Von den Abgründen der Freiheit

In Wahrheit hatte diese überzivilisierte Epoche ein Maß an Verfeinerung erreicht, das sie zur Gebrechlichkeit, zu einer glanzvollen aber schnell welkenden Blüte verurteilte. „Sanfte Sitten“ und ausschweifende Sitten gehören zusammen, dafür zeugt die Regence, der angenehmste und klarsichtigste, mithin verderbteste Moment der modernen Geschichte. Frei sein, dieser Taumel wurde allmählich bedrückend. Schon Madame du Deffand, die für das Jahrhundert noch repräsentativer war als selbst Voltaire, bemerkte, die Freiheit sei „nicht für alle eine Wohltat“, nur wenige vertrügen deren „Leere und Abgründe“. Es war, so scheint uns, um dieser „Leere“, diesen „Abgründen“ zu entrinnen, daß Frankreich sich in die Kriege der Revolution und des Kaiserreichs stürzte, in welchen es freiwillig die Gewohnheiten der Unabhängigkeit, der Herausforderung und der Analyse preisgab, die es in hundert Jahren der Konversation und der Skepsis angenommen hatte. Frankreich war von Zersetzung durch eine Orgie der Intelligenz und Ironie bedroht und mußte sich im kollektiven Abenteuer durch ein Verlangen nach nationaler Unterordnung wieder fangen. „Die Menschen“, lehrt uns Maistre, „können nicht zu irgendeinem Ziel ohne ein Gesetz oder eine Regel, die sie ihres Willens beraubt, mobilisiert werden: man muß Geistlicher oder Krieger sein.“

E. M. Cioran; Über das reaktionäre Denken

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2 Antworten zu Von den Abgründen der Freiheit

  1. areopagitos schreibt:

    Das Thema Freiheit ist es, das mich umtreibt. Ich bin kürzlich als Student einer Burschenschaft beigetreten und habe mich auf Ehre, Freiheit, Vaterland einschwören lassen. Ehre und das gottgegebene Vaterland ist etwas wofür ich schon allein durch das Blut eine starke Bindung spüre. Aber wir Burschenschafter singen auch: „Für die Freiheit unser Blut!“.
    Es ist unzweifelhaft so, daß sich die Burschenschaftliche Bewegung zu ihrem Nutzen von ihren jakobinischen Elementen getrennt hat. Aber was für eine Freiheit ist dann gemeint?

    „Freiheit die ich meine“ singt Max von Schenckendorf. Ist es das? Aber de Maistre sagt: „Der Mensch ist zu schlecht, um frei zu sein.“
    Gibt es eine Definition der Freiheit, die vornehm genug ist, um für einen Reaktionär akzeptabel zu erscheinen? Hilft vielleicht Ernst Moritz Arndt? Oder ist er auch schon hemmungslos dem Fortschrittsglauben verfallen?

    • Reactionär schreibt:

      Es gibt keine reaktionäre Theorie über den Freiheitsbegriff. Ein Reaktionär reagiert und er macht sich gar nicht erst die Mühe die Unzahl empirischer Beobachtungen zu einer Theorie verflachen (de Maistre) zu wollen. Insofern kann ich hier nicht weiterhelfen.

      Gleichwohl gibt es zwar keine Theorie, wohl aber eine Handlungsmaxime, die man mehr oder weniger als ‚reaktionär‘ bezeichnen könnte. Sie setzt allerdings den Glauben an eine höhere Macht voraus, dessen Gesetze dem Zugriff menschlicher Willkür entzogen sind. Gemeint ist der Freie Wille, mithin die Möglichkeit sich für oder gegen sein Gewissen zu entscheiden. Seinem Gewissen zu folgen, ohne sich um menschliche Gesetze dort zu kümmern, wo sie es konterkarieren, ist eine Freiheit, die uns niemand zu nehmen vermag, die aber auch nie folgenlos bleibt. Wer nicht glaubt, der kann sich auch nicht auf höhere Gesetze berufen, die jedes Menschenrecht brechen; der hat sich selber seiner Freiheit, die aus dem Willen keimt, beraubt.

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