4. Brief

Herr Graf!

In den Naturwissenschaften ist immer die Rede von mittleren Größen; man spricht nur von mittlerer Entfernung, mittlerer Bewegung, mittlerer Zeit usw. Es wäre wohl einmal Zeit, diesen Begriff in die Politik zu übertragen und wahrzunehmen, daß die besten Einrichtungen nicht diejenigen sind, welche den Menschen das größtmögliche Glück in diesem oder jenem gegebenen Augenblicke verschaffen, wohl aber jene, welche die größte Summe möglichen Glückes der größtmöglichen Zahl von Generationen zufließen lassen. Das ist das mittlere Glück und deshalb ist, glaube ich, kein Bedenken nötig.

Von diesem Grundsatze ausgehend, möchte ich gern wissen, was der heftigste Inquisitionsfeind einem Spanier antworten würde, der diese, auch ohne das eben Gesagte zu berücksichtigen, also rechtfertigen würde:

„Sie sind ein kurzsichtiger Mensch; Sie sehen nur einen Punkt. Unsere Gesetzgeber übersahen das Ganze von oben. Im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts sahen sie, sozusagen, Europa rauchen; um dem allgemeinen Brande zu entgehen, bedienten sie sich der Inquisition, welche das politische Mittel ist, um religiöse Einheit zu wahren und Religionskriege zu verhüten. Sie dagegen haben nichts dergleichen ersonnen; untersuchen wir nun die Folgen, denn nur die Erfahrung soll hier den Ausschlag geben.

Erwägen Sie, wie der Dreißigjährige Krieg durch Luthers Argumente ausbrach; die unerhörten Ausschreitungen der Wiedertäufer und der Bauern; die Bürgerkriege in Frankreich, England und Flandern; die Bartholomäusnacht, die Metzeleien von Merindol, die
Metzeleien in den Cevennen; die Ermordung von Maria Stuart, Heinrich III., Heinrich IV, Karl L, von dem Prinzen von Oranien usw. usw. Auf dem Blute, das eure Neuerer vergossen haben, könnte ein Schiff daher schwimmen; die Inquisition würde nur das ihrige vor-gossen haben. Euch stolzen Ignoranten, die ihr nichts vorhergesehen und Europa in Blut habt schwimmen lassen, euch steht es wohl an, unsere Könige zu tadeln, die alles vorhergesehen haben! Saget uns also nicht, daß die Inquisition in diesem oder jenem Augenblick diesen oder jenen Mißbrauch erzeugt habe; denn darauf kommt es nicht an, wohl aber zu wissen, ob während der drei letzten Jahrhunderte durch die Inquisition mehr Glück und Frieden in Spanien geherrscht habe, als in anderen Gegenden von Europa? Der Philosoph kann wohl eine Berechnung aufstellen, die die jetzigen Generationen dem ungewissen Glücke der künftigen opfert; der Gesetzgeber aber rechnet anders.
Könnte auch diese entscheidende Beobachtung nicht genügen, so würden die jetzigen Begebenheiten Sie verstummen machen.

Die Inquisition hat Spanien gerettet; die Inquisition hat seinen Ruhm verewigt. Sie hat den Volksgeist erhalten, den Glauben, den religiösen Patriotismus, die die bekannten Wunder gewirkt und offenbar durch die Rettung Spaniens Europa gerettet haben, vermittels der edelsten und hartnäckigsten Diversion. Von den Pyrenäen herab schreckte die Inquisition den Philosophismus, der wohl Ursache hatte, sie zu hassen. Mit stetem Blick auf die Bücher, so von diesen Bergen wie drohende Lawinen herabstürzten, haben diejenigen, welche die Kraft und Wachsamkeit der Inquisition getäuscht haben, es wohl dahin gebracht, dem Usurpator einige Anhänger zu besorgen, die seiner würdig waren; die große Masse aber blieb unverdorben, und diese konnte nur durch die Inquisition dem Landesherrn so wiedergegeben werden, wie er sie zu verlieren das Unglück hatte.“

Ich weiß wahrlich nicht, was sich auf diese Bemerkungen vernünftig antworten ließe; was aber in der Tat außerordentlich ist und wenig bekannt, das ist, wie mir scheint, die vollständige Rechtfertigung der Inquisition durch Voltaire, die ich Ihnen vorlegen werde als ein merkwürdiges Denkmal des Menschenverstandes, der Tatsachen wahrnimmt, und der Leidenschaft, die die Ursachen nicht sieht.

„Während des sechzehnten und siebenzehnten Jahrhunderts“, sagt er, „war in Spanien keine blutige Revolution, keine Verschwörung, keine grausame Bestrafung, wie man deren an andern europäischen Höfen sah. Weder der Herzog Lerma, noch der Graf Olivares ließen ihre Feinde auf dem Blutgerüste hinrichten. Die Könige wurden dort nicht gemordet wie in Frankreich, noch verloren sie durch die Hand des Scharfrichters das Leben wie in England. Mit einem Wort, die Greuel der Inquisition abgerechnet, würde man damals an Spanien nichts zu tadeln gehabt haben.“[1]

Kann man wohl mehr verblendet sein? Die Greuel der Inquisition abgerechnet, hätte man jener Nation nichts vorzuwerfen, die nur durch die Inquisition jenen Greueln entgangen ist, die die anderen alle entehrt haben! Es ist für mich ein wahrer Genuß, so zu sehen, wie das Genie bestraft und verurteilt wird, bis zum Ungereimten, bis zur Albernheit herabzusinken, zur Strafe dafür, daß es sich an den Irrtum wegwarf. Seine natürliche Überlegenheit entzückt mich weniger, als seine Nichtigkeit, sobald es seine Bestimmung vergißt.

Kann man Spanien nach all den Greueln, die wir in Europa gesehen haben, wegen einer Einrichtung tadeln, wodurch sie insgesamt verhütet worden sind? „Die Inquisition und etwa sechzig Prozesse während eines Jahrhunderts hätten uns das Schauspiel eines Leichenhaufens erspart, der die Höhe der Alpen übersteigen, der den Rhein und den Po in ihrem Laufe hätte hemmen können.“[2] Doch unter allen Europäern wäre es unstreitig den Franzosen am wenigsten zu verzeihen, wenn sie nach allem Unheil, das sie angerichtet oder veranlaßt haben, nach dem noch schrecklicheren Unheil, welches sie sich selbst zugefügt haben, die Inquisition kritisieren wollten. Sie wären gar nicht zu entschuldigen, wenn es ihnen einfiele, Spanien einer klugen Einrichtung wegen aufzuziehen, welche dieses geschützt hat. Seien wir gegen diese edle Nation gerecht. Sie gehört unter die wenigen, die auf dem europäischen Festlande der Französischen Revolution durchaus keine Sympathien entgegengebracht haben. Zuletzt ward sie freilich das Opfer davon, aber auch durch das Blut von vierhunderttausend Fremden genugsam gerächt, und dermalen sehen wir, wie sie mit einem Ungestüm, das die Achtung der Welt verdient, zu ihren alten Maximen zurückkehrt, wenn gleich manches Übertriebene dabei vorkommen mag.

Der Ausschuß der Cortes, auf den ich mich schon oft bezogen habe, fühlte wohl das Gewicht des Schlusses, der sich aus der Betrachtung des abgewendeten Unheils zum Vorteil der Inquisition ergab. Um sich also aus der Sache zu ziehen, erfand der Berichterstatter ein schleuniges und sehr bequemes Mittel, er leugnete diesen Einfluß. „Wäre, sagt er, das Ansehen der Bischöfe erhalten worden, so würde es genügt haben, Spanien gegen die letzten Ketzereistifter zu schützen. Der Inquisition haben wir dies Glück nicht zu verdanken.“

Sie sehen, mein Herr, daß die Leidenschaft nie auf die Worte Acht gibt. Oben haben wir gesehen, daß die Bischöfe keine Ursache haben, sich über die Inquisitoren zu beklagen, die sie vielmehr als treue Bundesgenossen zur Erhaltung des Glaubens ansehen; gibt man aber dem Ausschusse alles zu, um ihn immer durch seine eigenen Worte zu widerlegen, so stellt sich diese Frage dar: Wenn die gewöhnliche Macht der Bischöfe für Spanien hinreichend war, um den Dämon des Nordens zurückzutreiben, wie kam es denn, daß diese nämliche Macht, als die Inquisition sich selbe angemaßt, sie vermehrt und auf eine Achtung gebietende Weise noch verbessert hatte, für Spanien von keinem Nutzen war? Es ist bekannt, daß die letzten Ketzereistifter in Spanien nicht haben eindringen können, und etwas, ohne Zweifel, hat dazu hingereicht. Was ist denn dasjenige, so hinreichte? Nicht die Macht der Bischöfe, denn die Inquisition hatte sie deren beraubt: auch nicht die Inquisition selbst, darauf gibt uns der Ausschuß sein Ehrenwort. Man kann es noch weniger den Civil-tribunalen, den Statthaltern der Provinzen, usw. verdanken, denn die Inquisition hatte eine ausschließliche Gerichtsbarkeit in allen Religionsangelegenheiten. Ich frage also nochmals: Wenn doch irgend etwas hingereicht hat, was ist dasjenige, so hinreichte? Hat der Ausschuß dieses nicht gesehen, so lag die Ursache darin, daß er die Augen schloß; wer immer aber sie offen hält, wird versichert bleiben, daß, wenn alle europäischen Nationen, mit Ausnahme von Spanien und derjenigen, welche die Gerichtsbarkeit und die Formen der Inquisition mehr oder weniger angenommen hatten, von den letzten Ketzereistiftern mehr oder weniger sind angegriffen und zu Grunde gerichtet worden, die Bewahrung Spaniens nach Vernunft und Billigkeit keiner andern Ursache könne beigemessen werden, als dem Tribunal der Inquisition, besonders wenn man keine andere angeben kann. Wenn im vierzehnten Jahrhundert eine einzige Nation der schwarzen Pest, die Europa verheerte, entgangen wäre, und diese Nation nachher sich eines Vorbeugungsmittels rühmte, das sie zu diesem Zweck erzeugt und ohne Unterlaß gebraucht hätte, und dessen Bestandteile von offenbar vorbeugender Art sie alle bekannt machte, so würde es höchst unvernünftig sein, ihr zu sagen, daß sie diesem Mittel nichts verdanke, und daß andere Mittel hingereicht haben würden, wo doch nirgends, außer in ihrem Lande, diese anderen Mittel hingereicht hatten.

Ein wichtiger Teil würde der Verteidigung der Inquisition abgehen, wenn ich Sie nicht auf den Einfluß dieser Einrichtung auf den Charakter der Spanier aufmerksam machte. Hat diese Nation ihre Grundsätze, ihre Einheit und den Gemeingeist bewahrt, der sie rettete, so verdankt sie das einzig der Inquisition. Schauen Sie auf den Schwärm jener Menschen, die in der Schule der neueren Philosophie gebildet sind: was haben sie in Spanien bewirkt? Unheil, nichts als Unheil. Sie allein haben die Tyrannei herbeigerufen, oder sich mit ihr versöhnt Sie allein haben halbe Maßregeln, Gehorsam gegen die Gewalt der Umstände, Zaghaftigkeit, Schwäche, Zögern, Mäßigung, statt eines verzweifelten Widerstandes und einer unzerstörbaren Treue gepredigt. Hätte Spanien zu Grund gehen müssen, so wären sie allein schuld daran gewesen. Viele oberflächliche Menschen glauben, es sei durch die Cortes gerettet worden; im Gegenteil, es ward wider den Willen der Cortes gerettet, die England in größere Verlegenheit gesetzt haben, als die Politik ihnen zu sagen gestattete. Das Volk hat alles getan, und wären auch in der philosophischen Partei und unter den Feinden der Inquisition wahre Spanier gewesen, fähig sich für das Vaterland hinzugeben, was würden sie ohne das Volk gewirkt haben? Und was würde hinwieder das Volk getan haben, wenn es nicht durch die Nationalideen und vorzüglich durch den sogenannten Aberglauben geleitet worden wäre? Will man jene Begeisterung vernichten, welche die großen Gedanken und Unternehmungen beseelet, will man Sie die Herzen kalt machen und die Selbstsucht an die Stelle der feurigen Vaterlandsliebe setzen, dann braucht man weiter nichts zu tun, als einem Volk seinen Glauben zu nehmen, und es zu Philosophen zu bilden.

Rein Volk in Europa ist weniger bekannt und mehr verleumdet, als das spanische. Spanischer Aberglaube ist zum Sprichwort geworden; dennoch ist das sehr irrig. Die höheren Klassen der Nation sind darin eben so aufgeklärt, als wir. Was das Volk im eigentlichen Verstände betrifft, so mag es sein, daß es z. B. in der Verehrung der Heiligen oder besser zu sagen, in der ihren Bildern bezeugten Ehre zuweilen das rechte Maß überschreitet; da aber die Lehre in diesem Punkt gesichert ist, und nicht einmal die geringste Abweichung gestattet, so wollen die kleinen Mißbräuche von Seiten des Volks in dieser Hinsicht nichts bedeuten, und haben sogar ihren Nutzen, wie ich Ihnen dieses beweisen könnte, wenn hier der Ort dazu wäre. Übrigens hat der Spanier weniger Vorurteile, weniger Aberglauben, als andere Völker, die über ihn spotten, aber sich selbst nicht prüfen können. Sie kennen, hoffe ich, sehr brave und angesehene Leute, die ohne Anstand an Amulette glauben, an Erscheinungen, sympathetische Mittel, Wahrsager und Wahrsagerinnen, an Träume, Geisterbeschwörungen usw., usw.; Leute, die hastig vom Tische aufstehen werden, wenn sie sich zum größten Unglücke mit zwölf Gästen daran befinden; die die Farbe verlieren, wenn ein frevelhafter Lakai sich untersteht ein Salzfaß umzuwerfen; die lieber eine Erbschaft verlören, als daß sie an diesem oder jenem Tage der Woche sich auf eisen begäben usw. Wohlan, Herr Graf, gehen Sie nach Spanien, und Sie werden sich wundern, dort keinen so emütigenden Aberglauben anzutreffen. Dies rührt daher, weil das religiöse Prinzip, allem Aberglauben wesentlich zuwider, diesen überall ersticken wird, wo es sich frei entwickeln kann, wobei ich gleichwohl nicht leugnen will, daß dies Prinzip durch den gesunden Nationalverstand in Spanien mächtig unterstützt worden ist.

Allein für Spanien gibt es keine Gnade, und noch im vorigen Jahre sagte man zu London im versammelten Parlament, daß „alles, was im Wege der Vorstellung und Ermahnung möglich gewesen wäre zu tun, um den schändlichen Maßregeln der spanischen Obrigkeit und besonders der Wiederherstellung der fluchwürdigen Inquisition entgegen zu arbeiten, von dem englischen Botschafter zu Madrid vergebens sei versucht worden.“[3]

Ich gestehe Ihnen, ich mag mit aller Gewissenhaftigkeit und in Erinnerung an alles das, was ich geschrieben habe, nachdenken wie ich will, ich kann nichts Abscheuliches an diesem berühmten Tribunal entdecken; eine so feierliche Anklage aber auf einer so ehrwürdigen Bühne, als das englische Parlament ist, vorgebracht, führt mich auf den Gedanken, eine besondere Untersuchung darüber anzustellen. Ich hoffe, Ihnen in den folgenden Briefen zu beweisen, daß die Engländer vielleicht weniger berechtigt sind, Spanien seine Inquisition vorzuwerfen, als alle anderen Nationen von Europa. Sie werden unverzüglich darüber urteilen können. Erlauben Sie, daß ich von Ihnen Abschied nehme.

Moskau, den 3./15. August 1815.

___
Fussnoten:

[1] Voltaire, Essai sur Vhistoire generale, Bd. TV, S. 135.
[2] Der ungenannte Verfasser einer kleinen Schrift, betitelt: Qu’importe aux pretres? Christianople 1797, S. 192.
[3] Sitzung des Unterhauses vom 22. November 1814.

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