Die theologischen Wurzeln der Politik

Die theologischen Wurzeln der Politik

Kuehnelt-Leddihn
Criticón 109, September/Oktober 1988

Dieser Band entschlüsselt das Grundrätsel unserer Zeit und erinnert von der ersten Seite an den Ausspruch Proudhons: „Es ist überraschend, daß wir am Grunde der Politik stets der Theologie begegnen.“ Überraschend ist das natürlich nicht, denn unsere Politik ist unweigerlich ideologisch ausgerichtet, und alle Ideologie ist entweder in einer Theologie oder Antitheologie verwurzelt! Daß die Sache der Antitheologie jedoch ein übles Ende nehmen muß, ist auch der These C. G. Jungs zu entnehmen, der uns gesagt hat, daß der religionslose Mensch in fortgeschrittenem Alter äußerst gefährdet ist. Diese (tödliche) Gefährdung ist das zentrale Thema des neuen Werks von Hans Huyn, der in der Verbindung der anglo-französischen Aufklärung und der Französischen Revolution den Beginn unserer mörderischen Moderne sieht. Anno 1789 wurde die Dauerkatastrophe offensichtlich, die sich allen möglichen Farben und Formen bis zum heutigen Tag fortsetzt. An Stelle Gottes wurde narzißtisch der Mensch gesetzt – wobei einem unwillkürlich auch Pascal einfällt: „La pente vers soi est le commencement de tout désordre.“ (Dies sei auch jenen autistischen Zeitgenossen ins Stammbuch geschrieben, die „aussteigen“ wollen, um „sich zu finden“.)

Was dabei unweigerlich herauskommt, zeigt uns dieses spannende, reich dokumentierte, wirklich lehrreiche und auch politisch erzieherische Werk. Da der gottlosen Mensch notgedrungen das Himmelreich hier auf Erden verwirklichen will (denn für ihn gibt es keinen Gott, der, wie die Offenbarung Johannis uns lehrt, die Tränen eines Erdenwallens trocknen wird), braucht er utopische Visionen, zu deren Verwirklichung millionenfache Menschenopfer gebracht werden müssen. Das Endprodukt ist ein wahrer Weichselzopf von „Bewegungen“, die sich gegenseitig als Konkurrenten (nicht als echte Gegner) hassen, bekriegen und die Hälse durchschneiden, zugleich aber von ganz derselben „immanenten“ Mentalität beseelt werden: die Demokratie (1789), der Internationalsozialismus (1917) und der Nationalsozialismus (1933). Was 1939 folgte, war der von wildwütigen Vertretern der drei Himmelreiche organisierte Bruderkrieg mit wechselnden Allianzen, wobei der Genozid mit den verschiedensten sadistischen Greueltaten ausnahmslos von allen Seiten betrieben wurde. (Glückselige Zeiten obsoleter Kabinettskriege mit Söldnern!)

Unser Autor ist ein Meister in der Schilderung der entgotteten Denkweisen und Untaten der Utopisten, die auf den von Dämonen bewohnten verlassenen Altären (E. Jünger) Schwarze Messen feierten. Er kennt die Werke von Reynald Secher, nach denen die Guillotinierungen noch die humanste Seite der Französischen Revolution waren. (Die in Weinpressen zerquetschten schwangeren Frauen ad maiorem democratiae gloriam waren es schon weniger.) Huyn kümmert sich aber nicht nur um die Politik, die ja nur ein Aspekt des allgemeinen Verfalls ist (bei großem, den kleinen Spießer verwirrenden „Fortschritt“ in Wissenschaft und Technik), sondern auch um den steilen Abstieg in der Kultur, in der Architektur, den bildenden Künsten und in der Musik. Das sind aufreizende Kapitel, die man nicht überblättern darf. Scharf geht der Verfasser dabei mit einer linksdralligen Schickeria ins Gericht, die vor einer „Kunst“ in Bewunderung erstirbt, die teils an die Mär von des Kaisers neuen Kleidern erinnert, teils aber auch schon satanisch-nihilistische Motive aufweist.

Wichtiges hören wir hier von Marx, einem neurotischen Antisemiten, frustrierten Dichter, Pangermanen und ökonomischen Ignoranten, der nie seinen Fuß in eine Fabrik gesetzt hatte, aber gerade durch sein volkswirtschaftliches Nichtwissen in den Massen einen enormen Widerhall fand, im Sozialismus jedoch einem Kollektivismus auf die Beine half, der die geistigen Zwerge aller Länder in helles Entzücken versetzte.

Bekanntlich wollte er sein Kapital Charles Darwin widmen, eine Ehrung, die dieser ablehnte, doch war es gerade wieder Darwin, der den anderen Kollektivismus, den Nationalismus, mit einer biologischen Variante, dem Rassismus, versah. Unser Autor kennt die Rolle Haeckels in dieser Entwicklung, er weiß aber auch viel Wichtiges und so gerne Übersehenes von der sozialistischen Komponente im Nationalsozialismus, einer echten linken, „horizontalen“ Ideologie (Der Mann der Rechten steht für den „vertikalen“ Reichsgedanken; er ist Patriot, nicht Nationalist). Auch der im Vergleich zum Nationalsozialismus harmlosere italienische Faschismus ist ein echtes Linksgewächs – wie Huyn nachweist – doch befiehlt uns eine moskowitische Sprachregelung, den Ausdruck „Nationalsozialismus“ mit dem gezischten Wort „Faschismus“ zu ersetzen. Wie echt sozialistisch der Nationalsozialismus war, zeigt uns gerade Huyn mit zahlreichen Belegen. Nicht zuletzt weist er aber auch auf die linken Einbrüche im christlichen Denken hin, wobei (wie z. B. in der sogenannten „Befreiungstheologie“) selbst christliche Grundbegriffe von links her untergraben werden. Tatsächlich ist es doch so, daß es kaum eine Tendenz in der modernistischen Theologie gibt, bei der die trojanischen Esel der theologischen Halbwelt nicht vorher aus dem Trog der Französischen Revolution getränkt waren.

Ein wenig unsicher ist aber dieser Rezensent über den doch eher negativen Gebrauch des Wortes „Ideologie“. Der Mensch ist nun einmal auch ein ideologisches Wesen. Genau so wie „Religion“ Positives und Negatives deckt (schließlich ist die Witwenverbrennung auch ein religiöser Akt), so steht es auch um die Ideologie. Der bekannte Schrei „Europa braucht eine Idee“ heißt im Klartext „Ideologie“ und eine solche ist zweifellos (positiv oder negativ) ein theologicum. Der Mensch ist ideologisch veranlagt: jedermann auf eine Couch gelegt und methodisch ausgefragt, gibt eine Ideologie von sich, nur ist sie meist verschwommen, unzusammenhängend und schlecht profiliert. Bei einem echten Wiederaufbau werden wir jedoch um eine theistisch-personal-freiheitliche Ideologie kaum herumkommen. Wir sind keine Anglo-Amerikaner, die sich so gerne an die Method of Trial and Error, das „Herumprobieren“ klammern, was aber jetzt amerikanische Neukonservative (wie z. B. Irving Kristol) ablehnen. Hier wären klärende Worte des Verfassers vonnöten, der uns aber dennoch ein Buch geschenkt hat, das kaum wie ein anderes den nervus rerum unserer Zeit, die auf mörderische Utopien gerichtete Menschenvergötzung unbarmherzig bloßlegt.

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