5. Brief

Herr Graf!

Es wird Sie zweifelsohne nicht Wunder nehmen, daß der Angriff, den man im englischen Parlament gegen Spanien gemacht hat, mir eine besondere Untersuchung zu erfordern scheint. Die Stellvertreter dieser großen Nation verdienen wohl gehört zu werden, wenn sie in der Nationalversammlung eine Meinung äußern. Das englische Volk, unstreitig das erste von allen protestantischen, ist auch das einzige, welches eine Nationalstimme, und das Recht hat, als Volk zu sprechen. Ich halte es daher für nützlich, es seines Glaubens halber zur Rede zu stellen, ohne jedoch die ihm gebührende Achtung zu verletzen. Wenn wir betrachten, wohin es durch das, was es seine Toleranz nennet, gekommen ist, so werden wir vielleicht einsehen, daß diese Toleranz, wie man sie in England versteht, mit keinem wirklichen Glauben vereinbar ist.

England duldet alle Sekten, und verbannet nur die Religion (wovon sich alle diese Sekten herleiten). Spanien hingegen läßt nur die Religion zu, und verbannet alle Sekten. Wie könnten wohl zwei Grundgesetze, die einander grade entgegengesetzt sind, durch die nämlichen Mittel aufrecht erhalten werden? Es ist keineswegs die Frage, ob man Zwangsgesetze nötig habe, um jedem die Freiheit zu lassen, zu tun, was er will, denn diese Aufgabe ist nicht schwer zu lösen. Es kommt darauf an, wie ein Staat ohne alle Gesetze dieser Art in seinem Gebiete die Einheit des Glaubens und des Gottesdienstes erhalten könne, und dieses Problem ist allerdings nicht so leicht, wie das erste.

Die Engländer kommen zu einem sonderbaren Schluß: Unter dem scheinbaren Namen der Toleranz führen sie in Betreff der Religion eine vollkommene Gleichgültigkeit ein, und von da gehen sie dann aus, um Nationen zu beurteilen, in deren Augen diese Gleichgültigkeit das größte Unheil und die schwerste Sünde ist. „Wir sind auf diese Art glücklich“, sagen sie; das ist recht schön, wenn die Einheit der Religion und die künftige Welt keinen Wert für sie haben. Geht man aber von jenen beiden sich widerstrebenden Voraussetzungen aus, was würden dann ihre Staatsmänner unternehmen, um diesem ersten Anliegen der Gesetzgebung zu genügen?

„Gott hat gesprochen: an uns ist es zu glauben. Die Religion, so Er gegründet hat, ist einzig, grade so wie Er. Wahrheit ist ihrer Natur nach intolerant, zur religiösen Toleranz sich bekennen, heißt sich zum Zweifel bekennen, das ist, den Glauben ausschließen. Wehe und tausendmal Wehe über den groben Unverstand, der uns beschuldigt, wir verdammten die Menschen! Gott verdammet; Er hat seinen Aposteln gesagt: Gehet und lehret alle Volker! Derjenige, so glaubet, wird selig; die andern werden verdammt werden. Wir sind zwar von seiner Güte durchdrungen, können jedoch seine göttlichen Gebote nicht vergessen. Allein obgleich Er den Irrtum nicht dulden kann, so wissen wir nichtsdestoweniger, daß Er ihn vergeben kann. Wir werden nie ablassen, ihn seiner Barmherzigkeit zu. empfehlen, nie aufhören, für den wahren Glauben alles zu hoffen, noch bei dem Gedanken, daß Gott allein ihn kennet, zu zittern.“

Das ist das Glaubensbekenntnis eines Spaniers, und noch einiger anderer Menschen. Dieser Glaube setzt bei seinen Anhängern notwendig einen glühenden Bekehrungseifer voraus, einen unüberwindlichen Widerwillen gegen alle Neuerungen, ein immer wachsames Auge auf die Anschläge und Machenschaften der Gottlosen, einen unerschrockenen Arm, der sich unermüdlich erhebt gegen sie. Bei den Völkern, die sich zu dieser Lehre bekennen, haben die Gesetzgeber vor allem die künftige Welt im Auge, da sie glauben, daß alles Übrige ihnen werde dazugegeben werden. Andere Völker sagen fahrlässig: Deorum injuriae diis cum.[1] Für sie ist die Zukunft nichts. Das gewöhnliche Menschenleben von ungefähr fünfundzwanzig Jahren nimmt alle Sorgen der Gesetzgeber in Anspruch. Sie denken lediglich an die Wissenschaften, die Künste, den Ackerbau, den Handel usw. Sie getrauen sich nicht, ausdrücklich zu sagen: Für uns ist die Religion ein Nichts. Aber alle ihre öffentlichen Handlungen setzen es voraus, und ihre ganze Gesetzgebung ist materialistisch, weil sie für den Geist und die Zukunft nichts wirket.

Diese beiden Systeme haben also nichts miteinander gemein, und das System der Gleichgültigkeit hat jenem nichts vorzuwerfen, bis es ein zuverlässiges Mittel anzeigt, sich ohne Wachsamkeit und Strenge zu schützen, was meines Erachtens nicht sehr leicht wird gefunden werden.

Hat England selbst, das andern Nationen die Toleranz so laut vorpredigt, sich in Geduld gefügt, als es seine Religion angegriffen glaubte? Hume hat ihm seine Inquisition gegen die Katholiken vorgeworfen, als „noch schrecklicher wie jene von Spanien, weil sie die nämliche Tyrannei ausübte, aber auf die Formen verzichtete.“[2]
Unter der Regierung der grausamen Elisabeth ward der Engländer, welcher zur römischen Kirche zurückkehrte oder der das Glück hatte, ihr einen Anhänger zu verschaffen, des Majestätsverbrechens schuldig erklärt.

Jeder, der über sechzehn Jahre alt war, und länger als einen Monat sich weigerte, dem protestantischen Gottesdienste beizuwohnen, wurde ins Gefängnis geworfen, fiel er etwa zurück, auf immer verbannt, und kam er wieder (um seine Frau z. B. zu besuchen, oder seinem Vater beizustehen) als Verräter hingerichtet.

Campian, berühmt wegen seiner Wissenschaft, Beredsamkeit und Reinheit der Sitten, wurde unter dieser Regierung allein darum, weil er Missionar und Tröster seiner Brüder war, hingerichtet. Schamloserweise bezichtigt, zu einem Komplott zu gehören, welches wider die Königin Elisabeth bestanden hatte, ward er mit solcher Unmenschlichkeit gefoltert, daß der Kerkermeister als Zeuge dieser Greuel sagte, der arme Mensch würde bald einen halben Fuß länger sein. Drei seiner Richter zogen sich, über eine solche Ungerechtigkeit entsetzt, zurück und wollten an diesem Justizmorde keinen Anteil haben.

Walpole ward ebenso verurteilt und hingerichtet. Die Königin ließ ihm auf dem Blutgerüste Gnade anbieten, falls er ihre neue Gewalt in kirchlichen Sachen anerkennen wollte. Er weigerte sich und starb.

Wem sind die entsetzlichen Grausamkeiten nicht bekannt, die unter dieser Regierung von Lord Fitz-William gegen die Katholiken in Irland verübt worden sind? Elisabeth war sehr wohl davon unterrichtet. Noch bis auf den heutigen Tag wird in dem Archive des Collegiums der heiligen Dreifaltigkeit zu Dublin ein Brief aufbewahrt, worin ein Offizier, namens Lee, diese Grausamkeiten ohne Umschweife beschreibt. Sie sind von solcher Art, sagt er, daß man eher vermuten sollte, sie in der Geschichte einer türkischen, als einer englischen Provinz zu finden. Und dennoch, setzt der gelehrte Cambden hinzu, glaubte Elisabeth nicht, daß die meisten dieser unglücklichen Priester, von den Tribunalen also ums Leben gebracht, eines Verbrechens gegen das Vaterland schuldig wären. Welch eine liebenswürdige Frau!

Die Vereinigung der Gesetze (wenn es erlaubt ist, diesen Namen so zu mißbrauchen), welche gegen Katholiken, besonders in Irland, erlassen worden sind, würde einen Codex der Unterdrückung bilden, der in der Welt nicht seinesgleichen hätte.[3]

Bacon spricht in dem Werke, das er seine Naturgeschichte nennt, vielleicht ernsthafter, als er es hätte tun sollen, von einer gewissen Zaubersalbe, unter die außer andern schönen Sachen noch das Fett eines wilden Schweines und eines Bären, die beide während des Fortpflanzungaktes getötet worden, und ferner ein gewisses Moos, das sich auf der Hirnschale einer unbe-grabenen Menschenleiche bildet, gemischt werden. Den ersten Bestandteil sich ganz echt zu verschaffen, würde nach seiner Meinung wohl sehr schwierig sein; rücksichtlich des zweiten aber sagt er mit bewundernswürdiger Kaltblütigkeit und ohne jedes Zeichen von Abscheu, man könne in Irland zuverlässig eine große Menge davon bei den Leichen haben, die dort haufenweise auf den Schindanger geworfen werden.
Und nun bitte ich Sie zu bemerken, daß man in dem Lande, welches diese unerbittliche Verfolgung zuließ, noch als ausgemacht annimmt, was auch bei versammeltem Parlamente in Folge der Fortdauer des nämlichen Geistes feierlich erklärt worden ist, daß, wenn der König von England eine andere Religion als die englische annähme, er durch diese Handlung die Krone verlöre.

Ich bin überzeugt, die Engländer würden sich das wohl noch überlegen; aber wir wollen diese Erklärung nach dem Buchstaben nehmen. Wahrlich, ich finde es sonderbar, daß das englische Parlament unstreitig befugt sein soll, den besten seiner Könige, der katholisch werden wollte, fortzujagen, und daß der katholische König des Recht nicht haben soll, den geringsten seiner Untertanen fortzujagen, dem es einfiele, ein Protestant zu werden.
Sehen Sie, wie die Nationen mit sich selbst in Widerspruch geraten und sich, ohne es zu merken, lächerlich machen. Ein Engländer wird Ihnen mit vieler Gelehrsamkeit dartun, sein König habe nicht das mindeste Recht über englische Gewissen, und daß die Nation berechtigt sei, sich an seiner geheiligten Person zu vergreifen, wenn er den ursprünglichen Gottesdienst wieder einführen wollte. Sagt man aber dem nämlichen Engländer: Wieso hatten denn Heinrich VIII. oder Elisabeth mehr Recht über die Gewissen jener Zeit, als König Georg III. über die heutigen hat, und warum waren die Engländer in jener Epoche strafbar, weil sie sich zweien Souveränen widersetzten, die nach englischer Theorie gegen sie Tyrannen geworden waren? Dann wird er unbesonnen ausrufen: O! Das ist etwas ganz anderes! Obgleich in der Tat nur ein einziger unwidersprechlicher Unterschied hier vorhanden ist, der nämlich, daß die damaligen Gegner für einen Besitz von sechzehn Jahrhunderten kämpften, während die heutigen Besitzer erst gestern zur Welt kamen.
Ich will den alten Zank nicht wieder erwecken, das verhüte Gott: ich sage bloß, und darüber werden Sie hoffentlich meiner Meinung sein, daß die Engländer vielleicht das Volk der Erde sind, welches am wenigsten berechtigt ist, Spaniens religiöse Gesetzgebung zu tadeln. Wenn man mehr Mittel hat, sich zu schützen, als andere Nationen haben, und sich dennoch der nämlichen Raserei hingegeben hat; wenn man einen legitimen König weggejagt und den andern ums Leben gebracht hat; wenn man endlich alle Zuckungen des Fanatismus und der Rebellion durchlebt hat, um zur Ruhe zu gelangen, wie kann man da so keck sein, Spanien seine abscheuliche Inquisition vorzuwerfen; als wenn es zu verkennen wäre, daß Spanien allein, durch diese Einrichtung allein, zwei Jahrhunderte des Wahnsinns und des Frevels mit solcher Weisheit hat durchwandern können, daß Voltaire selbst es bewundern mußte!

Sehr schön sagte der nämliche Voltaire, obgleich er das Sprichwort selbst nicht anwandte, daß, wenn man im Glashaus sitze, man nicht mit Steinen um sich werfen solle.
Sie werden mir vielleicht einwenden: Die Zuckungen von England haben sich gelegt; sein gegenwärtiger Zustand hat es Ströme von Blut gekostet, allein jetzt erhebt es sich zu einer Größe, die geeignet ist, den Neid anderer Nationen zu erwecken.
Ich antwortete erstens, daß niemand verpflichtet ist, ein künftiges ungewisses Glück durch gegenwärtiges großes Unglück zu erkaufen. Der Souverän, welcher im Stande ist, so zu rechnen, ist eben so frevelhaft als schuldig. Folglich haben die Könige von Spanien, die durch einige Tropfen des unreinsten Blutes Ströme des kostbarsten, dem Vergießen nahen Blutes aufhielten, vortrefflich gerechnet und bleiben ohne Tadel.

Ich antworte zweitens, daß es England nicht nur Ströme von Blut gekostet hat, um dahin zu gelangen, wo es ist, sondern auch den Glauben, das heißt, alles. Es hat nicht eher aufgehört zu verfolgen, als bis es aufhörte, zu glauben, und das ist eben kein Wunder, dessen man sich rühmen soll. Man geht in diesem Jahrhundert, obgleich stillschweigend, immer von materialistischen Hypothesen aus, und die Vernünftigsten lassen sich unvermerkt von dem Strome endlich mitreißen. Ist diese Welt alles und die künftige nichts, so tut man wohl daran, daß man für die erstere alles tue, und nichts für die andere; ist aber das Gegenteil wahr, dann muß auch der entgegengesetzte Grundsatz befolgt werden.

Ohne Zweifel wird England einwenden: Ihr habt den Glauben verloren und wir haben recht. Fürwahr, dieser Einwurf ließ sich leicht erraten, doch die Widerlegung ergibt sich noch schneller, hier ist sie:

Beweiset uns also, daß ihr an eure Religion glaubet und zeiget uns, wie ihr dieselbe verteidiget.

Jeder Gebildete weiß, woran er sich dieser zweien Punkte wegen zu halten hat, denn wirklich ist die ganze Toleranz, deren sich England rühmt, im Grunde nichts, als eine vollkommene Gleichgültigkeit. Wer glaubt, muß barmherzig sein, daran ist kein Zweifel; aber er kann nicht unbedingt tolerant sein. Wenn England alles duldet, so geschieht es darum, weil es kein Glaubensbekenntnis mehr hat, außer auf dem Papier der neununddreißig Artikel.

Hätte England eine bestimmte Glaubenslehre, so würde es die verschiedenen christlichen Bekenntnisse in dem Maße lieben, wie sie sich der seinigen näherten; das ist aber gar nicht der Fall, und es würde sich tausendmal lieber durch einen Socinianer, als durch einen Katholiken im Parlament vertreten lassen. Ein sicherer Beweis, daß der Glaube für es keinen Wert hat.

Weil nun der Glaube gänzlich und sichtbar England abgeht, so hat diese, übrigens höchst respektable Nation das Recht verloren, diejenigen zu tadeln, welche den Verlust des Glaubens für das größte aller Übel ansehen, und Maßregeln ergreifen, um denselben zu bewahren.

Je mehr Sie diese Angelegenheiten untersuchen, desto mehr werden Sie sich überzeugen, daß dasjenige, was man in einigen Ländern Religion nennt, nichts ist, als der Haß gegen das ausschließende System. Diese Wut nennt man Frömmigkeit, Eifer, Glaube usw. Dant nomen quodlibet llli.

Wir haben unlängst von einem englischen Bischöfe, nicht etwa in einem gelehrten oder theologisch-polemischen Werke, sondern in einem an die Mitglieder seiner Diözese gerichteten Hirtenbrief den sonderbaren Satz gehört, daß die englische Kirche nicht protestantisch sei. Das ist ganz außerordentlich; aber was ist sie denn, wenn ich bitten darf? Der englische Prälat antwortet: biblisch. Das heißt, etwas genauer gesagt, daß die anglikanische Kirche nicht protestantisch ist, sondern protestantisch: denn der Protestantismus besteht wesentlich darin, daß man nur biblisch sein will, das heißt, daß man die Schrift allein als Autorität betrachtet.

Sie werden sich noch erinnern, Herr Graf, daß im Jahre 1805 ein englischer Bischof von einer Dame, die unter seine Freundinnen gehörte, über die wichtige und sehr schwierige Frage um Rat gefragt wurde, ob sie mit gutem Gewissen ihre Tochter an einen zur englischen Kirche nicht gehörigen Mann (obgleich weder Katholik noch Protestant) verheiraten dürfe.

Die Antwort, woraus die Hauptbeteiligten kein Geheimnis gemacht haben, und welche mir selbst in Ihrer Gesellschaft mitgeteilt ward, gehört unter das Seltsamste, was ich meiner Lebtage gehört und gelesen habe. Der gelehrte Bischof stellte zuerst den großen Unterschied zwischen Fundamental- und Nichtfundamental-artikeln fest und sah alle diejenigen für Christen an, welche über die ersteren einig sind. Übrigens, sagte er, hat ein jeder sein Gewissen und Gott wird uns richten. Er habe selbst einen Edelmann, einen Zögling von Eton und Cambridge gekannt, der, nachdem er die Grundlagen der beiden Religionen gehörig untersucht hatte, sich für die römische entschieden habe. Er tadelte ihn nicht und glaubte daher, daß die zärtliche Mutter mit völlig ruhigem Gewissen ihre Tochter außer der englischen Kirche verheiraten könne, selbst wenn die Kinder aus dieser Ehe in der Religion des Ehegatten erzogen werden müßten; um so mehr, setzte der Prälat hinzu, als diese Kinder in reifem Alter selbst werden untersuchen können, welche von den verschiedenen christlichen Kirchen sich am besten mit dem Evangelium Jesu Christi verträgt.

Man würde sich entsetzen, diese Entscheidung aus dem Munde eines katholischen Bischofs zu hören; hingegen gereicht sie einem anglikanischen Bischof zur größten Ehre, und wenn derjenige, der sie traf, nicht außerdem schon seine edle Gesinnung bewiesen und sich des allgemeinsten und höchst verdienten guten Rufes zu erfreuen hätte, so würde dieses schon hinreichen, um ihm die Hochachtung aller Menschen zu erwerben. Man muß wahrlich mit sehr freiem Verstände, mit zartem Gewissen und seltenem Mute begabt sein, um mit solcher Freimütigkeit die wahrscheinliche Gleichheit aller Bekenntnisse, das ist, die Nichtigkeit des seinigen, auszudrücken.

So ist der Glaube der Bischöfe jenes berühmten Landes beschaffen, welches an der Spitze des protestantischen Bekenntnisses stehet. Der eine schämt sich öffentlich dieses Ursprungs und möchte den unauslöschlichen Namen, der das Wesen seiner Kirche ausmacht, gern von ihrer Stirne wegwischen, weil, da ihr Wesen nichts ist, als ein Protest wider die rechtmäßige Autorität, keine Verschiedenheit des Protests ihr Wesen ändern kann, und weil sie überhaupt nicht aufhören könnte zu protestieren, ohne auch aufzuhören zu sein.

Der andere, von dem persönlichen Urteil ausgehend, das Grundlage des protestantischen Bekenntnisses ist, zieht daraus mit bewundernswürdiger Freimütigkeit die unvermeidlichen Folgerungen. „Da der Mensch über den Geist eines andern nur des Vernunftschlusses Gewalt (die sich jeder auf gleiche Weise anmaßet) ausüben kann, so folgt, daß mit Ausnahme der exakten Wissenschaften, es keine allgemeine Wahrheit, und insonderheit keine göttliche Wahrheit gibt; auf ein Buch sich berufen, wäre nicht nur ein Irrtum, sondern grober Unverstand, da das Buch selbst angezweifelt wird. Glaubte ich mit göttlichem Glauben an die Glaubenslehren, so würde ich im höchsten Grade strafbar sein, wenn ich riete, man solle unglückliche Kinder im Irrtum erziehen lassen, und ihnen lediglich die Befugnis vorbehielte, nach Erwerbung der nötigen Kenntnisse zur Wahrheit zurückzukehren. Allein ich glaube nicht an diese Glaubenslehren, zumindest nicht anders als mit menschlichem Glauben; so wie ich z. B. an das System von Stahl glauben würde, ohne jemanden zu hindern, an das System von Lavoisier zu glauben, auch ohne einen Grund zu sehen, warum ein Chemiker von einer dieser beiden Schulen dem Anhänger der andern seine Tochter versagen sollte.“

Das ist genau der Sinn der Antwort des gelehrten Bischofs. Man muß bekennen, daß Weisheit und Frömmigkeit zusammen nicht besser sprechen könnten; ich frage aber nochmals: was ist der Glaube in einem Lande, dessen erste Seelenhirten so denken, und welchen Einfluß können sie auf die Masse des Volkes haben?

Ich habe viele Protestanten gekannt, besonders Engländer, an welchen ich den Protestantismus zu studieren pflegte, doch nie konnte ich in ihnen etwas anderes erkennen, als Deisten, die mehr oder minder durch das Evangelium vervollkommnet, aber ganz unbekannt mit dem waren, was man Glauben nennt, nämlich göttlichen Glauben.
Schon die Meinung, die sie von ihren Predigern haben, ist ein untrügliches Zeichen derjenigen, die sie von der Lehre derselben hegen, denn zwischen beiden besteht eine unleugbare Beziehung.

Ein Engländer, der durch seinen Rang wie durch seinen Charakter gleich schätzbar war, sagte mir einst ganz vertraulich unter vier Augen, er habe die Frau eines Bischofs nie sehen können, ohne zu lachen. Das nämliche Gefühl haben ungefähr alle. Bekanntlich
nannte schon Locke die Bischofsbank das „caput mor-tuum des Oberhauses“.
Von den untergeordneten Predigern brauche ich nicht zu reden. Wer den Glauben predigt, ist immer geachtet, wer den Zweifel predigt, immer lächerlich. Daher ist der Prediger überall, wo man zweifelt, lächerlich, und umgekehrt überall, wo er lächerlich ist, zweifelt man, folglich ist dort kein Glaube.

Lesen Sie die Debatten, welche bei dem Antrag auf Emanzipation der Katholiken (welche ihre Sache bloß durch eine einzige Stimme verloren) stattfanden, und Sie werden sich über die ungemeine Abneigung wundern, die sich während des Streites auf tausendfache Art gegen die Geistlichkeit zeigte. Ein Abgeordneter sagte sogar (ich erinnere mich genau), die Geistlichen sollten sich mit derlei Fragen nicht befassen, was recht erheiternd ist, wenn es um Religion geht; indessen hatte er im Grunde doch Recht, denn sobald die Religion nichts ist, als ein politisches Geschäft, dann haben ihre Prediger als Prediger nichts mehr zu sagen. Nun aber ist das gerade der Fall, worin sich England befindet; die Toleranz, deren man sich dort rühmet, ist nichts und kann nichts anders sein, als Gleichgültigkeit.
Zeitungen und Tageblätter haben uns den Tod einiger berühmter Engländer zur Kenntnis gebracht.

Einer der ausgezeichnetsten dieser glänzenden Leute, Charles Fox, sagte zu seinen Freunden, als er starb: „Was denken Sie von der Seele? Er setzte hinzu: Ich glaube, daß sie unsterblich ist… Ich würde es sogar glauben, wenn es nie ein Christentum gegeben hätte; aber zu wissen, in welchem Zustand sie sich nach dem Tod befinden wird, das überschreitet die Grenzen meines Verstandes.“

Sein berühmter Rivale folgte ihm bald und die Umstände seines Hinscheidens sind ebenfalls bekannt geworden. Hier fand sich ein Bischof, sein ehemaliger Erzieher, an seiner Seite betend, von dem Sterbenden kam aber nichts, was die Christgläubigen erbauen könnte.

Ich habe alle diese englischen Todesfälle mit größter Achtsamkeit verfolgt, jedoch nie eine einzige Aussage antreffen können, die für wahrhaft christlichen Glauben oder Hoffnung gezeugt hätte.

Unter den Briefen der Madame du Deffant finden wir ein Glaubensbekenntnis ihres berühmten Freundes. „Ich glaube“, sagte er der impertinenten Ungläubigen, „ich glaube an ein künftiges Leben. Gott hat so viel Gutes und Schönes gemacht, daß man in Betreff des übrigen sich auch auf Ihn verlassen kann. Man darf nicht die Absicht haben, Ihn zu beleidigen; die Tugend muß Ihm gefallen, mithin muß man tugendhaft sein; unsere Natur aber erlaubt keine Vollkommenheit. Gott fordert aber keine unnatürliche Vollkommenheit; das ist mein Glaube, er ist sehr kurz und sehr einfach. Ich fürchte wenig, weil ich keinem Tyrannen diene.“[4]

Jeder vernünftige Engländer mag sich selbst erforschen, er wird im Grunde seines Herzens nichts weiter vorfinden.

Ein anderer Beweis der englischen Gleichgültigkeit in Religionssachen ergibt sich aus der Gleichgültigkeit der englischen Gerichte gegen alle Frevel, die wider den angeblichen Glauben des Landes begangen werden. Einigemal schienen sie aufmerksam zu werden und strafen zu wollen. Vor langem sah man Wallaston wegen seiner Gespräche über Jesus Christus zu einer Strafe, die er nicht bezahlen konnte, das heißt, zu lebenslänglichem Gefängnisse verurteilt. Noch vor zwei Jahren sahen wir Mr. Eason an den Pranger gebunden, weil er versucht hatte, die Religion des Landes umzustürzen. Allein man täusche sich nicht: diese Menschen und vielleicht noch einige andere, deren Schicksal mir unbekannt ist, waren zuverlässig das, was man gewöhnlich arme Teufel ohne Geld und Protektion nennt. Es kann wohl den Tribunalen einmal einfallen, mit dergleichen Menschen zur Übung einige Versuche anzustellen; wenn man aber nur einigermaßen in Mode ist, wenn man sich, ich will nicht sagen Bolingbroke, sondern nur Hume oder Gibbon nennt, dann kann man sein Leben lang Gott lästern und davon Ehre und Gewinn ernten.

Hat Hume nicht alle Kräfte seines Geistes aufgeboten, um die vorzüglichsten Wahrheiten und alle Grundpfeiler der Moral niederzureißen? Hat er nicht unter andern schönen Dingen wörtlich gesagt, es sei der menschlichen Vernunft nicht möglich, Gottes Wesen zu beweisen?[5]

Hat Gibbon nicht gesagt, daß Jean-Jacques Rousseau, als er Sokrates mit Jesus Christus verglich, übersehen habe, daß ersterem kein Wort der Ungeduld oder Verzweiflung entschlüpft sei?

Hat diese abscheuliche Ansicht und tausend andere, die man aus diesem Buche, welches überhaupt nichts als eine Verschwörung gegen das Christentum ist, nehmen könnte, seinem Verfasser nicht mehr Geld und Ehre eingebracht, als er von einem religiösen Werke von gleicher Größe, in welchem er die Talente von Ditton, Sherlock und Leland übertroffen hätte, erwarten konnte?

Gestehen Sie, mein Herr, daß Tribunale, die gegen solche Menschen ohnmächtig sind, sich lächerlich machen, wenn sie nachher auf den Einfall geraten, sich an einem armen Tropfe zu rächen, der nicht imstande ist, sie zu verspotten.

Aus den Memoiren Gibbons ist ersichtlich, mit welch sträflicher Höflichkeit der berühmte Robertson von dem nämlichen Buche sprach, welches selbst in un-serm leichtsinnigen Jahrhundert so wenig geschätzt wird; einem Buche, das eigentlich nur eine verkappte Kirchengeschichte ist und von einem nicht nur Ungläubigen, sondern sogar liederlichen Menschen geschrieben ward.

Robertson machte sich zudem durch das schändliche Lob, welches er an Voltaire verschwendete, schuldig, indem er sich erlaubte, ihn, den höchst oberflächlichen, überdies ungläubigen, gewissen- und schamlosen Geschichtsschreiber gelehrt und tiefsinnig zu nennen. Dieses sündliche Lob hat unendlich viel Böses gestiftet, indem es allen Feinden des Christentums ein angesehenes Zeugnis verschaffte, die ja nichts mehr verlangen, als ihre Anführer zu loben und geltend zu machen, ohne sich im geringsten darum zu bekümmern, ob Robertson es aufrichtig gemeint habe oder nicht.

Wahr ist, daß Robertson dem Voltaire, nach dessen Lob er aus Ehrgeiz strebte, kriecherisch den Hof machte. Um zu ihm zu gelangen, bediente er sich einer berühmten Frau, die wohl würdig war, die Mittlerin dieser interessanten Verbindung zu sein. Es war die fromme Madame du Deffant, welche im Namen Robertsons an Voltaire schrieb, „er wollte Ihnen gern seine Werke zueignen; ich habe es übernommen, Sie deshalb um Erlaubnis zu bitten… Seine Hochachtung und seine Verehrung für Sie haben keine Grenzen.“[6]

Was soll man von einem Mitgliede der schottischen Hochkirche, von einem Doktor der Theologie, von einem Prediger des christlichen Glaubens sagen, der den eifrigsten, den berüchtigtsten, den unehrlichsten Feind unserer Religion seiner Hochachtung und Verehrung versichert!

Ohne Zweifel sind Nächstenliebe und Höflichkeit von dem Glaubensbekenntnisse ganz unabhängig, und man muß sich wohl hüten, jemand vorsätzlich zu beleidigen. Doch setzt das Gewissen hierin Ziel und Maß. Bergier würde bei Gelegenheit gewiß allen Ungläubigen, die er während seines langen Lebens widerlegt hat, alle ihm möglichen Dienste geleistet haben, und es ist sehr bemerkenswert, daß auch die heftigsten Angriffe ihm nie ein bitteres Wort entlockten; doch hütete er sich wohl, einem Freret oder Voltaire von seiner Hochachtung und Verehrung zu sprechen. Dies Kompliment würde einen katholischen Priester entehrt haben; Robertson hingegen konnte Gibbon und Voltaire ohne Nachteil schmeicheln, denn das Christentum, welches er von Standes wegen predigte, war für ihn nichts, als eine erbauliche Mythologie, deren er sich ohne Schwierigkeit bedienen konnte. Sein Geheimnis hat er in seinem letzten Werke selbst offenbart, in dem jeder sachkundige Leser trotz aller Vorsicht des Verfassers den ausgemachten Deisten entdecken wird.[7]

Doch genug von Robertson, den ich seiner Berühmtheit wegen herausstellen wollte. Gehen Sie nun weiter zurück, was werden Sie dann von dem berühmten Chillingworth sagen, der vor Gott und auf die heilige Schrift die neununddreißig Artikel der anglikanischen Kirche beschwur, bald nachher in einem vertraulichen Schreiben erklärte, er könne die neununddreißig Artikel nicht unterschreiben, ohne sich selbst zu verdammen, und mit der Entdeckung endigte, daß die Lehre des Arius die Wahrheit sei, oder wenigstens doch kein Irrtum, der die Verdammnis verdiene. Das ist in der Tat eine Kleinigkeit. Sind Sie allenfalls neugierig, zu erfahren, wie ein englischer Doktor von der Erbsünde und dem Fall des Menschen, worauf das christliche System beruht, gesprochen hat? Hören Sie den Doktor Beattie!

„Pater Mallebranche, sagt er, lehrt uns, daß die Sinne ursprünglich vorzügliche Kräfte und so gut, als man sie wünschen konnte, gewesen seien, bis zu dem Augenblicke, wo sie durch die Erbsünde verdorben wurden, welche ihnen eine unbesiegliche Neigung einflößte, uns zu betrügen, dergestalt, daß sie dermalen immer bereit sind, uns Streiche zu spielen.“
Bisher habe ich nur England angeführt, weil dasselbe an der Spitze des protestantischen Systems steht. Wollte ich aus diesem Lande hinaus gehen, so würde ich zugleich die Grenzen überschreiten, die ich mir vorgezeichnet habe. Ich kann mich gleichwohl nicht enthalten, einen kleinen Abstecher zu machen, um Sie mit dem Glaubensbekenntnis eines evangelischen Bischofs bekannt zu machen: ich meine den berühmten Herder, den ich, ich weiß nicht in welchem deutschen Buche, in allem Ernste den deutschen Bossuet habe nennen sehen. Vernehmen Sie also noch diesen Kirchenvater.[8]

„Auf unserer Erdkugel ist alles Rad und Veränderung. Welcher Mensch, der die kreisförmige Figur der Erde gehörig betrachtet, wird sich einfallen lassen, die ganze Welt zu dem nämlichen Wortglauben in der Philosophie und Religion zu bekehren, oder sie mit dummem aber heiligem Eifer umzubringen? Die Wendungen einer Kugel sind das Bild alles dessen, was auf unserer Erde geschieht.“

Man muß gestehen, daß das von der Figur der Erde hergenommene Argument gegen die Einheit und Allgemeinheit der Religion und gegen das Unternehmen der Missionare von ganz neuer Art, und des deutschen Bossuet wohl würdig ist! Ein englischer Kritiker fragte hierzu, ob es gleich abgeschmackt sei, wegen philosophischer oder religiöser Meinungen sich auf einer kegelförmigen oder auf einer walzenförmigen Erde umzubringen! Ich bekenne, das nicht zu wissen.

Ich frage Sie nun, Herr Graf, wenn ein Prediger von dieser Gattung die Kanzel besteigt, soll nicht jeder Zuhörer bei sich selbst sagen: Wer weiß, ob der Fellow alles glaubt, was er predigt?

Was für ein Zutrauen können solche Lehrer erregen, und wie kann sich der Zuhörer, der ihre Bücher gelesen hat, der ihre Maximen (wovon die Verachtung aller Autorität die erste ist) kennt, der es sich nicht verhehlen kann, daß sie hundert und aberhundert Mal gepredigt haben, nicht nur ohne an die verkündigte Lehre zu glauben, sondern auch ohne an die Rechtmäßigkeit ihres Amtes zu glauben? Wie kann sich dieser Zuhörer erwehren, seine Lehrer nicht zu verachten, und von der Verachtung des Lehrers bald zur Verachtung der Lehre überzugehen? Wer diesen unvermeidlichen Zusammenhang bezweifeln kann, der kennt durchaus den Menschen nicht. Also vereinigen sich Theorie und Erfahrung, um festzustellen, daß jene Nation, deren Abgesandte sich so viele Mühe gaben, die abscheuliche Inquisition abzuschaffen, weder Glauben, noch wirkliche Religion im eigentlichen Sinne haben, noch haben könne.

Das Christentum ist in England so sehr vertilgt, daß vor kurzem gewisse Menschen, die noch einigermaßen an dem alten Glauben hingen, fürchten konnten, die Gleichgültigkeit würde endlich, unter der trügerischen Larve der Toleranz, der englischen Nation Prediger geben, die dem Christentume fremd wären. Da sie also sahen, daß von den christlichen Glaubenslehren eine nach der anderen verschwand, und zum wenigsten die Hauptlehre, nämlich die von der heiligen Dreifaltigkeit, ohne welche kein Christentum mehr besteht, sicher stellen wollten, so schlugen sie eine Bill über den Dreifaltigkeitsglauben vor, kraft derer jeder Engländer, der sich weigern würde, diese Grundlehre zu beschwören, unfähig erklärt würde, im Parlament zu sitzen. Die Beförderer der Bill schienen gewiß nicht unbescheiden zu sein, und man könnte ohne Zweifel von Leuten, die nur das mindeste Gewicht darauf gelegt hätten, sich Christen zu nennen, nicht weniger verlangen. Doch fand das Parlament dies zu hart: die bereits Gewählten fühlten in ihrem Gewissen, daß sie das Recht nicht hätten, dem Gewissen der künftig zu Wählenden Zwang anzutun. Sie enthielten sich, wie billig, andern die Notwendigkeit eines Eides vorzuschreiben, den sie selbst nicht ablegen mochten, und sie verwarfen die Bill. Der Engländer also, sei er ein Arianer und selbst Mahometaner, ist wählbar zum Parlament, weil kein aufgeklärter Moslem sich weigert, Christus für einen rechtschaffenen Mann, und selbst für einen großen Propheten anzuerkennen; weshalb ein Ungenannter, den diese große Handlung der englischen Gesetzgebung belustigte, auf das Parlament folgendes Epigramm gemacht hat, welches nicht ganz ohne Witz ist:

King, Lords and Commons do decree
That henceforth every man is free,
To think, or say, as it may be
That one is one, and three are three.

Ich will nicht vergessen, Ihnen zu bemerken, daß England wirklich nur gegen Sekten tolerant ist, keineswegs aber gegen die Kirche, von der es sich getrennt hat; denn, was diese betrifft, so lehnen die Gesetze sie mit einer Hartnäckigkeit ab, die vielleicht nicht ganz gefahrlos für den Staat ist. Der Engländer will nichts von einer Lehre wissen, die von ihm verlangt, mehr zu glauben, wer immer aber vorschlägt, weniger zu glauben, der wird gewiß willkommen sein.

In der englischen Kirche wimmelt es von Sekten, die mit der herrschenden Kirche nicht übereinstimmen, dieselbe verschlingen und ihr nur die äußere Form übrig lassen, die noch für etwas Wirkliches angesehen wird. Der Methodismus allein greift alle Stände an und drohet offenbar, die Nationalreligion zu ersticken. Ein sonderbares Mittel, um diesem Strome zu wehren, gibt ein Engländer an, der kürzlich über diesen Gegenstand geschrieben hat. „Wenn das Übel neue Fortschritte macht, so wird es vielleicht nötig, in Rücksicht einiger von der englischen Kirche angenommenen Glaubensartikel einige Nachsicht zu zeigen, um eine größere Anzahl von Christen in die Kirchengemeinschaft aufzunehmen.“
Der Mann ist, wie man sieht, sehr gefällig. Zur Ausrottung des Methodismus braucht die englische Kirche weiter nichts, als den Puritanern das Verdienst der guten Werke, den Quäkern die Sakramente, den Aria-nern die Dreifaltigkeit abzutreten usw. Alsdann würde sie alle diese Herren aufnehmen, um den Methodisten widerstehen zu können. Es läßt sich nichts Schöneres denken! Dennoch ist derjenige, welcher dies wunderliche Mittel zur Verstärkung der Nationalkirche in Vorschlag bringt, ein redlicher, aufrichtiger Mann, der nach Vorschrift seines Gewissens urteilt und nach der allgemein herrschenden Meinung. Was liegt an den Glaubenslehren? Das Glaubensbekenntnis besteht nur aus ganz allgemeinen rationellen Grundansichten. Alles übrige wird in den Kreis der Meinungen und der Geschichte verwiesen. Als religiöses Institut, als geistliche Macht besteht die anglikanische Kirche bereits nicht mehr. Zwei Jahrhunderte reichten hin, um den Stamm dieses wurmstichigen Baumes in Staub zu verwandeln; die Rinde nur erhält sich noch, weil der weltlichen Macht daran gelegen ist, dieselbe zu erhalten.

Sie haben sich, mein Herr, mit Recht darob entsetzen können, wenn Sie sahen, daß die Vertreter einer großen christlichen Nation den christlichen Glauben nicht als eine notwendige Bedingnis für diese Vertreter anerkennen wollten! Indessen kann ich Ihnen etwas noch weit sonderbareres zeigen. Wenn ich Ihnen sagen würde, daß England feierlich, fast hätte ich gesagt, von Amts wegen, dem Christentum entsagt habe, so würden Sie ohne Zweifel rufen: das ist ein Paradoxon! Ich selbst gebe zu, daß ich nichts anderes vorbringe, aber darum braucht es nicht zurückgewiesen zu werden. Cicero hat uns sechs Paradoxa aufgestellt; warum sollten Sie mir nicht ein einziges erlauben? Lesen Sie das meinige, so wie ich dasselbe in meinem nächsten Briefe auseinandersetzen werde. Hernach wollen wir, da ich mit mir handeln lasse, alles was Ihnen beliebt wegstreichen, um daraus eine Wahrheit zu bilden, womit ich zufrieden sein werde.

Moskau, den 19./31. August 1815.

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Fussnoten:

[1] Götter Schmach ist Götter Sach. Tacitus, Annalen, 73. Buch.
[2] The whole tyranny of the Inquisition, though without its order, was introduced in the kingdom. (Hume’s History of England, S. 109.)
[3] Unparalleled Code of oppression. (Burke’s letter to Sir Henry Lang) In der Sitzung vom 10. Mai 1805 rief noch ein irländischer Lord sehr pathetisch: „O mein unglückliches Vaterland, wirst du nie zur Ruhe kommen?“ (Cobbet’s parliamentary debates, Bd. IV London 1805, Sp. 721.)
[4] Horace Walpole.
[5] Essay on liberty and necessity
[6] Madame du Deffant an Voltaire, Bd. l\ der Briefe dieser Dame, 20. Dezember 1769, S. 320.
[7] Robertson’s historical account etc., Basel 1792.
[8] Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, Bd. I, Kap. 4.

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