Der Kampf geht weiter

Die Linke ist noch nicht am Ende. Der Kampf geht weiter.

Ich habe hier schon einmal über die „Linke“ geschrieben,[1] sollte aber dennoch wiederholen, wie man die Begriffe „links“ und ,rechts“ einordnen muß, vor allem, um zu vermeiden, daß man behauptet, sie berühren sich in ihren Extremformen.

Das wird gerne mit wissendem Augenaufschlag in Diskussionen wiederholt, doch extrem kalt ist völlig anders als extrem heiß, extrem nah als extrem, fern, extrem groß als extrem klein. Wer nun darauf besteht, daß in der politischen Arena rechts nahezu links sei, weiß nicht, was diese beiden Begriffe in der Tat vertreten. Auch kennt er vielleicht nicht den Unterschied zwischen wirklichen Feinden und bloßen Konkurrenten. Der Bierbrauer, der ein dunkles Bier herstellt, ist ein Konkurrent jenes, der entweder auch ein dunkles oder vielleicht auch ein helles Bier zusammenbraut. Sein wirklicher Feind ist jedoch der propagandistisch aktive Antialkoholiker. Das schließt freilich nicht aus, daß manchmal der Konkurrent mehr gehaßt wird als der Feind.

Links bezieht sich auf unseren Herdentrieb und das Behagen, das wir beim Gleichen und Nämlichen und das Unbehagen, das wir beim Anderen und Fremden empfinden. Links steht der Kollektivismus jeder Art, der Sozialismus, der Nationalismus, der Internationalismus, der Rassismus, Rechts die Freude an der Vielfalt. Das Linke ist das Horizontale, das Rechte das Vertikale. Das Rechte ist aufblickend, das Linke umherblickend, das Rechte das Spirituelle, das Linke das Materielle. Der linke Trieb in uns, den wir auch mit dem Tierreich teilen, gibt uns ein Vergnügen im Kreise Gleicher und Gleichgesinnter zu sein, wo niemand anderer Meinung ist und sich gerne angleicht. Das Vergnügen des Reisens ist „rechtsdrallig“: es macht Freude, ein anderes Klima, andere Menschen, andere Weisen, andere Speisen, eine andere Architektur, eine andere Tierwelt zu genießen. Die Natur kennt keine Gleichheit und diese muß künstlich, also durch „Gewalt“ hergestellt werden. Eine Gartenhecke, die gleich hoch bleiben soll, muß man wiederholt schneiden. Deshalb ist die wahre Rechte mit der Freiheit, die Linke mit dem Zwang und der Sklaverei verbunden. Das Neue Testament spricht von der Freiheit, aber nie von der Gleichheit, und der Dominikaner Bruckberger nennt es eine Botschaft menschlicher Ungleichheit.

Mit welchem Recht gebrauchen wir aber die Worte „Links“ für eine primitive und negative und „Rechts“ für eine positive Triebkraft in der Menschheit? In allen Sprachen und Kulturen drücken „rechts“ und „links“ Wertungen aus, am wenigsten allerdings noch im Deutschen, während im Italienischen la sinistra die Linke, il sinistro den Unglücksfall bezeichnet, was in den uralaltaischen, semitischen und in den indoeuropäischen Sprachen Asiens vielleicht noch deutlicher herauskommt. Ebenso in der Sprache der Bibel, des Alten wie auch des Neuen Testaments. In den Parlamenten war es einst die Opposition, die auf der Linken saß. Es war also das „Nein“, das links zur Geltung kommen sollte. Das änderte sich aber ein wenig mit der Zeit und links und rechts erhielten ein weltanschauliches Profil. vertraten aber weiter das JA und NEIN, diesmal aber zur natürlichen Ordnung. Die Linke bestand zur Schöpfung auf dem NON SERVIAM.

Der erste große politische Sieg der Linken kam mit der Französischen Revolution, die ideologisch auf der Ersten Aufklärung beruhte, diese aber wiederum auf dem Wege über den Deismus sich zum Agnostizismus und Atheismus entwickelte. Der Anbetung Gottes folgte logisch die Anbetung des Menschen, die Anthropolatrie. Gómez Dávila sagte uns, daß der Kult des Menschen mit Menschenopfern gefeiert werden muß, und das tat die Linke seit der Französischen Revolution in reichlichem Maße.

Aber wo steht die Linke heute, was strebt sie im Einzelnen an, was sind ihre Nah- und Fernziele? Sie vertritt nicht eine weltweite „Verschwörung“, sondern denkt und handelt ganz „automatisch“ unter dem Einfluß des „Bösen“, auf den sich ja unsere letzte Vaterunser-Bitte deutlich bezieht.

Durch den Sturz des „Sozialistischen Vaterlandes“ in noch größere Armut, Verlust eines guten Teiles ihres Imperiums, steigendem Verbrechen und Sehwindens ihres Ansehens ist dem orthodoxen Marxismus, der in Wirklichkeit schon längst als ein wirtschaftlicher Unsinn erkannt worden war, doch ein Todesstoß versetzt worden. Das schadete vielleicht einem Teil der Linken, der sich Marx verschrieben hatte. Das Herzstück des Marxismus war eine Wirtschaftstheorie, und dieses Herzstück versagte völlig.

Man darf da nicht vergessen, daß Marx ein vom Haß lodernder Ignorant war. der nie seinen Fuß in eine Fabrik gesetzt hatte, die Arbeiter als „Knoten“ und „Straubinger“ verachtete und in ihnen lediglich seine Handlanger in einer von ihm ersehnten und heraufbeschworenen Götterdämmerung sah, in der Staat, Gesellschaft, Moral und Religion untergehen sollten. Wer nicht seine Gedichte kennt. soll über ihn auch nicht reden. Nur so kann man Charakter und die Psyche dieses parasitär lebenden, amoralischen, noch vor dem Nationalsozialismus die „Emanzipation der Menschheit vom Judentum fordernden, haßgequälten und größenwahnsinnigen Neiders voll erfassen. Welch Leid er angerichtet hat, kann man nicht einmal in Europa voll erfassen. Da muß man China und Vietnam unter die Lupe nehmen. In Chinas Quanxi Provinz mußte man, um nicht als „Gegenrevolutionär“ in Verdacht zu geraten, die Leichen der ermordeten Klassenfeinde buchstäblich auffressen. In Vietnam wurden Priester lebendig begraben, alles Untaten der ideologischen Verwandten unserer ehrenwerten, doch ganz wohlerzogenen Sozialdemokraten mit Nadelstreifenanzug und Modekrawatten.

Wie man sieht, hat der Marxismus ein sehr breites Band – von der „gastronomischen Demokratie“ bis zum kultivierten roten Großbürgertum. Aber die Linke hat eine noch viel, viel größere Bandbreite und der sozialistische Flügel ist heute bereit, Staatsunternehmen zu verhökern, zu „privatisieren“. Das tun nicht nur „Sozialdemokraten“ im Westen, sondern selbst Kommunisten in China in einer brutalkapitalischen „sozialistischen Marktwirtschaft“. (Das erinnert an die Worte von Konfuzius: „Wenn der Sinn der Worte verfälscht wird, verlieren die Völker ihre Freiheit.“[2]

Ist 1989 also ein ganz großer Schlag für die Linke gewesen, der jetzt den guten Leuten auf der Rechten erlaubt, sich zur Ruhe zu begeben? Davon kann keine Rede sein, denn die Linke ist nun endlich ihre zwei größten Hypotheken losgeworden: den Köhlerglauben an den Staatskapitalismus (der richtige Name für den Sozialismus) und die friedensbedrohende UdSSR mit ihren Gulags und anderen Greueltaten.[3]

Die Linke kann nun den liberaldemokratischen Staat bejahen, in seinem Rahmen sich voll ausleben und in diesem zu neuen, höchst „populistischen“ Eroberungen schreiten.

Sie stellt eine Anthropolatrie dar, welche die „Stadt des Menschen“ an die Stelle der „Stadt Gottes“[4] setzt und überzeugt ist, daß die Hoffnung auf ein Jenseits, in dem alle Tränen des Menschen getrocknet werden[5] eitel sei, denn nur so kann dank des „Fortschritts“ und kluger menschlicher Anstrengungen schließlich das Paradies auf Erden verwirklicht werden. Wenn Marx alle Religion ein „Opium des Volkes“ nannte, so drückte dieser fatale Ökonomist eine ganz allgemeine „horizontale“ linke Überzeugung aus.

Man glaubt aber auf der Linken, daß man zumindestens diesem Ziel nahe kommt, wenn man innerhalb des Rahmens des liberaldemokratischen Staates (der doch für Gleichheit, Freiheit, Mehrheitsherrschaft und weltanschauliche Neutralität einsteht) durch Propaganda, Überredung, kluge publizistische Planung und die Eroberung von Schlüsselstellungen in den Medien und in den Schulen über die Kräfte der Finsternis, der Reaktion und der Ausbeutung siegen kann. Eine Diktatur sei dafür gar nicht notwendig. Auch nicht der Staatskapitalismus. Für eine „sanfte Revolution genüge doch die Zersetzung der dunklen Kräfte der Reaktion und die einmal gewonnene Majorität des Volkes in freien Wahlen.

Nun gibt es in den heutigen Liberaldemokratien immer noch überlebende Einrichtungen – staatliche, gesellschaftliche, kirchliche – und gegen diese kämpft die Linke gar nicht so erfolglos, denn sie arbeitet mit „klaren, aber falschen Ideen“, um einen Ausdruck Tocquevilles zu gebrauchen. Die Linke kommt mit schönen. paradiesischen Versprechungen, sie appelliert an den „gesunden Menschenverstand“ (d. h. volkstümliche Vereinfachungen), selbstverständlichen auch an rein physische Triebe vom Sexus bis hinauf zur materiellen Sicherheit. Der Kirche und der Familie wird der Sexshop und das „Sozialnetz“ entgegengesetzt. Auch die Gleichheit muß betont werden, denn Ungleichheit wirkt „bedrückend“, Respekt oder Autorität kann eine Fessel bedeuten. Selbst alle Idoneität, alles Wissen muß „hinterfragt“ werden. Jedermann kann über Jegliches ein Urteil fällen. Menschen werden arithmetische Begriffe, die sich addieren oder subtrahieren lassen.

Dahinter steht freilich doch – völlig uneingestanden – die Idee des Allmächtigen Staates, der mit „flachen“, horizontalen, gut übersichtlichen Massen von gläsernen Menschen diese leicht übersehen, durchschauen. kontrollieren und gängeln kann. Natürlich sollten diese armen Leute g1auben, daß sie „Individualisten“ wären und das sind sie auch gewissermaßen. Aber schon Maritain hat auf den Unterschied zwischen „Individualismus“ und Personalismus hingewiesen. Ein Individuum ist, wie schon der Name besagt, der kleinste, unteilbare Bestandteil eines Haufens, zum Beispiel das Sandkorn in einem Sandhaufen. (Daher wird das Wort „Individuum“ in mehreren Sprachen als Ausdruck der Verachtung gebraucht.)

„Person“ aber kommt vom etruskischen PHERSU, der Maske des Schauspielers auf der Bühne und steht daher für eine einzigartige und unübertragbare Rolle. Die Linke ist eben nicht personalistisch, sondern auf individualistische Weise kollektivistisch. Dem arithmetischen Individuum steht die algebraische Person gegenüber. Eins und eins sind zwei, aber a plus b ergeben auch nur a plus b.

Also will ho poneros, der Böse, [=] die Linke menschliche Wesen die ihren Schwerpunkt ganz in sich haben (und nicht woanders, in Gott), selbstbezogene Monaden, die sich totalitär einordnen lasse – wie die Sklaven beim Bau der Pyramiden, die „Genossen“ im Aufbau des Sowjetriesen, die „blauen Ameisen“ in Maos China.

Die christliche Botschaft ist wesentlich anders: die Menschen sind alle ungleich, in ihrer Identität und Idoneität, in ihre Generation, ihrem Geschlecht, ihrem Stand, ihrem Beruf und ihre Berufung, ihren Talenten und ihrem Geschmack, ihrem Schicksal in ihren verschiedenartigsten Beziehungen zu anderen Menschen (nahen, nächsten, fernen und fernsten) und selbstverständlich auch zu Gott. („Vor Gott sind wir alle gleich.“ Was? Judas Iskarioth und Johannes der Täufer gleich vor Gott? Das jüngste Gericht eine Orgie der Gleichheit? Wird da ein gleiches Urteil über die Heiliger Helene, Hemma und Hildegard wie über den selbstmörderische Mörder Heinrich Himmler gefällt werden?

Was stört da die Linke? Nicht nur die Kirche, sondern vor allem die Familie, und alles, was mit ihr eng zusammenhängt: die verschiedenen Rollen der Geschlechter und der Generationen, die Liebe in allen ihren Formen des Eros, der Philia und der Agape und schließlich auch der Sexus. In allen utopisch-kritischen Romane – Aage Madelungs Zirkus Mensch, Aldous Huxleys The Brave New World, George Orwells 1984 – ist die Neue Ordnung, der totalitäre Staat, immer familienfeindlich, und auch geschlechtsfeindlich, denn die Familie ist eine Gemeinschaft, die sich von der totalitären Ganzheit als kleines Reich absondern, abkapseln und eine Privatexistenz führen kann. Und das will die Linke nicht. Daher auch ihr Plan, im Geschlechtlichen eine Unordnung zu stiften und somit die Familie in ihren Kern zu treffen.

In meinem utopischen Roman Moskau 1997 kommt de Teufel vor. Er hat die Identität eines toten Polen angenommen und spielt als hoher Beamter eine politische Rolle, doch der geheime Erzbischof Sowjet-Eurasiens kann mit ihm, der sich eitel als „brillanten Geist“, als lichtbringender Luzifer gebärdet, ganz offen reden. „Es ist eine eigenartige Sache“, bemerkte Uljan (der Erzbischof) nachdenklich, „aber wenn Sie einen Menschen oder die ganze Menschheit angreifen, dann konzentrieren Sie meistens ihr Ranze Kraft und Bosheit auf die Sinnlichkeit und Geschlechtlichkeit. Das ist so billig. Eigentlich sind Sie ein kleinlicher Geist …“

„Ich bin nicht kleinlich!“ schnappte der andere zurück. „Ich bin lediglich radikal. Radikal heißt eigentlich ,von der Wurzel her’. Und das Geschlechtliche ist die Wurzel alles Lebens. Nichts befriedigt mich mehr als den Urtrieb, neues Leben und damit Seelen zu zeugen, in finstersten Schmutz zu verdrehen. Ich hasse diese Menschenkinder, die am Schöpfungswerk Gottes teilnehmen dürfen. Zumindestens ist es mir ein Trost, wenn die Menschen Gott einen Schabernack treiben. … Ich will die Schöpfung nicht! Und wenn ich sie schon nicht vernichten kann, dann soll sie wenigstens umgebogen, umgefärbt, verzerrt werden!“[6]

Das satanische Element in der Linken ist das „Flachtreten“ der Menschheit, in der jedes „Individuum“ ersetzbar und auswechselbar ist, eben wie die Ameise im Ameisenhaufen. Das kann man leicht mit anonym wählenden NSDAP oder PDS-Wählern vor den Urnen machen, aber nicht mit der Familie, in der Großeltern, Väter und Mütter, Brüder und Schwestern, Onkel und Tanten völlig unterschiedliche Funktionen haben. Da spielen natürliche Zuneigungen eine Rolle: die Freundschaft-in-der-Verwandtschaft (die C. S. Lewis the affections nannte), vor allem aber die Sehnsucht nach dem Kind, die Eros-Liebe und die mit ihr nicht identische Geschlechtlichkeit.[7]

Es sei hier nebenbei vermerkt, daß ein guter Teil dieser „familistischen“ Schau in unserem patriarchalen Glauben als auch in der Kirchenstruktur vertreten ist und in der alten politischen Ordnung der Christenheit eine sehr wichtige Rolle spielte. Das mag auch in einer wieder personaler werdenden Kultur erneut der Fall sein. Die Familie, wenn auch nur die Kleinfamilie sah August Zechmeister als die letzte Zuflucht der Persönlichkeit in einem stets barbarischer werdenden Zeitalter.[8] Ganz analog dachte D. H. Lawrence, als er der Kirche dankte, die Ehe nicht nur zum Sakrament erhoben, sondern auch zum Bollwerk gegen den allmächtigen Staat gemacht zu haben.[9]

Mit instinktiver Sicherheit wird sich die Linke, von nun an ihrer Hypotheken ledig, auf die „Perversion“, wenn nicht Vernichtung von Familie, Ehe, Eros-Liebe und Geschlechtlichkeit stürzen. (Mit der Agape kann sie sowieso nichts anfangen, außer sie vielleicht in eine unpersönliche Menschheitsbegeisterung entstellend aufzublasen.) Sie spürt ja auch genau, wer dahinter steht: Gott-Vater wenn nicht gar die Himmelskönigin mitsamt der Heiligen Familie. Und die Linke erinnert sich wahrscheinlich auch daran, daß einmal Könige als Väter des Vaterlandes betrachtet wurden … allerdings vor dem Zeitalter des „Nationalismus“ und „Internationalismus“.

Das Kernstück des linken Programms ist nun nicht mehr die Götterdämmerung marxistisch-leninistischen Charakters mit stämmigen Proletariern als neue Fabriksherren, sondern die Verschweinung der Völker, die zum Schluß womöglich nur mehr aus Hurenböcken, Dirnen, Urningen, verwahrlosten Kindern, Drogensüchtigen und Aids-Kranken[10] besteht, eine wahrhaft „marcusische“ Vision!

Um ihr Ziel zu erreichen wird die Linke alles daran setzen, die natürlich-gottgegebene Struktur der Gesellschaft zu zerstören, in der die Familie der Grundstein ist. Da gilt es Keile zwischen die Generationen zu treiben und die wichtigen Pfeiler der Familie, Eros und Sexus, zum Wanken zu bringen. Zwischen der Eros-Liebe und dem Sexus kann es eine Harmonie geben, aber zumal auch einen Gegensatz. Wie ich in meinem umfangreichen Buch über die Liebe schrieb.

Es mag ein Mann eine Frau begehren, aber nicht lieben, lieben, aber nicht begehren oder auch beides tun. Was zwischen einem brutalen Notzüchter und einer Frau geschieht, kann man doch keinen „Liebesakt“ nennen! Sicher aber ist es, daß ein Zeitalter ungebundener Sexualität der wahren Liebe höchst abträglich ist und Don Juan oder Casanova kein echtes Liebesleben. sondern lediglich eine Sexualexistenz führte. Das wußte auch der weitgehend verkannte Freud, der dem Christentum und seiner Askese dankte, daß durch sie am Ende der Antike der Eros vor dem überwuchernden Sexus gerettet wurde.[11]

Nun aber ist der Eros viel mehr als der Sexus auf die Ehe gerichtet, wer also der Sexualität tierisch verfällt ist kein idealer Ehepartner. (Diese Dichotomie zwischen Eros und Sexus ist bei Männern zumeist ausgeprägter als bei Frauen, die oft sträflich und naiv glauben, daß ihre leibliche Hingabe einen von ihr geliebten Mann „fesseln“ wird. Auch die Prostitution „lebt“ von dieser männlichen Spaltung). Tatsächlich aber ist die Unkeuschheit nicht notwendig die schwerste Sünde, wohl aber eine Hauptsünde, denn mit ihr sind wieder kausal und psychologisch zahlreiche anderen Sünden, wenn nicht gar Verbrechen verbunden. Die Linke ist daher schon seit jeher bestrebt, alle sexuelle Kriminalität. soweit es geht, im Strafgesetzbuch zu streichen. (Dazu gehört am Rand der Mord an den Ungeborenen, denn seine Verfolgung „hemmt doch das Liebesleben.“) Kurioserweise dehnt sich diese Toleranz noch nicht auf den Lustmord aus. (Ob die schon beantragte Entkriminalisierung des Inzests in Schweden Erfolg hatte, ist mir unbekannt.) Daß die Unzucht den Charakter untergräbt ist ebenso selbstverständlich, wie daß sie zum Untergang der Völker führt, was auch dem sehr kirchenfeindlichen Ernest Renan einleuchtete.[12]

Alles, was die Familie schwächt, ist der Linken willkommen, auch natürlich alles, was ihre Privilegien oder das, was wesentlich zu ihren Charakter gehört, untergräbt. So die Stellung der Eltern zu den Kindern (mit steter Herabsetzung des Mündigkeitsalters) oder des Vaters zur Mutter beziehungsweise des Ehemanns zu seiner Frau. So haben die Ehepartner nunmehr in Österreich und Deutschland das Recht, für sich und auch für ihre Kinder den Familiennamen zu wählen, womit das patriarchale Element – wesentlich in der christlichen Ehe – in Frage gestellt und die Familie gesichts- und geschichtslos gemacht wird.[13] Auch wurde in Österreich die von den Nationalsozialisten eingeführte bismarcksche Zwangszivilehe absichtlich belassen. Zudem sind überall linke Bestrebungen im Gange, die leibliche Praxis der Homosexuellen zu „legitimieren“.

Wir reden da nicht einer Verfolgung von Homosexuellen das Wort, wohl aber müssen wir gegen eine Gleichsetzung des normalen mit den krankhaften Formen des Geschlechtslebens sein. Das geht heute aber so weit, daß wir von Klerikern beider Konfessionen hören, die homosexuelle Pärchen „trauen“ wollen und von Gesetzgebern, die es solchen Paaren gestatten wollen, Kleinkinder zu adoptieren und somit ihren problematischen „Lebensstil“ übertragen können. Tatsächlich ist nur ein winziger Prozentsatz der Homosexuellen genetisch so unglücklich veranlagt und die ganz überwiegende Mehrheit erst später durch Erlebnisse und Eindrücke psychisch erkrankt (und deshalb auch zum Teil heilbar).

Homosexualität ist weitgehend ein kulturelles Problem und unsere Sexualität (wie der Eros) „Moden“ unterworfen. Die Objekte der Liebe wie auch des Begehrens variieren sowohl zeitlich als auch geographisch. Die ideale Frau für Rubens sah anders aus als für die Photographen unserer Modezeitschriften. Bei allem Mitleid, das wir für die vom Schicksal so geschlagenen Menschen haben müssen (denn die Liebe zum anderen Geschlecht ist so bereichernd), wird ein gesundes Volk wegen der Plastizität von Eros und Sexus der Homosexualität kein „Öffentlichkeitsrecht“ geben. Sie ist dank unseres erbsündlichen Status’ in gewissem Ausmaß „ansteckend“ und kann sogar „gezüchtet“ werden.

Doch war die Homosexualität immer schon ein Politikum, und Thomas Mann in seinem „revolutionären“ Von deutscher Republik (1924) berief sich in seiner linken Argumentation auf den Barden der amerikanischen Demokratie, Walt Whitman, und unterstrich dabei dessen ..kameradschaftliche“ Homosexualität, was uns freilich bei unserem heutigen Wissen über Thomas Mann nicht mehr wundern sollte. Er flirtete nach seiner Rückkehr aus dem Exil mit der DDR und stand somit für eine totale „Horizontalität“.

Der Staatskapitalismus ist andererseits Gleichmacherei, und der Antifamilismus kann auch mit dem Wohlfahrtsstaat seine rein materiellen Ziele erreichen. Allerdings ist der richtige Ausdruck für den Wohlfahrtsstaat, wie uns Röpke einst belehrte, der „Versorgungsstaat“. Er ersetzt rein materiell weitgehend die Familie. Er gibt auch dem Staat weitgehende Macht. Also spielt der Versorgungsstaat eine zweifache Rolle – eines Versorgers und eines „Verantwortungsenthebers“. Auch sehen die linken Sozialpolitiker es gerne, wenn man von der Hand in den Mund lebt und darum wird er oft die Einkommenssteuer und Erbschaftssteuer für den von ihm gehaßten „Besitzbürger“ erhöhen. Familienstolz und Familiensinn sollen schwinden. Besitz bedeutet Unabhängigkeit und das gefällt den Linken nicht. Alles wird „versorgt“. Auch die Großeltern, die man in staatliche Greisenheime abschiebt. Ehen werden seltener und seltener geschlossen. Und „moderne“ Ehen sind „offene Ehen“ mit Ehebrüchen am laufenden Band, wobei man zumal annimmt, daß Ehebrüche zur „Selbstverwirklichung“ schön beitragen. Kinder wachsen in stets größeren Mengen von arbeitenden und ledigen Müttern unbetreut, auf. Auch die Scheidungen werden leichter gemacht. Das Los der Scheidungskinder – auch im Lichte des Kriminalität – ist oft erschütternd und da man gerade im Alter einen Partner bitter braucht und viele der Geschiedenen nicht mehr wieder heiraten, gibt es mehr einsame Alte als notwendig.

Doch die Linke ist stets gegen „Bindungen“ – vertikale wie auch horizontale. Der Mensch soll ja frei sein, aber hauptsächlich von Nabel abwärts. Auch der Feminismus, mit dem wir uns schon einmal beschäftigten, steht im linken Lager und trägt wahrhaftig nichts zur fraulichen Erfüllung bei,[14] denn der Linken sind die Geschlechter nicht nur gleichwertig, sondern auch identisch. Schon das Wort „Unterschied“ erfüllt sie mit Verdacht. Es ist überhaupt ein Wunder, daß Linke nicht – noch nicht! – gegen das getrennte Auftreten von Männern und Frauen bei sportlichen Wettbewerben protestiert haben. (Dahinter stünde vielleicht die Angst, daß dabei die Frauen schlechter abschneiden könnten und Gruppenunterschiede sind nun einmal „undemokratisch“. Schließlich ist auch jedermann, der behauptet, daß die Ibos intelligenter sind als die Yorubas oder die Tutsis längere Beine haben als die Bambutis, ein „Rassist“)

Doch wendet sich die Linke organisch zusammenhängend gegen die Rechte, d. h. das Rechte, Gerechte und Richtige, also auch gegen Gott, Gottes Wort und die natürliche Ordnung. Sie ist bewußt Menschenvergötzung und vertritt daher einen rein menschlichen „Konstruktivismus“ (um einen Ausdruck Poppers und Hayeks zu gebrauchen) und dieser ist von den ewigen Wahrheiten sternenweit entfernt. Das aber führt ganz automatisch zum Untergang.

Wer aber zweifelt, daß in der linken Position ein echter … ideologischer Zusammenhang besteht, sollte sich eine wahrhaft ekelhafte Szene aus dem französischen Film „Letzter Tango in Paris“ zu Gemüte führen.

Da sehen und hören wir einen verzweifelten Wüstling, der ein widerstrebendes Mädchen in einem schmerzhaften und perversen Sexualakt dazu zwingt, zu gestehen, daß sie mit Gott, Glauben, Ehre und Vaterland nichts mehr zu tun haben wolle. Sie will ihm nicht gehorchen, aber sie gibt schließlich stammelnd, vorn Schmerz überwältigt nach. (Unwillkürlich ist man erfreut, daß sie ihn bald darauf erschießt.) Diese wahrhaft satanische Szene – noch grausiger als die übrigen – beleuchtet mit grellem Licht die politische Szene nicht nur in Europa, sondern auch im Rest der Welt. Marx war nur ein kleiner Linker, der hauptsächlich an die Mägen und Brieftaschen dachte. Jetzt geht es um mehr, denn die Linke will uns im moralischen und leiblichen Dreck ersticken lasen.

„Erlöse uns von dem Bösen!“ sollten wir heute inniger denn je beten.

Erik Maria Ritter
von Kuehnelt-Leddihn
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Fußnoten

  1. Siehe „Die Linkskatholiken“ in Theologisches. November 1992
  2. Über die „sozialistische Marktwirtschaft“ in China siehe Guy Sorman: Le Capital suite et fins. Fayard: Paris 1994). Die „Nomenklatura“ sitzt natürlich darin obenauf.
  3. Wie es unter „Marx“ wirklich zuging, ersieht man aus den Memoiren von Pawel Sudoplatow, die man auch „theologisch“ lesen muß. Die Beschreibung dieses mörderischen Sumpfes durch einen völlig reuelosen NKWD-Kommunisten ist erschütternd. (Handlanger der Macht. Econ Düsseldorf, 1994)
  4. Die programmatische Schrift The City of Man erschien 1940 in New York nach dem Fall von Paris. Hier sehen wir, wie sich die nichtmarxistische Linke die Zukunft vorstellt: Totalitär!
  5. Gott wird uns jede Träne trocknen! Offenbarung Johannis. 21, 4
  6. Moskau 1997. Thomas Verlag, Zürich, 1949. Später leicht gekürzt als „Der gefallene Engel“, Herder-Bücherei 101.
  7. Vide mein Das Rätsel Liebe. Herold: Wien, 1976. Auf den Stand der heutigen Forschung gebracht, wird dieser Band unter dem Titel Love between the genders in den USA heuer erscheinen.
  8. Siehe sein „Das Herd und das Kommende“, Amandus Wien 1946.
  9. Siehe seinen Brief an Dorothy Pratt von 1924. Ja, das ist der Autor von Lady Chatterleys Lover“, der ein religiöser Mensch war und politisch rechts stand.
  10. Sie kosten die Allgemeinheit eine viertel Million Mark jährlich. (Inzwischen wohl sicherlich das 100fache. MM.)
  11. Auch Freud wird sehr verkannt. Zwar war er ein Atheist, aber ein Feind der Promiskuität und des Feminismus. Politisch stand er eher rechts, und wollte nicht, daß seine Theorien in die Hände der Psychiater fallen, sondern nur von Pädagogen und Kulturanalytikern verwendet werden.
  12. Siehe sein La réforme intellectuelle et morale. Calmann-Lévy: Paris 1884, S. 35
  13. In Island gibt es keine Familiennamen, sondern nur Patronymika. Ich wäre dort Eirik Eiriksson. Ein Österreicher, der sich dort niederließ und seinen Familiennamen weiterbenützte, wurde vom Innenministerium für sein „undemokratisches“ Benehmen gerügt.
  14. Über den Feminismus, eine linke Krankheit des Mundus Reformatus, siehe mein Der Feminismus. Theologisches, Mai 1992.
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