Visionen der Zeit

„Unsere politischen Begriffe werden uns von unserem Gefühl oder von unserer Vision der Zeit aufgezwungen. Wenn uns die Ewigkeit heimsucht, was bedeuten uns die Änderungen, die im Leben der Institutionen oder der Völker erfolgen? Um sich darum zu sorgen, um sich dafür zu interessieren, müßte man gemeinsam mit dem revolutionären Geist glauben, daß die Zeit potentiell die Antwort auf alle Fragen enthält, die Arznei gegen alle Übel, daß ihr Ablauf zur Aufhellung des Geheimnisses, zur Überwindung unserer Ungewißheiten führt, daß sie die Wirkkraft einer vollständigen Metamorphose ist.

Doch hier kommt das Merkwürdigste: Der Revolutionär vergötzt das Werden nur, bis er jene Ordnung durchgesetzt hat, für die er kämpfte; sodann zeichnet sich ihm der ideale Abschluß der Zeit ab, das „immer“ der Utopie, der außerzeitliche, einzigartige und unendliche Augenblick, den das Aufkommen einer neuen, von allen bisherigen verschiedenen Ära herbeiführt und der den geschichtlichen Prozeß abschließt und krönt. Die Vorstellung vom goldenen Zeitalter, die Vorstellung von Paradies schlechthin erfaßt gleichermaßen Glaubende und Ungläubige.“

E. M. Cioran; Über das reaktionäre Denken

Für den Reaktionär ist das goldene Zeitalter der Menschheit Vergangenheit, für den Revolutionär ist es die Zukunft.

Kein Physiker vermag, dies sei hier nebenbei angemerkt, die Natur der ‚Zeit‘ zu erklären. Möglich, sie ist lediglich eine kulturelle, aber keine physikalische Konstante.

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