Ende der Prophetie

Merkel denkt vom Ende her. Sagt sie über sich. [1]

Vermessen. Nur wer das Ende seiner Politik vorherzusehen glaubt, kann es als Ziel beanspruchen. In biblischen Zeiten nannte man derart Leute falsche Propheten, vor denen im Neuen Testament nachdrücklich gewarnt wird. [2]

Mit Hilfe der Mathematik kann der Mensch die Natur vollständig beschreiben. [3] Unter der Voraussetzung man kennt alle Anfangs- und Randbedingungen, innerhalb derer die Formeln und Gleichungen sinnvolle Resultate liefern. Selbst dann generieren nichtlineare Gleichungssysteme in den meisten Fällen mehrere, oft eine unendliche Anzahl von Lösungen. Wahrsagerei, ob ›wissenschaftlich‹ konnotiert oder esoterisch angehaucht ist auch aus diesem Grunde Scharlatanerie.

Das Versagen politischer Zukunftsforschung, die das Wirken gesellschaftlicher Gesetze schweigend voraussetzt, ist derartigen Spekulationen immanent. Popper unterzieht in seinem Werk »Die offene Gesellschaft und ihre Feinde« den Historismus verschiedener Theorien einer vernichtenden Kritik. Zurecht nennt er solche Systeme »orakelnde Philosophie. [4]

Über das grandiose Scheitern des ›Historischen Materialismus‹ jedweder Prägung muss man keine Worte verlieren. Trotzdem beansprucht moderne Prophetie noch immer einen Platz im Olymp seriöser Episteme. Das, obwohl ihre Vorhersagen das Niveau der Pythia im Orakel zu Delphi bis heute nicht zu toppen mochte.

Jüngstes Beispiel ist der »Arabische Frühling« den man als Aufbruch des Morgenlandes in eine Zivilisation westlichen Vorbildes feierte. Herausgekommen ist das Gegenteil, eine Geistigkeit, die dem europäischen Mittelalter nähersteht, als der französischen Aufklärung.

Ein einflussreicher Teil der europäischen Eliten scheint gar mit dem politisierenden Islam zu sympathisieren. Das mag am universitären Prekariat liegen, welches Wissenschaft als Komödie betreibt; verstrickt sich diese doch in ähnlich skurrile Disputationen, wie anno die Scholastik im Spätmittelalter. Die Resultate der Aufklärung werden zwischen diesen extremen Polen zerrieben, weil beide Seiten den Diskurs zu diktieren wünschen.

Merkel beugte sich dem modernistischen Diktum, indem sie korrektive Positionen sukzessive aufgab und dies als Modernisierung ausgab. Eine repräsentative Demokratie lebt von divergierenden Meinungen oder sie stirbt am eklektizistischen Einheitsbrei bizarrer Theorien, die Totalität deshalb fordern müssen, weil Anspruch und Praxis zunehmend auseinanderklaffen. Eine CDU, die von anderen Denkweisen ununterscheidbar ist, macht sich, ›zu Ende gedacht‹, überflüssig. Vielleicht meinte Merkel das, als sie oben zitierten Satz aussprach.

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[1] Vom Ende her denken

[2] Matthäus 15,16 Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.

[3] Es gibt gewisse Zweifel an der vollständigen Beschreibarkeit der Welt, die sich am besten anhand des 1. Gödelschen Unvollständigkeitssatzes analogisieren lassen: »Jedes hinreichend mächtige, rekursiv aufzählbare formale System ist entweder widersprüchlich oder unvollständig.«

[4] Die offene Gesellschaft und ihre Feinde; Bd. 2; Aufstieg der orakelnden Philosophien.

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