Rechts, doch ohne Glauben

Rechts, doch ohne Glauben
Eine Anfrage an die dezidierten Nicht-Christen unter den Konservativen

Aus „Criticón“ Nr. 24, Juli/August 1974

Es gibt Diskussionen, die unter dem Ausschluß der Öffentlichkeit geführt werden. So, zum Beispiel, läuft schon seit Jahren die Debatte, ob ein „Konservativer“, nach unserer Nomenklatur ein Mann der Rechten, zugleich auch Theist, wenn nicht sogar Christ sein muß. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, daß die Gleichung „katholisch – konservativ“ schon im vorigen Jahrhundert auftauchte und nicht wenige Befürworter fand, wobei man Luther gerne als „Vollzieher“ der Renaissance, Originator der Aufklärung und Ahnherr der Französischen Revolution hinstellte. Die Ursprünge des Konservatismus in der Romantik entfalteten sich nicht zuletzt im Schatten dieser Gleichsetzung, und es ist bezeichnend, daß Konservative aus ihrer politisch-kulturellen Weltanschauung heraus nicht nur im vorigen Jahrhundert den Weg nach Rom fanden, sondern selbst heute noch. Diesen simplistischen Gedankengängen bin ich jedoch selbst – ein katholischer rechtsradikaler Liberaler mit antidemokratischem Vorzeichen und vordergründigen theologischen Interessen – höchst abgeneigt. Woher diese Vereinfachungen wohl kommen? Zweifellos von vulgärkatholisch-vulgärevangelischen Gegenüberstellungen und mangelnden Geschichtskenntnissen.

Der katholische Glaube mitsamt der Kirche ist zwar traditionsbewußt, aber nicht statisch, zudem (in einer ganz bestimmten Richtung) evolutionär, während die Reformation den Charakter einer „konservativen Revolution“ besaß. Sie rebellierte ein Zurückgehen zu den Quellen und Urformen fordernd gegen die von Rom so begünstigte Moderne, d. h. die Renaissance. Das Soli Deo Gloria der Reformatoren sollte dem (vermeintlichen) humanistischen Menschendienst ein Ende bereiten. Freilich erzielte später die Aufklärung bedeutende Einbrüche in den Mundus reformatus mit dem Ergebnis, daß die Verweltlichung gerade im Glaubensbereich der evangelischen Verinnerlichung und Rückbesinnung die größten Erfolge aufwies. Dank dieser Verrückung der Perspektiven glaubten dann einfache Geister eine zweite, ebenso irrige Gleichung aufstellen zu müssen: Evangelisch = fortschrittlich = liberal =demokratisch. Dieser Täuschung ist man in beiden Lagern der Konfessionen gerne erlegen. Die Überzeugung, daß der typische homo reformatus eher ein gotischer Mensch ist, der Homo catholicus aber seine Wurzeln im Humanismus, in der Renaissance und im Barock hat, setzt sich erst jetzt langsam durch.

Uns interessiert jedoch der Nexus zwischen dem Christentum als solchem und dem „konservativen“ Gedanken. Stets schiebt sich, wenn diese Frage gestellt wird, die unglückselige Person von Charles Maurras in den Vordergrund. Zweifellos war er, der in jungen Jahren der Kirche den Rücken gekehrt hatte und glaubte, eine monarchistisch-nationalistische Synthese mit christlicher Mythos-Verbrämung zum politischen Erfolg führen zu können, ein äußerst begabter, wenn nicht genialer Mann. Stand er aber nun wirklich rechts? Ist nicht der ethnische Nationalismus eine der Mißgeburten der Französischen Revolution? Ist nicht die christliche Monarchie eine übernationale Einrichtung? So wirkt Maurras, vor allem in Frankreich, nicht nur als anregender Geist sondern auch als großer Verwirrer selbst heute noch nach.

Sollte er wirklich ein „kreisförmiges“ (konservatives) gegen ein „lineares“ (christliches) Denken verkörpert haben? Diese geometrischen Symbole sind fragwürdig, denn das Kreisdenken ist hinduistisch und unserer Kultur fremd, während das lineare Element nun einmal in der Schöpfung und damit auch in jeder einzelnen Existenz präsent ist. Ich halte das Lineare deshalb für realistisch, das Zirkuläre jedoch für teils utopisch, teils „künstlich“, wie der Lauf des Pferdes bei der Dressur an der Longe oder auch tragisch wie das „Gehen im Kreise“ von Verirrten. Kann man zugleich „konservativ“ und nicht gläubig sein? Oder links und gläubig? Warum eigentlich nicht? Es gibt auch weiche Männer, brutale Frauen, idiotische Gelehrte, intelligente Kinder, zahme Löwen, verkommene Priester, sentimentale Bankiers und selbst weitschauende Parlamentarier.

Mit dem Phänomen der linksstehenden Christen sind wir bestens vertraut. Ihnen begegnen wir schon unter den Ketzern des Mittelalters, den Wiedertäufern, den Sektierern Englands im 17. Jahrhundert (Levellers, Diggers etc.) und besonders seit der Französischen Revolution, an der (um einen Ausdruck Spenglers zu gebrauchen) der „Priesterpöbel“ nicht unbeteiligt war. Der linke Christ leidet an der fausse idée claire eines proletarischen Christus und einer marxistischen Umdeutung der Urkirche, an einer geradezu methodischen ökonomischen und psychologischen Ignoranz (er weiß also nichts über die Funktionen von Geld, Wirtschaft und der menschlichen Seele), er laboriert an der monastizistischen Utopie, worunter wir die idée fixe verstehen, daß man klösterliche Einrichtungen auf den Alltag übertragen soll, er bezweifelt die Existenz Satans und der Erbsünde, und vor allem stemmt er sich gegen die paulinische Warnung, sich nicht dem Schema der Welt anzupassen und säkularen Moden zu verfallen.

Den ungläubigen Denker auf der Rechten hat es allerdings auch schon immer gegeben. Was ist die programmatische Vision auf der Rechten? Ein Staat und eine Gesellschaft der Vielfalt (und nicht der Einförmigkeit und Einfalt). Denn Staat und Gesellschaft setzen sich aus einmaligen Personen – dramatis personae – mit unübertragbaren Schicksalen und nicht aus Ziffern zusammen. Zudem steht das „Rechte“ (in jedem Sinne des Wortes) für das christlich-freiheitlich-traditionsanknüpfende Programm, wobei das freiheitliche Element schon im christlichen enthalten ist, denn „zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal. V, 1). Es mag nun eingeworfen werden, daß die Reformation mit ihrem mehr (Calvin) oder weniger (Luther) starken Prädestinationsglauben die christliche Freiheit in Frage stellte, doch hatte bei uns der religiöse Determinismus keine lähmenden Auswirkungen, und es blieb stets dabei, daß jedermann seines eigenen Glückes Schmied sei. (Das Sprichwort, daß Gott jenem hilft, der sich selbst hilft, hat allerdings keinen wohlfahrtsstaatlichen Klang.) Und was das Anknüpfen an die Tradition betrifft, die natürlich keinen statischen Charakter haben darf, so steht es fest, daß Christus keineswegs, wie es wildgewordene Spießer auf theologischen Lehrstühlen gerne haben möchten, ein Revolutionär war. Er war gekommen, um als göttliche Person die Worte der Propheten zu erfüllen, als Sohn Gottes, der „von allem Anfang“ da war. Das erwählte Volk? Die Christen! Das Neue Jerusalem? Die Christenheit! Die sehende Nachfolgerin der blinden Synagoge? Die Kirche! Das Alte Testament? Die Vorgeschichte!

Alle Gläubigen oder Ungläubigen auf der Rechten, ob sie sich dessen bewußt sind oder nicht, ob sie es wollen oder nicht, sind Träger einer Kultur, die ihre Wurzeln tief im Boden der christlich-hellenischen Synthese besitzt. Sie haben den christlichen Ethos und eine ganze Reihe von christlichen Grundbegriffen sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Wenn einer von uns – wir reden nicht von „Afro-Asiaten“ – mit der christlichen Vergangenheit seelisch und geistig radikal brechen will, dann muß er sich einem heidnischen Existentialismus à la Sartre zuwenden, der zu unserer großen Überlieferung wahrscheinlich die einzige vom Verstande her zu respektierende Alternative darstellt. (Kommunismus? Paläoliberalismus? Bakuninscher Anarchismus? Comtescher Positivismus? Alles nur sechstrangige, säkulare, auf dem christlichen Mist gewachsene Häresien!) Da gilt das Wort der heiligen Teresa von Ávila: „Dios o Nada – Gott oder das Nichts!“
Wie aber steht es um die Religio? Sie beinhaltet drei Dinge: geistige Überlegung, Glaubensakt und freiwillige Bindung. Die christliche Religion ist natürlich nicht wie eine mathematische Gleichung „beweisbar“, doch der Theismus, ihr Herzstück, mag durch „circumstantial evidence” (wir ziehen dies dem deutschen .,Indizienbeweis“ vor) als so wahrscheinlich dargestellt werden, daß nur eine höchst perverse Argumentation gegen ihn ins Feld geführt werden kann. Das christliche Grundelement bekommt so den Charakter des Fast-völlig-Bewiesenen und Vernunftmäßigen, wobei aber freilich zum Schluß immer noch ein existentielles Ja-Wort notwendig ist. Diese innere Zustimmung, der „Glaube“ im engeren Sinn, ist nicht gegenvernünftig (auch das Credo quia absurdum des Häretikers Tertullian muß in seinem Zusammenhang verstanden werden) wohl aber ist sie über-natürlich. Sie ist zur Treue verpflichtend, wie ja sowohl das lateinische fides wie auch das griechische pistis zugleich „Treue“ und „Glauben“ heißt. (Gott verpflichten wir uns dann auf „Treu‘ und Glauben“.) Vor allem ist der Glauben Gnade.

William James hat in seinem berühmten Buch über die religiöse Erfahrung – „The Varieties of Religious Experience“ – den zeitlich so präzisen Charakter des „Glaubensaugenblicks“ herausgearbeitet. Das Geschenk ist – bemerkt oder unbemerkt – auf einmal da. Wenn aber Paulus sagte (1. Kor., 1, 22), daß der Glaube der Christen den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit sei, so sollten wir hinzusetzen, daß das Urteil der Heiden sich als voreiliger Schluß entpuppen könnte. Sofern man die Existenz eines persönlichen Schöpfers bejaht, kann man Christus-Gott eingetaucht in die Menschheit – nicht mehr als Absurdität betrachten. Sollte man denn einen Dialog des Schöpfers aller Dinge mit Geschöpfen, die (wie der Mensch) auch schöpferisch sind, nicht geradezu erwarten – des „Vaters“ mit den „Kindern“? Andererseits kann man jemandem, der zwar die Botschaft und die rationalen Argumente vernommen hat, jedoch die innere Zustimmung, die aus einer „Annahme“ Glauben und Überzeugung schafft, nicht (oder noch nicht) gegeben hat, daraus keinen schweren Vorwurf machen. Für den Glauben (der zugleich Überzeugung ist) muß gerungen, gebetet und gewartet werden. Das gerade aber vergessen nur zu oft die Gläubigen, die gerne mit fertigen Urteilen kommen. Wundern wir uns also nicht, daß es Konfrontationen zwischen gläubigen und ungläubigen Vertretern der Rechten gibt, wobei es aber leider immer wieder geschieht, daß der Überzeugte im Ungläubigen einen böswillig Verstockten und der Unüberzeugte im Gläubigen einen abergläubischen Narren sieht.

Nun aber glaube ich, daß die Forderungen der Rechten mit zwingender Logik und absolutem Engagement nur vom Theisten, wenn nicht vom gläubigen Christen erhoben werden können. Der ungläubige „Konservative“ kann sich in seinen Argumenten gegen die Linke, und was sich so gerne die „Mitte“ nennt, einer gewissen Empirik bedienen oder er kann auch die Diskussion rein sentimental führen. So kann er als Empiriker den Sozialismus als wirtschaftlichen Blödsinn oder als Sentimentalist die roten und braunen Konzentrationslager als „unmenschlich“ bezeichnen. (Alles, was jedoch Menschen tun, ist „menschlich“: auch moderne KZs und mittelalterliche Scheiterhaufen.) Doch der Mann der Rechten muß über der reinen Empirik stehen. Der Volkswirtschaftstheoretiker Wilhelm Röpke, den ich unbedingt der christlich inspirierten Rechten zuzähle, hatte einmal gesagt, daß er auch dann eine staatliche Kollektivwirtschaft ablehnen würde, wenn sie billiger und besser produzieren würde als die freie Wirtschaft. (Ich weiß wirklich nicht, wie viele agnostische Altliberale ihm darin gefolgt wären.) Es gibt zweifelsohne eine gut-katholische Schule mit scholastischem Hintergrund, die fest und steif behauptet, daß man „bloß“ das Naturrecht als deus ex machina in Aktion zu bringen braucht, um den Agnostiker oder Atheisten guten Willens von den ethischen Grundpositionen des Christentums zu überzeugen. (So dachte implizit auch Thomas von Aquin, während der Apostel Thomas für die Wahrheit greifbarere Beweise brauchte.) Nun glaube ich selbst auch an die Existenz des Naturrechts, nicht aber an seine mühelose Mitteilbarkeit und daher an seine Überzeugungsdynamik … auch wenn dies ein wenig an reformatorische Anschauungen gemahnt. (Ich würde sagen, daß man das Naturrecht erst im Scheinwerferlicht des Glaubens richtig sehen kann.)

Dem theistischen, dem christlichen „Konservativen“ liegt die Frage auf den Lippen, wie denn sein ungläubiger Kampfgenosse seine Positionen untermauert. Hier taucht gleich wieder einmal das unbequeme konservative Ideologieproblem auf (über das wir in Criticón 17 geschrieben haben). Denn entweder ist, wie wir schon angedeutet hatten, der Mann der Rechten reiner Empiriker, gleich dem Schimpansen im tierpsychologischen Laboratorium, und Ästhet, dem es vor dem widerlichen, mit tierischem Ernst erfüllten Zoo der utopischen Linken graust, oder er hat wirklich gute, sein Herz und sein Sinnen beherrschende Gründe für sein Programm, für seine Vision. Doch müssen solche Motive einen metaphysischen, einen transzendenten Charakter haben, sie müssen im Boden von unwandelbaren Prinzipien, ja von Dogmen wurzeln, für die man kämpft und gegebenenfalls auch zu sterben bereit wäre. Der Löwenmut, ein Kreuzchen auf einen Wahlzettel zu setzen und diesen dann wohlverpackt wie einen anonymen Brief in einem Schlitz verschwinden zu lassen, ist nicht genug!

Aus welchen Beweggründen haben denn die Männer vom 20. Juli, die Chouans der Vendée, die Jakobiten Schottlands und Irlands, die Karlisten, die mexikanischen Cristeros, die Krieger der Weißen Armeen Rußlands gehandelt? (Diese Armeen bestanden – weiß Gott! – nicht aus progressistischen agnostischen Liberaldemokraten.) Das sind die Realitäten. Der Rest ist Geschwätz. Ich sehe nicht, wie man eine solche opferbereite Haltung zwingend und nicht zufällig einnehmen kann ohne auf den Urgrund, ohne auf Gott zurückzugehen … außer man handelt aus reinem, blindwütigen Haß gegen das Porkupat der Linken. Aber da ist man schon auf dem Niveau von Maurras, der um die verhaßte und verachtete Republik – la Gueuse – umzubringen, recht braun zu schillern begann.
Sicherlich gibt es Männer und Frauen auf der Rechten, die aus dem Gefühl und dem Verstand heraus ihre Stellung bezogen haben, ohne auf die prima causa zurückzugehen. Ich kann mir durchaus glaubensfremde Konservative vorstellen, die sich gegen die Freigabe der Abtreibung auflehnen; sie ahnen, daß die Vernichtung ungeborenen von jenem geborenem Lebens sich biologisch nicht prinzipiell unterscheidet. (Moralisch ist der Unterschied natürlich gleich Null.) Heute wird personal „ungewolltes Leben“ ausgemerzt, morgen nimmt die Schlächterei einen kollektiven Charakter an: dann könnten es Juden, Aristokraten, Achtzigjährige, Nonkonformisten, „Reaktionäre“, Diabetiker oder Schwarzhörer sein, die daran glauben müssen. Zum Schluß geht es dann einem selbst an den Kragen. Um dies klar zu sehen, genügt schon die Intelligenz eines Politikers. Subtiler sind die Fragen der Erziehung, auch das Problem der Autorität (versus Chaos oder terroristischer Machtausübung). Oder auch die Alternative von föderalistisch-subsidiärer Staatsstruktur und monolithischem Zentralismus. Zieht man erst Fragen der Ehegesetzgebung und der Familienpolitik in Betracht, dann wird die „tiefere Begründung“ von außerordentlicher Wichtigkeit. Der Positivist setzt hier ganz einfach das Recht willkürlich von oben her und macht nicht den geringsten Versuch, es zu finden.

Die Grundalternative für den „Konservativen“ besteht also in der Wahl zwischen einem religiös verankerten Weltbild (das eben kein agnostisches Fragezeichen darstellt) und einer recht losen Schau, die offen oder heimlich am Geruch der leeren Flasche eines immer noch nicht ganz verflüchtigten Christentums zehrt. Das soll nicht heißen, daß der ungläubige Mann auf der Rechten suspekt sein muß und man ihm das Recht absprechen sollte, für den konservativen Gedanken zu streiten. Jedermann, der sich in den Dienst einer guten Sache stellt, muß ihr willkommen sein. Offensichtlich ist mancher Agnostiker und Skeptiker für die Sache der Wiederherstellung einer echten Ordnung besser befähigt als dieser oder jener Christ. „Der Geist weht, wo er will“, und der Heilige Geist sucht sich beileibe nicht immer die Frömmsten aus. Die gibt es selbst bei den Linkschristen (siehe Maritain, stets fromm und rechtgläubig, doch aus der Nähe der Action Française zur Linken abwandernd). Hingegen war Metternich in seinen „besten Jahren“ (zum Unterschied von seinem Alter) viel eher Produkt der Aufklärung als ein mit Geist und Herz ergebener Sohn der heiligen Mutter Kirche.

Fangen wir also nicht an uns gegenseitig zu verketzern. Schreiber wir nicht voreilig jene ab, denen die Gnade des Glaubens (des „überzeugten Wissens“) nicht gegeben ist. Oft haben ihnen die Aussagen der durch Massenmedien publik gemachten Theologen und kirchlicher Würdenträger mit wenig persönlichem Mut – des lièvres mitrés hatte sie einst Kardinal Lavigerie genannt – einen traumatischen Ekel verursacht. (So wie manchen unserer Vorfahren das Schwert Petri und das Ohr des Malchus in seinen Träumen beunruhigten.) Respektabler allerdings ist der ungläubige Mann der Rechten als der Linkschrist. Wer im Besitz der Grundwahrheiten ist und daraus schlampig denkend die falschen Schlüsse zieht, trägt die höhere Verantwortung. Dennoch bliebe die Rechte ohne wahre Dynamik, wenn ihr nicht die Verwurzelung im Christlichen erhalten bliebe. Ohne diese Wurzel wäre sie lediglich eine oberflächliche auch zahlenmäßig sehr beschränkte, teils ästhetische, teils zerebrale, überwiegend nicht von der Liebe, also nicht vom „für“, sondern vom „wider“ getragene „Bewegung“, der verbissene, humorlose Negativismus ist der Linken, die stets den neidenden Haß virtuos manipuliert hat, zu überlassen. Die Kultur Großeuropas (die den christlichen Osten und die Neue Welt mit einschließt) ist aus Bejahungen und nicht aus Negationen erwachsen – nicht aus linken anti-aristokratischen, antibourgeoisen, antibäuerlichen, antimilitaristischen, antikapitalistischen, antipatriarchalen, antiklerikalen, antireligiösen, antisemitischen, antimoralischen Ressentiments. Der Geist von Chartres, von Santiago, von Bamberg, von Tschenstochau und der Petscherskaja Lawra war jeweils ein christlicher, aufbauender, bejahender. Was wir brauchen sind Enthusiasten, und dieses Wort kommt von en theo einai, „in Gott sein“. Die Rechte benötigt pietas, was Josef Bernhart gewunden aber doch so richtig mit „Blutspflichtverbundenheit“ übersetzte. Sicherlich lädt die Linke mit ihrer unfreiwilligen Komik und ihrem latenten Bestialismus zu Hohn und Spott ein – für uns wohl eine Versuchung, sich im Kritischen zu erschöpfen. Aber das entschuldigt nicht.

Diese Erwägungen bedürfen noch einer psychologischen Ergänzung, die um der Ehrlichkeit willen nicht unterschlagen werden darf. Man will politisch (und nicht nur politisch!) eine Front bilden. Aber wie sieht nun wirklich der Ungläubige den Gläubigen? Der Gläubige den Ungläubigen? Wir erwähnten schon früher die Klischees des böswillig Verstockten und des naiven Narren. Das freilich sind reine Negativbilder. Maurras klopfte gütig und verzeihend dem gläubigen Kampfgenossen auf die Schulter. Doch der Gläubige kann eben nicht umhin (bei allem christlichen Mit-Leid), im Ungläubigen, gleichgültig welcher politischer Richtung, einen Menschen zu sehen, der in einer für den gläubigen Beobachter völlig absurden, völlig sinnlosen Welt lebt, in die er ungefragt hineingeschleudert wurde, und in der er wie wir alle (rein irdisch gesehen) scheitern muß. Im Käfig tragisch geboren, im Käfig verendend! Gott, das Kreuz und die Ewigkeit subtrahierend gibt der Gläubige Sartre absolut recht. (Er ist auch einer der ganz wenigen Gegner, die er respektiert.) Gegen diese Darstellung mag nun der Ungläubige protestieren, aber es ist wichtig, daß man darüber im Reinen ist, wie ihn nun einmal der Gläubige sieht: tragisch, und nicht lächerlich. Gabriel Marcel, der christliche Existentialist und ein Mann der Rechten, hatte sehr einfach formuliert: „Das Leben ist eine Prüfung oder es ist sinnlos.“ Dieser Prüfungscharakter verleiht dem Gläubigen den Lebensernst. Er macht ihn zum Streiter für das „Reich Gottes auf Erden“, das aber nicht nur spiritueller, sondern auch sehr realer Natur ist. Wichtiger und mehr nötiger denn je ist das christliche Substrat, denn der Kampf, der jetzt gekämpft werden muß, ist für das Kreuz und gegen das Pentagramm, gegen die maskierte Mordlust, den geistlosen Schematismus und die Kleptomanie des heutigen Staates und gegen die Verlotterung unserer modernen, genußsüchtigen Gesellschaft. Um über die nötige Dynamik für dieses Ringen zu verfügen, genügt ein abgeklärtes Erfassen der Sachverhalte nicht. Das aber sollten unsere Freunde, die der Gnade des Glaubens entbehren, einsehen.

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