Wellington und die „historische Wahrheit“

Kurz nach der Schlacht von Waterloo hat deren Sieger versucht, dem schottischen Schriftsteller Sir Walter Scott die Absicht auszureden, eine authentische Darstellung des damaligen Geschehens zu liefern. Selbst auf jene Schlachtbeschreibungen, die als die besten erachtet würden, sei kein Verlass, schrieb der Herzog von Wellington dem erfolgreichen Romancier im August 1815. Er warnte Scott, dass es nicht möglich wäre, zu sagen, wann oder in welcher Reihenfolge sich wichtige Begebenheiten ereignet haben. Waterloo lag noch keine zwei Monate zurück, als Wellington Scott riet, lieber die Finger davon zu lassen.

Dass man aus der Geschichte lernen müsse, ist besonders im deutschen Sprachraum zur Floskel geworden, die bei jeder passenden, wie unpassenden Gelegenheit dahergeplappert wird. Insbesondere immer dann, wenn die Meinung eines Protagonisten von der Meinung des Zeitgeistes abweicht und dieser historische Fakten in einen anderen Kontext interpretiert als gemeinhin üblich.

Historiker haben im Allgemeinen, und in Deutschland im Besonderen, ihre diversen Schwierigkeiten mit Zeitzeugen, weil diese, aus erlebter Geschichte heraus, schon öfters ihren Konklusionen widersprochen haben. Immer wes es wieder geschieht, berufen sich diese Herrschaften dann auf das, was offenbar schon dem alten Herzog von Wellington geläufig war: Die Unzulänglichkeit der Erinnerung. So, als ob in den Akten, Dokumenten, Briefen und anderen Schriftstücken die reine Wahrheit und nichts als die reine Wahrheit stünde. Jeder Unternehmer lügt das Finanzamt an und das Finanzamt lügt unverfroren zurück. In keiner einzigen Akte unsere Zeit steht die Wahrheit, sondern nur die Interpretation eines Menschen auf die aktuellen Fakten. Die Konstantinische Schenkung war eine beurkundete Lüge, auf die Historiker lange Zeit hereingefallen sind. Warum sollte es ausgerechnet bei den heute Lebenden anders sein? Dass sich kommende „Geschichtsforscher“ ein irgendwie wahrheitsgemäßes Bild von unserer heutigen Gesellschaft verschaffen könnten, ist nichts weiter als ein dummer Aberglaube.

Wenn sich historische Wahrheiten nicht aus der Erinnerung ableiten lassen, dann gibt es sie schlicht nicht und wenn es keine historischen Wahrheiten gibt, dann können wir aus der Geschichte auch nicht den klitzekleinsten Erkenntnisgewinn für die Gegenwart ziehen.

Noch ein Einwand: Dass Geplapper von den historischen Lehren unterstellt der Geschichte eine zwingende Historizität, weil sie, Naturgesetzen gleich abliefe und die Gegenwart quasi die Quintessenz der Vergangenheit ist. Der endlich gefundene „Stein des Weisen“, mit Hülfe derer sich die herrschenden Verhältnisse quasi naturgesetzlich heiligen lassen und so den gerade Herrschenden jene Legitimation verschafft, derer sie nach dem Sturz Gottes als Behuf verlustig gingen. In genau diesem Punkt liegt der Wert jeglicher Historie überhaupt: In der Rechtfertigung der gegenwärtigen Lebensweise, welcher der Behuf auf göttliche Gesetze abhanden gekommen ist und die gar die direkte Umkehrung derselben für sich in Anspruch nimmt. Hitler ist heute nicht deshalb die Inkarnation des Bösen, weil er an sich schlecht war, sondern weil er die Auseinandersetzung um die Vorherrschaft divergierender Paradigmen am 8. Mai 1945 mit der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation in Karlshorst krachend verloren hat. Ohne Hitler ginge der EU jene Legitimität verloren, die sie aus den europäischen Kriegen und ihren angeblichen „historischen Lehren“ zu ziehen vermeint. Die Ironie dabei: Der Gründungsmythos der Europäischen Union ruht auf den Schultern des modernen Beelzelbubs, mithin auf den Behuf auf das Böse an sich.

„Historische Wahrheiten“, die es nicht gibt, produzieren einfache „Weltbilder“ für intellektuell Minderbemittelte, die denen deshalb von Wert erscheinen, weil sie zu einer eigenen Urteilskraft unfähig, sich über das nachplappern früh erlernter Floskeln, der Wohlgefälligkeit der Herrschenden, mithin der geschichtlichen Sieger, versichern können. Abweichler werden deshalb mit ganzer Härte bekämpft, weil sie über die Infragestellung angeblicher „historischer Erfahrungen“ an der Legitimität der gegenwärtigen Herrschaft kratzen. Wäre man in der Lage, die jüngere Geschichte mit dem kalten Blick eines nüchternen Analysten, fernab jener emotionalen Dämonisierung, die heute den Disput bestimmt, zu interpretieren, bliebe von den ideologischen Fundamenten des neuen europäischen Vielvölker-Imperiums, wie der „Neuen Weltordnung“ überhaupt, nicht allzu viel übrig.

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