Rezept für einen christlichen Roman

Das nichtgeschriebene Buch – Rezept für einen christlichen Roman

Von Erik v. Kuehnelt-Leddihn.

[Vorsicht! Satire!]

Was mich zu diesem Rezept veranlaßt? Nun, es sind 40 Jahre her, daß ich einen katholischen Bestseller schrieb, den völlig unreifen, aber um so erfolgreicheren Roman „Jesuiten, Spießer, Bolschewiken“, ein Buch, das Anno 1934 als ein Stück „politischer Katholizismus“ von der Reichsschrifttumskammer verboten wurde. Dieses in fünf Sprachen und sechs Ländern erschienene hochmilitante, rein propagandistische, völlig unspirituelle Buch hatte zwar einen interessanten sowjetischen Teil, doch die Lektüre wirkt heute ausgesprochen peinlich. Andere Romane – und ich hoffe: bessere – folgten.

Würde man heute einen erfolgreichen christlichen Roman schreiben wollen, müßte man ihn anders anlegen. Bekanntlich gibt es diese dichterische Gattung kaum mehr – weder bei uns, noch anderswo. Ja, die Mimikry an das Aion („Zeit“ und „Welt“) ist so weit gediehen, daß man einen spezifisch christlichen Roman als pseudoartistischem „Laienklerikalismus“, als maskierten „Triumphalismus“ verketzern würde. Wenigstens bleibt uns der Trost,, daß heute die Ketzer „rechts“ stehen und das Establishment links ausgerichtet ist. Und, Hand aufs Herz, ist es nicht auch so, daß wir uns in einer ganz großen literarischen Krise befinden? Wo sind die mitreißenden Bücher, die einst unser Herz pochen ließen? Diese werden eigentlich nur mehr im sowjetischen Untergrund und in Lateinamerika geschrieben. Was „geht“, sind hauptsächlich Sachbücher. Selbst ausgesprochene Pornographie ist nun weniger gefragt – wahrscheinlich sehr zum Leidwesen einer „Theologie des offenen Hosentürls“, die bei uns aus lauterster sexualdemokratischer Humanität der letzte Schrei geworden ist.

Bevor wir uns über das mögliche Thema, die Fabel, die „Story“ unterhalten, wollen wir einiges über die Sprache sagen. Stilistisch sollte man die „Verbigeration“ bevorzugen, die laut medizinischen Werken bei „Hirnschäden, Schwachsinn und bestimmten Formen der Schizophrenie“ vorkommt und durch „stockenden Redefluß mit gleichzeitigem Rededrang“ charakterisiert wird. Eine gewisse Spiritualität schadet nicht unbedingt und kann sogar als Alibi oder Deckfarbe dienen. Psychologisch bleibt man konservativ und hält der Jahrhundertwende, der Psychoanalyse Sigi Freuds die Treue. (C. G. Jung? Ein Nazi! Viktor Frankl? Ein Faschist!)

Vor allem aber muß der Roman politisch sein, denn nachdem sich die Kirchen an der hohen Politik tüchtig die Finger verbrannt haben, maß man das edle Experiment immer wieder wiederholen. Das gebrannte Kind fürchtet zwar das Feuer, aber das tut nur das intelligente Kind, und die Intelligenz (die nicht jedermanns Sache ist) ist offensichtlich „undemokratisch“. Diese politische Einstellung ist vielleicht unkünstlerisch, schadet aber nicht, denn die Kunst ist nun einmal elitär und das ist sowieso ein Schimpfwort. (Vide: „undemokratisch“!)

Diese politische Einstellung ist zweifellos „links“. Das ideologische Vokabular des Romans ist es natürlich auch, oder wenigstens zum großen Teil. Und alles, was nicht links ist, entstammt dem Rotwelsch unserer theologischen Demimonde und anderen, höchst zeitgemäßen Wortbildungen von Aggressionsgelüstfrustration bis Zweckbaukirchenversachlichung.

Doch das Vokabular allein tut es natürlich nicht. Das Allerwichtigste ist die Einteilung der Dramatis Personae in zwei luftdicht abgeschlossene Kategorien, wobei die Schwarzweißmalerei zur Perfektion gebracht wird. Hier ist tatsächlich der springende Punkt, und mit dem scharfen Kontrast steht und fällt der Roman: alle mit den Amtskirchen verwachsenen Personen einschließlich ihres laienhaften Anhangs (Rosenkranzbeter, CDU-Abgeordnete, Sakristeiwanzen, Caritas-Direktoren, Bahnhofsmissionshilfsdienstbeauftragte, Hostienbäckereiinhaberswitwen, Seminarpedelle und Jungfrauenkongregationspräfektinnen) sind ausgemachte Heuchler, Blutsauger und haßgeschwollene Schurken. Ausgenommen sind standesamtlich verheiratete Priester, sexualrevolutionäre Nonnen und vom Vatikan scheel angesehene „antineokolonialistische“ Überseebischöfe, die in christlicher Einfachheit auf Kokospalmen leben. Hingegen sind KP-Sekretäre, drogensüchtige Studentenführer, Urwaldterroristen mit vergifteten Pfeilen, agnostische Bakterienforscher und idealistische, ungebrochene KGB-Spitzel, die von Südkorea an Südvietnam und von Südvietnam an Südafrika ausgeliefert werden, die wahren Helden. Sie haben die christliche Liebe in Erbpacht übernommen. Zwar wissen wir, daß der Geist weht, wo er will, aber die doch durch und durch platte Engagiertheit der Dritten Göttlichen Person dürfte nur auf einige hoffnungslos altmodische Leser erheiternd wirken.

Sie und auch andere Leser mögen dann die naive Frage stellen, warum dann dieses Elaborat ein christlicher Roman sein könnte. Denn man merkt hier sogleich, daß alles, was nach Amtskirche riecht, Christus verraten hat, von dem man in der großen Sowjetenzyklopädie nachlesen kann, daß Ihn das römische Monopolkapital aus einem erhabenen Sozialrevolutionär in einen ganz ordinären Religionsstifter, wenn nicht gar in den Sohn Gottes umgefälscht hat,. Hingegen ist alles, was sich gegen die amtliche Milieukirche richtet, von Marat über Marx und Mao zu Marcuse, „in Wirklichkeit“ christlich. Hier finden wir lauter anonyme Christen. Etwas verwirrend, die Sachlage so aufzufassen? Keine Spur! Solche Binsenwahrheiten lernt man heute schon in antiautoritären Kindergärten.
Wo soll sich nun dieser christliche Reißer abspielen? Da er politisch engagiert sein muß (denn bloße „Religion“ ist ein feiges Davonlaufen vor den großen Problemen), sollte man ihn in der Dritten – nein, schon wirklich lieber in der Vierten Unterwelt abrollen lassen. Dort trifft sich der vom christlichen Pharisäer vergrauste Zöllner mit dem Zulu, der rauschgiftsüchtige „Marxist“ mit dem revoltierenden Menschenfresser …

Doch nun zur „Story“, um die wir uns so lange gedrückt haben. Da existiert in Bronxville, dem reichsten Villenvorort der Welt, eine Kommune aus jungen Leuten, deren Herren Eltern vor Geld stinken. Sie sind über alle bürgerlichen Vorurteile erhaben und waschen sich nicht. (Räucherstäbchen helfen hier weiter.) Von den schmutzstarrenden Wänden, auf denen feiste Küchenschaben promenieren, lächeln sie nicht nur Protestplakate gegen die Umweltverschmutzung und die schönsten Farbreproduktionen aus Porno-Zeitschriften, sondern auch Photos von Ché Guevara, Camilo Torres, Dom Hélder Câmara, Fidel Castro, Ho-Chi-Minh, Rosa Luxemburg, Mark Rudd, Enver Hoxha, La Pasionara, General Giap, Senator Fulbright, Patrice Lumumba, Dr. Habash, Diana Oughton, Robert Cohn-Bendit und Ulrikchen an.

Die ungekrönte Königin in dieser etwas lose strukturierten Großfamilie ist eine bildschöne Mulattin, die auf den Namen Dona Rebecca Lopes de Sousa e Mpwapwa hört. Sie ist – der Leser wird es schon erraten haben – die Enkelin eines depossedierten Königs aus Moçambique, aus unerfindlichen Gründen mosaischen Glaubens, Edelkommunistin, tätig in „Women’s Lib“ und Lesbierin. Sie trägt heiße Höschen, hascht fröhlich darauf los, aber begreiflicherweise bleibt ihr der periodische Besuch der Abtreibungsklinik erspart. In diesem Liebesnest ist das nicht die Regel, denn man weiß schließlich überhaupt nicht mehr, was für Pillen man gefressen, was für Injektionen man sich in den Schenkel gerammt, was für Pülverchen man durch die Nase geschnupft hat. Das anarchische Lebensgefühl verträgt sich nun mal schlecht mit einer sachlich geplanten Nichtelternschaft.

In dieser Kommune ist jeder auf seine Art und Weise für den Fortschritt tätig. So auch Seymour Quadrupedowicz, der wacker versucht, diese Großfamilie aus ihrer tiefen Niedergeschlagenheit herauszureißen. Die Melancholie, die über diesem Menschenstall liegt, hat ihren Grund darin, daß die Amerikaner aus Vietnam abgezogen sind und man nicht weiß, für welches welterschütternde und hochverräterische Anliegen man nun Gut und Blut opfern sollte. Wo könnte man jetzt den Monopolkapitalismus angreifen, dem Vaterland einen tüchtigen Dolchstoß versetzen, die weiße Rasse lächerlich machen, das Establishment untergraben, den Neokolonialismus zu Fall bringen, das verlogene Christentum anprangern?

Seymour will, daß man sich ganz auf Afrika konzentriert, wo vielleicht ein „Neues Vietnam“ entstehen könnte, während der Ex-Karmeliter Bobby Hogglestone von malerischen Blutbädern in Südamerika träumt. Dort, wo das Kupfer wächst und das Öl rinnt, und nicht in Afrika würde das Schicksal der Welt entschieden werden. Der Plan Seymours, mit Hilfe des Weltkirchenbeirats in Rüschlikon einen so wirksamen Wirtschaftsboykott Rhodesiens durchzuführen, daß wöchentlich mindestens 10.000 Matabeles und Mashonas verhungern, stößt auf einen nur geteilten Enthusiasmus, wiewohl alle überzeugt sind, daß man bei der sinkenden Intelligenz es dem ganzen Erdkreis plausibel machen kann, daß an diesem Elend nur der Faschist Ian Smith alle Schuld trage. Bobby Hogglestone träumt hingegen, ein zweiter Camilo Torres oder ein zweiter Pater Riddell zu werden, um schließlich zwar nicht von Paul VI., wohl aber vom deutschen katholischen Buchhandel kanonisiert zu werden. Defrockierte Guerillapriester stehen hoch im Kurs!

Dona Rebecca wird selbst in ihren Träumen von Schreckbildern gequält – schreiend wacht sie oft auf. Was sie foltert, ist das Bild von Cabora Bassa. Dieser Damm wäre die größte Kalamität. Eine halbe Million Menschen mit schwarzer Hautfarbe könnte dann nicht nur besser ernährt werden, sondern auch anstatt lustige Mordorgien wie die lieben Simbas zu feiern, einem grauenhaften Prozeß der Verbürgerlichung zum Opfer fallen … und das gerade wollte „der Klassenfeind“.

Dona Rebecca hatte schon eine schauerliche Vision von tausenden Einfamilienhäusern, luftgekühlt, mit Steiners Paradiesbetten, Plüschottomanen, Spitzendeckerln, Porträts von Marcelino Caetano im Frack mit Orden über der Kredenz, rosa Moskitonetzen, Fußabstreifern mit der Inschrift „BEM-VINDO“ und Bettvorlegern aus synthetischem Leopardenfell. Traute Tropenheime! Das durfte nicht geschehen! Ein solches „Milieu“ würde den revolutionären Geist Schwarzafrikas vernichten!

Doch allen aufbauenden Plänen droht eine Gefahr aus der militaristisch-imperialistisch-neonazistischen deutschen Bundesrepublik. In Miesbach, also im Herzen des Franzisko-Josephinischen Straußlandes hat sich eine Geheimgesellschaft, der „Ring Rechts-Radikaler Revanchisten für Reaktion, Repression und Restauration“, der „RRRRRRR“ gebildet, deren führende Geister der Prälat Aloysius Kluibenschedl und der ehemalige Reichsdivisionspfarrer Siegfriedbert-Bogislaw von Boltow sind.

Den Prälaten, den natürlichen Sohn einer Servierkellnerin aus Hasenbergl und eines bayrischen Erzherzogs (gibts nicht, aber das macht nichts), kennen wir beinahe. Im „Stellvertreter“ amüsierten wir uns über Pius XII., amerikanische Schecks unterschreibend – eine der possierlichsten Szenen im Zaubergärtlein linker „Literatur“. Nun, die Jesuiten schenkten Kluibenschedl die ausgezahlten Schecks, die der Prälat an amerikanische Autogrammsammler um Sündengeld verkaufte, und dann mit dem Erlös den „Sieben R“ aufbaute. Papst Johannes warf diese Kreatur Pacellis aus dem Vatikan hinaus, worauf sich selbige grollend nach Bayern zurückzog, wo bekanntlich die Uhren anders gehen. Diese Szene muß detailliert geschildert werden: Pápa Giovanni blickt von der Lektüre von Publik auf und donnert den retrogaden Kleriker tridentinischer Observanz höchst unwirsch in tadellosem Deutsch mit leicht bergamaskischen Akzent an: „Raus!“ Bleich wankt Aloysius durch das Spalier frisch-demokratisierter Schweizergarden von dannen …

Der monokelbewehrte Divisionspfarrer ist eine nicht minder finstere Figur. Er war der Waffen-SS in Auschwitz zugeteilt und sprach den oft in ihrem Pflichteifer wankenden NS-Angestellten mit Bibelzitaten und Psalmensprüchen Mut und Trost zu. Was aber den Pruzzen und den Bajuwaren zusammenbrachte, war eine Hagiographie v. Boltows über Torquemada, worauf Kluibenschedl die Lutheraner nur mehr als den „augustinischen Zweig unserer heiligen Mutter Kirche“ bezeichnete. Alles Heuchelei, denn jedes Kind weiß, daß der wahre Ökumenismus nur durch den totalen Ausverkauf aller christlichen Werte möglich ist, also auf dem Boden reiner Mitmenschlichkeit, des Charismas eines an Hominiden interessierten Tierschutzvereins.

Zwischen den Mitgliedern der Kommune und dem RRRRRRR kommt es zu keinen „Diskussionen“, „Dialogen“ oder anderen „Begegnungen“, sondern viel eher zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Die absurdesten Kämpfe finden in allen Weltteilen statt. Der chassierte Karmeliter deklamiert eine 10 Seiten lange Prachtrede über das Recht des engagierten Christen auf Mord und Totschlag, verschanzt sich mit miniberockten Exnonnen auf einem Berg (?) inmitten von Montevideo, wo er von Tupamaros – alles Sprößlingen der Haute Volée – unterstützt bis zur letzten Patrone kämpft. 67 Soldatenwitwen, 1.013 Soldatenwaisen und 31 heulende Soldatenbräute sind die beachtliche Ernte dieser heroischen Geste.
(So viele Kinder?! Nun ja, die armen Mütter haben alle unter kirchlichen Druck Humanae vitae auswendig lernen müssen.) Aber die Soldaten selbst? Waren sie nicht am Ende schlichte Söhne des Volkes? Keineswegs, sondern gemeine Söldner im Dienste von Latifundienbesitzern der Standard Oil, der United Fruit Company, der Springer-Presse und des Geistes von Vatikan I.

Ein anderes erbauliches Finale sehen wir in Afrika. Dort zeigen sich die vom Weltkirchenbeirat finanzierten Freiheitskämpfer als Vorhut einer anatomisch interessierten Erwachsenenbildung: die schwarzen Boys der weißen Pflanzer, sachgerecht in ihre physischen Bestandteile zerlegt, werden dann auch manchmal Objekte einer „gastronomischen Demokratie“. Seymour in einer reizvollen Phantasieuniform, mit geballter Faust grüßend, steht pausenlos im Einsatz. Aber auch die RRRRRRR ist nicht faul, denn Pastor v. Boltow feuert rhodesische Soldaten an, das Dorf Wulumulú am Sambesi auszurotten. (Dort hatte man einen Band Konkret in Suaheli übersetzt und in Schweinsleder gebunden vorgefunden, und das mußte gerochen werden!)

Leider waren die rhodesischen Massakreure zum Teil auch pechrabenschwarz, sodaß die propagandistische Auswertung sich auf politische Nachtgebete in einer barocken Kirche beschränken mußte. Da aber in diesem Gotteshaus die Amoretten und Putten zu lachen anfingen, zog man in eine moderne Kirche, die „sachgerechter“ wirkte und wie ein Mittelding zwischen einem Eskimo-Iglu und der Kieferstation eines polaren Notspitals aussah. Um „Atmosphäre“ zu schaffen pflanzte man eine zerfetzte Vietcong-Fahne auf, die über dem Massengrab lebendig eingescharrter „Kollaborateure“ aus Hue geflattert hatte. Bald jedoch arteten die pietätvollen Gebete in derartig haßerfüllte Protesthymnen aus, daß man mit dem ausgeschiedenen Adrenalin einen Aral-Tankwagen hätte füllen können. Manche „Protestler“ klappten zusammen, und als die herbeigerufenen Sanitäter des Malteserhilfsdienstes die Vietcong-Fahne sahen, wurde ihnen übel. Zu deutlich erinnerten sie sich der ratenweise in Gefangenschaft umgebrachten Kameraden und Kameradinnen, die Opfer General Giaps. Kein Wunder, die robusteren Naturen sind stets auf der Linken zu finden. (Wo was wohl schlägt?)

Dona Rebecca war anderorts tätig. Sie war Dauergast in einem Priesterseminar, das an einem Fluß gebaut worden war, damit die Studenten lernten, wie man mit dem Strom schwimmen kann. Dort hielt sie Vorträge gegen den Kolonialismus und Imperialismus – und warb für die FKK. Auch der Geist James Bonds kommt nicht zu kurz, denn alsbald taucht unsere Heldin in Miesbach kokett als Dirndl verkleidet auf, doch dank ihres mangelnden Interesses an den feschen Skilehrern erregt sie übles Aufsehen. Sie scheitert als Spionin, denn die dralle Köchin Kluibenschedls teilt ihre Neigungen nicht, ihre Hautfarbe erregt Befremden und als sie während des Kirchweihfests schon beim zweiten Maß unter dem Tisch liegt, durchschaut man ihr Spiel und die faschistische Bayrische Staatspolizei schiebt sie nach Salzburg ab.
Doch gibt es natürlich auch andere „Feindberührungen“ nicht minder absurder Art. So gelingt es drei Jünglingen mit Loreleyhaar und Matratzenbärten angeführt von einem Japaner des allerlinkesten Flügels des Sekigun , hochspezialisiert in der Ermordung von Diplomaten und Flugplatzwartesaalblutbädern, einen Nazizionisten (was immer das bedeuten mag) zu entführen und ihn dem „Schwarzen September“ zu Okkasionspreisen – 50 Kilo Heroin – zu verkaufen. Eine Bravourtat sondergleichen! Das erregte größtes Aufsehen, weil gerade der 365. Arabergipfel über die Bühne rollte.

Bald merkt der Leser, wie edel, wie wahrhaft christlich und mitmenschlich alle diese prächtigen Vertreter der Linken und des (angeblichen) Unglaubens sind, während das „kirchlich orientierte“ Gesindel von Prälaten, zölibatären Landpfarrern, keuschen Sodalitätspräfektinnen, strammen Oberkirchenräten und sauren Diakonissinnen den nachkonziliären Christus am laufenden Band verraten. Seymour wird schließlich von hurrahpatriotischen amerikanischen Bauarbeitern erschlagen, als er sie Proletarier nannte. (Alles Klassenverräter, denn sie wissen, wer die Gans ist, die die goldenen Eier legt.) Im Todeskampf zuckt die sich seinem Gesicht nähernde Hand. Will er vielleicht ein Kreuz auf seine anonym-christliche Stirn machen? Der Autor muß dies völlig offen lassen, denn der Makel des Konfessionalismus, Proselytentums oder einer Gott-Lebt-Theologie muß unter allen Umständen vermieden werden. Alles Heil ist wirtschaftlich oder sexuell, gastrisch oder genital zu erklären. Der Mensch lebt von der Brieftasche abwärts … Nur um Gottes Willen keine Frömmigkeit: das verdirbt alles!

Wenn ich Zeit hätte, würde ich dieses Buch, den Manen von Sade und Sacher-Masoch gewidmet, selbst schreiben, aber zu verantworten wäre eine Publikation sicher nicht. Das wäre nur etwas für die Schreibtischlade, denn es würde sicher für bare Münze genommen, als historisches Dokument und auch als ein Stück „Politischer Theologie“ angesehen werden. Ironie? Die ist elitär und undemokratisch. Humor? Der ist exklusiv und daher unsozial. Tierischer Ernst – ja, der zeichnet den um jeden Preis modern sein wollenden, manchmal fürchterlich wild gewordenen Spießer aus. Getreu folgt dieser dem oft mißdeuteten, hier aber etwas erweiterten Satz Tertullians: „Ich glaube es, weil es ein rasanter Blödsinn ist.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s