sollte, damals unsichtbar um des Sichtbaren willen diese zeigte.

FÜNFTES KAPITEL

Wer weiterhin nach dem Wohl des Staates strebt, strebt nach dem Zweck und Ziel des Rechtes. Und daß dies folge, zeigt sich also: Recht ist das sachliche und persönliche Maßverhältnis von Mensch zu Mensch, dessen Erhaltung die Menschengesellschaft erhält, dessen Verderb sie verdirbt. (Die Beschreibung des Rechtes in den Digesten bestimmt nicht seinen Begriff, sondern beschreibt ihn durch Kenntnis in seiner Anwendung.) Wenn also diese Umgrenzung sein Was und Warum gut erfaßt, und das Ziel einer jeden Gesellschaft das gemeinsame Wohl der Gesellten ist, so ist notwendig, daß das Ziel jeglichen Rechtes das gemeinsame Wohl sei, und ist unmöglich, daß Recht sei, was nicht nach dem gemeinsamen Wohle strebt. Und deswegen sagt treffend Tullius in der ersten Rhetorik: „Immer sind auf den Nutzen des Staates hin die Gesetze auszulegen.“ Wenn nun auf den Nutzen derer, die unter dem Gesetze stehen, die Gesetze nicht gerichtet sind: so sind das Gesetze allein nach dem Namen, der Sache nach aber können es Gesetze nicht sein. Gesetzen nämlich gebührt es, die Menschen aneinander zu ketten um des gemeinsamen Nutzens willen: und deswegen spricht treffend Seneka über das Gesetz, da er es im Buch von den vier Tugenden „eine Fessel der menschlichen Gesellschaft“ nennt. So ist es offenbar, wer nach dem Wohl des Staates strebt, strebt nach dem Ziel des Rechtes.

Wenn also die Römer das Wohl des Staates erstrebt haben, wird das Wort wahr sein, sie hätten das Ziel des Rechtes erstrebt. Daß aber das römische Volk nach eben diesem Wohl gestrebt habe, indem es sich den Erdenkreis unterwarf, das verkünden seine Taten: in denen sieht man, wie – fern aller Gier, die dem Staatswesen immer zuwider ist, und dem Allfrieden mit Freiheit geneigt – jenes heilige, fromme und ruhmreiche Volk der eignen Vorteile vergessen hat, auf daß es des Staatlichen zum Heil des Menschengeschlechtes walte. Daher mit Recht jenes geschrieben steht: „Das römische Reich wird geboren aus dem Quell der Frömmigkeit“.

Aber weil über das Streben aller, die aus freier Wahl handeln, außerhalb des Strebenden selbst nichts offenkundig ist, es sei denn an äußeren Zeichen, und man auch Reden gemäß dem zugrunde liegenden Stoffe erforschen muß – wie schon gesagt wurde – werden wir an diesem Punkte genug haben, wenn sich über das Streben des römischen Volkes unbezweifelbare Zeichen in den Körperschaften wie in den Einzelnen zeigen lassen. Über die Körperschaften nun, durch welche die Männer an den Staat gleichsam gefesselt zu sein scheinen, genügt jenes Eine Grundwort Ciceros im zweiten Buche der Pflichten: “ Solange die Herrschaft des Staates durch Leistungen, nicht Schändungen erhalten ward, führte man Kriege für die Bundesgenossen oder um die Reichsgewalt, die Ausgänge der Kriege waren entweder mild oder notwendig. Königen, Gemeinden, ja Völkern war ein Hafen und eine Zuflucht der Senat. Die Unsern aber, Behörden wie Feldherrn, begehrten damit am meisten Preis zu gewinnen, daß sie die Provinzen, daß sie die Verbündeten nach Billigkeit und Treue verteidigten. So mochte das eher Vormundschaft des Erdenrunds als Herrschaft heißen.“ Das sagt Cicero.

Bei den Einzelnen aber will ich umfänglich vorgehen. Soll man denn etwa sagen, nicht seien sie auf das gemeine Wohl ausgegangen, die mit Schweiß, die mit Armut, die mit Verbannung, die mit Sohnes Beraubung, die mit Verlust der Glieder, die endlich mit Opferung ihrer Seele das öffentliche Wohl zu steigern versucht haben ? Hat uns nicht Cincinnatus ein heilig Beispiel gelassen, wie man frei die Würde ablege am Ziel: als er, weggeholt vom Pfluge, zum Diktator gemacht ward, wie Livius berichtet, und nach dem Siege, nach dem Triumphe, den Feldherrnstab an die Konsuln erstattend, um hinter den Ochsen zu schwitzen, frei zum Sterz zurückgekehrt ist? War doch zu seinem Preise Cicero, da er gegen Epikur im Werke vom Zweck der Güter streitet, dieser Wohltat eingedenk: „Darum, meint er, haben auch unsre Vorfahren vom Pfluge jenen Cincinnatus geholt, daß er Diktator sei.“ Hat uns Fabricius nicht ein hohes Beispiel gegeben, wie man der Habsucht widerstehe: da er, der arme Mann, um der Treue willen, mit der er dem Staate verbunden war, eine schwere Last Goldes, ihm angeboten, verlachte und nach solchem Lachen, indem er ihm wohlanstehende Worte von sich gab, verachtet und abgelehnt hat ? Dessen Andenken hat dann unser Dichter gefestigt, dort im sechsten Gesang: „im kargen gewaltig Fabricius“. War uns nicht, wie man Gesetze eignen Gewinnen vorziehe, ein denkwürdig Vorbild Camillus: der nach Livius mit Verbannung bestraft – er, der die bedrängte Vaterstadt befreit, ja das den Römern geraubte an Rom zurückgebracht hatte – gegen das Geschrei des gesamten Volkes aus der heiligen Stadt schied und nicht eher zurückkehrte, als ihm die Erlaubnis zur Heimkehr durch den Machtspruch des Senates gebracht ward? Auch diesen Hochgesinnten bewahrt der Dichter im sechsten, wo er sagt: „die Fahnen rücktragend Camillus.“ Wie man die Söhne – und wie nicht alle andern ? – unterordne der Freiheit des Vaterlands, hat es nicht jener erste Brutus gelehrt, von dem Livius sagt, als Konsul habe er die eignen Söhne, die sich mit den Feinden verschworen, in den Tod geliefert ? Und dessen Ruhm wird im sechsten unsres Dichters erneuert, der von ihm singt:

Die Erneurer des Kriegs, seine Kinder,
Zwang, der schönen Freiheit treu, der Vater zur Sühnung.

Was hat uns nicht für das Vaterland zu wagen Mutius beigebracht, als er den ahnungslosen Porsenna überfiel, als er dann die fehltreffende Hand mit einem Gesicht, als wenn er den Feind gemartert schaute – seine eigne doch immer – verbrennen sah ? Und auch dies bewundert Livius, der davon zeugt. Jetzt aber treten heran jene hochhehren Opferungen der Decier, die für das öffentliche Heil ihre hingegebene Seele einsetzten, wie es Livins, nicht soviel es würdig ist, doch soviel man es vermag, verherrlichend nacherzählt; es tritt auch heran jenes nie auszuerzählende Opfer des strengsten Freiheitsbegründers Marcus Cato: da denn die einen für die Rettung des Vaterlandes nicht vor des Todes Finsternissen schauderten – der andre, um der Welt die Freiheitliebe zu entzünden, zeigte, wieviel Freiheit sei, als er lieber frei aus dem Leben weichen wollte, als ohne Freiheit darin bleiben. Diesen allen erwärmt der erlauchte Name in der Stimme des Tullius im Werk vom Zwecke der Güter. Es spricht nämlich Tullius so von den Deciern: „Publius Decius, als erster in dieser Familie Konsul: als der sich weihte und mit verhängten Zügeln mitten in die Schlachtreihe der Latiner einbrach, dachte er da irgend an seine Lüste, wo, wie er sie finge oder wann? als er wußte, jetzt sei zu sterben, und diesen Tod mit brennenderem Eifer suchte, als Epikur die Lust für suchenswert hält? Doch wenn diese seine Tat nicht nach Gebühr wäre gepriesen worden, es hätte sie nicht in seinem vierten Konsulat der Sohn nachgeahmt, und erst recht nicht wäre der von diesem Erzeugte, da er mit Pyrrhus Krieg führte, als Konsul in diesem Kampfe gefallen und hätte sich aus der graden Linie des Geschlechts als drittes Opfer dem Staate dargebracht.“ Im Werk aber über die Pflichten sagt er von Cato: „Nicht in andrer Lage nämlich war Marcus Cato als die übrigen, die sich in Afrika Caesarn übergaben: doch hätte es bei den übrigen vielleicht als Makel gegolten, wenn sie sich umgebracht hätten, denn leichter war ihr Leben und ihre Artung lockerer. Dem Cato aber hatte die Natur unglaubliche Schwere verliehen, und da er sie in beständiger Festigkeit gestärkt und immer in seinem Vorsatz und einmal gefaßten Beschluß ausgeharrt hatte, so kam Sterben ihm eher zu, als dem Tyrannen ins Gesicht zu sehen.“

Geklärt ist also zweierlei: nämlich das eine, daß, wer nach dem Wohl des Staates strebt, das Ziel des Rechtes erstrebt, und das zweite, daß das römische Volk, indem es sich die Erde unterwarf, nach dem staatlichen Wohl gestrebt hat. Jetzt schließe man auf unsern Hauptsatz hin also: Wer nach dem Ziel des Rechtes strebt, wandelt mit dem Rechte; das römische Volk, indem es sich die Erde unterwarf, strebte nach dem Ziel des Rechtes – wie es handgreiflich durch das vorige in diesem Kapitel ist bewiesen worden -: also hat das römische Volk, indem es sich die Erde unterwarf, solches mit dem Rechte getan, und somit nach Recht sich des Reiches Würde beigelegt.

Damit nun dieser Schluß aus lauter Deutlichkeiten erbracht sei, muß verdeutlicht werden, was da gesagt wird: wer nach dem Ziel des Rechtes strebt, wandelt mit dem Rechte. Zu dessen Erhellung ist zu bedenken, daß jeder Gegenstand eines Zieles wegen da ist, anders wäre er sinnlos: was nicht sein kann, wie oben gesagt ward. Und wie jeder Gegenstand für das eigne Ziel da ist, so hat jedes Ziel einen eignen Gegenstand, dessen Ziel es ist. Daher ist es unmöglich, daß zwei Dinge für sich selbst, sofern es zwei sind, auf dasselbe Ziel ausgehen: dann folgte nämlich eben dies unhaltbare, daß das eine umsonst wäre. Da es also ein Ziel des Rechtes gibt, wie schon erläutert ist, so muß man durchaus, dieses Ziel gesetzt, auch ein Recht setzen, da das Ziel an sich und eigentlich eine Wirkung des Rechtes ist. Und da es in jeder Abfolge unmöglich ist, ein vorangehendes und kein nachfolgendes zu haben: z. B. einen Menschen ohne ein Lebewesen, wie es im bejahenden und verneinenden Schlusse deutlich ist – so ist es unmöglich, des Rechtes Ziel zu suchen ohne ein Recht, da jeder Gegenstand zum eignen Ziel sich verhält wie das nachfolgende zum vorangehenden. Unmöglich ist es auch, zum Wohlbefinden der Glieder zu gelangen ohne Gesundheit. Und deswegen erhellt auf das deutlichste, daß notwendig, wer nach dem Ziel des Rechtes strebt, mit dem Rechte dahin strebe, und hat der Einwand keine Kraft, den man aus den Worten des Philosophen, wo er die Überlegung behandelt, zu schöpfen pflegt. Es sagt nämlich der Philosoph: „Aber auch das geschehe durch Fehlschluß, wenn man das Ziel zwar treffe, das man treffen soll, das Mittel aber nicht: falsch sei dabei der mittlere Begriff.“ Denn wenn aus Falschem das Wahre irgendwie erschlossen wird, geschieht das durch Zufall, insofern man jenes Wahre durch Eindeutungen hineinträgt. An sich nämlich folgt das Wahre niemals aus Falschem: Merkmale indessen des Wahren folgen sehr wohl aus Merkmalen, die Falschheitsmerkmale sind. So auch im Reiche des Wirkens: denn mag ein Dieb von seinem Diebstahl dem Armen aushelfen, nie ist das Almosen zu nennen, sondern es ist eine Handlung, die nur, wenn aus eignen Mitteln ausgeführt, der Form des Almosens entsprechen würde. Ähnlich ist es mit dem Ziel des Rechtes: denn wenn man etwas als Ziel des Rechtes ohne Recht besäße, dann wäre es ebenso Ziel des Rechtes, das heißt gemeinsames Wohl, wie die Darreichung von übel Erworbenem Almosen ist. Und so, da im Hauptsatz vom Ziel des Rechtes als von einem Seienden, nicht bloß einem Erscheinenden, gesprochen wird, ist der Einwand nichtig; und es erhellt, was gesucht wurde.

SECHSTES KAPITEL

Und weiter: was die Natur geordnet hat, wird nach Recht bewahrt. Die Natur nämlich bleibt bei ihrem Fürsorgen nicht hinter der Fürsorge des Menschen zurück, denn bliebe sie zurück, so überträfe die Wirkung die Ursache an Güte: was unmöglich ist. Wir nun sehen, wie bei der Einrichtung von Ämtern der Einrichtende nicht nur die Ordnung der Beamten untereinander beachtet, sondern auch die Möglichkeit, ihre Pflichten auszuüben: das heißt man, die Zuständigkeit für ein Amt oder eine Ordnung beachten, denn nicht dehnt man das Recht über die Macht hin aus. Also bleibt hinter dieser Fürsorge die Natur in ihren Anordnungen nicht zurück; und deswegen ergibt sich, daß die Natur die Dinge mit Rücksicht auf ihre Möglichkeiten ordnet – diese Rücksicht ist als Unterbau des Rechts von der Natur in die Dinge gelegt. Und hieraus folgt, daß die natürliche Ordnung in den Dingen ohne Recht nicht bewahrt werden kann, da schon des Rechtes Unterbau untrennbar an Ordnung geknüpft ist. Nötig ist darum, daß die Ordnung nach Recht bewahrt werde.

Das römische Volk war von der Natur zum Herrschen verordnet. Und dies erklärt sich so. Wie der hinter der Vollendung der Kunst zurückbliebe, der bloß die endgültige Form plante, die Mittel dagegen, durch die er zur Form gelange, nicht pflegte: so die Natur, wenn sie allein die All-Form des göttlichen Gleichnisses im All plante, die Mittel aber vernachlässigte. Doch die Natur ermangelt keiner Vollendung, sie, das Werk der göttlichen Einsicht: also plant sie alle Mittel, durch die es zum letzten ihres Planes kommt. Da also ein Endziel des Menschengeschlechtes da ist und notwendig ist als ein Mittel zum All-Ziel der Natur: so muß notwendig die Natur dies planen. Deshalb erweist der Philosoph gut, die Natur handle stets des Zieles wegen, im zweiten Buch der Physik. Und weil zu diesem Ziele die Natur durch Einen Menschen nicht gelangen kann: denn dafür sind viele Tätigkeiten notwendig, die eine Vielheit von Tätigen erfordern – so ist es nötig, daß die Natur eine Menschenvielheit hervorbringe, verordnet zu verschiedenen Tätigkeiten: zu diesem Viel tragen bei – außer dem höheren Einfluß – die Kräfte und Eigenheiten der niederen Räume. Deswegen sehen wir denn, daß manche, nicht nur Einzelmenschen, sondern ganze Völker, zum Herrschen geschickt geboren sind, manche andere zum Unterworfen-werden und Dienen, wie der Philosoph es in den Büchern über Politik darlegt: und für solche, wie er sagt, ist regiert zu werden nicht nur vorteilhaft, sondern selbst gerecht, auch wenn sie dazu gezwungen werden.

Verhält sich das nun so, so ist kein Zweifel, daß die Natur eine Stätte und einen Stamm in der Welt ausgebildet hat, der allumfassend herrsche: sonst wäre sie sich untreu geworden, was unmöglich ist. Welches aber die Stätte gewesen und wer der Stamm, ist durch das bisher Gesagte und für der zu Sagende genügend offenbar: daß es Rom gewesen und dessen Bürger oder Volk. Das hat auch unser Dichter mit großer Feine im sechsten Gesang berührt, da er den Anschisse mit der Verkündung an Aeneas, den Vater der Römer, also einführt:

Andre werden weicher die atmenden Erze beschmieren,
Ja ich glaubs: lebendige Mienen dem Marmor entlocken,
Mächtiger führen die rechtlichen Händel, die Bahnen des Himmels
Mit dem Zirkel beschreiben und steigende Sterne benamen:
Du aber, Römer, bedenke, in Herrschaft die Völker zu lenken –
Dies sind deine Künste dereinst! – den Frieden zu formen,
Unterworfne zu schonen und Trotzige niederzukriegen.

Die Lage der Stätte jedoch berührt er leise im vierten, wo er Jupiter einführt, der zu Merkur über Aeneas in dieser Weise spricht:

So hat ihn die schönste Erzeugerin nimmer verheißen,
Nicht ihn zweimal darum den Waffen der Griechen entrissen:
Sondern Italien, schwanger an Herrschaft, knirschend von Kriegen,
War ihm zu lenken bestimmt.

Deshalb ist hinreichend beglaubigt worden, daß das römische Volk von der Natur zum Herrschen verordnet war. Also gelangte das römische Volk, indem es sich die Erde unterwarf, nach Recht an die Herrschaft oder das Kaisertum.

SIEBENTES KAPITEL

Um gut die gesuchte Wahrheit zu erjagen, muß man auch wissen, daß das göttliche Urteil in den Dingen bisweilen den Menschen offenbar ist, bisweilen verborgen. Und zwar offenbar kann es zwiefach sein: durch die Vernunft und durch den Glauben. Denn es gibt Urteile Gottes, zu denen die menschliche Vernunft auf eignen Füßen gelangen kann, etwa dazu, daß der Mensch für das Heil des Vaterlandes sich selbst aussetzen soll. Denn der Teil muß sich für das Heil des Ganzen aussetzen, und da der Mensch ein Teil des Staates ist, wie es der Philosoph in seiner Politik zeigt, so muß der Mensch sich selbst für das Vaterland aussetzen, als das minder Gute für das Bessere. Daher der Philosoph an Nikomachus: „Liebenswert freilich auch für einen allein, besser und göttlicher jedoch für Volk und Staat.“ Und dies Urteil ist Gottes: sonst würde die menschliche Vernunft in ihrer Gradheit dem Denkbild der Natur nicht folgen, was unmöglich ist.

Es gibt auch Urteile Gottes, zu denen zwar die menschliche Vernunft aus eignem nicht zu gelangen vermag, jedoch erhebt sie sich zu ihnen mit dem Beistand des Glaubens an das, was uns in den Heiligen Schriften gesagt ist: etwa dazu, daß niemand, wenn auch noch so vollkommen in den sittlichen und geistigen Tugenden, sowohl der Artung wie dem Ausüben nach, ohne den Glauben erlöst werden kann, gesetzt nämlich, daß er nie etwas von Christus gehört hätte. Denn das kann die Menschenvernunft von sich aus nicht als gerecht erschauen, mit Hilfe des Glaubens indessen kann sie es. Geschrieben steht nämlich an die Hebräer: „Unmöglich ist es, ohne Glauben Gott zu gefallen“, und im Levitikus: „Welcher aus dem Hause Israel Ochs oder Lamm oder Ziege schlachtet in dem Lager oder außen vor dem Lager, und nicht vor die Tür der Stiftshütte bringt, dem Herrn zum Opfer, der soll des Bluts schuldig sein.“ Die Tür der Stiftshütte stellt Christum dar, ihn, die Tür des ewigen Gemaches, wie es dem Evangelium entlockt werden kann; die Schlachtung der Tiere die menschlichen Handlungen.

Verborgen ist dagegen jenes Urteil Gottes, zu welchem die menschliche Vernunft weder nach dem Gesetze der Natur, noch nach dem Gesetze der Schrift, sondern bisweilen aus besonderer Gnade gelangt. Und dies geschieht auf mehrere Arten: bisweilen durch einfache Offenbarung, bisweilen durch Offenbarung mittels einer Entscheidung. Durch einfache Offenbarung zwiefach: entweder nach Gottes Entschluß, oder wenn Gebet es erreicht. Nach Gottes Entschluß zwiefach: entweder ausdrücklich, oder durch ein Zeichen. Ausdrücklich, wie das Urteil gegen Saul dem Samuel offenbart ward; durch ein Zeichen, wie dem Pharao durch Zeichen offenbart ward, was Gott über die Befreiung der Kinder Israel geurteilt hatte. Wenn Gebet es erreicht – das wußte, der da sagte im zweiten Buche der Chronika: „Da wir nicht wissen, was wir tun sollen, bleibt uns dies eine nur übrig, daß wir unsre Augen auf dich richten.“

Mittels einer Entscheidung wieder zwiefach: entweder durch Los oder durch Wettkampf. Durch Los nun wird Gottes Urteil bisweilen den Menschen offenbart, wie es bei der Einsetzung des Matthias in der Apostelgeschichte deutlich wird. Durch Wettkampf aber erschließt sich zwiefach Gottes Urteil: entweder aus dem Zusammenstoß der Kräfte, wie er etwa bei Faustkämpfern geschieht, die auch Zweikämpfer heißen; oder aus Anspannung mehrerer, die auf ein Zeichen die Tüchtigsten zu sein suchen, wie es beim Streit der Wettläufer geschieht, die zum Siegestor rennen. Die erste dieser Arten war bei den Heiden in jenem Zweikampf des Herkules und Antäus dargestellt, dessen Lukan im vierten Buche der Pharsalia gedenkt und Ovid im neunten der Verwandlungen. Die zweite wird bei ihnen in Atalanta und Hippomenes dargestellt, im zehnten der Verwandlungen. Zugleich darf nicht vergessen bleiben, daß es sich in diesen beiden Gattungen des Wettstreitens so verhält, daß im einen die Streiter sich ohne Unrecht behindern können, zum Beispiel die Zweikämpfer, im andern dagegen nicht. Nicht dürfen nämlich die Läufer Hinderliches gegen einander verwenden, wiewohl unser Dichter im fünften Buche anders gedacht zu haben scheint, als er den Euryalus belohnen ließ. Und deshalb hat besser Tullius im dritten der Pflichten dies verrufen, dem Spruche des Chrysippus folgend; er meint nämlich so: “ Klug hat Chrysipp, wie vieles, dies gesagt: wer die Rennbahn läuft, soll sich spannen und anstrengen, so sehr er vermag, daß er siege; dem ein Bein stellen, der mitstreitet, darf er keinesfalls.“

Nach den Unterscheidungen dieses Kapitels können wir nun zwei für den Hauptsatz förderliche Gedanken festhalten: von der Entscheidung bei den Wettläufern den einen, von der Entscheidung bei den Faustkämpfern den andern; welchen ich denn in den nächstfolgenden Kapiteln nachgehen will.

ACHTES KAPITEL

Das Volk also, welches sich vor sämtlichen Wettläufern um das Kaisertum der Welt bewährt hat, hat sich nach göttlichem Urteil bewährt. Denn da die Beilegung eines allumfassenden Zwistes Gott mehr am Herzen liegt als eine teilhafte Beilegung, und wir in manchen teilhaften Zwisten durch Wettkämpfe das göttliche Urteil herausfordern, nach dem geläufigen Sprichwort: wem Gott es gewährt, dem segne es auch Petrus – so ist kein Zweifel, daß die Bewährung unter den Kämpfern, die um das Kaisertum der Welt wettstreiten, dem Urteil Gottes gefolgt sei. – Das römische Volk hat sich vor allen Wettläufern um das Kaisertum der Welt bewährt. Dies nun wird offenbar sein, wenn man die Läufer, wenn man auch das Siegestor oder Ziel in Betracht nimmt. Siegestor oder Ziel war, allen Sterblichen voranzustehen: dies nämlich nennen wir Kaisertum. Aber dies ist keinem zugefallen außer dem römischen Volke: dies hat nicht nur zuerst, sondern auch einzig das Ziel im Wettstreit erreicht, wie das gleich erhellen wird.

Der erste nämlich unter den Sterblichen, der nach diesem Siegestor lechzte, war Ninus, König der Assyrer: aber so sehr er mit der Genossin seines Lagers Semiramis neunzig und mehr Jahre lang, wie Orosius meldet, das Weltreich mit Waffen gesucht und ganz Asien sich unterworfen hat, nicht waren ihm doch die westlichen Teile der Welt jemals untertan. Dieser beiden hat Ovid im vierten Buche Erwähnung getan, wo er bei Pyramus sagt, es „habe Semiramis dort die Stadt mit Backstein ummauert“, und danach: „sollen sich treffen bei Ninus‘ Grab und im Schatten verbergen.“ Als zweiter drängte Vesoces, König von Ägypten, diesem Siegestor zu; und wiewohl er Süd und Nord in Asien aufrüttelte, wie Orosius erwähnt, erlangte er doch niemals nur die Hälfte der Welt, ja vielmehr wurde er durch die Skythen gleichsam angesichts der Kampfrichter und des Ziels von seinem verwegenen Beginnen abgewendet. Dann versuchte das Cyrus, König der Perser; aber nach Zerstörung Babylons und Übertragung der Macht von Babylon auf die Perser, und eh er noch die westlichen Gebiete kennengelernt, ließ er unter Tamyris, der Skythenkönigin, zugleich Leben und Absicht. Nach diesen nun überfiel Xerxes, Sohn des Darius und König in Persien, mit solcher Masse von Völkern die Welt, mit solcher Gewalt, daß er den Meeresarm, der Asien von Europa trennt, zwischen Sestos und Abydos mit einer Brücke überwand: ein wunderbares Werk, dessen Lukan im zweiten Buche der Pharsalia eingedenk war. Dort singt er nämlich so:

Also, singt das Gerücht, hat Straßen der schäumende Xerxes
Über Fluten gebaut.

Und endlich erbärmlich von seinem Beginnen zurückgetrieben, konnte er zum Siegestor nicht gelangen. Außer und nach diesen ist Alexander, der mazedonische König, der sich am meisten von allen der Palme der Monarchie näherte, als er durch Gesandte die Römer zur Ergebung schon vormahnte, in Agypten vor der römischen Antwort, wie Livius erzählt, gleichsam mitten im Laufe zusammengebrochen. Von dessen Grabstätte ebendort gibt Lukan im achten Buche, wo er gegen Ägyptens König Ptolemäus eifert, Zeugnis mit dem Wort:

Letzte Abkunft von Lagos‘ Stamm, Entarterter, nahe
Deinem Sturz, bald räumend den Thron für die Buhlerin Schwester,
Du, dem in heiliger Grotte der Mazedone bewahrt wird…

O Tiefe des Reichtums, der Erkenntnis und Weisheit Gottes, wer mag hier nicht vor dir starr werden? Denn den Alexander, der da wagte im Rennen den römischen Mitkämpfer zu behindern, ihn hast du, daß seine Verwegenheit nicht weiter gediehe, aus dem Wettstreit gerissen.

Aber daß Rom die Palme im großen Siegesspiel errungen hat, wird von vielen Zeugnissen bestätigt. Es sagt nämlich unser Dichter im ersten:

Ja, einst sollten die Römer von hier mit den rollenden Jahren,
Sollten die Feldherrn erstehn vom erweckten Blute des Teukros,
Daß sie Länder und Meer festhielten in jedem Gehorsam.
Und Lukan im ersten Buche:
Eisen zerteilt das Reich, und die Göttin des mächtigen Volkes,
Der das Meer und die Länder, die ganze Erde zu eigen –
Nicht umgriff Fortuna die zwei.
Und Boethius im zweiten: da er vom römischen Herrscher spricht, heißt es so:
Doch er lenkte mit seinem Stab die Völker,
Welche, unter Wellen die Strahlen bergend,
Phoebus schaut, vom äußersten Aufgang nahend,
Welche eisig drückt das Gestirn des Nordens,
Welche Südwind, wütend in trockner Hitze,
Dörrt und ihre brennenden Sände aufkocht.

Dies Zeugnis gewährt auch der Darsteller Christi Lukas, welcher alles wahrhaft sagt, in jenem Teil seiner Botschaft: „Es ging ein Gebot aus vom Kaiser Augustus, daß alle Welt geschätzet werde“: aus welchen Worten wir deutlich einsehen können, daß die alle Welt umfassende Gerichtsbarkeit damals den Römern gehörte.

Aus alledem ist offenbar, daß das römische Volk sich vor sämtlichen Wettläufern um das Kaisertum der Welt bewährt hat; also hat es sich nach göttlichem Urteil bewährt, und folglich hat es nach göttlichem Urteil gewonnen, und das heißt nach Recht gewonnen haben.

NEUNTES KAPITEL

Dann: was durch Zweikampf erworben wird, wird nach Recht erworben. Denn wo immer das menschliche Urteil versagt, im Düster der Unwissenheit verhüllt oder weil es keines Richters Schutz genießt, da gilt es, damit die Gerechtigkeit nicht verlassen bleibe, sich an den zu wenden, der sie so sehr geliebt hat, daß er, was sie gebot, mit eignem Blut durch sein Sterben erfüllt hat, und von welchem der Psalm singt: „Der Herr ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb.“ Man wendet sich aber an ihn, indem man nach freier Zustimmung der Parteien nicht aus Haß, sondern aus Liebe zur Gerechtigkeit durch den wechselseitigen Zusammenstoß der geistigen und körperlichen Kräfte das göttliche Urteil herausfordert: und zwar nennen wir diesen Zusammenstoß Zweikampf, weil er ursprünglich als von einem gegen einen erfunden war. Doch stets muß man achtgeben, daß man ebenso wie im Kriegswesen erst alles in einem Schiedsspruch versuche und zuletzt in der Schlacht kämpfe, wie Tullius und Vegetius einmütig vorschreiben, dieser in der Kriegskunst, jener in den Pflichten. Und ebenso wie man in der ärztlichen Pflege vor dem Eisen und Feuer alles erproben muß und erst zuletzt zu diesem greife: so wollen wir, erst wenn alle Wege zum Urteil über den Streitfall durchspürt sind, zu dieser Arznei zuletzt unter dem Zwang einer notwendigen Gerechtigkeit greifen.

Damit erscheinen zwei Bedingungen für den Zweikampf: die eine das, was eben gesagt wurde; die andere, was vorhin berührt ward, nämlich, daß nicht aus Haß, nicht aus Liebe, sondern allein aus dem Eifer um Gerechtigkeit, nach allgemeiner Zustimmung die Degen oder Zweikämpfer den Plan betreten. Und deshalb sagte trefflich Tullius, als er diesen Gegenstand steifte: „Aber Kriege, bei denen es um des Reiches Krone geht, soll man weniger bitter führen.“ Sind nun die Bedingungen des Zweikampfs eingehalten – sonst wäre es ja kein Zweikampf – sind dann die im Zwange der Gerechtigkeit nach allgemeiner Zustimmung aus ihrem Eifer um Gerechtigkeit Versammelten nicht im Namen Gottes versammelt ? Und wenn ja, ist nicht Gott in ihrer Mitte – da er doch selbst uns das im Evangelium verheißt? Und wenn Gott dabei ist, ist es dann nicht verrucht zu wähnen, die Gerechtigkeit könne unterliegen, die er selbst so sehr liebt hat, wie es oben niedergeschrieben ist? Und wenn die Gerechtigkeit im Zweikampf nicht zu erliegen vermag, wird dann nicht nach Recht erworben, was durch Zweikampf erworben wird ?

Diese Wahrheit kannten auch die Heiden vor der Posaune des Evangeliums, als sie das Urteil im Glück des Zweikampfes suchten. Darum antwortete gut jener Pyrrhus, edel so durch die Artung der Aeakiden wie durch ihr Blut, als die Gesandten der Römer für den Loskauf der Gefangenen zu ihm geschickt waren:

Gold, das heische ich nicht, kein Lösegeld sollt ihr mir geben;
Nicht vermarkten wir den Krieg – wir schlagen die Kriege.
Wäge Stahl, nicht Gold, wer leben darf von uns beiden.
Ob euch Hera krönt, ob mich, und was unser Los bringt,
Tucht erforscht es uns.
Da des Krieges Glück die Tucht so Vieler verschont hat,
Ist es gewiß, daß ich so Vieler Freiheit verschone:
Habt aus Huld sie.

Dieser Pyrrhus nannte das Glück Hera – wir heißen diese Ursache besser und richtiger die göttliche Vorsehung; drum sollen die Kämpen achtgeben, daß sie nicht Geld zu ihrer Ursache machen, denn dann wäre nicht von Zweikampf, sondern von einem Markt des Blutes und der Ungerechtigkeit zu reden, und nicht glaube man dann, Gott sei als Entscheider dabei, sondern jener alte Feind, der Verführer zum Zwist von jeher. Mögen sie immer, wenn sie Zweikämpfer sein wollen, nicht Krämer des Blutes und der Ungerechtigkeit, an der Pforte zum Kampfplatz Pyrrhus vor Augen haben, der im Wettkampf um das Reich das Gold so verachtete, wie es gesagt ist.

Wird nun gegen die gezeigte Wahrheit, wie häufig geschieht, die Ungleichheit der Kräfte eingeworfen, so werde durch den Sieg Davids über Goliath der Einwurf widerlegt. Und sollten die Heiden etwas anderes verlangen, so mögen sie durch den Sieg des Herkules über Antäus ihn widerlegen. Denn recht töricht ist es, Kräfte, die Gott stärkt, für schwächer zu halten als einen Raufbold. Schon ist es offenbar genug, was durch Zweikampf erworben wird, werde nach Recht erworben.

ZEHNTES KAPITEL

Nun hat das römische Volk durch Zweikampf das Reich erworben: das wird durch glaubwürdige Zeugnisse bestätigt, bei deren Aufzeigung nicht nur dies sichtbar werden wird, sondern auch, daß alles, was seit den Urzeiten des römischen Reichs zu entscheiden war, durch Zweikampf ausgefochten wurde.

Denn im Anbeginn, als sich um den Thron des Vaters Aeneas, der dieses Volkes erster Vater war, ein Zwist entspann, indem der Rutulerkönig Turnus gegen ihn stand, da kam es schließlich nach gemeinsamer Zustimmung beider Könige, daß man den göttlichen Richterspruch erforsche, zum Ausfechten zwischen ihnen allein, wie das gegen Ende der Aeneis besungen wird: ein Wettkampf, in welchem die Milde des Siegers Aeneas so groß war, daß – hätte nicht das Wehrgehenk geschimmert, das Turnus dem von ihm gefällten Pallas entrissen hatte – er als Sieger dem Besiegten das Leben zugleich und den Frieden geschenkt hätte, wie die letzten Lieder unseres Dichters bezeugen. – Und als zwei Völker aus dieser trojanischen Wurzel in Italien aufschossen, das römische und das albanische, und über das Zeichen des Adlers, über die Hausgötter der Trojaner und über die Würde der Vorherrschaft lange Zeit unter ihnen war verhandelt worden, kam es zuletzt nach gemeinsamer Zustimmung der Parteien, daß man die Gerechtigkeit kennen lerne, durch die drei Horatierbrüder hier und die Gleichzahl Curiatierbrüder dort zum Wettstreit im Angesicht der beiderseits harrenden Könige und Völker: und als dort die drei Vorkämpfer der Albaner, doch von den Römern nur zwei, umgekommen waren, fiel die Palme des Siegs unter König Hostilius den Römern zu. Und dies hat Livius im ersten Teil sorgsam dargestellt, und auch Orosins stimmt dem bei. Daß weiterhin mit den Nachbarn unter Wahrung allen Kriegsrechtes, mit den Sabinern und den Samniten, zwar durch eine Vielheit von Wettkämpfern, jedoch unter der Form des Zweikampfes um das Reich gestritten worden ist, erzählt Livius: und bei dieser Art des Wettstreits mit den Samniten bereute gar das Glück – um es so zu nennen – sein Beginnen. Dies führt Lukan im zweiten zum Vergleich an, so:

Oder wieviele Scharen gefällt das kollinische Tor trug,
Damals, als das Haupt der Welt und des Staates Gewalt fast
Übertragen vertauschte den Ort, und mehr der Samnite
Römische Wunden begehrte als einst in Kaudiums Engpaß.

Nachdem aber die Zwiste der Italer beruhigt waren und mit den Griechen und mit den Puniern noch nicht um das göttliche Urteil war gestritten worden, wie da bald diese, bald jene nach dem Reiche strebten, wie Fabricius für die Römer, Pyrrhus für die Griechen um den Ruhm des Reiches mit gewaltiger Heerschar wettkämpften: da gewann Rom; und als Scipio für die Italer, Hannibal für die Afrikaner in der Form des Zweikampfs den Krieg führten, unterlagen die Afrikaner den Italern, so wie Livius und andere Darsteller der römischen Geschichte zu bezeugen bemüht sind.

Wer also ist jetzt so stumpfen Geistes, nicht zu sehen, wie unter dem Rechte des Zweikampfes das ruhmreiche Volk die Krone des ganzen Erdrunds davongetragen hat ? Wahrhaft konnte der römische Mensch das Wort des Apostels an Timotheus sagen: „Beigelegt ist mir die Krone der Gerechtigkeit“: beigelegt, heißt das, in Gottes ewigem Ratschluß. Sehen mögen jetzt die anmaßlichen Juristen, wie tief sie unter jenem Schauplatz der Vernunft stehen, von wo der menschliche Geist diese Prinzipien schaut, und mögen schweigen und sich begnügen, nach dem Sinn des Gesetzes Rat und Urteil abzugeben. Schon ist es ja offenbar, daß das römische Volk durch Zweikampf das Reich erworben hat: also nach Recht erworben hat, welches der oberste Satz im vorliegenden Buche ist.

Bis hierher erschließt sich der Hauptsatz durch Vernunftgründe, die sich zunächst auf vernünftige Prinzipien stützen: doch von nun ab ist er nochmals aus den Prinzipien des christlichen Glaubens aufzuschließen.

ELFTES KAPITEL

Es tobten nämlich am meisten und redeten vergeblich wider die römische Herrschaft, die sich Eifrer um den christlichen Glauben nennen: und es dauert sie nicht der Armen Christi, denen man die Einkünfte der Kirchen unterschlägt, ja mehr: auch die kirchlichen Erbgüter selbst werden täglich geplündert, und die Kirche verarmt, dieweil man, Gerechtigkeit heuchelnd, dem Vollstrecker der Gerechtigkeit nicht Raum geben mag: und schon erfüllt sich in solcher Verarmung Gottes Urteil, da man weder den Armen aus ihren Erbgütern – denn das sind die Mittel der Kirche – Hilfe bringt, noch, was das Kaiserreich darbringt, mit Dankbarkeit innehat. Gehe das hin, woher es gekommen: gekommen ist es gut, hingeht es übel, denn gut war es gegeben und übel besessen. Was sagt ihr zu solchen Hirten? was, wenn das Vermögen der Kirche zerfließt, dieweil die Besitztümer ihrer Verwandten heranwachsen? Aber vielleicht ist es besser, dem Vorsatz nachzugehen und unter frommem Schweigen unsres Heilands Hilfe zu erwarten.

Ich behaupte also, wenn das römische Kaisertum nicht nach Recht war, hat sich Christus mit seiner Geburt eines Unrechts unterfangen. Der Folgesatz ist falsch, also ist das Gegenteil des Vordersatzes wahr: denn das Gegenteil wird bedingt, wenn ein Widersinn da ist. Die Falschheit des Folgesatzes für Gläubige zu zeigen tut nicht not: denn wenn einer gläubig ist, gibt er zu, dies sei falsch; und wenn er es nicht zugibt, ist er nicht gläubig; und wenn er nicht gläubig ist, steht für ihn dieser Beweis nicht zur Frage. Die Folgerung selbst mache ich so klar:

Wer immer einem Gebot aus freier Wahl nachkommt, erweckt durch die Tat die Überzeugung, daß es gerecht sei; und da Taten überzeugender sind als Reden, nach dem Entscheide des Philosophen im letzten Buche an Nikomachus, überzeugt er stärker, als wenn er mit der Rede beistimmte. Aber Christus – sein Darsteller Lukas bezeugt es – wollte unter dem Gebot der römischen Machtfülle geboren werden von der Jungfrau Mutter, auf daß bei jener einzigartigen Schätzung des Menschengeschlechts der Sohn Gottes, Mensch geworden, als Mensch geschätzt würde: das hieß dem Gebot nachkommen. Und vielleicht ist es heiliger zu meinen, von Gott her sei jenes durch den Kaiser ausgegangen, auf daß er, der so lange Zeiten hindurch in der Gesellschaft der Sterblichen erwartet war, sich mit den Sterblichen zusammen selbst einschriebe. Also hat Christus durch die Tat überzeugt, gerecht sei das Gebot des Augustus, des Walters der römischen Machtfülle. Und da aus dem gerecht Gebieten die Gerichtsbarkeit folgt, so hat notwendig, wer von der Gerechtigkeit des Gebots überzeugt hat, auch von der Gerichtsbarkeit überzeugt: wenn diese nicht nach Recht bestand, war sie ungerecht.

Man bemerke hier, daß der zum Zerstören der Folgerung gewählte Beweisgang – mag er seiner Form nach in manchem Beweis gelten – dennoch seine eigentliche Kraft in der zweiten Figur zeigte, wenn er so zurückbezogen wird wie der Beweisgang von der Bejahung des Vordersatzes aus in der ersten Figur. Zurückbezogen wird er nämlich so: Von allem Unrechten überzeugt man mit Unrecht; Christus hat nicht mit Unrecht überzeugt: also hat er nicht von Unrechtem überzeugt. – Von der Bejahung des Vordersatzes aus so: Von allem Unrechten überzeugt man mit Unrecht; Christus hat von etwas Unrechtem überzeugt: also hat er mit Unrecht überzeugt.

ZWÖLFTES KAPITEL

Und wenn das römische Kaisertum nicht nach Recht gewesen ist, so ist die Sünde Adams nicht in Christus bestraft worden; dies aber ist falsch: also ist der Widerspruch von dem wahr, woraus es folgt. Die Falschheit des Folgesatzes wird so deutlich: Da wir durch Adams Sünde alle Sünder waren nach dem Worte des Apostels: „wie durch Einen Menschen Sünde in die Welt gekommen ist, durch die Sünde Tod, ist der Tod in alle Menschen gedrungen, dieweil alle gesündigt haben“ – so wären wir, hätte nicht diese Sünde durch Christi Tod Genugtung gefunden, noch jetzt Söhne des Zorns von Natur, das heißt von der verunstalteten Natur. Aber so ist es nicht, da ja der Apostel zu den Ephesern sagt, vom Vater sprechend: „Und hat uns zur Kindschaft gegen ihn selbst durch Jesus Christus vorbestimmt nach dem Wohlgefallen seines Willens zum Lob seiner herrlichen Gnade, zu der er uns in seinem geliebten Sohn begnadet hat: in Dem haben wir Erlösung durch sein Blut, Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, die uns reichlich widerfahren ist“ – da ja auch Christus selbst, seine Bestrafung duldend, bei Johannes sagt: „Es ist vollbracht“: denn wo es vollbracht ist, bleibt nichts mehr zu tun.

Der Schicklichkeit wegen wisse man nun, daß Bestrafung nicht einfach die Pein des Unrecht-täters ist, sondern die Pein, die über den Täter des Unrechts der Herr des Strafgerichtes verhängt. Drum, wenn die Pein nicht von einem ordentlichen Richter verhängt ist, ist das keine Bestrafung, sondern wäre eher Unrecht zu nennen. Drum sprach jener zu Moses: „Wer hat dich zum Richter über uns gesetzt ?“ Hätte also Christus nicht unter einem ordentlichen Richter gelitten, so wäre jene Pein keine Bestrafung gewesen; und der Richter konnte ein ordentlicher nur sein, wenn er über das ganze menschliche Geschlecht Gerichtsherr war, da das ganze menschliche Geschlecht dort im Fleische Christi bestraft wurde, der, wie der Profet sagt, unsre Schmerzen trug. Und über das ganze menschliche Geschlecht wäre Kaiser Tiberius, dessen Stadthalter Pilatus war, Gerichtsherr nicht gewesen, wenn das römische Kaisertum nicht nach Recht gewesen wäre. Deshalb hat Herodes, wenn auch nicht ahnend, was er tat, und hat ebenso Kaiphas, indem er nach himmlischem Ratschluß Wahrheit sprach, Christus an Pilatus zur Verurteilung gesandt, wie Lukas in seinem Evangelium überliefert. Es war nämlich Herodes nicht Statthalter des Tiberius unter dem Banner des Adlers, auch nicht unter dem Banner des Senats, sondern König, zu seinem besondern Königreich von ihm verordnet, und unter dem Banner des ihm anvertrauten Königtums waltend.

Aufhören mögen sie denn, das römische Kaisertum schlecht zu machen, die angeblichen Söhne der Kirche, wenn sie sehen, daß ihr Bräutigam Christus es also zum Eingang und Ausgang seines Heldentums guthieß. Und endlich, dünkt mich, ist zur Genüge offenbar, das römische Volk habe sich nach Recht das Weltkaisertum beigelegt.

O glückliches Volk, o du prangendes Ausonien! wäre niemals jener Minderer deines Kaisertums geboren, oder hätte niemals seine fromme Absicht ihn getrogen!

Es schließt das Zweite Buch.

DAS DRITTE BUCH

ERSTES KAPITEL

„Er schloß den Löwen das Maul, und sie taten mir kein Leid: denn vor ihm ward Gerechtigkeit in mir erfunden.“

Im Beginn dieses Werkes war geplant, drei Fragen nachzuforschen, soweit der Gegenstand es sich gefallen ließe: und die zwei ersten sind, wie ich glaube, in den vorangehenden Büchern zur Genüge verhandelt. Jetzt aber bleibt von der dritten zu handeln: und es mag wohl die Wahrheit in ihr, weil sie nur zum Erröten mancher Leute auftauchen kann, Ursache mancher Empörung gegen mich werden. Aber weil auf ihrem unwandelbaren Throne die Wahrheit selbst für mich bittet, weil auch Salomo, den Wald der Sprüche betretend, uns nach seinem Beispiele die Wahrheit zu bedenken, das Gottlose aber zu verfluchen unterweist, und der Lehrer der Sitten, der Philosoph, das Häusliche zu zerstören rät der Wahrheit zulieb: so fasse ich Vertrauen aus den vorangestellten Worten Daniels, in welchen auf die göttliche Macht als den Schild für die Verteidiger der Wahrheit gedeutet wird; und indem ich nach der Ermahnung Pauli den Panzer des Glaubens anlege, will ich mit der Glut jener Kohle, die einer der Seraphim vom himmlischen Altare nahm und Jesajas‘ Lippe berührte, nun diese Arena betreten, um in der Kraft dessen, der uns von den Gesetzen der Finsternis in seinem Blute befreit hat, den Gottlosen und Lügner, eine Schau für die Welt, vom Kampfplan zu stoßen. Was mag ich fürchten? da der Geist, ewig wie Vater und Sohn, durch den Mund Davids kündet: “ Im ewigen Gedächtnis wird sein der Gerechte und vor bösem Gerede sich nicht fürchten“.

Die neue Frage also, deren Untersuchung bevorsteht, wägt zwischen den zwei großen Leuchten, dem römischen Priester und dem römischen Fürsten: und zwar wird gefragt, ob die Geltung des römischen Monarchen, der nach Recht Monarch der Welt ist, wie im zweiten Buche bewiesen wurde, unmittelbar von Gott abhänge oder von einem Statthalter oder Diener Gottes – womit ich den Nachfolger Petri verstehe, wahrlich den Schlüsselträger zum Himmelreich.

ZWEITES KAPITEL

Um die vorliegende Frage zu erörtern, muß, wie es in dem bisherigen durchgeführt wurde, ein Oberstes, ein Prinzip angenommen werden, unter dessen Kraft die Beweise der zu erschließenden Wahrheit sich formen sollen. Denn ohne ein vorgestecktes Prinzip, selbst mit wahren Worten, sich abmühen: was nützt das? da im Prinzip allein die anzunehmenden Mittelglieder wurzeln.

Sei denn diese unwiderlegliche Wahrheit vorgesteckt, nämlich: Gott verwirft das, was dem Plane der Natur widerstreitet. – Denn wäre dies nicht wahr, so wäre der Widerspruch dazu nicht falsch, welcher ist, daß Gott nicht verwerfe, was dem Plane der Natur widerstreitet. Und ist dies nicht falsch, dann auch nicht das, was daraus folgt: unmöglich ist es nämlich bei notwendigen Schlüssen, daß der Folgesatz falsch sei, wenn der Vordersatz nicht falsch ist. Nun folgt aus dem nicht Verwerfen eins von beiden mit Notwendigkeit, entweder Wollen oder Nichtwollen, wie auf das Nichthassen notwendig entweder Lieben oder Nichtlieben folgt: Nichtlieben ist ja noch nicht Hassen, und Nichtwollen ist nicht schon Verwerfen, wie von selbst einleuchtet. Wenn nun dies alles nicht falsch ist, so wird sich auch das als nicht falsch zeigen: Gott will, was er nicht will – und doch geht nichts über diese Falschheit.

Daß nun das wahr sei, was hier behauptet wird, mache ich so klar. Offenbar ist es, daß Gott das Ziel, die Vollendung der Natur will: sonst würde er den Himmel sinnlos bewegen, und das ist nicht sagbar. Wenn Gott nun aber ein Hindernis dieses Zieles wollte, so wollte er auch das Ziel des Hindernisses: sonst würde er auch hier sinnlos wollen. Und da das Ziel des Hindernisses das Nichtsein der verhinderten Sache ist, so würde folgen, Gott wolle das Nichtsein des Ziels der Natur, dessen Sein er doch will, wie behauptet wird. Wenn nämlich Gott ein Hindernis des Zieles nicht wollte, so würde aus dem genauen Wortsinn des Nichtwollens folgen, er kümmere sich nicht um das Hindernis, ob es nun sei oder nicht sei. Aber wer sich um ein Hindernis nicht kümmert, kümmert sich nicht um die Sache, die dadurch verhindert werden könnte, und hat sie folglich nicht in seinem Willen: und was einer nicht in seinem Willen hat, das will er nicht. Deswegen, wenn das Ziel der Natur verhindert werden kann (und das kann es), so folgt mit Notwendigkeit, daß Gott das Ziel der Natur nicht will: und somit folgt das frühere, nämlich daß Gott will, was er nicht will. Völlig wahr ist darum jenes Prinzip, aus dessen Widerspruch solche Unsinnigkeiten folgen.

DRITTES KAPITEL

Im Eingang zur Frage dieses Buches muß bemerkt werden, daß bei der ersten Frage die Wahrheit mehr kundzutun war, um Unwissenheit als um Streit zu beseitigen; während die in der zweiten Frage fast gleichmäßig mit Unwissenheit und Streit zu tun hatte. Vieles freilich wissen wir nicht, worüber wir nicht streiten: der Geometer kennt die Quadratur des Kreises nicht und streitet doch nicht über sie; der Theolog kennt die Zahl der Engel nicht und erhebt doch ihrethalben keinen Streit; und wenn der Ägypter die Verfassung der Skythen nicht kennt, hadert er nicht gleich über diese Verfassung. Hier nun, bei der dritten Frage, begegnet die Wahrheit so vielem Streit, daß ebenso, wie anderwärts Unwissenheit Ursache des Streits zu sein pflegt, hier der Streit schon eher Ursache der Unwissenheit ist. Wenn die Menschen nämlich dem Einblick der Vernunft mit dem Willen vorausfliegen, tritt immer dies ein, daß sie, schlimm erregt, unbekümmert um das Licht der Vernunft, sich von der Erregung fast blind hinreißen lassen und noch hartnäckig ihre Blindheit ableugnen. Und da geschieht es sehr oft, daß nicht allein die Falschheit ein Stammgut erhält, sondern daß die meisten, ihren Grenzpfählen entschreitend, auch fremde Burgen überlaufen, wo sie selbst nichts begreifen und in nichts begriffen werden: und so reizen sie manche zum Zorn, manche zur Empörung, einige zum Gelächter.

Gegen die Wahrheit also, nach der gefragt wird, ringen am meisten drei Gattungen von Menschen an. Der höchste Priester, unsres Herrn Jesu Christi Statthalter und Petri Nachfolger, dem wir nicht dasselbe wie Christo, doch dasselbe wie Petro schuldig sind, widerspricht, vielleicht im Eifer um die Schlüsselgewalt – ebenso die andern Hirten der christlichen Herden und andre, die, denke ich, allein im Eifer um die Mutter Kirche vortreten, sie widersprechen der Wahrheit, die ich zeigen will, aus Eifer vielleicht, wie gesagt, nicht aus Hochmut. Einige andre dann, deren verstockte Gier den Schimmer der Vernunft auslöscht und die sich, während sie zum Vater den Teufel haben, Söhne der Kirche nennen, erregen nicht nur in dieser Frage Streit, sondern leugnen sogar in Schauder vor dem hochhehren Namen des Fürstentums schamlos die Prinzipien der vorigen Fragen und dieser hier. Und als die dritten gibt es die Dehretalisten, wie man sie nennt, die unwissend und unerfahren in jeglicher Theologie und Philosophie, auf ihre Dekretalen – die ich gewiß für ehrwürdig erachte – mit aller Anspannung gestemmt und auf deren Vorzug, glaube ich, bauend, das Kaisertum schmälen. Was Wunder: schon hörte ich ja einen von ihnen das behaupten und frech beanspruchen, die Überlieferungen der Kirche seien die Grundlage des Glaubens – ein Frevel, wie ihn aus dem Wahne der Sterblichen jene tilgen mögen, die schon vor den Überlieferungen der Kirche an den Sohn Gottes, den Gesalbten, als künftigen oder gegenwärtigen oder schon hingegangnen geglaubt und im Glauben auf ihn gehofft und im Hoffen von Liebe zu ihm gebrannt haben, und in diesem Brande seine Miterben geworden sind – nicht bezweifelt es die Welt.

Und damit diese Art von dem Kampfplatz hier völlig ausgeschlossen werde, muß man beachten, daß es eine Schrift gibt vor der Kirche, eine mit der Kirche, eine nach der Kirche. Vor der Kirche nämlich gibt es das Alte und Neue Testament, welches „für ewig bestimmt ist“, wie der Profet kündet: und dies ist es, was die Kirche selbst sagt, da sie zum Bräutigam spricht: „ziehe mich dir nach“. Mit der Kirche dann gibt es jene ehrwürdigen Hauptkonzilien, an denen Christus teilgenommen hat, wie kein Gläubiger bezweifelt: denn wir besitzen sein Wort an die Jünger, eh er gen Himmel fuhr: „siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“, wie Matthäus bezeugt; – gibt es auch die Schriften der Lehrer, Augustins und der andern: und wer bezweifelt, daß der Heilige Geist ihnen half, hat ihre Früchte entweder gar nicht gesehen oder, sah er sie, nimmer gekostet. Nach der Kirche dann gibt es die Überlieferungen, die man Dekretalen nennt; aber obwohl diese durch ihr apostolisches Ansehen ehrwürdig sind, darf man doch nicht zweifeln, daß sie der grundlegenden Schrift nachzustellen seien, da Christus des Gegenteils wegen die Priester gescholten hat. Als sie nämlich fragten, „warum übertreten deine Jünger die Überlieferung der Ältesten ?“ – sie unterließen nämlich die Waschung der Hände -erwiderte ihnen Christus nach Matthäi Zeugnis: „warum übertretet denn ihr Gottes Gebot um eurer Überlieferung willen?“, womit er genügend zu verstehen gibt, daß man die Überlieferung nachstellen soll. Wenn nun die Überlieferungen der Kirche nach der Kirche sind, wie erklärt wurde, so ist es nötig, daß nicht der Kirche von den Überlieferungen, vielmehr von der Kirche den Überlieferungen Geltung zuwächst; und sie, die bloß Überlieferungen haben, sind von diesem Kampfplatz auszuschließen. Es gehört sich nämlich, daß die Jäger dieser Wahrheit erspüren, woher die Geltung der Kirche quillt, und von dort vorwärtsgehen.

Nach dem Ausschluß dieser sind auch die andern auszuschließen, die sich in ihrem Rabengefieder als weiße Schafe in der Herde des Herrn aufspielen. Das sind die Söhne der Gottlosigkeit, welche, um ihre Laster üben zu können, die Mutter preisgeben, die Brüder austreiben und schon gar nicht gewillt sind, einen Richter zu haben. Denn warum sollte bei ihnen Vernunft gesucht werden? in ihrer Gier verhaftet würden sie die Prinzipien nicht sehen.

Deswegen bleibt einzig mit denen das Wortgefecht, die bei etwelchem Eifer für die Mutter Kirche sie, die gesucht wird: die Wahrheit nicht wissen. Und mit diesen beginne ich im Vertrauen auf jene Ehrfurcht, die ein frommer Sohn dem Vater, die ein frommer Sohn der Mutter schuldet, fromm gegen Christus, fromm gegen die Kirche, fromm gegen den Hirten, fromm gegen alle Bekenner der christlichen Bindung, zum Heile der Wahrheit in diesem Buche den Streit.

VIERTES KAPITEL

Wenn nun diese, an die sich die ganze folgende Erörterung wendet, versichern, die Geltung des Kaisertums hänge von der Geltung der Kirche ab, wie der niedere Handwerker vom Baumeister abhängt, so bewegen sie sich in mehreren entgegengesetzten Beweisgängen; die entlocken sie der Heiligen Schrift und auch Zügen aus der Geschichte sowohl des höchsten Priesters wie des Kaisers selbst; ferner bemühen sie sich wohl, einen Hinweis aus der Vernunft vorzubringen.

Sie sagen nämlich erstens nach der Schrift in der Genesis, daß Gott zwei große Lichter machte, ein größeres und ein kleineres, damit das eine Licht den Tag regiere und das andre Licht die Nacht regiere; und diese wollten sie, allegorisch bezeichnet, als die zwei Herrschaften verstehen, das ist die geistliche und die zeitliche. Von da beweisen sie, daß ebenso wie der Mond, welcher die kleinere Leuchte ist, nur so viel Licht hat, wie er von der Sonne empfängt, so auch die zeitliche Herrschaft nur so viel Geltung hat, wie sie von der geistlichen Herrschaft empfängt.

Um diesen und um ihre andern Gedanken aufzulösen, sei zuvor bemerkt, daß nach dem Entscheide des Philosophen in den sophistischen Fangschlüssen „die Auflösung eines Beweisganges die Klarstellung des Irrtums bewirkt“. Und weil der Irrtum in Stoff und Form des Beweisganges liegen kann, kommt ein doppeltes Fehlgehen vor: entweder weil man Falsches voraussetzt, oder weil man nicht regelrecht schließt: welches beides der Philosoph gegen Parmenides und Meliß vorbrachte in dem Wort: „denn Falsches nehmen sie auf und schließen nicht regelrecht.“ Und ich verstehe hier Falsch in weitem Sinne auch für das Unvermutbare, welches bei einem wahrscheinlichen Stoff die Natur des Falschen besitzt. Wenn nun in der Form gefehlt wurde, so muß den Schluß aufheben, wer den Beweis auflösen will, indem er zeigt, daß die regelrechte Schlußform nicht eingehalten sei. Wenn aber im Stoff der Fehler liegt, so entweder, weil ein schlechthin Falsches vorausgesetzt ist, oder ein Falsches nach einer Hinsicht. Schlechthin: dies ist durch Aufhebung der Voraussetzung – nach einer Hinsicht: dies ist durch Unterscheidung zu lösen.

Ist dies gesehen, so gilt es zum besseren Einblick in diese und die andern, später gebrachten Auflösungen zu bemerken, daß gegenüber einem mystischen Sinn doppeltes Irren vorkommt: entweder, indem man ihn sucht, wo er nicht ist, oder indem man ihn anders auffaßt, als er aufzufassen ist. Für das erste sagt Augustin in der Stadt Gottes: „Nicht muß man von allem, was als Geschehnis erzählt wird, glauben, es bedeute auch etwas. Sondern um der Dinge willen, die etwas bedeuten, werden auch solche, die nichts bedeuten, angefügt. Allein mit dem Schar reißt man die Erde auf: doch damit das möglich sei, sind auch die übrigen Teile des Pflugs notwendig.“ Für das zweite sagt derselbe in der Christlichen Lehre, wo er von dem spricht, welcher ein anderes in den Schriften spüren will als der, welcher sie geschrieben hat: „So täuscht er sich“ – heißt es – „wie wenn einer, von der Straße abbiegend, doch im Kreise dahingelangte, wohin seine Straße führt;“ und er setzt hinzu: „man muß aufzeigen, wie er durch die Gewohnheit des Abbiegens gezwungen wird, auch verkehrt und umgekehrt zu gehen.“ Schließlich weist er auf den Grund, warum man sich davor in den Schriften hüten muß, da er sagt: „Straucheln wird der Glaube, wenn das Ansehen der göttlichen Schriften wankt.“

Ich aber sage: wenn dergleichen aus Unwissenheit geschieht, so ist es nach sorgsamer Zurechtweisung zu verzeihen, wie dem zu verzeihen wäre, dem vor einem Löwen in Wolken graute; wenn dagegen mit Absicht, ist mit so Irrenden nicht anders umzugehen als mit Tyrannen, die die staatlichen Rechte nicht zum gemeinen Nutzen einhalten, vielmehr für ihren Sondernutzen zu verdrehen streben. O höchste Untat, und wenn sie in Träumen geschehe, des ewigen Geistes Plan zu mißbrauchen! Nicht ist es ja Sünde wider Moses, nicht wider David, nicht wider Hiob, nicht wider Matthäus, nicht wider Paulus, sondern wider den Heiligen Geist, der in jenen redet. Denn sind auch die Schreiber der göttlichen Verkündigung viele, einer ist doch nur, der sie eingibt: Gott, der uns seinen Ratschluß durch die Feder von vielen zu entfalten geruht hat.

Nach diesen Voranstellungen antworte ich auf das, was oben behauptet wurde, im Sinne der Aufhebung jener Behauptung, mit der sie sagen, es begriffen jene beiden Lichter urbildlich diese beiden Herrschaften ein; auf dieser Behauptung nämlich beruht die ganze Kraft des Beweisganges. Daß aber ein solcher Sinn in keiner Weise gehalten werden kann, vermag auf doppeltem Wege gezeigt zu werden. Zuerst denn, da diese Herrschaften ein am Menschen Haftendes sind, so würde Gott der verkehrten Ordnung gefolgt zu sein scheinen, das Anhaftende eher hervorbringend als seinen eigentlichen Träger: es ist unsinnig, das von Gott zu behaupten. Denn jene beiden Lichter wurden am vierten Tage, der Mensch am sechsten Tage hervorgebracht, wie es in der Bibel zu sehen ist. Zudem: da diese Herrschaften Richten der Menschen zu gewissen Zielen sind, wie später erhellen wird, so hätte der Mensch, wäre er im Stande der Unschuld stehen geblieben, in dem er von Gott geschaffen ist, solcher Richten nicht bedurft, denn diese Herrschaften sind Arzneien gegen das Siechtum der Sünde. Da nun am vierten Tage der Mensch nicht nur kein Sünder war, sondern sogar schlechthin kein Mensch war, wäre es müßig gewesen, Arzneien hervorzubringen: und das ist gegen die göttliche Vollkommenheit. Töricht wäre ja der Arzt, der vor der Geburt des Menschen für ein künftiges Geschwür ihm das Pflaster bereitete. Nicht darf man also behaupten, es habe am vierten Tage Gott diese beiden Herrschaften gemacht: und somit konnte die Vorstellung des Moses nicht die sein, die sie sich ausdenken.

Man kann diese Lüge, duldet man sie, auch durch Unterscheidung auflösen. Sanfter nämlich für den Gegner ist die scheidende Lösung: da erscheint er nicht völlig als Lügner, wie die aufhebende ihn erscheinen läßt. Ich sage also: mag der Mond kein reichliches Licht haben, außer daß er es von der Sonne empfängt, so folgt deshalb nicht, der Mond selbst sei von der Sonne. Man muß also wissen, daß das Sein des Mondes eins ist, seine Kraft ein andres und sein Tun noch ein andres. Was das Sein angeht, so hängt nirgendwie der Mond von der Sonne ab, und auch nicht, was die Kraft angeht, noch was die Tätigkeit schlechthin angeht: denn seine Bewegung ist von einem eignen Beweger, sein Einfluß ist von seinen eignen Strahlen. Er hat nämlich einiges Licht von sich her, wie bei seiner Verdunklung offenbar ist. Doch was das bessere und wirksamere Tun angeht, so empfängt er etwas von der Sonne: das reichliche Licht, nach dessen Empfang er wirksamer tätig ist. So also sage ich, daß das zeitliche Reich nicht das Sein vom geistlichen empfängt, noch die Kraft – und das ist seine Geltung – noch auch die Tätigkeit schlechthin; wohl aber empfängt es von ihm das, daß es wirksamer tätig sei durch das Licht der Gnade, die im Himmel und auf Erden der Segen des höchsten Priesters über ihm ausgießt. – Und demnach fehlte der Beweis in der Form, weil das Prädikat im Schlußsatz nicht der Endbegriff des Obersatzes ist, wie ersichtlich. Denn so geht er vor: Der Mond empfängt das Licht von der Sonne, das ist der geistlichen Herrschaft; die zeitliche Herrschaft ist der Mond; also empfängt die zeitliche Herrschaft die Geltung von der geistlichen Herrschaft. Denn im Endbegriff des Obersatzes setzen sie das Licht, im Prädikat des Schlußsatzes dagegen die Geltung: das sind Dinge, verschieden als Gegenstand und als Begriff, wie man gesehen hat.

FÜNFTES KAPITEL

Sie nehmen auch einen Beweis aus dem Texte Mosis, indem sie sagen, daß aus der Lende Jakobs das Bild dieser beiden Herrschaften floß – Levi und Juda, deren einer Vater des Priestertums war, der andere der zeitlichen Herrschaft. Dann folgern sie hieraus so: Wie sich Levi zu Juda verhielt, so verhält sich die Kirche zum Kaisertum. Levi ging dem Juda in der Geburt voran, wie im Text zu ersehen: also geht die Kirche dem Kaisertum in der Geltung voran.

Und dies nun löst sich leicht. Denn wenn sie sagen, daß Levi und Juda, Jakobs Söhne, die zwei Herrschaften bedeuten, könnte ich dies wie das vorige durch Aufhebung zerlösen: doch sei es eingeräumt. Und wenn sie beweisend vorbringen: wie Levi in der Geburt vorangeht, so die Kirche in der Geltung, sage ich gleichfalls, daß das Prädikat des Schlußsatzes verschieden vom oberen Endbegriff ist, denn verschieden ist Geltung von Geburt nach Gegenstand und Begriff: deswegen ist in der Form gefehlt. Und zwar gleicht der Vorgang diesem: A geht B in C voran; D und E verhalten sich wie A und B: also geht D dem E in F voran; F jedoch und C sind verschieden. Und wenn sie als Einwand die Behauptung brächten, daß F aus C folge, d.h. die Geltung aus der Geburt, und für das Vorangehende zutreffend das Folgende hineingebracht wird, wie das Lebewesen für den Menschen, behaupte ich, daß das falsch ist. Viele nämlich sind älter an Geburt, die nicht bloß in der Geltung nicht vorangehen, sondern gar von Jüngeren überholt werden, wie es sich zeigt, wo die Bischöfe jünger sind als ihre Erzpriester. Und so sieht man den Einwand irren, weil er einen Nichtgrund als Grund nimmt.

SECHSTES KAPITEL

Aus dem Texte nun des ersten Buches Samuelis nehmen sie sich ferner die Wahl und Absetzung Sauls: und behaupten, daß Saul zum König gethront und abgesetzt wurde durch Samuel, der auf Geheiß die Stelle Gottes vertrat, was im Texte deutlich ist. Und hieraus folgern sie, daß in derselben Weise, wie jener Statthalter Gottes Vollmacht besaß, die zeitliche Herrschaft zu nehmen und einem andern zu übertragen, auch jetzt der Statthalter Gottes, der Vorsteher der All-Kirche, die Vollmacht besitzt, den Stab weltlicher Herrschaft zu geben und zu nehmen und gleichfalls zu übertragen: woraus zweifellos folgen würde, daß die Vollmacht des Kaisertums abhängig wäre, wie sie behaupten. Und hierauf ist zu antworten im Sinne der Aufhebung dessen, daß sie Samuel Statthalter Gottes nennen, weil er nicht als Statthalter, sondern als besonderer Gesandter für diesen Zweck, oder als Bote, der einen ausdrücklichen Auftrag des Herrn überbringt, solches getan hat Das ist klar: denn was Gott sagte, das allein hat er getan und das ausgerichtet.

Drum muß man wissen, daß es eines ist, Statthalter sein, ein andres aber, Bote oder Diener sein, wie es eines ist, Lehrer sein, ein anderes, Ausleger sein. Denn Statthalter ist, wem die Gerichtsbarkeit durch Gesetz oder durch Willkür anvertraut ist; und demnach kann er innerhalb der Grenzen der nach Gesetz oder nach Willkür anvertrauten Gerichtsbarkeit in Sachen handeln, von denen der Herr gar nichts weiß. Das kann der Bote nicht, soweit er Bote ist: sondern gleich wie der Hammer allein in der Kraft des Schmiedes arbeitet, so auch der Bote allein in der Willkür dessen, der ihn schickt. Nicht folgt also, wenn Gott durch den Boten Samuel dies getan hat, daß der Statthalter Gottes das tun dürfe. Vieles hat ja Gott durch Engel getan und tut es und wird es tun, was der Statthalter Gottes, Petri Nachfolger, nicht tun könnte. So geht denn ihr Beweis vom Ganzen auf den Teil zu, in der aufbauenden Form so: der Mensch kann sehen und hören, also kann das Auge sehen und hören: und das hält nicht Stand. Es hielte jedoch Stand in der zerstörenden Form so: der Mensch kann nicht fliegen, also können auch die Arme des Menschen nicht fliegen; und ingleichen so: Gott kann durch einen Boten nicht machen, daß das Erzeugte nicht erzeugt sei, nach dem Satze Agathons: also kann es auch sein Statthalter nicht machen.

SIEBENTES KAPITEL

Sie nehmen sich auch aus dem Texte Matthäi die Spende der Magier, indem sie behaupten, Christus habe zugleich Weihrauch und Gold empfangen, um auf sich selbst als Herrn und Steuermann im Geistlichen und Zeitlichen hinzudeuten: und von hier aus bringen sie hinein, auch Christi Statthalter sei Herr und Steuermann in beidem, und folglich habe er Geltung über beides. Hierauf erwidernd, gebe ich den Text des Matthäus und dessen Sinn zu; doch was sie von ihm aus hineinzubringen bemüht sind, hebe ich auf. Sie schließen nämlich so: Gott ist der Herr über Geistliches und Zeitliches; der höchste Priester ist der Statthalter Gottes: also ist er der Herr über Geistliches und Zeitliches. Wohl sind beide Voraussetzungen richtig, aber das Mittelglied wird vertauscht und nun mit vier Gliedern gefolgert: wobei die regelrechte Schlußform verlorengeht, wie sich aus den Büchern vom Schlußverfahren ergibt. Denn etwas anderes ist Gott, das Subjekt im Obersatz, als der Statthalter Gottes, das Prädikat im Untersatz.

Und wenn einer die Gleichwertigkeit des Statthalters einwendete, so ist unnütz der Einwand, weil keine Statthalterschaft, sei sie göttlich, sei sie menschlich, der herrschenden Macht gleichkommen kann: was sich glatt ergibt. Denn wir wissen, daß der Nachfolger Petri der göttlichen Macht nicht gleichkommt, wenigstens nicht in der Bewirkung der Natur: nicht könnte er machen, daß die Erde emporstiege oder das Feuer herniederstiege, vermöge des ihm vertrauten Amtes. Und es könnte ihm auch nicht alles von Gott anvertraut werden, weil ja Gott die Fähigkeit des Erschaffens und so auch des Verwandelns in der Taufe nirgendwie anvertrauen könnte, wie das einleuchtend bewiesen wird, wenngleich der Lehrmeister im vierten Buche das Gegenteil gesagt hat. Wir wissen ferner, daß der Statthalter eines Menschen ihm selbst nicht gleichkommt, so weit er eben Statthalter ist, weil keiner geben kann, was nicht sein ist. Die fürstliche Geltung gehört dem Fürsten nur zum Gebrauch, weil kein Fürst sich selbst Geltung geben kann. Empfangen kann er sie, auch loslassen; doch einen Fürsten schaffen kann er nicht, weil solch ein Schaffen vom Fürsten nicht abhängt. Ist das nun so, dann ist offenbar, daß kein Fürst sich einen überall gleich mächtigen Statthalter einsetzen kann; daher hat der Einwand keine Wirksamkeit.

ACHTES KAPITEL

Ebenso nehmen sie sich aus demselben Text das Wort Christi zu Petrus: „Alles was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein; und alles was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“ Daß dies auch allen Aposteln ähnlich gesagt sei, entnehmen sie dem Texte des Matthäus, zugleich auch des Johannes. Und hieraus folgern sie, der Nachfolger Petri könne nach der Bewilligung Gottes alles so binden wie lösen; und bringen nun hinein, lösen könne er Gesetze und Beschlüsse des Kaisertums, und Gesetze und Beschlüsse binden an Stelle der zeitlichen Herrschaft: woraus trefflich das folgen würde, was sie behaupten.

Und hierauf ist zu antworten im Sinne der Unterscheidung beim Obersatz des Schlusses, den sie anwenden. Sie schließen nämlich so: Petrus konnte alles lösen und binden; der Nachfolger Petri kann alles lösen und binden. Und hier bringen sie hinein, daß er die Geltung und die Beschlüsse des Kaisertums lösen und binden könne. Den untern Satz gebe ich zu, den obern dagegen nicht ohne Unterscheidung. Und demnach sage ich, daß diese allgemeine Bezeichnung „alles“ nie über den Umfang des zugehörigen Begriffs hinaus bestimmend ist. Denn wenn ich sage: „alle Lebewesen laufen“, so bestimmt „alle“ all das, was unter der Gattung „Lebewesen“ verstanden wird. Wenn ich aber sage: „alle Menschen laufen“, dann bestimmt die allgemeine Bezeichnung nur, was diesem Begriff „Menschen“ untersteht. Und sage ich „alle Grammatiker“, so engt sich die Bestimmung noch mehr ein. Deswegen gilt es stets zu sehen, was das ist, was die allgemeine Bezeichnung zu bestimmen hat: ist das aber gesehen, so wird leicht deutlich, wie weit ihre Bestimmung sich ausdehne, wenn man die Natur und den Umfang des zugehörigen Begriffes erkannt hat. Wenn es daher heißt: „alles was du binden wirst“, so wäre wahr, was sie behaupten, wenn jenes „alles“ losgelöst genommen würde: und er könnte nicht allein dies tun, sondern gar die Frau vom Manne lösen und an einen andern binden zu Lebzeiten des ersten, was er keineswegs kann. Ja, er könnte mich ohne meine Reue lösen – das könnte sogar Gott selbst nicht tun.

Da es denn so ist, offenbart sich, daß nicht losgelöst jene Bestimmung zu nehmen ist, sondern im Hinblick auf irgend etwas. Wohin sie aber blicke, ist zur Genüge einleuchtend, wenn man das beachtet, was dem Petrus zugeteilt wird, wofür jene Bestimmung angefügt ist. Es sagt nämlich Christus zu Petrus: „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben“, das ist, ich will dich zum Pförtner des Himmelreiches machen. Dann setzt er hinzu: „Und alles was…“, das heißt: und alles, was zu diesem Amt gehören wird, sollst du lösen und binden können. Und so zieht sich die allgemeine Bezeichnung, die in „alles“ liegt, in ihrer Bestimmung zusammen auf das Amt der Schlüssel im Himmelreich. Und nimmt man es so, dann ist jene Voraussetzung wahr: losgelöst aber nicht, wie sich zeigte. Und demnach sage ich: mag auch der Nachfolger Petri, gemäß dem Erfordernis des dem Petrus anvertrauten Amtes, lösen und binden können, dennoch folgt deshalb nicht, daß er Beschlüsse oder Gesetze des Kaisertums lösen oder binden könne, wie sie behaupten, wenn nicht für der bewiesen würde, das gehöre zum Amte der Schlüssel: und davon soll das Gegenteil später gezeigt werden.

NEUNTES KAPITEL

Sie greifen auch das Wort bei Lukas auf, das Petrus zu Christus sagte, da er sprach: „Siehe, hier sind zwei Schwerter“; und behaupten, daß unter jenen zwei Schwertern die zwei genannten Herrschaften verstanden seien; von welchen dann Petrus sagte, sie seien dort, wo er war, das heißt bei ihm: und daraus folgern sie, jene zwei Herrschaften ruhten nach der Lehre bei dem Nachfolger Petri.

Und hierauf ist zu erwidern durch Aufhebung des Sinnes, auf den sie den Beweis gründen. Sie sagen nämlich, jene zwei Schwerter, auf die Petrus hinwies, begriffen die zwei erwähnten Herrschaften ein: das ist durchaus zu leugnen, sowohl weil jene Antwort nicht der Meinung Christi entsprochen hätte, wie auch, weil Petrus nach seiner Art plötzlich, nur auf die Oberfläche der Dinge antwortete.

Daß nun die Anwort nicht der Meinung Christi entsprochen hätte, wird nicht unfaßlich sein, wenn man die vorangehenden Worte beachtet und die Ursache der Worte. Deshalb ist zu wissen, daß dies am Tage des Abendmehls gesagt war: daher Lukas weiter oben so beginnt: „Es kam nun der Tag der süßen Brote, auf welchen man das Osterlamm opfern mußte“; und es hatte bei diesem Abendmehl Christus vorausgesprochen von dem nahenden Leiden, in welchem er von seinen Jüngern getrennt werden sollte. Ferner ist zu wissen, daß dort, wo jene Worte geschahen, alle zwölf Jünger beisammen waren; daher kurz nach den angeführten Worten Lukas sagt: „Und da die Stunde kam, setzte er sich nieder, und die zwölf Apostel mit ihm.“ Und jetzt, in fortgesetztem Gespräch, kommt es zu diesem: „So oft ich euch gesandt habe ohne Beutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr auch je Mangel gehabt? Sie sprachen: Nie. Da sprach er zu ihnen: Aber nun, wer einen Beutel hat, der nehme ihn, desgleichen auch die Tasche; wer aber nicht hat, verkaufe sein Kleid und kaufe ein Schwert.“ Hierin offenbart sich deutlich genug die Meinung Christi. Nicht sagte er ja: Kaufet, oder habet zwei Schwerter, vielmehr zwölf, da er zu den zwölf Jüngern sprach: „wer nicht hat, kaufe“, damit jeglicher eines habe. Und dies auch sagte er, an künftige Bedrückung sie gemahnend und künftige Verachtung, als ob er sagte: solange ich bei euch war, wart ihr geborgen, jetzt wird man euch vertreiben; daher gebührt sichs, daß ihr euch auch das bereitet, was ich so lang euch verbot, der Nötigung wegen. Darum, wenn die Antwort Petri, die hierauf geht, die Meinung jener ausgedrückt hätte, so hätte sie nimmer der entsprochen, die Christus hegte; dessen Christus ihn gescholten hätte, wie er ihn vielmals gescholten hat, da er unwissend antwortete. Hier aber tat ers nicht, sondern ging darauf ein, ihm sagend: „es ist genug“ – wie wenn er sagte: der Nötigung wegen meine ichs; doch wenns nicht jeglicher haben kann, können zwei hinreichen.

Und daß Petrus nach seiner Art auf die Oberfläche hin redete, beweist sein eiliger und unbedachter Überschwang, zu welchem nicht allein Lauterkeit des Glaubens ihn trieb, sondern, wie ich glaube, eine natürliche Reine und Einfalt. Diesen seinen Überschwang bezeugen die Darsteller Christi alle. So schreibt Matthäus, da Jesus die Jünger gefragt: „Wer sagt denn ihr, daß ich sei?“ habe Petrus vor allen geantwortet: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn“. Er schreibt auch, daß, als Christus den Jüngern sagte, es sei not, daß er nach Jerusalem gehe und vieles leide, Petrus ihn zu sich nahm und ihn anzufahren begann mit dem Wort: „Fern sei es von dir, Herr, das widerfahre dir nicht“: worauf Christus abweisend zu ihm umgewandt sagte: „Hebe dich, Satan, von mir.“ Ebenso schreibt er, daß er auf dem Berg der Verklärung im Anblick des Christus, Moses und Elias und der zwei Söhne des Zebedäus sagte: „Herr, hier ist gut sein; willst du, so wollen wir hier drei Hütten machen, dir eine, Moses eine und Elias eine.“ Ebenso schreibt er, daß, als die Jünger im Schifflein waren zur Nachtzeit, und Christus wandelte auf dem Wasser, Petrus sagte: „Herr, bist du es, so heiß mich zu dir kommen auf dem Wasser“. Ebenso schreibt er, daß, als Christus seinen Jüngern Ärgernis verkündigte, Petrus Antwort gab: „Wenn sie auch alle sich an dir ärgerten, so will ich mich doch nimmermehr ärgern“, und danach: „Und wenn ich mit dir sterben müßte, so will ich dich nicht verleugnen.“ Und dies bezeugt auch Markus. Lukas dagegen schreibt, Petrus habe noch zu Christus gesagt, kurz vor den angeführten Worten von den Schwertern: „Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen“. Johannes aber sagt von ihm, daß, als Christus ihm die Füße waschen wollte, Petrus sprach: „Herr, solltest du mir meine Füße waschen?“ und danach: „Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen“. Er sagt auch, mit dem Schwert habe er geschlagen des Priesters Knecht, was auch alle vier schreiben. Noch sagt Johannes, er sei sogleich hineingegangen, als er zum Grabe kam, während er den andern Jünger am Eingang zaudern sah. Er sagt ferner, während Jesus am Ufer stand nach der Auferstehung, „da Petrus hörte, daß es der Herr war, gürtete er das Hemde um sich, denn er war nackend, und warf sich in das Meer.“ Schließlich sagt er, daß Petrus, als er den Johannes sah, zu Jesus sagte: „Herr, was soll aber dieser?“ – Es lohnt fürwahr, solches von unserm Erzhirten zum Lobe seiner Reinheit aufgereiht zu haben, und man begreift darin deutlich, daß er, als er von den zwei Schwertern redete, in einfältiger Meinung dem Christus antwortete.

Wenn aber jene Worte Christi und Petri bildlich zu verstehen sind, sind sie nicht dahin, wo jene sagen, zu ziehen, sondern mit dem Sinn jenes Schwertes zusammenbringen, von dem Matthäus also schreibt: „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden zu senden auf Erden; ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater“ usw. Dies nun geschieht wie im Wort, so in der Tat, und deswegen sagte Lukas zu Theophilus: „Was Jesus anfing, beides, zu tun und zu lehren.“ Ein solches Schwert gebot Christus zu kaufen, und daß es ein doppeltes sei, antwortete dort auch Petrus: zu Worten nämlich und zu Taten waren sie bereit, um dadurch zu tun, was Christus sagte: er sei gekommen, daß er tue durch das Schwert – wie es gesagt ist.

ZEHNTES KAPITEL

Es sagen ferner manche, daß Kaiser Konstantin, vom Aussatz durch Fürbitte Silvesters, des höchsten Priesters damals, gereinigt, den Sitz des Kaisertums, das ist Rom, an die Kirche geschenkt hat, dazu viele andere Würden des Reichs. Und hieraus folgern sie, jene Würden könne seitdem niemand an sich nehmen, wofern er sie nicht von der Kirche empfange, der sie ihren Besitz zusprechen. Und aus dem würde treffend folgen, daß die eine Geltung von der andern abhänge, wie sie das wollen.

Nachdem also die Beweise hingesetzt und aufgelöst sind, die ihre Wurzeln in göttlichen Sprüchen zu haben schienen, bleiben jetzt jene hinzusetzen und aufzulösen, die in der menschlichen Geschichte und menschlichen Vernunft wurzeln. Von ihnen nun ist der erste der hier voraufgeschickte, bei dem sie so verfahren: Das, was der Kirche gehört, kann keiner nach Recht haben, außer von der Kirche: und dies wird zugegeben. Die römische Herrschaft gehört der Kirche; also kann sie keiner nach Recht haben, außer von der Kirche. Und zwar beweisen sie den Untersatz durch das, was oben von Konstantin gestreift wurde. Diesen Untersatz also hebe ich auf, und wenn sie ihn beweisen, sage ich, daß ihr Beweisen nichts ist, weil Konstantin die Würde des Kaisertums nicht weggeben konnte, noch die Kirche sie empfangen. Und wenn sie hartnäckig beharren, kann, was ich sage, so gezeigt werden.

Keinem ist erlaubt, kraft des ihm zugewiesenen Amtes das zu tun, was gegen dies Amt ist, denn so wäre das gleiche, soweit es eben das gleiche ist, sich selbst entgegen, was unmöglich ist. Aber das dem Kaiser zugewiesene Amt ist es, das Kaisertum zu zerreißen, da sein Amt ist, das Menschengeschlecht Einem Wollen und Einem Nichtwollen unterworfen zu halten, wie man im ersten Buche leicht sehen kann. Also ist kein Zerreißen des Kaisertums dem Kaiser erlaubt. Wenn also einige Würden durch Konstantin dem Kaisertum, wie sie sagen, entfremdet und in die Macht der Kirche übergegangen wären, so wäre der ungenähte Rock zerrissen, den selbst die nicht zu zerreißen wagten, die den Gesalbten, den wahren Gott, mit der Lanze durchstachen.

Außerdem: wie die Kirche ihren Grund hat, so auch das Kaisertum den seinen. Denn der Kirche Grund ist Christus, daher der Apostel an die Korinther: „Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, der ist Christus Jesus“; er ist der Fels, auf dem die Kirche gebaut ist. Des Kaisertums Grund aber ist das menschliche Recht. Nun sage ich: wie es der Kirche nicht erlaubt ist, ihrem Grund entgegen zu sein, sondern sie immer auf ihn sich stützen soll, nach dem Hohenlied: „Wer ist die, die herauffährt von der Wüste, überströmend im Glück, und lehnt sich auf ihren Freund?“ – so ist es auch dem Kaisertum nicht verstattet, gegen das menschliche Recht etwas zu tun. Nun wäre es gegen das menschliche Recht, wenn das Kaisertum sich selbst zerstörte: also ist dem Kaisertum sich selbst zu zerstören nicht erlaubt. Da also das Kaisertum zerreißen hieße, es zerstören – denn das Kaisertum beruht auf der Einheit der Allmonarchie – so ist offenbar, daß dem Walter der kaiserlichen Machtgeltung kein Zerreißen des Kaisertums erlaubt ist. Daß aber ein Zerstören des Kaisertums gegen das menschliche Recht sei, ist aus dem vorherigen offenbar.

Außerdem: Jede Gerichtsbarkeit ist eher denn ihr Richter; der Richter nämlich wird zur Gerichtsbarkeit verordnet und nicht umgekehrt. Nun ist das Kaisertum eine Gerichtsbarkeit und begreift alle zeitliche Gerichtsbarkeit in seinem Umkreis ein; also ist diese eher denn ihr Richter, welcher der Kaiser ist, denn für sie ist der Kaiser verordnet und nicht umgekehrt. Und daraus geht hervor, daß der Kaiser sie nicht auswechseln kann, soweit er Kaiser ist; denn von ihr empfängt er das Sein, das er ist. Nun sage ich so: Entweder war Jener Kaiser, als er sie an die Kirche vergabt haben soll, oder nicht; und wenn nicht, so ist klar, daß er nichts vom Kaisertum vergaben konnte; wenn doch, so war dies Vergaben eine Minderung der Gerichtsbarkeit, und soweit er Kaiser war, war er dazu nicht im Stand.

Weiter: wenn Ein Kaiser ein Teilchen von der Gerichtsbarkeit abreißen könnte, so mit gleicher Rechtfertigung auch der andre. Und da die zeitliche Gerichtsbarkeit begrenzt ist, und alles Begrenzte durch begrenzte Abschneidungen vertilgt wird, würde folgen, daß die erste Gerichtsbarkeit zunichte werden könnte, welches unvernünftig ist.

Dazu: da der Vergabende sich in der Weise des Wirkenden verhält, und der, der begabt wird, in der Weise des Empfangenden, nach dem Entscheide des Philosophen im vierten Buche an Nikomachus, so wird für das Erlaubtsein der Vergabung nicht nur die Bereitschaft des Vergabers erfordert, sondern auch die des Begabten: denn ersichtlich sind die wirkenden Wirkkräfte in geeigneten Empfängern schon angelegt. Aber die Kirche war durchaus ungeeignet, das Zeitliche zu übernehmen, durch ein ausdrückliches Sperrgebot, wie wir es bei Matthäus also haben: „Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Erz in euren Gürteln besitzen, auch keine Tasche zur Wegefahrt“ und so weiter. Und obgleich wir bei Lukas eine Lockerung des Gebotes für einige Dinge haben, habe ich doch nicht finden können, seit jenem Verbot sei zum Besitze von Gold und Silber die Kirche befugt worden. Drum, wenn die Kirche es nicht übernehmen konnte, so war – gesetzt, daß Konstantin dies von sich aus hätte tun können – die Verwirklichung wegen der Nichteignung des Empfängers dennoch nicht möglich. Damit zeigt sich, daß weder die Kirche solches auf dem Wege der Besitznahme übernehmen, noch er es auf dem Wege der Weggabe vergaben konnte. Wohl konnte der Kaiser der Kirche ein Erbgut und anderes zur Obhut überweisen, immer ohne das höhere Eigentum zu erschüttern, dessen Einheit keine Teilung verträgt. Das konnte der Statthalter Gottes auch übernehmen, nicht als Besitzer, doch als Verteiler der Früchte für die Kirche, für die Armen Christi – wohl weiß man ja, daß die Apostel das getan haben.

ELFTES KAPITEL

Noch sagen sie, daß Papst Hadrian Karl den Großen für sich und die Kirche als Vogt anrief, wegen des Unrechts der Langobarden zur Zeit ihres Königs Desiderius, und daß Karl von ihm des Kaisertums Würde empfing, trotzdem Michael in Konstantinopel Kaiser war. Und deswegen sagen sie, daß alle, die nach ihm Kaiser der Römer gewesen, sowohl selbst Vögte der Kirche sind, wie von der Kirche gevogtet werden müssen: woraus nochmals jene Abhängigkeit folgen würde, die sie erschließen wollen. Und dies zu zerbrechen sage ich, daß sie nichts sagen: denn Anmaßung des Rechtes schafft kein Recht. Wäre es so, dann bewiese man in gleicher Weise, daß die Geltung der Kirche vom Kaiser abhänge, seitdem Kaiser Otto den Papst Leo wieder eingesetzt und Benedikt abgesetzt und gar ins Exil nach Sachsen geführt hat.

ZWÖLFTES KAPITEL

Mit der Vernunft aber beweisen sie so. Sie nehmen sich das Prinzip aus dem zehnten Buch der Ersten Philosophie und sagen: Alles, was einer Gattung ist, geht auf Eines zurück, und dies ist Maß für alles, was unter diese Gattung gehört; nun sind alle Menschen einer Gattung, also müssen sie auf Eines zurückgehen als auf das Maß ihrer aller. Und da der höchste Priester und der Kaiser Menschen sind, so ist nötig, wenn jener Schluß wahr ist, daß sie auf Einen Menschen zurückgehen. Und da der Papst auf keinen andern zurückgehen kann, bleibt nur übrig, daß der Kaiser mit allen andern auf ihn zurückgehen müsse, als auf das Maß und die Regel; deswegen folgt wieder dasselbe, was sie wollen.

Diesen Grund der Vernunft zu lösen sage ich: wenn sie sagen, „das was Einer Gattung ist, muß auf ein Eines von dieser Gattung zurückgehen, welches als Maßstab in ihr ist“, so sagen sie das Wahre; und gleichfalls sagen sie das Wahre in dem Wort, daß alle Menschen Einer Gattung sind; und gleichfalls schließen sie das Wahre, wenn sie demnach vorbringen, alle Menschen müßten auf Einen Maßstab in ihrer Gattung zurückgehen. Aber wenn sie nach diesem Schlusse das von Papst und Kaiser hinzubringen, täuschen sie sich im Äußerlichen.

Zu dessen Aufhellung ist zu wissen, daß Mensch sein ein andres ist als Papst sein, und in gleicher Weise ist Mensch sein ein andres als Kaiser sein, wie es auch ein andres ist als Vater und Herr sein. Der Mensch nämlich ist, was er ist, durch die in ihm wesende Form, durch die er zu Art und Gattung kommt, und durch die er dem Denkbereich „Wesenheit“ zugeteilt wird. Der Vater dagegen ist, was er ist, durch äußerliche Form – sie heißt Beziehung – durch die er zu einer besondren Art und Gattung kommt und der Gattung „zu etwas“, also der der Beziehung, zugeteilt wird. Sonst ginge alles auf das Denkbereich der Wesenheit zurück; weil aber keine äußerliche Form durch sich selber west, ohne die Unterlage einer in ihr wesenden Wesenheit, ist das falsch. Da also Papst und Kaiser durch gewisse Beziehungen sind, was sie sind, nämlich durch Papsttum und Kaisertum – beide sind Beziehungen, die eine aus dem Umkreis der Vaterschaft, die andre aus dem Umkreis der Herrschaft – so ist offenbar, daß Papst und Kaiser als solche dem Denkbereich der Beziehung zuzuteilen sind und folglich auf etwas zurückgehen, das dieser Gattung angehört. Daher sage ich, auf ein andres Maß müssen sie zurückgehen, sofern sie Menschen sind, als sofern sie Papst wie auch Kaiser sind. Denn sofern sie Menschen sind, muß man sie auf den besten Menschen zurückführen, welcher das Maß aller andern und ich möchte sagen, ihr Urbild ist, wer er auch sei – welcher als der am meisten Eine in seiner Gattung lebt, wie man aus dem letzten Buche an Nikomachus entnehmen kann. Soweit sie aber Bezüglichkeiten sind, sind sie ersichtlich entweder aufeinander zurückzuführen, wenn die eine unter die andre gehört, oder sie haben innerhalb der Art durch die Natur ihrer Beziehung ein Gemeinsames, oder man führe sie auf ein drittes als auf die gemeinsame Einheit zurück. Doch kann man nicht behaupten, daß die eine unter die andre gehöre, weil dann in der Aussage die eine für die andre eintreten könnte, welches falsch ist. Nicht sagen wir nämlich: der Kaiser ist Papst, noch umgekehrt. Auch kann man nicht behaupten, daß sie innerhalb der Art ein gemeinsames haben, denn anders ist der Begriff des Papstes als der des Kaisers in seiner Besonderheit. Also gehen sie auf Etwas zurück, worin sie eins werden können.

Hierfür ist zu wissen, daß sich Bezügliches zu Bezüglichem wie Beziehung zu Beziehung verhält. Wenn man also Papsttum und Kaisertum als Beziehungen der Überordnung auf das Verhältnis der Überordnung zurückzuführen hat, von welchem Verhältnis sie mit ihren Unterschiedlichkeiten herniedersteigen, so wird man Papst und Kaiser, da sie bezüglich sind, auf ein Eines zurückzuführen haben, worin man das Verhältnis der Überordnung selbst ohne weitere Unterschiedlichkeiten finden kann. Und das wird entweder Gott selbst sein, in welchem jedes Verhältnis überhaupt eins wird, oder ein Wesen geringer als Gott, in welchem sich das Verhältnis der Überordnung durch Ausscheidung der Überordnung aus dem Verhältnis schlechthin herniedersteigend absondere. Und so ergibt sich, daß man Papst und Kaiser als Menschen auf Eins zurückzuführen hat, als Papst und Kaiser hingegen auf zweierlei. Und damit ist die Antwort gegeben.

DREIZEHNTES KAPITEL

Gesetzt und ausgeschlossen sind die Irrtümer, auf die sich am stärksten stützen, die die Geltung des römischen Herrschertums abhängig vom römischen Priester behaupten: nun ist zum Aufzeigen der Wahrheit in dieser dritten Frage zurückzukehren, welche im Eingang zur Erörterung aufgestellt wurde. Diese Wahrheit wird genügend einleuchten, wenn ich, unter dem vorangesteckten Prinzip untersuchend, das Kaisertum in seiner Geltung unmittelbar vom Gipfel des ganzen Seins abhängig zeige, welcher Gott ist. Dies aber wird gezeigt sein, entweder wenn die Geltung des Kaisertums von der der Kirche losgemacht wird – denn über eine andre ist kein Hader – oder wenn eindringlich bewiesen wird, daß sie von Gott unmittelbar abhänge.

Daß aber die Geltung der Kirche nicht Ursache der kaiserlichen Geltung ist, erweist sich so. Das, bei dessen Nicht-sein oder bei dessen Nichts-vermögen ein andres seine ganze Macht besitzt, ist nicht Ursache solcher Macht; nun besaß bei dem Nicht-sein oder Nichts-vermögen der Kirche das Kaisertum seine ganze Macht: also ist die Kirche nicht Ursache der Macht des Kaisertums, und folglich nicht seiner Geltung, denn hier ist Macht und Geltung dasselbe. Sei die Kirche A, das Kaisertum B, die Geltung oder Macht des Kaisertums C. Wenn beim Nicht-sein von A, C in B ist, ist unmöglich A die Ursache, daß C in B ist, da unmöglich die Wirkung der Ursache im Sein vorangeht. Ferner, wenn ohne Tätigkeit von A, C in B ist, ist notwendig A nicht die Ursache, daß C in B ist, da notwendig die Ursache, um die Wirkung hervorzubringen, zuvor tätig sein muß; zumal eine wirkende Ursache, woran hier gedacht wird.

Der Obersatz dieses Beweises ist in seinen Begriffen aufgehellt; den unteren bestätigt Christus und die Kirche. Christus durch Geborenwerden und Sterben, wie oben gesagt wurde; die Kirche, da Paulus in der Apostelgeschichte zu Festus sagt: „Ich stehe vor des Kaisers Gericht, da soll ich mich lassen richten,“ da auch der Engel Gottes zu Paulus wenig später gesagt hat: „Fürchte dich nicht, Paulus, du mußt vor den Kaiser gestellt werden.“ Und danach wieder Paulus zu den Juden, die in Italien waren: „Da aber die Juden dewider redeten, ward ich genötigt, mich auf den Kaiser zu berufen; nicht als hätte ich mein Volk um etwas zu verklagen, sondern daß ich meine Seele errette vom Tode“. Hätte der Kaiser damals noch nicht Macht gehabt, das Zeitliche zu richten, so hätte weder Christus dies glauben gemacht, noch der Engel jene Worte verkündet, noch er, der gesagt hat, „ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein“, sich auf den gültigen Richter berufen.

Wenn ferner Konstantin keine Geltung besessen hätte, hätte er in die Obhut der Kirche nicht zu Recht überweisen können, was er ihr vom Kaisertum überwiesen hat; und so würde die Kirche jene Darbringung ungerecht genießen, da Gott will, daß die Opferungen unbefleckt seien, nach dem Wort des Levitikus: „Alle Opferungen, die ihr dem Herrn darbringen wollt, sollt ihr ohne Sauerteig machen.“ Das Gebot scheint zwar den Opfernden das Gesicht zuzuwenden, trotzdem geht es durch die Folge auf die Empfänger; denn töricht ist es zu glauben, Gott wolle, daß man empfange, was er darzubringen verbietet, da auch ebendort den Leviten geboten wird: „Machet eure Seele nicht zum Scheusal, und verunreinigt euch nicht an ihnen, daß ihr euch besudelt.“ Aber zu sagen, daß die Kirche so das ihr überwiesene Erbgut mißbrauche, ist sehr ungeziemend; also war das falsch, woraus es folgte.

VIERZEHNTES KAPITEL

Weiter: wenn die römische Kirche die Macht hätte, dem römischen Fürsten Geltung zu geben, besäße sie sie entweder von Gott, oder von sich, oder von einem Kaiser, oder von der allgemeinen Zustimmung der Sterblichen oder doch der unter ihnen Hervorragenden. Es ist keine andere Rinne, in der diese Macht der Kirche hätte zufließen können. Doch sie besitzt sie von deren keinem: also hat sie die genannte Macht nicht.

Daß sie sie aber von deren keinem besitze, leuchtet so ein. Hätte sie sie von Gott empfangen, so wäre dies entweder durch göttliches oder durch natürliches Gesetz gewesen; denn was man von der Natur empfängt, empfängt man von Gott, wie wohl nicht umgekehrt. Aber es war nicht durch natürliches: denn die Natur legt nur ihren eignen Wirkungen Gesetze auf, weil Gott da selbst zureichend sein muß, wo er ohne Zwischenursachen etwas ins Dasein bringt. Demnach, da die Kirche keine Wirkung der Natur ist, sondern Gottes, welcher spricht: „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen,“ und anderwärts: „Ich habe vollendet das Werk, das du mir gegeben hast, daß ich es tun sollte“ – so ist offenbar, daß ihr die Natur kein Gesetz gibt. Aber auch nicht durch göttliches Gesetz; denn jedes göttliche Gesetz ist im Schoße der zwei Testamente enthalten, und in diesem Schoße kann ich nicht entdecken, daß die Sorge oder Wartung des Zeitlichen dem ersten oder dem neuen Priestertum anbefohlen sei. Vielmehr finde ich die ersten Priester von ihr durch Gebot entfernt, wie aus dem Worte Gottes an Moses erhellt, und die neuen Priester auch nach den Worten Christi an die Jünger. Daß sie aber von ihnen entfernt wurde, wäre nicht möglich, wenn die Geltung der zeitlichen Herrschaft vom Priestertum ausflösse, da zum wenigsten beim Verleihen der Geltung die Sorge der Vorsicht und alsobald die beständige Achtsamkeit drängen würden, daß der zur Geltung Gelangte nicht vom Pfade der Gradheit abwiche. Daß die Kirche aber jene Macht von sich aus nicht empfangen hat, ergibt sich leicht. Nichts besteht, was geben könnte, was es nicht hat. Darum muß jedes Wirkende in Wirklichkeit von der Art sein wie das, was es zu bewirken strebt, wie man in den Büchern vom Sein schlechthin liest. Nun steht fest, daß die Kirche, wenn sie sich jene Macht gegeben hat, sie nicht hatte, ehe sie sie gab: und so hätte sie sich gegeben, was sie nicht hatte, welches unmöglich ist. Daß sie sie aber von einem Kaiser nicht empfangen habe, geht hinreichend aus dem hervor, was oben deutlich steht. Und daß sie sie auch von der Zustimmung Aller oder der Hervorragenden nicht erhalten hat, wer zweifelt daran? da nicht bloß die Asiaten und Afrikaner alle, sondern gar der größere Teil der Siedler Europas davor zurückfährt. Verdruß ist es ja, in den offenkundigsten Dingen Beweise aufzuführen.

FÜNFZEHNTES KAPITEL

Ebenso: was gegen die Natur eines Dinges ist, das ist nicht unter der Zahl seiner Fähigkeiten, da die Fähigkeiten eines jeglichen Dings seiner Natur folgen, um der Erreichung seines Zieles willen. Aber die Fähigkeit, dem Reiche unsrer Sterblichkeit Geltung zu geben, ist gegen die Natur der Kirche: also ist sie nicht unter der Zahl ihrer Fähigkeiten.

Zur Verdeutlichung des Untersatzes nun gilt es zu wissen, daß Natur der Kirche die Urform der Kirche ist. Denn wiewohl man Natur von Stoff und Form sagt, sagt man es doch eigentlich von der Form, wie in der Naturlehre gezeigt ist. Die Urform aber der Kirche ist nichts Andres als das Leben Christi, sowohl in den Worten wie in den Taten gefaßt. Sein Leben nämlich war die Ur-sicht und das Vorbild der kämpfenden Kirche, zumal ihrer Hirten und am meisten des höchsten, der die Lämmer und Schafe zu weiden hat. Drum spricht er selbst im Johannes, die Form seines Lebens hinterlassend: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, daß ihr tut, wie ich euch getan habe“; und insbesondre zu Petrus, nachdem er ihm das Hirtenamt anvertraut, wie wir bei demselben lesen: „Petrus“, sprach er, „folge mir nach“. Doch Christus leugnete die Herrschaft dieser Art vor Pilatus ab: „Mein Reich“, sprach er, „ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, daß ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von dannen.“

Das ist nun nicht so zu verstehen, als ob Christus, welcher Gott ist, nicht Herr dieses Reiches sei, da der Psalmist sagt: „Denn sein ist das Meer, und Er hat es gemacht; und seine Hände haben das Trockne bereitet“ – sondern weil er, als Vorbild der Kirche, dieses Reiches Pflege nicht hatte; wie wenn ein goldenes Siegel das Wort von sich redete: „Ich bin in keiner Gattung Maß“: denn dies Wort hat keinen Raum, soweit es Gold ist – da ist es Maßstab in der Gattung der Metalle – sondern soweit es ein Zeichen ist, das durch Prägung empfangen werden muß.

Zur Form der Kirche gehört es also, eben jenes zu sagen, eben jenes zu meinen. Entgegengesetztes aber zu sagen oder zu meinen widerstreitet ihrer Form, wie sich ergibt, oder Natur, welches dasselbe ist. Daraus entnimmt man denn, daß die Fähigkeit, diesem Reich Geltung zu geben, gegen die Natur der Kirche ist; denn der Widerstreit in Meinung oder Wort folgt aus dem Widerstreit, der in der gesagten oder gemeinten Sache ist, so wie das wahre oder falsche in der Rede sich im Sein oder Nichtsein der Sache begründet, wie die Lehre der Kategorien uns belehrt. Hinreichend ist also durch die bisherigen Satzungen, die es zum Unhaltbaren führen, bewiesen, daß die Geltung des Kaisertums von der Kirche keinesfalls abhängig sei.

SECHZEHNTES KAPITEL

Wohl ist im vorigen Kapitel, indem es zum Unhaltbaren führte, aufgezeigt worden, daß die Geltung des Kaisertumes nicht in der Geltung des höchsten Priesters ihre Ursache habe, doch ist nicht geradezu erwiesen worden, daß sie unmittelbar von Gott abhänge, es sei denn durch das daraus Folgende. Es folgt nämlich, wenn sie vom Statthalter Gottes nicht abhängt, daß sie von Gott abhänge. Und deshalb ist zur vollendeten Festlegung des Hauptsatzes eindringlich zu beweisen, daß der Kaiser oder Weltmonarch sich zu dem Fürsten des Alls unmittelbar verhalte, welcher Gott ist.

Für diese Einsicht gilt es nun zu wissen, daß der Mensch als einziges Seiendes die Mitte zwischen Zerstörbarem und Unzerstörbarem hält: weswegen er richtig von den Philosophen dem Horizont verglichen wird, das ist der Mitte der zwei Halbkugeln. Denn man betrachtet den Menschen nach beiden Wesensteilen, nämlich nach Seele und Körper: zerstörbar ist er, wenn man ihn nur nach einem, dem Körper, betrachtet; wenn aber nach dem andern, der Seele, ist er unzerstörbar. Deshalb lehrt treffend von ihr der Philosoph, soweit sie unzerstörbar ist, im zweiten Buch von der Seele, wo er sagt: „Und allein dieser fällt es zu, sich als das Dauernde vom Zerstörbaren zu trennen.“

Wenn also der Mensch zwischen Zerstörbarem und Unzerstörbarem eine Mitte ist, so ist es nötig, da jede Mitte die Natur der Ränder schmeckt, daß der Mensch beiderlei Natur schmecke. Und da alle Natur sich auf ein letztes Ziel richtet, so folgt, daß dem Menschen ein doppeltes Ziel bestehe, daß er sowohl allein unter allen Wesen an Unzerstörbarkeit und Zerstörbarkeit teilhabe, wie auch unter allen Wesen allein auf zwei letzte Dinge sich richte, deren eins sein Ziel sei, soweit er zerstörbar, das andere aber, soweit er unzerstörbar ist.

Zwei Ziele also hat jene unauskündbare Vorsehung dem Menschen zu erstreben ausgesetzt: das ist die Seligkeit dieses Lebens, die auf dem Wirken der eigenen Tugend beruht und durch das irdische Paradies bedeutet wird, und die Seligkeit des ewigen Lebens, die auf dem Genießen des göttlichen Anblicks beruht, zu der die eigne Tugend nicht aufsteigen kann, wenn das göttliche Licht ihr nicht hilft, und die durch das himmlische Paradies der Einsicht geschenkt wird.

Zu diesen Seligkeiten gebührt es sich denn, wie zu verschiedenen Schlüssen, durch verschiedene Mittel zu gelangen. Zu der ersten gelangen wir durch philosophische Unterweisungen, wenn wir ihnen nur folgen, nach den Tugenden der Sitte und der Einsicht wirkend; zur andern hingegen durch geistliche Unterweisungen, die über menschliche Vernunft gehen, wenn wir ihnen nur folgen, nach den Tugenden der Gottweisheit wirkend, Glaube nämlich, Hoffnung und Liebe. Sind uns nun auch diese Schlüsse und Mittel gezeigt – die einen von der menschlichen Vernunft, die wir durch die Philosophen ganz kennen lernten, die andern vom Heiligen Geist, der durch die Vorverkünder und Heilserzähler, der durch den mitewigen Gottessohn Jesus Christus und durch dessen Jünger die übernatürliche und uns notwendige Wahrheit enthüllt hat – die menschliche Gier drehte ihnen dennoch den Rücken, wenn die Menschen nicht wie Pferde in ihrem viehischen Hinrennen durch Trense und Kandare zusammengerissen würden auf ihrer Bahn.

Darum war dem Menschen eine doppelte Richte not gemäß dem doppelten Ziel: nämlich der höchste Priester, daß er gemäß den Offenbarungen das Menschengeschlecht zum ewigen Leben geleite, und der Kaiser, um gemäß den philosophischen Unterweisungen das menschliche Geschlecht zum zeitlichen Glück zu lenken. Und da zu diesem Hafen entweder keine oder wenige und die mit allzugroßer Schwierigkeit gelangen können, außer wenn auf den geglätteten Fluten der spielenden Gier das Menschengeschlecht frei in der Stille des Friedens ruhen darf: so ist dies das Zeichen, dem am meisten der Pfleger des Erdenrunds zustreben soll, den man den römischen Fürsten nennt, dies, daß man hier auf der kleinen Tenne der Sterblichen frei im Frieden lebe. Und da die Ordnung dieser Welt der Ordnung folgt, die im Umrollen der Himmel beschlossen liegt, so ist es notwendig – damit unter dem irdischen Pfleger die fördernden Unterweisungen der Freiheit und des Friedens sich geschickt den Räumen und Zeiten anschmiegen – daß Er die Wage halte, der die gesamte Ordnung der Himmel in Gegenwärtigkeit anschaut: dies aber ist einzig Er, der sie vorausgefügt hat, damit er durch sie, selbst fürsorgend, jegliches in seinem Fug verknüpfe.

Ist das nun so, dann kürt allein Gott, allein er bestätigt, da er über sich keinen hat. Hieraus kann weiter entnommen werden, daß weder jene, die jetzt, noch andre, die auf irgend eine Weise Kurfürsten sind genannt worden, so zu nennen seien: viel eher für Verkünder der göttlichen Vorsehung soll man sie halten. Daher kann es geschehen, daß denen Zwist widerfährt, welchen die Hoheit des Verkündens gegönnt ist: weil sie alle oder weil einige von ihnen vom Nebel der Gier überschattet das Antlitz der göttlichen Bestimmung nicht erkennen.

So ist denn klar, daß die Geltung des zeitlichen Monarchen ohne irgend ein Mittleres vom Quell der allumfassenden Geltung auf ihn herniedersteigt; und dieser Quell, geeint auf der Kuppe seiner Einfältigkeit, fließt in vielfältige Mulden ein, aus der überströmenden Güte.

Und endlich genug: man sieht, ich habe das vorgesetzte Ziel erreicht. Herausgeschält ist ja die Wahrheit jener Frage, mit der gefragt wurde, ob zum Wohlsein der Welt das Amt des Monarchen notwendig sei – auch jener, mit der gefragt wurde, ob sich das römische Volk nach Recht das Kaisertum erworben habe – schließlich jener letzten, mit der gefragt wurde, ob die Geltung des Monarchen von Gott oder von einem andern unmittelbar abhänge. In dieser letzten Frage freilich ist die Wahrheit nicht so eng zu verstehen, daß der römische Fürst nicht in manchem dem römischen Priester untertan sei, da sich diese sterbliche Glückseligkeit irgendwie nach der unsterblichen Glückseligkeit richtet. Solche Ergebenheit also zeige Caesar für Petrus, wie sie der erstgeborene Sohn für den Vater zeigen soll, auf daß er, vom Lichte der väterlichen Gnade beglänzt, kraftvoller den Erdenkreis überstrahle, über den er einzig von Ihm gesetzt ist, welcher alles Geistliche und Zeitliche steuert.

Es schließt die Monarchie des Dante Alagherius aus Florenz.

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