Von der Vergeblichkeit jeder Erziehung

Das Wesen des menschlichen Gemüts ist eine Konstante, wie man unschwer beim lesen des unten Zitierten zu erkennen vermag. Nur das jede Zeit ihre eigenen Schulgötter hat, denen zu widersprechen man seit jeher schlecht beraten ist. Zwar lohen heuer keine Scheiterhaufen mehr, gleichwohl stehen die Sünder wider dem Zeitgeist am Pranger, wo sie jeder Dahergelaufene mit geistigen Unrat, dem kreischenden Beifall des Mobs sicher, verunglimpfen darf.

So ist auch über dieses fast in allen Schulen so ein verkehrter und leichtfertiger Gebrauch und so eine verdammte Gewohnheit, dass die lernenden Discipul gleichsam durch einen Eidschwur ihren Lehrmeistern zusagen müssen, dass sie dem Aristoteli, oder dem Boëthio, oder dem Thomae, oder dem Alberto als ihrem Schulgott in Ewigkeit nicht widersprechen wollen, ja, welcher nur einen Nagel breit von ihnen dissentieret – den halten sie gleich für einen ärgerlichen Ketzer, und damit durch denselben züchtige Ohren nicht beleidiget werden möchten, so suchen sie ihn gleich auf den Scheiterhaufen zu werfen.

Sogar die Strafen ob solcher Renitenz, die Acht und Aberacht, haben jeden Zeitenwandel unbeschadet überstanden. Der ‚Homo novus‘, der ‚Neue Mensch‘, wie ihn Pädagogen Gott gleich formen und Leben einhauchen wollen, gehört in das Reich der Legenden:

Der prahlende Gesetzlehrer des geistlichen Rechtes wird mich exkommunizieren; der zänkische Kausenmacher wird mir unzählige Schmach antun; der betrügerische Prokurator wird mit meinem Gegenteil kolludieren; der nichtswürdige Amts- oder Gerichtsbote wird Falschheit gegen mich brauchen; der unerbittliche Richter wird mir ein schlecht‘ Urteil sprechen und mir bei der Appellation die Apostel, wie man sie nennt, versagen; der gebietende Erzschreiber, der Kanzler, wird mir keinen Befehl auswirken lassen; der halsstarrige Bibellehrer wird mich einer Ketzerei beschuldigen; unsere hochtrabenden Magistri und Lehrer werden von mir einen Widerruf begehren, und die grossen Sorbonnischen Doctores und Atlasträger werden mich mit grossen Siegeln in die Acht erklären.

Zitate aus: Agrippa von Nettesheim; Ungewissheit und Eitelkeit aller Künste und Wissenschaften – auch wie selbige dem menschlichen Geschlecht mehr schädlich als nutzlich sind; Antwerpen 1530; Aus dem Vorwort

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