In Erwartung des Unheils

Jede Epoche ist geneigt zu glauben, daß sie in gewisser Weise die letzte ist, daß sich mit ihr ein Zyklus schließt oder alle Zyklen schließen. Heute wie gestern stellen wir uns leichter die Hölle als das goldene Zeitalter vor, eher die Apokalypse als die Utopie, und die Vorahnung einer kosmischen Katastrophe ist uns so vertraut wie sie es den Buddhisten, den Vorsokratikern oder den Stoikern war. Die Lebhaftigkeit unserer Schreckensbilder hält uns in einem unsicheren Gleichgewicht, was dem Entfalten der prophetischen Gabe zugute kommt. Das trifft ganz besonders für die Perioden zu, die auf gewaltige Unruhen folgen. Dann bemächtigt sich die Lust am Prophezeien aller; Skeptiker wie Fanatiker jubeln der Vorstellung des Unheils zu und genießen in gleichem Maß, es vorausgesehen und verkündet zu haben.

E. M. Cioran; Über das reaktionäre Denken

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